
"Ist dieses Glas nun halb leer oder halb voll?" So lautet Ihre Frage, während Sie mir ein Glas unter die Nase halten, ein Glas, in dem sich nichts befindet, außer einem weißlichem Rand in der Mitte des Glases, der anzeigt, dass sich hier einmal Wasser befunden hat, und dass seitdem dieses Glas nicht gespült worden ist.
Ich weiß nicht, was mich dazu bewegt hatte, zu Ihnen zu kommen, ich dachte, ich müsse mein Leben ändern, ich dürfe mehr weiterhin so versinken in melancholische Stimmungen und vor allem nicht mehr in die ewige Lethargie, mit der ich meine Tage verbringe. Ja, ich dachte, ich solle mein Leben positiver gestalten, solle ein wenig optimistischer in die Zukunft sehen, doch nun...? Nun sitze ich hier, vor Ihnen, ich habe eine Plastiktüte voller Banknoten mitgebracht, die Sie mir sogleich aus der Hand gerissen haben und im Nebenzimmer verstauten. Dann nahmen Sie dieses Glas aus dem Schrank, Sie entschuldigten sich dafür, dass Sie es nicht mit Wasser füllen konnten, da der Wasserhahn kaputt sei, aber ich glaube Ihnen nicht, denn ich benutze dieselbe Ausrede, wenn mir die Stadtwerke wegen meiner unbezahlten Rechnungen Wasser und Strom abstellen. Nun halten Sie mir das leere Glas vor die Nase, bitten mich, mir vorzustellen, es sei bis zur Hälfte gefüllt und Sie stellen mir die Frage, ob es nun halb voll oder halb leer sei. Ich gebe keinerlei Antwort, denn schon bereue ich, überhaupt zu Ihnen gekommen zu sein, ich schaue aus dem Fenster, wo gerade ein glatzköpfiger Mann im Unterhemd auf dem Balkon steht, und den Inhalt seines Mülleimers in die Tiefe kippt. Ihre Stimme holt mich aus meiner Versunkenheit. Ich schrecke auf, zucke zusammen. Mein Blick fällt auf die Fototapete, eine aufgeblasene Bergwand im Abendrot. Auf Ihrem Schreibtisch ein Foto Ihrer Frau, ihrer Kinder, mitsamt einem Köter vor dem idyllischen Schwarzwaldhaus. Sie schalten leise Musik ein, irgendwelches säuselndes Zeug, das klingt wie drei Hunde, die in eine Konservendose pinkeln. Nun gut, Sie wollen ja wissen, weswegen ich zu Ihnen gekommen bin, und auf dem Weg hierher glaubte ich noch, es zu wissen, aber jetzt, wo ich hier, bei Ihnen bin, da habe ich nur noch einen Wunsch, wieder hinauszukommen, unverzüglich wegzulaufen, mit den Türen knallen. Doch ich will nicht unhöflich sein, ich bemühe mich, Antwort zu geben. Doch mitten im Satz breche ich ab, die Sinnlosigkeit meines Unterfangens einsehend, auch sehe ich Ihr desinteressiertes Gesicht, ich sehe, wie Sie nach der Uhr schielen, kaum bin ich gekommen, schielt er schon nach der Uhr, ich stocke, ich beginne von vorn, breche wieder ab. Nun, ich bin da. Um den vereinbarten Termin einzuhalten, da musste ich mit dem Taxi herfahren, zwanzig Minuten lang saß ich neben dem Fahrer, der mit einer Hand lenkte, und mit der anderen, der rechten, in der Nase bohrte, Kügelchen drehte, zwanzig Minuten lang hatte ich seinen Nasenpopel vor Augen, hatte ich mich geekelt, als ich zusehen musste, wie er sein Kügelchen zwischen den Fingern drehte, bis er endlich in Ihre Straße einbog, und, als wir vor Ihrem Hause hielten, seinen Popel in den Mund steckte. Eigentlich hätte ich ja irgendwo aussteigen sollen, unterwegs, doch war ich zu perplex, um reagieren zu können. Als ich zahlte, habe ich mir noch die fünf Cent Wechselgeld herausgeben lassen, und ihn ein Schwein, eine verdammte Drecksau genannt, so geladen war ich. Und jetzt sitze ich hier bei Ihnen, und ich weiß es schon, ich wusste es schon in der ersten Sekunde, dass ich umsonst gekommen war, völlig umsonst, erst diesen Taxifahrer mit seinem unangenehmen Geruch und seinem Nasenpopel habe ertragen müssen, und jetzt Sie, Sie mit Ihrem Glas und mit diesen Sprüchen, die ich doch alle schon längst kenne, diese sogenannten Weisheiten, die mich überhaupt nicht interessieren, ich hätte auf dem Absatz umdrehen sollen, als Sie mir die Tür öffneten. Ich sah es Ihnen an, dass Sie ein Betrüger sind, ein Scharlatan, man muss ja nur auf Ihre Schuhe sehen. Wer weiße Schuhe trägt, der kann kein ehrlicher Mensch sein, niemals!
Doch Sie geben nicht auf, Sie sind professionell, Sie sind Misstrauen gewohnt, Sie bemühen immer wieder und wieder dieses unsäglich abgedroschene Sprichwort von diesem Glas, welches vielleicht halbvoll, vielleicht auch halbleer ist, sehr wohl wissend, dass es vollkommen leer ist, dass sich nicht ein einziger Tropfen darin befindet, der Boden dieses Glases ist mit Staub bedeckt, denn es wurde seit Jahrzehnten nicht mehr gespült, dieses Glas, und außerdem, was geht es mich an, dieses gottverdammte Drecksglas, doch wenn uns schon mal jemand kommt mit diesem abgestandenen Vergleich, ja, dann verziehen wir den Mund zu einem süßlichen Lächeln und sagen, gehorsamst, denn wir wissen, was man von uns erwartet: "Ja, es ist halbvoll, ja, natürlich ist es halbvoll, es ist gut, es ist nur zu gut, dass es halbvoll ist, man kann es nicht oft genug sagen, ein Glas ist niemals halb leer, es immer halb voll, denn es ist unsere Denkweise, diese negative, die uns das Leben vergällt, man muss sich das ja einmal bewusst machen, es ist gut, es ist sehr gut sogar, dass wir jetzt so offen und ehrlich darüber geredet haben.
Verdammt noch mal, dieses Glas ist leer, es ist vollkommen leer, und Sie, Sie wissen es, Sie wissen es genau, Sie wissen es ganz genau, doch natürlich haben Sie nicht die Courage, zu den Tatsachen zu stehen, Sie projizieren da einen Inhalt in ein Glas, das leer ist, immer nur leer, so leer wie jetzt mein Portemonnaie oder wie Ihr Kopf, und Sie fühlen sich auch noch gut dabei. Sie mit Ihrem abgrundtief verlogenen süßsauren Lächeln! "Doch, doch, das Glas ist halbvoll. Ich weiß es genau", sagen Sie, und während Sie gedankenverloren einer Stubenfliege die Beine ausreißen, eines nach dem anderen, da sagen Sie, "ja, es ist doch schön, es ist doch wunderschön, dieses Leben, finden Sie nicht auch, man muss ja nur offen sein, dann wird man in jeder Sekunde reich beschenkt."
Mensch, trinken Sie Ihr leeres Glas aus und lassen Sie mich in Frieden!
Doch eines sage ich Ihnen, lieber habe ich die unvernünftigeste Wut, den rasendsten Zorn, den schäumendsten Ärger, als diese rosa Brille, die Sie mir andrehen wollen, diese Konfitüre überall, dieses wachsweiche Hinnehmen der Dinge. Wenn ein Glas leer ist, dann ist es leer. Und Sie können so viel positiv denken, wie Sie wollen, das macht es auch nicht wieder voll. Aber Sie, Sie halten jetzt den Kopf schief, Sie lächeln mal wieder, ja, es ist doch alles nicht so schlimm, man muss das doch so und so sehen, und auch, wenn es überall finster ist, dann kommt doch irgendwoher ein Lichtlein daher und alle diese Phrasen, dieses unerträgliche Zeug, und unversehens schreie ich los, brülle Sie an, gehen Sie mir doch weg mit Ihrem Licht, lassen Sie mich in Ruhe, und Sie, wieder mal betont einfühlsam, Sie lächeln, ja, ihr tiefgefrorenes Dauerlächeln, es wird noch die gottverdammte Welt erlösen, und schon fast bin ich versucht, Ihnen zu glauben, aber da geht mir durch den Kopf, wen Sie nicht alles schon über den Tisch gezogen haben, wie viele Leute dank Ihnen nun im Elend vegetieren, wen Sie schon alles ruiniert haben mit Ihrer Scharlatanerie und mit Ihren Sprüchen.
Sehr geehrter Herr Positiv, ich gehe Ihnen nicht auf den Leim, machen Sie sich da gar keine Hoffnungen.
Ja, dieses Lächeln, das Sie jetzt aufsetzen, dieses immerwährende Lächeln, so feist, so fett und so satt. Und wieder diese betont einfühlsame, diese einlullend monotone Stimme, und wieder und wieder dieselben Banalitäten. Sie gehen zum Schrank, Sie holen ein Glas heraus, schon wieder ein Glas, und wieder, wieder lächeln Sie und nochmals die Frage, ist das Glas nun halbvoll oder halbleer? Wiederholen Sie sich immer?
"Ist das Leben nicht eine immerwährende Wiederholung des Ewiggleichen?", so könnten auch Sie fragen. Repetieren wir nicht wieder und wieder den selben Schwachsinn? "Beruhigen Sie sich, Sie wissen doch gar nicht, welche Wunder das Universum für Sie bereithält. Das Universum nämlich, Universum, das bedeutet Einheit, denn sonst würde es ja Multiversum heißen, das Universum, es wartet nur auf Sie, Sie müssen sich nur öffnen, Sie müssen sich hingeben, und dann sehen Sie, nehmen Sie zum Beispiel dieses Glas, ist es nun halbv..."
In diesem Moment reißt mir der Geduldsfaden. "Leer!", so brülle ich, "ganz leer, so leer ist es wie Ihre Birne, und wenn ich jetzt dieses Buch da nehme und es Ihnen auf den Kopf donnere, dann ist es nicht das Buch, was da so hohl klingt." Wieder Ihr gequältes Grinsen. Es entgleitet, es wird mehr und mehr zur Grimasse. Aber Sie geben ja nicht auf. Wieder diese professionell honigsüße Stimme. Ekel packt mich. Wieder das Glas. Wieder der abgedroschene Spruch von dem Lichtlein, das erscheint, wenn man glaubt, es ginge nicht mehr. Wie oft schon ging es nicht mehr und wie oft ist kein Lichtlein erschienen, es blieb so dunkel, wie es immer war. "Setzen Sie sich", sagen Sie, "trinken Sie doch eine Tasse Tee mit mir, es gibt Kartoffeltee, das ist gesund", sagen Sie, und Sie ziehen einen zerknitterten Teebeutel aus der Westentasche. "Den habe ich von meinem Urgroßvater geerbt, nehmen Sie, trinken Sie, das ist gesund, und es kommt von Herzen", sagen Sie mit Stolz. Dann entschuldigen Sie sich, ach ja, Sie haben kein Wasser, das sei Ihnen entfallen, aber man muss ja auch das Positive in einer solchen Situation wahrnehmen, auf diese Weise hält der Teebeutel länger, als wenn er mit Wasser in Verbindung kommt: "Wissen Sie, ich bin Schwabe, und wir Schwaben sind immer glücklich, wenn wir etwas sparen können." Ich ziehe eine tote Maus aus meiner Tasche, packe sie am Schwanz, und hänge sie gleich einem Teebeutel in die Tasse. "Nehmen Sie", sage ich, "nehmen auch Sie einen Tee, die Maus ist noch ganz frisch. Wir Pfälzer, wie sind großzügig, wir sind glücklich, geben zu können, wir sind nicht so ein geiziges Pack wie diese knickerigen Schwaben.“
Der große Motivator nimmt diese Bemerkung, die eigentlich für ihn eine schwere Beleidigung hätte sein müssen, mit professioneller Gelassenheit.
"Sie müssen über den Dingen stehen, Sie müssen dies alles völlig losgelöst betrachten, alles in der Welt ist Harmonie, nichts kann Sie stören, und außerdem, das Leben ist schön, das kann ich Ihnen versichern, das Leben ist schön, glauben Sie mir…"
So werden Sie mir zusetzen, Sie kommen mir mit Ihrem Zweckoptimismus, wieder und wieder, und während ich Sie, werter Herr Positivist, mehr und mehr verachte, Ihnen offen meinen Ekel ins Gesicht schreien will, Sie anbrüllen, losschreien, bis mir die Stimmbänder versagen, meinen Ekel vor Ihrer Rechtschaffenheit, vor Ihrer Sattheit, vor Ihrer Heiterkeit, da bin ich dabei, die Besinnung zu verlieren vor lauter Wut über Sie, der Sie doch über allen Dingen stehen, den nichts mehr umhauen kann. Ginge jetzt die Welt unter, Sie würden es mit einem Lächeln quittieren, so gefestigt sind Sie. Sie haben nun mal den inneren Frieden, der dieser Welt fehlt, den nichts und niemand erschüttern kann, alle Übel, alle Schrecknisse prallen einfach ab. Und wenn in diesem Moment eine Seuche ausbräche und wenn diese den dritten Teil der Menschheit vernichten würde, auch das würde Sie nicht die Fassung verlieren lassen. Und ein Weltkrieg schon mal gar nicht, Gelassenheit bei solchen Lappalien gehört ja zu Ihrer Grundausstattung. Aber wenn Sie auf der Straße ein Geldstück verlören, kein großes silbernes, ein kleines kupfernes nur, oder eines aus Messing, ja, das brächte Sie in Rage, das würde Ihnen den Boden unter den Füßen wegziehn… Oder wenn Ihnen jemand den Stern von Ihrem Wagen abreiße, gar nicht auszudenken, wie Sie dann reagieren würden…
Nun entgleitet Ihr Gesicht, einen Augenblick sehen Sie aus, als wollten Sie das Glas, das halbvolle, das in Wirklichkeit leere, das staubtrockene, an der Wand zerschmettern. Doch dann fangen Sie sich schon wieder, ich bewundere Ihre Selbstdisziplin, Ihr Gesicht nimmt wieder diesen besorgt mitleidigen Ausdruck an, Ihre Stimme wird wieder süß, honigsüß, Sie stehen auf, Sie holen ein Glas aus dem Schrank, ein völlig verdrecktes, eines, das bis zur Hälfte mit Staub gefüllt ist. "Dieses Glas", sagen Sie, und eine Träne quillt aus Ihrem Auge, "dieses Glas habe ich vor Jahrzehnten von meinem Mentor bekommen, er hat mich gelehrt, dass nicht die Dinge an sich schlecht seien, sondern unsere Art, sie zu sehen. Nun, ist dieses Glas jetzt halbvoll oder..." "Staub!" brülle ich, "es ist nur Staub drin, nichts als Staub und Milben, Dreck und Spinnen! Eine Sauerei ist das, eine elende Sauerei!"
Sie nehmen das Glas, das halbvoll, halbleer ist, setzen es an Ihre Lippen und trinken es aus, in einem Zug. Mir graust es. Ich nehme meinen Mantel, und stürze hinaus. Sie rufen hinter mir her: "War das Glas jetzt halb voll oder war es halb leer", während ich die Treppen hinunterstürze. Unten angekommen, da rufe ich zurück: "Sie Idiot, Sie, Sie sind ein Halbvollidiot!"
Von oben schallt es zurück: "Sie sind verloren, Sie sind verloren!"