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Die Vernunft am Gängelband der Emotionen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Storybild
Aufklärung bedeutet, laut Kant, sich des eigenen Verstandes ohne Leitung eines Anderen zu bedienen und damit seine selbstverschuldete Unmündigkeit zu verlassen. Die menschliche Vernunft als Maßstab eines jeden Handelns, lediglich das, was verstandesmäßig erfasst, logisch erklärt und empirisch bewiesen werden kann, das kann als Grundlage der Entscheidungen und Handlungen akzeptiert werden, alleine der Verstand sei in der Lage, die Wahrheit ans Licht zu bringen und Vernunft und Freiheit seien die Mittel, um die Menschen aus Armut und Unterdrückung zu lösen.
Doch gibt es keinerlei Gebrauchsanweisung zum Gebrauch der Vernunft, auch die Entscheidung, was ist Vernunft und was nicht, die bleibt zumeist der subjektiven Willkür überlassen. Dazu kommt, dass Autoritäten in den allerseltensten Fällen Interesse daran haben, dass die Unmündigkeit hinter sich gelassen wird. Zumeist herrschen sie lieber über Ameisen als über den sogenannten „mündigen Bürger“. Und in der Praxis stellte sich viele Male heraus, dass der Rausch um einiges attraktiver sein kann als die Vernunft. Oder, wie Nietzsche es formulierte: „Man will Blindheit und Gesang über den Wellen, in denen die Vernunft ertrunken ist“. Es stellt sich also die Gretchenfrage: „Wie hält man es mit der Vernunft?“
Von Goethe stammt die Bemerkung, dass niemand tiefer versklavt sei, als derjenige, der sich irrtümlich für frei hält. Möglicherweise kann man analog dazu anmerken, dass niemand tiefer der Irrationalität verfallen ist als derjenige, der meint, er sei vernunftgeleitet, ohne es tatsächlich zu sein.

Was ist Vernunft eigentlich? Auf den Punkt gebracht bedeutet sie die Fähigkeit zu denken und logische Schlüsse zu ziehen. Nach Kant sollte dies ohne Leitung eines Anderen, also ohne die Vorgaben irgendwelcher Autoritäten, stattfinden. Es bedeutet das Selbsteigentum am eigenen Kopf, damit auch die Verfügungsgewalt über das eigene Dasein. Mein Kopf gehört mir!
Doch gibt es nicht nur die autoritäre Vorgabe dessen, was man zu denken hat und was nicht, es gibt auch die Manipulation und die Infiltration des Denkens, die Kunst, das Denken Anderer zu kapern, man nennt es Propaganda. Einer hunderttausendmal eingetrichterten, noch so plumpen Lüge wird mehr geglaubt als einer einmal geäußerten Wahrheit, jede noch so große Absurdität kann als Normalität empfunden werden, wenn sie nur oft genug wiederholt und nicht hinterfragt wird.
Man verliert lieber den Verstand, als dass man ihn gebraucht, jeder Verführer weiß das, er muss lediglich den den Menschen innewohnenden Hang zu Illusion und Selbstbetrug bedienen. Phantasien der Omnipotenz, der Macht und Bedeutung sind wesentlich attraktiver als die tatsächliche Bedeutungslosigkeit als Rädchen im Getriebe. Doch wie lebt es sich ohne illusionäre Phantasien, ohne Überschwang, ohne Rausch, ohne Kitsch, ohne die kleinen Dinge, die einem oftmals den Alltagstrott überhaupt erträglich machen? Bedeutet Vernunft nicht auch, jeden Elan, jeden Antrieb, zu verlieren? Bedeutet der Verlust der Illusionen nicht auch Verlust der Lebenskraft?

Was bedeuten würde, dass das Ziel der Aufklärung, ein Zusammenleben nach den Regeln der Vernunft, gescheitert sein könnte. Zumindest kann man sich die Frage stellen, ob die Aufklärung in der Lage ist, die Grundlagen zu erhalten, auf denen sie ruht. Oder ob sie im Extremfall eine Art Autoimmunkrankheit darstellen kann, da sie in langen Jahrhunderten gewachsene Strukturen auflöst und Gesellschaften nach den Regeln vermeintlicher Vernunft zu reorganisieren versucht.
Utopische Gesellschaftsentwürfe, die rationaler und vernünftiger sein sollen als das Fortführen oftmals unverstandener und unverständlicher Traditionen und als dieses ungeordnete Nebeneinander von Eigeninteressen, derer gibt es unzählige. Es beginnt mit Plato, geht weiter mit „Utopia“ und dem „Sonnenstaat“ von Campanella, sie gipfeln in den Theoriegebäuden von Marx und Engels. Auch die Praxis ist nicht arm an Beispielen, die zentrale Planung an Stelle egoistischen Handelns zu setzen, schon bei den Inkas in Lateinamerika, die Jesuiten in Paraquai, dem Sozialismus im 20. Jahrhundert, wie auch bei dem jetzigen Versuch, Umweltkrisen dazu auszunutzen, um eine Planwirtschaft unter der Ägide des Klimaschutzes durchzusetzen. Wobei die bisherigen Erfahrungen erwiesen, dass Fehlplanungen der Normalfall und Ressourcenverschwendung die Folge war, dass sich die vermeintliche Vernunft im Ergebnis als ziemlich unvernünftig, als lähmend und als Verschwendung materieller wie auch mentaler Ressourcen herausstellte. Was als Vernunft zu gelten hat, das wird von einer Beamtenkaste definiert und dem Individuum wird folgerichtig das Recht abgesprochen werden, sich für das eigene Dasein zu interessieren. Vernunft als das Akzeptieren eines Daseins als Ameise, die Selbstaufgabe und der Kadavergehorsam für einen vermeintlich höheren Zweck. Die Kehrseite der von außen definierten Vernunft ist die Lust an der Sabotage und eine Schwarzfahrermentalität, an der jede zentrale Planung über kurz oder lang zugrunde gehen muss.
Doch kann eine solche zentrale Planung überhaupt vernünftig sein, oder beruht sie nicht auf der Anmaßung vermeintlichen Wissens? Wer weiß denn schon, was gut und richtig für Andere ist, welche geheimen Wünsche sie hegen, welche Bedürfnisse sie haben, wer durchschaut schon die unendlich scheinenden Kausalitätsketten? Gibt es eine objektiv neutrale Position, von der aus sich Sachverhalte emotionsfrei beurteilen lassen, oder bewegt sich nicht jedes Sein in irgendwelchen Wahrnehmungsblasen? Was die Frage aufwirft, inwieweit ist Vernunft überhaupt möglich, da oftmals kaum zu unterscheiden ist, was ist überprüfbares Wissen und was sind Glaubenssätze, die einfach so übernommen worden sind?

Bei der Auswahl dessen, was wir als Tatsachen akzeptieren und was nicht, gehen wir weniger nach Fakten vor als nach Sympathie und Antipathie, lassen uns von den persönlichen Vorlieben leiten. Zuallererst wollen wir schlicht und einfach unsere Ruhe haben, nicht gestört werden, wollen konfliktfrei durchs Leben gehen. Mit welchen Assoziationen sind Begriffe verbunden, welche Personen verkörpern welche Gedankengebäude? Wer könnte als Vorbild fungieren, wer gab ein abstoßendes Beispiel? Die Filter, durch die die Welt betrachtet wird, die sind durch die persönliche Sozialisationsgeschichte und durch den jeweiligen Zeitgeist bedingt. Womit gewinne ich Reputation in meiner Umgebung, womit disqualifiziere ich mich?
Weniger ausschlaggebend als die intellektuelle Redlichkeit bei der Beantwortung von weltanschaulichen Fragen ist das Gefühl der Zugehörigkeit, der Nestwärme in einer Gemeinschaft. Man erkauft sich mit der Übernahme eines Weltbildes die Zugehörigkeit, das Lebensgefühl. Man spielt die Rolle als Konformist, als Rebell, die Einen fühlen sich an der Universität wohler, die Anderen am Stammtisch. Man vertritt eine Meinung, die eigentlich eine „Deinung“ ist, denn sie ist in erster Linie die Anpassungsleistung an das jeweilige Milieu.

Es sprach der König zum Priester: „Halt du sie dumm, ich halt sie arm“, ein oftmals zitierter Spruch, auch wenn in unserer Hemisphäre die Religion als Quelle der Manipulation in den Hintergrund getreten ist, wir haben genügend Ersatzreligionen, die dieses Geschäft erledigen. Aus der Perspektive einer autoritären Herrschaft war und ist es durchaus vernünftig im Sinne des Machterhaltes, ein solches Instrument zur Steuerung der Menschenmassen zu besitzen. Und selbst wenn die Religion in unserem Teil der Welt derzeit keine dominierende Rolle mehr spielt, so gibt es doch reichlich Religionssurrogate, die den gleichen Zweck erfüllen, wir haben Personenkulte in politischen Bewegungen, den großen Führer, den Erlöser, den großen Aufräumer, wir laufen irgendwelchen Prominenten nach, die als Projektionsflächen für quasireligiöse Bedürfnisse dienen.
Selbst in unseren vorgeblich aufgeklärten Zeiten leben wir in Blasen, die von Mythenmachern generiert werden. Doch die Kaperung der Gehirnzellen als Methode der Machtgewinnung und Machterhaltung und die Bequemlichkeit des Nichtdenkens bleibt die Gleiche. Die heutigen Mythen werden andere sein, als diejenigen, die vergangene Zeiten bestimmten. Der Weg zum Wissen, zur Erkenntnis ist hart und steinig, der Weg zum Glaubenseifer ist leicht und bequem.

„Was ist die Mehrheit, Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist bei Wen‘gen nur zu finden“, so Friedrich Schiller. Im Kollektiv, in der Masse, so Gustave Le Bon in „Psychologie der Massen“, sei der Mensch ein Herdentier, das mit Leichtigkeit aufzustacheln und zu dirigieren ist. „Bisher wurden Zivilisationen stets nur von einer kleinen intellektuellen Aristokratie geschaffen und geleitet, niemals von den Massen. Die Massen haben nur die Kraft zur Zerstörung. Ihre Herrschaft bedeutet stets eine Stufe der Auflösung.“

Ein hartes Wort, welches unseren gegenwärtigen Glaubenssätzen widerspricht. Doch sind unbequeme und ärgerliche Aussagen nicht unbedingt falsch, manchmal ist es sinnvoll, den advocatus diaboli zu spielen: Le Bon beschreibt in seinem Buch die Emotionalisierung von Sachfragen und die Steigerung der Emotionen in der Gruppe, genauer gesagt, in der Menge. Die gegenseitige Radikalisierung von Individuen innerhalb ideologischer Echokammern und das kollektive Abdriften ins Irrationale. Der den Emotionen innewohnende Hang zur Übertreibung bewirkt über kurz oder lang einen Umschlag in die andere Richtung, das Pendeln zwischen Extremen, der Ausgleich, den der Gebrauch der Vernunft schaffen könnte, der wird durch die hochgeputschte Emotion außer Kraft gesetzt.
Wer die Massen für sich gewinnen will, der muss sich auf deren Niveau begeben, der wird das Spiel der Massenmanipulation spielen müssen. Er wird das Bedürfnis nach Illusionen bedienen müssen, die narzisstische Seite des Menschen ansprechen und verstärken, wenn er Erfolg haben will.

Die Parole sticht den Sachverstand aus. Parolen sind geistige Massenvernichtungswaffen, sie vernebeln den Geist, sie schalten das Denken aus, sie verhindern jede sinnvolle Auseinandersetzung um die besseren Ideen. Allerdings sind Parolen wohl unerlässlich in der Welt der Massendemokratie, denn nicht die kluge, fachkompetente Argumentation bestimmt die Mehrheiten, sondern die Manipulation einer unwissenden Öffentlichkeit mittels Emotionen. In dieser Welt gelten keineswegs die Regeln der Vernunft, sondern die der Werbeindustrie. Also haben wir den Wettlauf um die dümmsten Sprüche, um die emotionale Vereinnahmung, um das „Wir“ Gefühl, das macht die kollektive Selbstbestimmung namens Demokratie zu einer Art Würfelspiel. Wieder und wieder stellt sich heraus, dass man die Katze im Sack gekauft hat, dass man irgendwelchen Verführern und Blendern auf den Leim gegangen ist. Allerdings kann man, wenn der Schwindel allzu offensichtlich geworden ist, Machthaber durch Abwahl wieder loswerden, was die Demokratie zum wahrscheinlich kleineren Übel gegenüber den alternativen Staatssystemen macht. Auch die raffinierteste Werbekampagne scheitert irgendwann, wenn das Produkt nichts taugt.

Demokratie ist der Wettstreit der Ideen. Sie stellt einen hohen Anspruch an das Individuum, Ideengebäude analysieren zu können, sich mit Theorien auseinanderzusetzen, aus der Unmündigkeit herauszutreten. Allerdings hat kaum ein Wähler sich mit dem Programm der von ihm bevorzugten Partei auseinandergesetzt, die dahinter stehenden soziologischen und ökonomischen Theorien hinterfragt, sich die Zusammenhänge, die Verwicklungen und die möglichen Verwerfungen klargemacht, er müsste sich ansonsten Tag und Nacht mit diesen Fragen beschäftigen. Im Grunde genommen ist es ein Ding der Unmöglichkeit, kollektive Entscheidungen zu treffen, man sucht sich unter den zur Auswahl stehenden Leitbullen den etwas weniger unsympathischen aus, und vertraut darauf, dass dieser auch das Richtige tun wird.

Persönliche Freiheit beinhaltet das Risiko, dass sich die eigene Entscheidung als die Falsche herausstellt, was mitunter mit erheblichen negativen Folgen einhergeht. Wenn mir niemand sagt, wo es langgeht, dann muss ich selbst navigieren. Da dies unbequem und riskant ist, haben kollektivistische Ideologien eine gewisse Attraktivität, da sie das gefühlte Risiko senken. Die Gemeinschaft ersetzt die persönliche Orientierung, und gerne wird übersehen, dass Gemeinschaften oftmals nicht weniger orientierungslos sind als Individuen. In kollektivistischen Gemeinschaften nimmt sich die Gemeinschaft, bzw. deren Anführer, das Recht heraus, ihre Mitglieder zur Konformität zu zwingen, was diesen die Last der Eigenverantwortung abnimmt und deshalb hingenommen wird, eine solche Konformität wird fälschlicherweise als „Vernunft“ deklariert. Doch ist eine solche gefühlte „Vernunft“ nichts weiter als die Unvernunft Anderer.

Frei nach Roland Baader: „Das Ungeheuer Leviathan wartet nur darauf, gerufen zu werden.“ Ob der Leviathan, also die Staatsmacht, die geeignete Adresse ist zur Bewältigung der existenziellen Fragen, das ist eine andere Frage, die Erfahrung mit den Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts stimmt nachdenklich, ob der Weg in die rote, braune oder grüne Knechtschaft vernünftig ist, das bleibt dahingestellt, nicht jedem schmeckt die Tyrannei des Mittelmaßes. Die Macht des Stiefels wird mit allerlei Euphemismen schöngeredet, doch werden die mit der Macht verbundenen Begriffe mit positiven Emotionen verbunden, weswegen trotz katastrophaler Bilanz im realen Leben der Sozialismus immer noch als eine gute Idee gilt.
Der Liberalismus verlangt von dem Individuum mehr, als dieses in der Lage ist, zu leisten. Denn der Mensch heftet sich zwar gerne das Etikett der Vernunft an, doch ist Vernunft Schwerarbeit und gegenüber dem Rausch der Emotion unattraktiv. In der Illusion zu verbleiben, im Wunschdenken, an irgendwelchen Rockzipfeln zu hängen, die Navigation des Lebensschiffes irgendwohin zu delegieren, das ist bequemer, und allzu oft merkt man erst hinterher, wie sehr man sich verkauft hat.

Also gibt man sich damit zufrieden, dass es irgendwie nach Vernunft aussieht, auch wenn es noch so unvernünftig ist, man zieht in irgendwelche unterkühlt aussehenden Bauhauskisten ein, bei dessen Flachdächern es hineinregnet, man züchtet in der Wärmedämmung nach allen Regeln der Vernunft Schimmelpilze und fährt ein Elektroauto, weil ein solches als das vernünftigste aller Autos bezeichnet wird. Mit diesem fährt man durch eine Landschaft, deren Horizonte mit Propellern verziert sind, weil auch diese als „vernünftig“ gelten, Unbelehrbare diese hingegen als Sakralbauten einer neuen Religion sehen, und man nimmt klaglos die Hässlichkeit der Umgebung hin, weil Hässlichkeit nun mal der Gipfel menschlicher Vernunft ist. Und man reiht sich ein in die Flagellantenprozession derer, die es als „unvernünftig“ empfinden, dass man existiert, denn „vernünftig“ ist das Leben nicht, dieses Herumdackeln und Aufbegehren, das sich Reproduzieren und dann doch wieder Scheitern. Vernünftig ist der Mond mit seiner wüstenhaften Leere und Trostlosigkeit, in der es nichts weiter als die Langeweile der ewigen Ruhe gibt. Vernünftig ist die Weite des Alls, in der irgendwelche Steinkugeln bis in alle Ewigkeit ihre berechenbaren Bahnen ziehen. Was lebt, das ist zwangsläufig unvernünftig, man kann zwar die Vernunft anbeten, man kann das Leben auch zeitweilig in die Quaderformen der Hochhausnekropolen eines Corbusier pressen, doch werden irgendwelche unberechenbaren Triebkräfte periodisch solcherlei Formen sprengen. Denn die Emotionen sind zumeist der Koch und die Vernunft ist lediglich der Kellner, manchmal versucht man das Verhältnis umzudrehen und hin und wieder passiert es, dass die Emotion die Vernunft am Nasenring in die Barbarei zieht.
Bei Beiden, bei der Vernunft und der Emotion, handelt es sich um Geschwister, die miteinander verfeindet sind und die doch einander benötigen und die dazu verdammt sind, miteinander zu wirken und einander zu respektieren, mal gelingt es, mal gelingt es nicht, und dann sind die beiden damit beschäftigt, sich die Haare zu raufen und die Scherben wegzukehren. Und dann können sie sich wieder streiten um die Frage, ob solcherlei Scherben Glück bringen werden oder nicht….
 
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