Ist es erstrebenswert, im Paradies zu leben?
Aber ja doch! Wir träumten doch schon immer von einem Schlaraffenland, in dem die gebratenen Tauben einem in den Mund fliegen. Wo die Tortenstücke, Schwarzwälder Kirsch und Buttercreme auf den Bäumen wachsen, und ein Ferkel mit Messer und Gabel im Rücken quiekend auf einen zurennt.
Solange man Mangel hat, solange ergötzt man sich an solchen Phantasien. Sind die Schnitzel, die Würste und die Torten dann im Überfluss vorhanden, so folgt der Freude schnell der Katzenjammer. Wohin mit den Pfunden? Wer übernimmt die Arztrechnung?
Ach ja, wir sind ja im Paradies. Da sind die Vitamine im Kuchen und das halbe Schwein zum Frühstück macht garantiert nicht dick. Es hat bei seiner Schlachtung „Freude schöner Götterfunke" gesungen und uns, nunmehr mit einem dekorativen Holzbein versehen, auf dem Tablett seinen Schinken serviert.
Unsere Vorfahren im Garten Eden durften alles essen, Buttercremetorte, gebratene Schweine, Nachtigallenzungen, Mortadella mit Himbeereis und Ameisennierle, nur die Äpfel waren ihnen verboten. Und was aßen Adam und Eva? Nicht etwa Schlange Süß-Sauer, sondern ganz bescheiden nur einen Apfel, der ihnen allerdings verboten war. Seither sind wir aus diesem Wunderland vertrieben.... und suchen nach Mitteln und Wegen, wieder dorthin zurückzugelangen.
Der religiöse Mensch strebt dahin, die Zeit nach seinem Ableben in einem postmortalen Luxushotel namens Paradies zu verbringen, und auch die säkularisierten Religionen versprechen dem Menschen, ihn von der Last seines Daseins zu befreien und ihm ein irdisches Paradies zu bereiten. Auch die Werbung verspricht uns Paradiese. Deine Kinder werden dich ewig lieben, wenn du sie mit Halodri Goldbären vollstopfst. Du verkörperst den Übermenschen, wenn du den neuen Opel Dikator fährst. Bei dem neuen Smart Phone sind 7 Milliarden Fratzenbuch Freunde im Preis inbegriffen.
Das Paradiesversprechen der Werbung beinhaltet auch eine andere Seite: Dein Leben ist nichts wert, wenn es der heilen Welt der Werbung nicht entspricht. So wie auch jedes andere Paradiesversprechen das real existierende Leben entwertet.
In den Verheißungen des Korans wird der Gläubige mit 72 Jungfrauen beglückt, und mit Strömen von Wein, die er austrinken kann. Doch hat schon der Rockmusiker Mick Jagger, der die Möglichkeit hatte, schon in seinem Erdendasein in einem solchen „Paradies“ zu leben, nicht gesungen: “I can‘t get no satisfaction“?
Ich kann keine Befriedigung finden. Wird es im jenseitigen Paradies besser sein?
Mit steigendem Wohlstand und der Absicherung der materiellen Existenz entsteht ein dem fortwährenden Existenzkampf unterworfenen Menschen vorenthaltenes Phänomen: Die Langeweile. Wie langweilig wird es erst im Paradies sein? Und als welche Hölle wird sich das Paradies entpuppen, wenn der glückselige Zustand ein ewiger sein sollte.
Schnell wird der gläubige Salafist seiner 72 Jungfrauen überdrüssig, und die Ströme von Wein werden seinen Gaumen beleidigen. Dafür hat er sich und die Ungläubigen in die Luft gesprengt? Für ein paar ordinäre Gören und Fusel bis zum Abwinken? Auch Viagra wird ihm nicht helfen, und der Mouton Rothschild für 2000 € die Flasche wird irgendwann nicht mehr schmecken, wenn man ihn täglich fässerweise säuft.
Vom russischen Dichter Anton Tschechow stammt eine amüsante Geschichte über einen jungen Mann, der innerhalb der Interlektuellenszene Moskaus ein behagliches Leben führt und sich unaussprechlich langweilt und mit seiner Langeweile und dem Lebensüberdruss kokettiert. Immer wieder bleibt er auf der Straße stehen und ruft aus: „Mein Gott, wie langweilig, welch schreckliche Langeweile!“ Bis ihn irgendwann jemand anknurrt:
„Wenn es Ihnen zu langweilig ist, dann nehmen Sie doch ein Stück Telegraphendraht und hängen sich auf. Mehr bleibt Ihnen nicht zu tun!“
Doch dies wird der Protagonist Tschechows nicht tun. Mag das Leben auch langweilig sein, der Tod ist es nicht weniger, vor allem, wenn man ins Paradies kommt.
Von Goethe stammt der Ausspruch, es gäbe für den Menschen nichts Schlimmeres als eine Reihe von guten Tagen. Er wird wissen, warum....
Im 19. Jahrhundert entwickelte der Philosoph Philipp Mainländer ein System extremer Weltverneinung. Seiner Auffassung nach sei das Leben nicht lebenswert, alles Sein strebe mit aller Gewalt zum Nichtsein, diese Ansicht belegte er in zwei dicken Bänden mit dem Titel
„Philosophie der Erlösung“. In einem Kapitel des ersten Bandes schrieb er, der Sozialismus müsse dem Menschen zum irdischen Paradies verhelfen, auf dass er in diesem Paradiese erkenne, dass auch das Leben frei von Mühsal, Furcht und Widrigkeiten den Menschen nicht glücklich mache, so dass ihm nur noch die Konsequenz bliebe, das Nichtsein dem Sein, selbst in einem Paradiese vorzuziehen. Man habe nur die Wahl zwischen Plackerei und der Langeweile, und die Langeweile sei das schlimmere Übel von beidem. Deswegen solle, so propagierte er, die Menschheit sich nicht mehr reproduzieren und sich selbst ein Ende bereiten.
Auch wenn Mainländers Philosophie reichlich überzogen sein mag, einen wahren Kern hat sie dennoch. Sie entstand in einer Zeit allgemeiner Fortschrittsgläubigkeit, in der die Vorstellung, durch eine Verbesserung der Lebensumstände dem Menschen zu einem glücklicheren Dasein zu verhelfen, Allgemeingut war. Mainländer konnte die großbürgerliche Gesellschaft der Gründerzeit beobachten und erlebte sicherlich in seinem Umfeld den Überdruss eines abgesicherten Daseins, in dem es keine Herausforderungen mehr gäbe. Mit diesem Überdruss stand er nicht allein. Lange vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges sehnten Bürgersöhne den Weltbrand herbei, da ihnen die Langeweile einer Existenz in der geheizten Bürgerstube unerträglich schien. Gerade in den Intellektuellen- und Künstlerkreisen war die Lust am Untergang, am Morbiden weit verbreitet.
Das Empfinden, alles zu haben, keine Wünsche mehr zu kennen und, da alles eitel Sonnenschein ist, keine Freude mehr zu empfinden, wegen Nichtigkeiten herumzunörgeln und allen auf den Wecker zu fallen. Außenstehende werden dann kopfschütteld über einen sagen: “Wie kann man mit so viel Geld nur so arm sein?“
Das Glück, hinter dem man einst hergelaufen war, das hat sich als Fluch entpuppt, und man quält seine Mitmenschen mit den Launen verwöhnter Milliardäre. Jeder Diktator, jeder Filmstar wird ein Lied davon singen können, wie öde es auf Dauer sein kann, von ekstatischen Massen verehrt zu werden. Doch aus Angst, wieder in das Nichts zurückzufallen, wird er sich an sein ehemals erhofftes Paradies, das nun zur Hölle geworden war, festklammern.
Oder er hat dazugelernt: Ein ehemals berühmter Schlagersänger, der sich in den Zeiten seiner größten Erfolge einen vergoldeten Rolls Royce leisten konnte, der alle Annehmlichkeiten des Berühmtseins in vollsten Zügen genoss, bis ihn irgendwann der Überdruss an dieser Rolle ereilte und er sich auf der Bühne stehend, von Tausenden bejubelt, fragte: “Was mache ich hier eigentlich?“ Jahre später, er hatte seine 20 Millionen, die er durch seine Schlager verdient hatte, längst verpulvert, lebte er für einige Zeit, inzwischen obdachlos geworden, in Kalifornien unter einer Brücke. Aus dieser Lage wieder herausgekommen, erklärte er, die Monate unter der Brücke seien die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen...
Es mag ein Stück Koketterie dabeigewesen sein, wenn er, nun wieder in einer relativ gesicherten Existenz stehend, so etwas behauptet. Glück und Unglück sind letztendlich subjektive Angelegenheiten, die nicht immer mit den äußeren Umständen korrelieren.
Das Glück muss nicht immer dort sein, wo man es vermutet und so mancher erfüllte Wunsch wird sich als verhängnisvolles Unglück herausstellen.
Dies wird mit Sicherheit geschehen, wenn man erwartet, dass ein bestimmtes Ereignis einem dauerhaftes Glück beschert und man sich auf dessen Dauerhaftigkeit verlässt. Das Leben ist immer ein Wechselspiel zwischen glücklichen und unglücklichen Momenten, und die glücklichen Stunden bleiben aus, wenn man allzu sehr versucht, die unglücklichen Momente zu vermeiden.
Wer eine Glückspille einnimmt, der wird sich für eine Weile glücklich fühlen, wer dies andauernd tut, um permanent glücklich zu sein, der wird schnell eine Resistenz gegen diese Art der Medikation entwickeln.
Es gibt kein Glück von Dauer und deshalb gibt es auch kein Paradies, in dem wir uns nach dem Überwinden der Widrigkeiten, des Satans im Christentum, der ausbeuterischen Kapitalistenklasse im Marxismus, auf Dauer befinden können. Die Idee einer „Endlösung“ ist die apokalyptische Matrix, der die meisten metaphysischen wie säkularen Religionen unterworfen sind. Mag ein Messias den Teufel für alle Ewigkeit in die tiefste Hölle verbannen, in Kürze wird ein anderer entstehen und das auf ewig angelegte Glück zerstören. In den weltlichen Religionen sieht es nicht besser aus. Man kann vielleicht die ausbeuterischen Kapitalisten und parasitären Spekulanten mit guten Gründen massenhaft an die Wand stellen, aus den Reihen der Revolutionäre wird eine neue Ausbeuterklasse entstehen, die keinesfalls angenehmer sein wird als die vorherige.
Nichts in dieser Welt ist von Dauer, vor allem nicht das Glück. Und sollte es ein Glück geben, dann liegt das Glück mit Sicherheit nicht im behaglichen Nichtstun, sondern in der beharrlichen Anstrengung. Das Bild von Camus von Sisyphus als einem glücklichen Menschen mag vielleicht eher der Wirklichkeit entsprechen als die Bilder und Erzählungen vom Paradiesgarten.
Dazu ein Witz, den man vor einigen Jahrzehnten in antimarxistischen Kreisen erzählte:
Die Religionslehrerin fragt ihre Klasse, wo ihrer Meinung nach der Garten Eden gelegen hätte. Klein Erna meldet sich und sagt: „In der Sowjetunion!“
Die Lehrerin fragt verwundert, wie sie zu einer solche Antwort komme.
Sagt Klein Erna: „Die hatten nichts zum Anziehen, zum Essen nur einen Apfel, und das mussten sie das Paradies nennen, das kann nur die Sowjetunion sein.“
Schadenfreude den Ländern des Ostens gegenüber sind an dieser Stelle unangebracht, denn auch unsere Paradiesvorstellungen von der Religion über die sogenannte freie Marktwirtschaft oder New Age werden nichts weiteres als neue Versionen der Schreckensherrschaft hervorbringen, und ich befürchte auch, dass es sich, sollten die Religionen recht haben und es ein wie auch immer geartetes postmortales Dasein geben, dass auch die uns für das Jenseits verheisenen Paradiese sich als nichts anderes herausstellen werden als die eine oder andere Sowjetunion und die von den Mühen des Daseins erlösten Menschen irgendwann die Erlösung fliehen werden.
Im Garten Eden machten Adam und Eva von ihrer Willensfreiheit Gebrauch und entschieden sich, dem lieben Gott gegenüber ungehorsam zu sein. Wäre es nicht der Apfel gewesen, früher oder später hätten sie zwangsläufig etwas getan, was ihre Vertreibung aus dem Paradies bewirkt hätte. Oder der Schöpfer des Universums hätte willenlose Roboter erschaffen müssen, die nicht in der Lage wären, seinen Unwillen zu erregen.
Nun versprechen die Religionen ewiges Leben im Paradies, und ich behaupte, dass dieser Zustand entweder kein ewiger sein wird, oder es wird dort keine Willensfreiheit geben, dass wir also als fremdgesteuerte Wesen auf den Wolken sitzen und bis in alle Ewigkeit Harfe spielen werden. Irgendwann singt man, sollte es Freiheit geben, ein Spottlied auf den lieben Gott, man erregt den Zorn des alten Herrn und dann heißt es: ab in die ewige Verdammnis....
Solange es ein „Sein" gibt, solange gibt es Wechsel, die einzige Alternative, die uns dauerhaften Frieden bringen würde, die wäre das Nichtsein, der ewige Frieden ist nur auf dem Friedhof zu haben. Leben bedeutet Reibung, und wenn wir uns nicht mehr an der Welt reiben und über sie ärgern, dann sind wir tot.
Ein anderer Aspekt, der gegen die Vorstellung eines Paradieses spricht:
Das Bestreben eines jedes Lebewesens ist, mit möglichst wenig Anstrengung möglichst viel zu erreichen. Ist ihm die Möglichkeit gegeben, anstrengungslos ans Ziel zu kommen, so wird es dies tun, und besteht diese Möglichkeit auf Dauer, so wird es die Fähigkeit verlieren, sich überhaupt anzustrengen. Wer seine Muskeln nie benutzt, der scheitert schon beim Treppensteigen. Wer sein Hirn nie gebraucht, für den wird schon die Lektüre der Bildzeitung eine unerträgliche intellektuelle Anstrengung bedeuten.
Ein Tier, das in der Wildnis lebt und seine Tage damit verbringen muss, sich sein Futter zu suchen, sein Revier zu verteidigen, das wird eine wesentlich größere Intelligenz ausbilden als ein Tier gleicher Spezies, das im Stall steht und sein Futter vorgesetzt bekommt.
Es gab Versuche mit Hundewelpen, die mit der Flasche aufgezogen wurden, diejenigen Hunde, die sich beim Saugen anstrengen mussten, weil die Öffnungen sehr klein waren, die wurden intelligenter als diejenigen, bei denen die Öffnungen so groß waren, dass sie sich auf bequeme Weise ernähren konnten. Wer einen intelligenten Hund haben will, der stellt sein Tier vor Herausforderungen, die es bewältigen kann, wer einen strohdummen Köter will, der verwöhne ihn.
Die Gewöhnung an ein anstrengungsloses Wohlbefinden wirkt ungemein verdummend. Pädagogische Konzepte, die darauf ausgelegt sind, Kindern einen möglichst hohen Wohlfühlfaktor zu ermöglichen und ihnen alles aus dem Weg zu räumen, ihnen das Paradies schlüsselfertig in die Wiege zu legen, sind zwar gut gemeint, aber letztendlich kontraproduktiv. Die Hirnregionen, die für die Lösung von Problemen zuständig sind, werden nicht aktiviert, weil keine Notwendigkeit dafür besteht.
Das Gehirn ist eine Problemlösemaschine. Wer vor Herausforderungen steht und diese bewältigen muss und auch dies schließlich kann, der wächst an diesen Herausforderungen und lernt, seine Potentiale zu entfalten. Wer nicht herausgefordert ist, für den gibt es keine Notwendigkeit, sich zu entwickeln.
Das Geheimnis des Erfolges besteht in der Größe der Herausforderungen, sind diese zu klein, dann werden die Fähigkeiten, sie zu bewältigen, nicht trainiert, sind sie so groß, dass keine Möglichkeit besteht, mit ihnen fertig zu werden, dann tritt Resignation und Selbstaufgabe auf.
Ein Sonderschullehrer, so Rüdiger Lenz in „Die Fratze der Gewalt“, konnte sich nicht mit dem vorgegebenen Lehrplan, nach dem die Schüler zwei Jahre lang nur die Zahlen von eins bis zwanzig behandeln dürfen, nicht anfreunden. Das Argument, höhere Ansprüche würden die Schüler überfordern, überzeugte ihn nicht, und so wagte er den Versuch, vom Lehrplan abzuweichen und verkündete seinen lernbehinderten Schülern: „Ab heute rechnen wir wie die Großen“. Und in der Tat, er schaffte es, die Kinder für das Rechnen mit Tausendern und Millionen zu begeistern, und binnen kurzer Zeit hatten alle das System verstanden und stellten sich selbst und gegenseitig Aufgaben, die sie mit Bravour lösen konnten. Die Konsequenz für den Lehrer bestand darin, dass er von seinen Vorgesetzen abgemahnt wurde. Hätte er die Kinder unter einem Wattepanzer vor sich hinvegetieren lassen, anstatt ihnen etwas zuzutrauen, dann wäre ihm dies nicht passiert.
Werden Menschen mit der gutgemeinten Absicht, nicht zu überfordern, vielleicht auch manchmal unterfordert? Und sind die Symptome einer Unterforderung, Langeweile, Überdruss, Abschalten, vielleicht gar nicht so verschieden von denen der Überforderung?
Gibt es nicht nur den „Burn out“, sondern auch den „Bore out“? Und ist der „Bore out“ nicht vielleicht eine Mitursache für die innere Kündigung vieler Schüler und Mitarbeiter? Ist das Paradies nicht eine permanente Unterforderung der menschlichen Potentiale?
Ein Gedankenexperiment: Nehmen wir an, es gäbe von einem Tag auf den anderen keinen elektrischen Strom mehr. Eine erschreckende Vorstellung. Wir wären gezwungen, von heute auf morgen ohne die Bequemlichkeiten unserer heutigen Zivilisation zu überleben. Es wäre die reinste Hölle. Wir müssten binnen kurzem Fähigkeiten erlernen, die unsere Urgroßväter beherrschten, und ebenso, wie man sich aus der Natur ernährt. Was zuerst einmal eine Katastrophe wäre, wäre andererseits ein Katalysator zur Entwicklung der Intelligenz, für die Fähigkeit, Probleme zu meistern. Und der Mensch, der es geschafft hat, Probleme zu bewältigen, der geht mit einem anderen Selbstbewusstsein, mit weit mehr Selbstachtung durch die Welt als derjenige, der niemals Probleme gehabt hatte.
Vor Jahrzehnten las ich einmal einen Artikel über einige Kriegsgefangene, die aus den Lagern Sibiriens entkommen waren und bei den eingeborenen Nomaden Jakutiens Unterschlupf fanden. Die Vorstellung, im Winter bei 40 Minusgraden im Zelt zu übernachten, die käme mir, als zentralheizungsverwöhntem Mitteleuropäer, wie eine Höchststrafe vor, doch sollen diese eine Art Paradies in der Eiswüste Jakutiens, also dort, wo niemand ein Paradies vermuten würde, gefunden haben.
Vielleicht wurden sie dort glücklich. Vielleicht fanden sie ein Glück in der Art von Camus Sisyphus, das in der unaufhörlichen Anstrengung mit zweifelhaftem Resultat bestand. Sisyphus hat zumindest die Herausforderung und die Möglichkeit, durch wiederholtes Bemühen, klug zu werden. Nebenan sitzen andere im Garten Eden, vertreiben ihre Zeit mit süßem Nichtstun und wähnen sich im Paradies. Nach einigen Jahrmillionen des Däumchendrehens werden sie zu Petrus sagen, dass es doch im Himmel recht langweilig ist, und dieser wird antworten: „Ihr seid nicht im Himmel, sondern in der Hölle, ihr habt es nur noch nicht gemerkt, wenn ihr jetzt noch ein paar Milliarden Jahre Däumchen dreht, dann habt ihr schon mal die erste Sekunde der Ewigkeit geschafft....“
Was ist Glück?
Was ist Unglück?
Letztendlich ist es zweifelhaft, ob es auf diese Fragen eine wirkliche Antwort geben kann. Vielleicht ist es müßig, über das Glück überhaupt nachzudenken. Es kommt, oder es kommt nicht. Es geht auch wieder. Es stattet einem auch mal wieder einen Besuch ab. Das Glück beginnt zu stinken, wenn man es am Gehen hindert.
Es gibt Busreisen überall hin, aber keine ins Paradies. Das ist schade. Ich kann jetzt vieles erzählen, nur die eigene Anschauung wäre meinen Ausführungen bei weitem überlegen. Ich nehme an, nirgendwo auf der Welt wird so viel genörgelt wie im Paradies. Nirgendwo gibt es solche Unzufriedenheit wie im Schlaraffenland. Der Apfel war die einzige Möglichkeit, dem Garten Eden zu entrinnen. Auch ich war in Arkadien. Und ich habe mir geschworen, niemals wieder einen Fuß dorthin zu setzen...