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Non nisi salus deformitatem - Außer der Hässlichkeit kein Heil

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Storybild
„Hässlich kann auch schön sein“, wie oft hört man diesen Satz…? Und wenn es nicht schön ist, so ist es doch wenigstens interessant. Wenn man jemanden zum Essen einlädt, wenn man sich die Mühe gemacht hat, zu kochen, und man bekommt dann zu hören, „schmeckt irgendwie interessant“, dann ist der Tag gelaufen.

Beim Genuss von Kultur lässt man sich ein wenig leichter auf das Zweifelhafte, auf das schwer Verdauliche ein. Je verstörender, je unerträglicher eine Kunstäußerung ist, desto größer ihre Bedeutung. In manchen Kreisen ist es sogar Voraussetzung, dass etwas als Kunst akzeptiert werden kann, alles Andere sei ja doch nur Kitsch…
Man lässt sich verstören und glaubt dabei, an etwas Wichtigem teilgenommen zu haben.

Manchmal ist es richtig, dass die bisherigen Vorstellungen durcheinandergewirbelt werden, unter Umständen gilt es der Kurskorrektur. Manchmal wird das Verstörende auch Selbstzweck, es dient zu nichts Anderem mehr, als den Narzissmus des Künstlers zu bedienen. Vielleicht auch den Narzissmus des Rezipienten oder den des Kunstjournalisten.

Kunst kommt nicht mehr von „Können“, sondern die Kriterien, was Kunst sein soll und was nicht, die sind mehr als vage gehalten und einer gewissen Willkür unterworfen. Kunst ist das, worum am meisten Lärm gemacht wird. Ein einflussreicher Sammler kauft, ein einflussreicher Kritiker schreibt, der Wert der Aktie steigt.

Der Nihilismus ist als Glaubensartikel in der Kulturszene weit verbreitet. Natürlich steht es jedem frei, Nihilist zu sein, die Wertlosigkeit jeglichen Seins zu postulieren, im Nebeneinander unterschiedlicher Weltbilder muss man mit Ansichten zurechtkommen können, die man persönlich nicht teilt.

Weniger kümmert man sich darum, ob es einem zusagt oder nicht, was sagt schon der eigene Geschmack aus über die Qualität des Gelieferten…? Manchmal bekommt man den Rat zu hören, wer Kunst erwerben möchte, der verlasse sich nicht auf sein eigenes Urteil, sondern auf dem eines guten Galeristen. Allerdings, welcher Galerist ist gut? Manch einer hat einen gewissen Einfluss, Trends durchzusetzen, über die Qualität des Vertretenen sagt es ziemlich wenig aus.

Blickt man einige Zeit zurück, dann sind es in Kunstfragen oftmals gerade die Experten gewesen, die sich geirrt hatten. Was heute bejubelt wird, kann morgen vergessen sein. In der Vergangenheit unzählige Male geschehen, trotz aller wortgewandten Begründungen,
In der Frage, was Kunst ist und was nicht, welche Funktion sie hat und was sie bewirken soll, da ist der Mensch ein Herdentier. Aus Angst, etwas Falsches zu sagen, schielt er auf den Leithammel und schließt sich dessen Urteil an.
Es ist eine offene Frage, ob wir uns in der Spätphase einer absterbenden Kultur befinden, in der Abenddämmerung oder gar in der hereinbrechenden Nacht derselben, oder ob wir die Geburt von etwas Neuem erleben. Vor allem ist die Frage offen, was wird das Neue sein, das da kommen soll, falls es kommen wird?
Man kann als Optimist sich auf das Neue konzentrieren, oder als Pessimist das Augenmerk zu den offenkundigen Verfallserscheinungen richten. Nichts Neues entsteht, ohne dass Altes zerfällt, auf jeden Verfall kommt Neues.
Die Frage wird nur sein, was wird besser sein, das, was gewesen ist oder das, was nachkommt?

Der Optimist präsentiert die Erfolgsmeldungen des Kulturbetriebes, die Rekorde an Besucherzahlen der Kunstmessen, die sensationellen Verkaufsergebnisse der Auktionshäuser, die neugeschaffenen Planstellen im Kulturmanagement und der Pessimist winkt nur müde ab, er beklagt die Veräußerlichung der Kunst, den um sich greifenden Dilettantismus, den Hang zum Kolossalen, die Seelenlosigkeit, die Verwilderung und Verrohung.

Allerdings, so ganz neu ist die Entwicklung nicht:

Nietzsche Morgenröte (239 Wink für Moralisten)
Unsere Musiker haben eine große Entdeckung gemacht: die interessante Hässlichkeit ist auch in ihrer Kunst möglich! Und so werfen sie sich in diesen eröffneten Ozean des Hässlichen, wie trunken, und noch niemals war es so leicht, Musik zu machen. Jetzt hat man erst den dunkelfarbigen Hintergrund gewonnen, auf dem ein noch so kleiner Lichtstreifen schöner Musik den Glanz von Gold und Smaragd erhält; jetzt wagt man erst die Zuhörer in Sturm, Empörung und außer Atem zu bringen, um ihm nachher durch einen Augenblick des Hinsinkens in Ruhe ein Gefühl der Seligkeit zu geben, welches der Schätzung der Musik überhaupt zugute kommt. Man hat den Kontrast entdeckt,: jetzt erst sind die stärksten Effekte möglich - und wohlfeil: niemand fragt mehr nach guter Musik. Aber ihr müsst euch beeilen! Es ist für Kunst nur eine kurze Spanne Zeit noch, wenn sie erst zu dieser Entdeckung gelangt ist. - Oh, wenn unsere Denker Ohren hätten, um in die Seelen unserer Musiker, vermittelst ihrer Musik, hineinzuhören. Wie lange muss man warten, ehe sich eine solche Gelegenheit wiederfindet, den innerlichen Menschen auf der bösen Tat und in der Unschuld dieser Tat zu ertappen. Denn unsere Musiker haben nicht den leisesten Geruch davon, dass sie ihre eigene Geschichte, die Geschichte der Verhässlichung der Seele, in Musik setzen. Ehemals musste der gute Musiker beinahe um seiner Kunst willen ein guter Mensch werden. - Und jetzt!

Einige Jahrzehnte später legte Oswald Spengler nach:
„Was heute als Kunst betrieben wird, ist Ohnmacht und Lüge.… Eine erlogene Musik voll vom künstlichen Lärm massenhafter Instrumente, eine verlogene Malerei voll exotischer, idiotischer und Plakateffekte, eine erlogene Architektur, die aus dem Formenschatz vergangener Jahrtausende alle zehn Jahre einen neuen „Stil“ begründet, in dessen Zeichen jeder tut, was er will, eine erlogene Plastik, die Assyrien, Mexiko und Ägypten bestiehlt.

Nach den Höhenflügen folgt die Ernüchterung, nach den Aufbrüchen die Müdigkeit. Und irgendwann stellt sich die Frage, ob die Reise das Ziel wert gewesen ist. Das eroberte Neuland ist einem zum Überdruss vertraut geworden, das Reich der schrillen Effekte, der Dissonanzen, der eskalierenden Kakophonien, es löst keine Skandale mehr aus, allerhöchstens einen kurzen Moment Aufmerksamkeit, der nächste Ärgerniserreger muss die Dosis steigern, um überhaupt noch wahrgenommen zu werden. Die neue Welt ist alt geworden, die ehemalige Avantgarde dreht mit dem Rollator ein paar Runden im Vorgarten des Altersheims...

Wozu der Pessimismus? Immerhin ist doch jeder ein Künstler und alles ist doch irgendwie Kunst… Leben wir nicht in grandiosen Zeiten? Wird nicht so viel musiziert, gemalt, geschrieben und gebaut wie nie zuvor? Mal ist es ein virtuoser Geigensportler, den wir zu hören bekommen, mal ist es das Wetteifern um den allergrößten Lärm, mal ist es ein Exzess der Selbstbeweihräucherung, weil niemand anderes mehr bereit ist, ein Rauchfass zu schwenken…

Kunst sagt viel aus über die Epoche, in der sie entstand. Kunst ist Ausdruck des Seelenlebens der Gesellschaft, aus der sie kommt. Kein Mensch existiert außerhalb seiner Zeit und seiner Welt. Er wird geprägt von dem, was seine Umgebung denkt und ausspricht, was sie zeigt und wie sie die Außenwelt gestaltet. Aspekte der Außenwelt wie eine gewisse Frostigkeit moderner Architektur, eines permanenten Zeitdrucks und der Gleichwertigkeit beliebiger Informationsschnipsel sickern in die Innenwelt und diese bestimmt wieder, welche Beziehung man zu der Außenwelt entwickelt.

Als Individuum ist man auch ein Produkt der Umgebung, in der man gelebt, der Menschen, mit denen man verkehrt, der Bücher, die man gelesen, der Kultur, die man aufgenommen hat. Kunst kann integrativ wirken, sie kann einen auch zu einem problematischen Wertesystem verführen.

In einem alten Stadtkern aus dem Mittelalter fügen sich die Gebäude in die Landschaft ein, sie stehen in einer Beziehung zueinander. Bei der Architektur vom ersten Weltkrieg bis zur Gegenwart stehen die Gebäude beziehungslos zueinander, es sind mechanische Wiederholungen vorgegebener Bauelemente. Zweckmäßig, nie zuvor war es möglich gewesen, so viel Raum mit dem geringstmöglichen Aufwand zu umbauen.

Durch die Allgegenwart zweckmäßiger Architektur, die mittlerweile den Großteil unseres Gebäudebestandes ausmacht, verändert sich die Beziehung der Menschen zu ihrer Umgebung. Ein Großteil der gegenwärtigen Architektur könnte als Vandalismus bezeichnet werden, und manchmal wird architektonischer Vandalismus durch dem Vandalismus der Sprühdosen und Pflastersteinen beantwortet.

Oder durch maladaptive Bewältigungsstrategien, die erhöhte Zufuhr von Fetten und Kohlehydraten, um das Gefühl der Ausgeglichenheit wiederherzustellen. Vielleicht auch durch den bewussten Konsum von Hässlichkeit, analog zu einem Oktoberfestbesucher, der damit prahlt, wie viel Gerstensaft er in sich hineinschütten kann, ohne umzufallen...

Die Dissonanz als Droge, als Reizmittel, das immer höherer Dosen bedarf? Die Hässlichkeit als Merkmal der Exklusivität? Der wahre Kenner bevorzugt das Abstoßende, das Obszöne, das Ungehobelte. In der Literatur die Ästhetisierung der Niederträchtigkeit, des Ekels, der Verkommenheit (Louis Ferdinand Céline). Großskulpturen als Verunstaltung des öffentlichen Raumes.

Der Großteil der heutigen Kunst dient der Desintegration, der Auflösung gewachsener Strukturen. Sie ist eigentlich das Gegenteil dessen, womit Kunst in früheren Jahrhunderten identifiziert worden ist. Man könnte auch den Begriff „Kulturrevolution“ verwenden. Die Zerstörung des Althergebrachten, in der vagen Hoffnung, dass etwas Neues entstehe...
 
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