18 Seiten

Sonnenfinsternis

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Am Anfang war das Wort und sonst gab es nichts und schon dieses eine, dieses einzelne, dieses so dürftige, diese mehr als armselige Wort war mehr als eines zu viel gewesen, es war viel zu viel des sinnlosen Geschwätzes, allzu reichlich der Schwatzhaftigkeit, wie ein jedes Wort eigentlich hätte überflüssig sein müssen in dieser Welt des allgegenwärtigen Gefasels und Gedudels, wozu sollte man inmitten der universellen Redseligkeit überhaupt noch irgendwelche Worte verlieren, irgendwelche Töne machen, Worte sind ja doch nur Worte und sie sind nichts weiter als Schall und Rauch, inmitten des allgemeinen Lärms, inmitten des lauten Nichts, inmitten des allgegenwärtigen Kladderadatschs, da verklingt doch jedes gesprochene Wort so ungehört, so unbeachtet, so unbemerkt, irgendein Wörtchen wird da ausgesprochen, es wird ein Wörtchen ganz leise hingehaucht, es wird geflüstert oder es wird auch laut geschrien, all das verhallt im leeren Raum. Selbst noch so bedeutungsschwere Worte sind mehr als bedeutungslos angesichts der Übermacht des allgemeinen Geplappers, des Gestammels, der Wortfetzen und der Tiraden… Man redet, man schwätzt und man tratscht, man verquatscht sich unentwegt, man plappert, man salbadert und man quasselt, man gewinnt eine Anhängerschaft mit seinen Worten oder man gewinnt sie auch nicht, man schwadroniert über dies und über das, man rudert dabei auch noch mit den Armen, um die Bedeutungslosigkeit der Worte zu untermauern, also dieses ewige „Ich, Ich, Ich...“, diese immergleichen Angebereien, dieses sich Aufplustern, dieses ewige Renommieren, dieses immer wieder ewig gleiche miserable Schauspiel, das einen so ermüden lässt, das einem den Pegel der Langeweile weit über die Hochwassermarke hinaus ansteigen lässt.

Ich habe es satt. Diese unseligen Worte, dieses eine Wort, mit dem das alles angefangen hat. Wozu überhaupt hat man seine Muttersprache erlernt, wenn schon das erste Wort sich als überflüssiger Unsinn herausgestellt hat? Und alles, was dann folgte, das war auch nicht besser gewesen. Ein so miserables Theaterstück... Je mehr einem die Augen aufgehen, desto fester möchte man sie wieder zumachen, man möchte sich ins Delirium flüchten, man möchte abschalten, man kann nur noch sich zulaufen lassen, um das alles wieder zu vergessen, um das erste, das überflüssige, das entbehrlichste aller Worte auszutilgen, um es ungeschehen zu machen, um diesem Unhold, der mit seinem allerersten Wort diese Welt geschaffen hat, ein für alle Mal das Maul zu stopfen, ihm sein Wort, ihm seine Schöpfung wieder zurückzustopfen in seinen Schlund, damit sie in einem allerletzten, in einem riesengroßen Knall vergeht.

Der allerletzte Knall... Wenige Monate, bevor ich die Neonlichter der Welt erblickte, da wäre die Welt um ein Haar in einem solchen vergangen. Der Ami und der Russe, die stritten sich darum, ob irgendwo irgendwelche Raketen aufgestellt werden dürften oder nicht, die einen hatten welche in am Bosporus, die Anderen auf einer Zuckerinsel in der Karibik, und als es zum finalen Feuerwerk hätte kommen sollen, da traf man sich in den Hauptstädten, da traf man sich in Bonn, da stellte man seine langen, seine besorgten Gesichter zur Schau. Der Verteidigungsminister sprach ein wenig zu sehr dem Alkohol zu, er soff, als gäbe es kein Morgen mehr, und um ein Haar hätte es kein Morgen mehr gegeben, er lag besoffen im Gebüsch, neben seinem Erbrochenen, er hatte alles vollgekotzt in seinem Rausch, der beinahe der letzte in seinem Leben gewesen wäre, es wäre eine mehr als würdige Art gewesen, aus dieser Welt abzutreten, hätte zu diesen allerletzten großen Knall gegeben…

Dieses Wort am Anfang der Schöpfung war der Anfang des ganzen Unglückes, es klang so verführerisch, es vermittelte die Morgenröte eines Aufbruchs, es hatte alles in Bewegung gesetzt... und wie haben wir uns bewegt, wie freudig erregt sind wir losmarschiert, mit welchem Enthusiasmus sind wir da alle nachgelaufen, sind wir gefolgt… mit unseren lustigen Stiefeln sind wir marschiert, wir sind losgelaufen, denn das Wort, mit dem das alles angefangen hat, hinter ihm stand ein Ausrufezeichen, es war ein Imperativ, es war ein Befehl… es war die Weisung, loszugehen und sich die Welt anzueignen, ohne zu ahnen, um welch‘ vergiftetes Geschenk es sich dabei gehandelt hatte. Aber natürlich wird man immer wieder wortreich versuchen, das alles schönzureden. Mit den Worten, die die Misere des allerersten Wortes perpetuieren, Worte, die sie fortsetzen, die sie fortwährend verschlimmbessern, die sie von Tag zu Tag hässlicher zu machen, immer widerwärtiger, die sie verunstalten mit dem Zeug, das man eben so hinstellt, wenn man sich Städteplaner oder Architekt schimpft, also Betonkisten, Länge mal Breite mal Gewinnerwartung, Glitzerbaracken in den Geschäftszentren der Metropolen, Arbeitnehmerschließfächer an der Peripherie.

Das Licht der Welt bringt diesen ganzen Dreck zutage.

Wir erleben den stufenweisen Abstieg, die Degradierung des Individuums zum Massenartikel, zur Ramschware, wir erleben die schleichende Gewöhnung an den Niedergang, der uns mit salbungsvollen Worten als Fortschritt verkauft wird. Die Fakten sind das Gegenteil der Worte, das erleben wir wieder und wieder. Man sagt uns das eine und man sieht das andere, und irgendwann hört man auf, dem Augenschein und dem Verstand zu trauen und man beginnt, mit der Masse zu laufen, die Anderen werden schon wissen, wo es hingeht. Auch wenn diese ebenso orientierungslos sind, wie man selber, weil im Grunde genommen niemand weiß, wo es hingeht, sondern allenfalls haben wir eine Simulation der Zielstrebigkeit, des Wissens, der Sicherheit. Inmitten der allgemeinen Verwirrung wird derjenige zum Anführer ernannt, der am lautesten geschrien hat, der am vehementesten gebrüllt, der die größte Aufmerksamkeit erregt hatte. Auffallen um jeden Preis verbunden mit der größtmöglichen Konformität… das ist wohl das Rezept, um erfolgreich zu werden.

Während die Äcker links und rechts der Autobahn mit Propellern übersät werden, mit Ventilatoren, mit denen die Oberen ihre ganzen Lügengeschichten übers Land und uns in die Ohren blasen, alleine dies war und ist der Zweck all‘ dieser Propeller, sie dienen keineswegs der Stromproduktion, sondern einzig und alleine sind sie dazu da, reichlich Wind zu machen.
Schon immer hat man die Windmühlen dazu benutzt, irgendwelche Lügenmärchen ins Land zu pusten. Die Geschichte vom lieben Gott, der das alles geschaffen haben soll. Mit seinem Wort, mit seiner Lüge kam die Welt in die Welt. Fiat Lux, ein grauschwarzes Gestirn stieg auf und es verbreitete undurchdringliche Finsternis. „Es werde Licht!“, so hieß es, und alle Welt stürmte zu den Schaltern, um die Welt zu erhellen. Die Dunkelheit erwies sich im Nachhinein als Gnadengeschenk, man hatte diesen ganzen Dreck nicht gesehen, nicht die Staubflusen, nicht die Müllhalden, nicht die ganzen Scheußlichkeiten. Und unsereins ist der eigene Anblick im Spiegel erspart geblieben, die Spuren des schleichenden Niederganges, der Verfettung, der Korrumpierung, der Degradierung zum Wühltischartikel. Wir hätten nicht mitansehen müssen, was aus einem geworden ist, wenn man irgendwo mitgemacht hat, wenn man bei diesem Spielchen dabei gewesen ist, wenn man teilnimmt am allgegenwärtigen Tanz der Lemminge. Sind die Augen einem einmal aufgegangen, dann durchschreitet man das Tal der Tränen und vielleicht wird man niemals mehr an dessen Ende kommen, Tag für Tag werden einem aufs Neue die Augen geöffnet und das meiste von dem, was man zu sehen bekommt, das würde einen die Augen wieder schließen lassen, wenn man nur könnte, doch es kommt einem vor, als seien einem die Augenlider weggeschnitten.

Man kann nicht anders, als hinzusehen, auch wenn dem Sehen die Bitterkeit folgt. Die Augen schließen, den Blick abwenden, sich die Birne zuballern, sich in rosarote Traumgefilde flüchten, man kann es ja versuchen, doch wird diesen Versuchen schwerlich irgendwelcher Erfolg beschieden sein.

Das Licht offenbart es: Nichts als eine Abscheulichkeit ist diese Welt, die da geschaffen worden ist durch das Wort, durch dieses scheußliche „Es werde!“… es werde Licht, es werde Dreck, es werde ein ewiges Hauen und Stechen, es werde Not, es werde Völlerei und Überdruss… am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, dies tat er in Schwarzarbeit, dies tat er, ohne zuvor eine Genehmigung zur Errichtung des Himmelsgewölbes beantragt zu haben, ohne tausenderlei Formulare auszufüllen, ohne diesen ganzen Papierkrieg, der dazu nötig ist, um auf legale Weise auch nur eine Hundehütte aufzustellen, der Allmächtige ist also nicht zu den noch allmächtigeren Nasenbohrern auf dem Amt gegangen, er hat nicht denen die Entwürfe vorgelegt, er hat sich nicht die Erlaubnis geben lassen, er hat nicht die anfallenden Gebühren entrichtet, er hat nicht die nötigen Stempelmarken aufgeklebt… diese Welt ist entstanden, ohne dass irgendein Beamter seinen Stempel dazu gegeben hatte, wir leben also in einem ohne amtliche Legitimation entstandenen Universum, ein Unding, ein eigenmächtiges Handeln aus schierer Impertinenz, wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufener so einfach irgendwelche Universen erschaffen würde…?

Diese Welt, sie ist aus einem Akt der Willkür entstanden, aus einer Laune, aus einer beiläufig hingeworfenen Bemerkung, wie langweilig es doch sei, dass da nichts ist, es sei ja so scheußlich dunkel, es sei doch so finster in dieser ewig gleichen Schwärze, es könne, es solle, es müsse doch ein klein wenig Licht entstehen, es werde mal ein wenig Welt, es werde mal ein weißgelb leuchtendes Ding in der Mitte und ein paar Kugeln außen herum und die dritte der Kugeln, diese werde ein wenig nass und die setze Schimmel an… Und alles in irgendwelchen Bahnen, kreisförmig, elliptisch, kleine Kugeln fliegen um große Kugeln, allesamt rasen sie durcheinander, jede auf ihre Weise und doch gibt es wenig Unfälle, stoßen sie selten gegeneinander, denn dazu ist das All viel zu leer, eigentlich ist dieses ganze Sein ein rasendes Nichts, würde man sämtliche Leerräume zwischen den Atomen und innerhalb derselben entfernen, so würde wohl die gesamte Menschheit in einen Zuckerwürfel passen, also bitte ein wenig Vorsicht walten lassen beim Kaffeetrinken, nehmen Sie lieber Süßstoff...

Und da ist so eine Kugel, so nass und so schimmlig, wie sie es gewesen ist, dann noch ein wenig mehr Leben gebraucht hatte als nur ein paar stinkende Pilze und wucherndes Gestrüpp, so nahm der HERR von der verschimmelten Erde ein wenig Dreck und knetete sich einen Zweibeiner, er hauchte ihm ein wenig Leben ein und lies ihn etwas herumlaufen, er lies ihn dastehen, wie ein begossener Pudel zu stehen hat, wie bestellt und wie nicht abgeholt. Und da sprach Gott, es ist nicht gut, dass der Mensch so alleine sei, ich will ihm also eine Gefährtin machen, sodass jemand da sei, die ihm sein Dosenbier aus dem Keller hole… Und der HERR versetzte Adam in tiefen Schlaf, er entnahm ihm eine Rippe und schuf aus dieser Eva, Adams Frau, die fortan hinunterzusteigen habe in die tiefen Schlünde des Kellers und die ihm willig sein Bier anschleppte. Und Adam nahm das Bier, er setzte sich hin und starrte in die Zimmerecke, in Erwartung, dass dort dereinst ein Kasten stehen werde, in dem Fußballspiele und Nachrichtensendungen und Filme zu sehen seien. Ein allererstes Zerwürfnis war die Folge, sodass der HERR sich erbarmte und Eva daraufhin in Schlaf versetzte und aus einer ihrer Rippen einen Gefährten formte, mit vier Beinen und mit einem kläffenden Maul und einem wedelnden Schwanz, den Hund. Und Gott sah, dass sein Werk gut war. Also fuhr er fort, frohen Mutes, aus einer Rippe des Hundes schuf er die Katze, und diese schien ihm sein Meisterstück, die Vollendung seines Schaffens. Doch Satan, die alte Schlange, sie neidete Gott das Werk, versetzte die Katze in Schlaf und schuf aus dieser die Maus. Und siehe, die Maus, sie wurde das beste und das schönste und das erhabenste aller Wesen, die die Welt je gesehen hatte, der Gipfelpunkt der Vollkommenheit. Und als Gott sah, dass die Schöpfung seines Widersachers das vortrefflichste aller Geschöpfe war, da packte er eine Kathedrale in seine Aktentasche und schritt beleidigt von dannen…

Seitdem ist es still geworden um den Schöpfer, um denjenigen, der einstmals das erste Wort gesprochen hatte und der damit das alles in Bewegung gesetzt hatte. So still ist es geworden, dass irgendwann Gerüchte aufgekommen sind, alles das sei einfach nur so entstanden und es habe keinerlei Ursache gegeben, es sei nichts als reiner Zufall gewesen, es bräuchte lediglich eine Milliarde von Jahren, bis aus dem Wurm ein Mensch werde, und wenn man sich die Menschen so ansehe, dann müsse man es doch sehen, sie sind immer noch die alten Würmer geblieben, zumindest fallen sie bei der ersten Gelegenheit wieder ins Wurmsein zurück. Die Welt sei aus einem Knall entstanden, ein leeres, ein so nichtiges Nichts sei explodiert, einfach so, es war nichts und dann flog nichts oder dieses Nichts einfach so in die Luft und plötzlich war alles da und es bewegte sich nach den Gesetzmäßigkeiten der Mathematik, die es vorher auch nicht gegeben hatte. Ein einziges Wunder gab es gratis und danach verlief alles streng nach Naturgesetzen.

Am Anfang also war das Wort gewesen. Ein Wort. Ein Einziges… Ein Wörtchen nur, ein langsames Rückwärtszählen… dann kam der Schlag, dann kam der große Knall, die Detonation, als ein winziges Elementarteilchen explodiert ist und dieses Gebilde entstand, das wir landläufig als „Universum“ bezeichnen. Die Bedeutung des Wörtchen war bedeutungslos, den Knall hat jeder gehört.
Aus diesem Knall ist alles entstanden, Sonne, Mond und Sterne, das Dosenbier und der Zimmertiger, einfach alles, so zumindest lauten die Worte, die aneinandergereiht worden sind, die zwischen zwei Buchdeckel passen und die dann überall hinausposaunt werden, um uns ein Theoriegebäude schlüsselfertig hinzustellen, eine Theorie, die uns alles das erklärt, was keineswegs zu erklären ist, wie gesagt, es sind Worte, es sind nichts als Worte… Worte, die am Anfang gestanden haben... damals... als es geknallt hatte. Der Countdown, der liebe Gott zählt rückwärts von zehn bis eins und bis null und dann geht es los, ein Partikelchen fliegt in die Luft und so ein Universum entsteht, ein einziges Wunder nur und der Rest ergibt sich dann daraus, die Frage, warum ist hier überhaupt etwas und warum ist nicht alles nichts, die Frage aller Fragen wurde so mit einem Knall gelöst, also, ganz am Anfang, da gab es nur dieses blöde Wort, da gab es nur diesen blöden Knall, da war nur der liebe Gott, der sich so alleine mit seiner Ewigkeit herumgeschlagen hatte, warum erst jetzt und warum nicht schon früher oder viel später oder besser überhaupt nicht, denn so eine Ewigkeit, die ist einfach nur lang und die hat weder Anfang noch Ende, die ist doch überall gleich langweilig, jeder, der schon mal so eine Ewigkeit überstanden hat, der könnte ein Liedchen davon singen…

Ist es so gewesen, gab es tatsächlich dieses Gratiswunder oder gab es das nicht, im Grunde genommen ist das ja völlig gleichgültig, wie das alles angefangen hat, denn es gibt hier nichts zu tun. Es hat hier auch niemals irgendetwas zu tun gegeben. Und ob es jemals etwas zu tun geben wird, diese Frage wird wohl auch mehr als überflüssig sein, das, was nie gewesen ist, das wird wohl auch niemals mehr etwas werden, es gibt allenfalls noch dieses sinnlose Hineintappen in irgendwelche Angsterzählungen und in Glücksverheißungen und in Honigfallen, dieses endlose Spiel von allgemeiner Panik und von falschen Hoffnungen und von blödsinnigen Verirrungen, dieses macht wohl den allergrößten Teil unseres Daseins aus. Die Reste des Kartons, aus dem der Geist Gottes entwichen war, die entsorgen wir mustergültig nach Vorschrift in die Papiertonne. Denn alles muss seine Ordnung haben, dem grünen Zeug links und rechts der Autobahn, im Volksmund „Natur“ genannt, sind wir es schuldig, unseren Dreck wegzuräumen… so zumindest lauten unsere Worte, unseren Taten nach kann es ja niemals schnell genug gehen mit der Verwüstung, da werden die Bäume Wald für Wald abgesägt und an deren Stelle werden Propeller hingestellt, welche die Piepmätze während deren Fluges in Scheiben schneiden, man hält seinen Teller aus dem Fenster und schon kommt eine dicke Scheibe Gummiadler angeflogen, man braucht es nur noch in die Mikrowelle zu schieben, so geht Umweltschutz, so geht unsere vielbeschworene Liebe zu Mutter Natur, welche die Liebe zum lieben Gott ersetzt hat, allerdings, so lieb ist die Natur auch nicht, nebenbei angemerkt… aber das will ja niemand wissen, angesichts des allgegenwärtigen Kitsches. Die Natur, die hat gut zu sein, alle Tierarten leben so wunderbar friedlich miteinander, der Wolf liegt neben dem Schaf und verzehrt in aller Ruhe sein Tofuschnitzel und vom Himmel regnet es Zuckerwatte… heute Abend gibt es Pastete vom rosa Einhorn, vegan und zuckersüß, allesamt sind Sie herzlich eingeladen, nur beschweren Sie sich bitte nicht, wenn Ihre Bauchspeicheldrüse dabei in Stücke geht...

So werden sich die Propeller links und rechts der Autobahn auch dann noch drehen, wenn hier mal wieder kein Wind weht, oder man stellt sich davor und macht mächtig Wind mit irgendwelchem Geplapper. Das alles ist eine lohnende Aufgabe für abgehalfterte Politiker und Werbefritzen, es ist ein neues Spiel, es ist ein neues Glück, es gibt hier unbegrenzte Möglichkeiten für Aufschneider und für Dummschwätzer, die Propeller rotieren mit rasender Geschwindigkeit und sie rotieren so lange, bis die Getriebe heißlaufen und eines schönen Tages uns die Rotorblätter um die Ohren fliegen werden, wenn nicht auf irgendwelche Weise diesem Gequassel ein Ende gemacht wird. Der Wind, der gemacht wird um die Rettung des Grünzeugs, das man eigentlich nicht schnell genug absäbeln kann, schon mal, um das Grünzeugs zu retten, da muss es weg, damit man seine Propeller aufstellen kann oder Antennen oder Abhörgeräte, irgendetwas wird schon wichtiger sein als diese blöden Bäume, am besten ist, man sägt einfach alles ratzekahl und kauft Ablassbriefe, die einem dann den Umweltfrevel vergeben, der begangen worden ist, nur um die Umwelt zu retten. Doch niemand wird die Bäume vermissen, wo wir doch so viel schönes Geschwätz haben. So wunderbare Parolen, so erhebende Verlautbarungen. So viel Moral. So viel Weisheit…
So viele Krokodilstränen, wenn es um die Bäume geht, um die Gletscher, um die Eisbären und um die Walfische und um die armen Kakerlaken, die da so kurz vor dem Aussterben stehen. Erst stirbt der Wurm und dann stirbt der Mensch und zu guter Letzt stirbt einfach alles, weil eben alles sterben muss, wenn nicht überall Propeller aufgestellt werden und wir am besten mit dem Atmen aufhören, um nicht auch noch sterben zu müssen an irgendwas, am Schnupfen, am Hitzetod, an irgendwelchen schlimmen Dingen, für die es Spezialisten gibt, sich alle Möglichkeiten des Weltunterganges auszudenken.

Von Angsterzählung zu Angsterzählung wird man kleinlauter, da wird man fügsamer, da wird man furchtsamer, da wagt man nicht mehr, nachzufragen, da wagt man nicht mehr zu zweifeln an den ganzen Szenarien, die womöglich ein Hohngelächter verdient hätten, da man wagt gar nichts mehr, da lebt man nicht mehr, sondern man vegetiert, besser gesagt, man wird vegetiert, als gehorsamer Kadaver repetiert man dieses ganze Gequatsche von der unmittelbar bevorstehenden Apokalypse, an der einzig und alleine wir selber schuld seien, eben weil wir gelästert haben den allerhöchsten Dummschwätzer und Angstgewinnler… der Teufel ist des lieben Gottes allerbester Freund, ansonsten würde doch niemand mehr an ihn glauben, da würde sich niemand diesen ganzen Regelwerken unterwerfen, da würde niemand mehr in die Kirchen gehen, gäbe es nicht die Drohbotschaft von dem ewigen Höllenfeuer, dem man verfallen würde, dem man verfallen wird, wie sehr gleichen sich doch die Botschaften der Untergangspropheten und der Pfaffen, sie sind von demselben Stamm, sie sind aus dem selben morschen Holz geschnitzt, sie wurmstichig bis ins Mark, aber Angsterzählungen besitzen die Eigenschaft, dass man viel zu paralysiert ist, sie in Zweifel zu ziehen, andernfalls würden sie gleich einem Kartenhaus in sich zusammenfallen. Wobei unendlich viel Lärm entstehen wird, die Nachbarn klopfen mit ihren Besenstielen an die Zimmerdecke, sie heulen auf, weil wieder mal ihre Friedhofsruhe gestört wird, sie versammeln sich und beginnen durcheinanderzuschnattern, vielleicht rotten sie sich zusammen und werden handgreiflich, aber da sei die allgemeine Trägheit vor...

„Das Wort wiegt mehr als die Faust“, so hatte man es uns beigebracht und man fühlt sich mehr als gut dabei, solcherlei Weisheiten verinnerlicht zu haben, so lange, bis irgendwann einmal dann doch die Faust das Wort zum Schweigen bringt. Danach herrscht Stille… Es herrscht die Ruhe eines Kirchhofs… Bis das Geplapper dann wieder losgeht, unentwegt… oder es ist nie unterbrochen worden... oder es war so laut gewesen, sodass niemand den Faustschlag bemerkt hatte. Wozu auch? Es gibt Dinge, da schaut man lieber nicht so genau hin. Man verharrt in seiner Seifenblase und man spinnt weiter, immer wieder spinnt man weiter… niemals hat niemand irgendetwas gesehen, den Knall ganz zu Beginn hatte ja auch keiner gehört, andauernd sind doch von überall her irgendwelche Geräusche zu hören, inmitten dieses ganzen Geblubbers, da geht jeder Lärm unter, die Fröhlichkeitsmaschine rattert munter weiter, gehen Sie einfach nur weiter, nichts ist geschehen…

Es gibt also nichts zu tun, es gibt nichts zu sagen, es gibt nichts zu wollen, es gibt hier nichts zu verlautbaren, es gibt hier keinerlei Worte mehr über nichts zu verlieren. Es ist alles gesagt, was ohnehin niemand zu hören gewollt hat.
Also Schweigen im Walde, den man schon wegen der vielen Bäume niemals zu Gesicht bekommen wird. Es wäre ohnehin sinnlos gewesen, über die Dinge zu sprechen, die so offen auf der Hand liegen, dass sie keinerlei Erwähnung bedürften. Alles ist offensichtlich gewesen, es hätte nur genügt, die Augenlider ein wenig anzuheben. Aber unser aller Selbstbetrug ist allumfassend, sodass die Erwähnung irgendwelcher Selbstverständlichkeiten nichts als einen Sturm der Entrüstung zur Folge hätte, die Augenlider werden umso fester zugekniffen, je deutlicher zu sehen sein müsste, dass wir in einer Seifenblase leben. Auf diese Weise perpetuiert sich der Betrug, der sich „Welt“ nennt, die Farm, auf der unsereins seit Anbeginn der Zeiten gehalten wird. Vielleicht wird man auch ein wenig gefüttert, wird man ein wenig geschlachtet, wird man ein wenig verwurstet und man wird auch ein klein wenig gemolken, aber es gibt Dinge, über die man dann doch besser schweigt, denn dem Schlachtvieh gegenüber wird es wohl mehr als unschicklich sein, über dessen postmortales Dasein in der Auslage eines Wurstladens zu sprechen. Also, einer potentiellen Mortadella gegenüber, da hält man sich bedeckt, wenn es um die Frage des persönlichen Schicksals geht, ein paar aufmunternde Parolen, einige vergebliche Tröstungen... und wenn man aus der Ferne den Wagen des Schlachters anrollen sieht, da macht man sich unauffällig aus dem Staub…

Wie gesagt, es gibt hier in unserer Legemenschenbatterie wirklich nicht viel zu tun. Weder heldenhafter Mut noch schändliche Feigheit, weder Aktionismus oder Lethargie sind hier von Belang. Weder Fleiß noch Faulheit, weder Verschwiegenheit noch Geschwätz, alles das ist bedeutungslos. Also, wozu soll man überhaupt noch Worte verlieren, wozu diese dann aufsammeln und in Plastiksäcke verpacken und das alles mit dem Lieferwagen bei der Wortmülldeponie abgeben? Dort wird man unsereins freundlich empfangen und hinterher eine gesalzene Rechnung präsentieren. Niemand braucht irgendwelche Worte, niemand will sie haben, keiner will sich die Gehörgänge damit verstopfen lassen, denn der Worte gibt es mehr als genug.

Auf so einer Menschenfarm, da wird gefüttert, da wird gemästet, da wird gefressen, da wird gemolken und da wird verwurstet, wobei Letzteres ein wenig verschämt verschwiegen wird. Befinden wir uns doch in der allerbesten aller möglichen Welten und waren wir noch nie so frei und so unbeschwert wie heute. Die Vorbeter beten es vor, und die zweibeinigen Lautsprecher beten es nach. Unentwegt die Litanei von der Freiheit, die keine Freiheit mehr ist, vom Frieden, der eigentlich ein lautloser Krieg sein müsste, von der Solidarität der Autisten, von der kollektiven Intelligenz der Elementarteilchen.
Die Ohren voll mit diesem Unsinn, den anzuhören eine Beleidigung selbst unterdurchschnittlicher Intelligenz sein müsste, ein Endlosgeschwafel, vorgetragen von Gestalten, denen die Dummheit in ihre Gesichter geschrieben steht, unsereins ist aber darauf abgerichtet, devot zu ihnen aufzuschauen und sie als glänzende Lichtgestalten zu verehren. Abend für Abend erblicken wir sie auf den Bildschirmen, wie sie uns mit ernster Miene erzählen, unsere Lage sei ja so ernst und jetzt müssten wir eben zusammenstehen und jetzt müssten wir alle zusammen in eine Richtung gehen, in die Richtung, die sie uns vorgegeben haben, schnurstracks sollten wir uns gemäß den Weisungen bewegen, ein jeder, der seine Augen nur einmal offenhalten würde, der müsste eigentlich sehen, dass der vorgegebene Weg in die Richtung eines Schlachthofes führt. Oder der Unterhaltungskünstler, der auf dieselbe Tür des Schlachthauses weist, unter der jetzt schon das Blut hindurch sickert, es geradezu in Strömen fließt, und der uns einredet, hinter dieser Tür, da steige eine große Party, da müsse man doch dabei gewesen sein, man dürfe nur ja nichts versäumen, das Schlachtvieh trottet so einmütig hin zu der vermeintlichen Rettung, hin zum vermeintlich großen Event, hinter der rostigen Eisentür, dort findet der große Tanz der Lemminge statt, alle, allesamt sind wir dabei...

Wohin man auch geht, es ist überall der gleiche Parolenmüll, es ist überall dieses unselige Geplapper in Endlosschleife zwischen den Ohren, bitteschön, wo findet man hier der Ausschaltknopf?… wie schafft man es nur , den infernalischen Lärm in der Birne abzustellen, das Gedankengewusel loszuwerden, die Grübelmaschine stillzulegen? Die Echos des Dauergeschwätzes ungehört verhallen zu lassen?
Wie also nicht mehr mitmachen?… Ein Königreich würde man ja bieten für einen Notausgang, wenn man nur eines hätte. Aber Monarchien sind jetzt nicht mehr in Mode, wir haben nun Republiken, in denen die Mitbestimmung des Volkes simuliert wird und der Einzelne dann um so leichter für die Verfehlungen der Regierenden haftbar gemacht werden kann. Immerhin hat man sie ja schließlich gewählt, sie versprechen uns das Paradies und sie liefern uns ein schlüsselfertiges Irrenhaus ab und dann erzählen uns, wir hätten es ja nicht anders gewollt. Kommt man zu dem Schluss, den Betrug einen Betrug zu nennen, den Irrsinn Irrsinn, so kommt man in den Genuss des kollektiven Aufheulens der Betrogenen, denn so ein Betrug darf ja niemals als Betrug bezeichnet werden, es werden sich schon Euphemismen finden, die diesen Betrug als eine höhere Form der Wahrhaftigkeit deklarieren. Den Notausgang, den wird es also nicht geben, die Menschenfarm mit ihrer Humanverwurstung ist ja hermetisch abgeriegelt, man ist entweder Schlachtvieh oder man hat es zu einem von allen Seiten bewunderten Antreiber geschafft, was bedeutet, man wird ein wenig weniger geschlachtet, also etwas später, aber irgendwann dann doch, man ist bis zum Zerplatzen mit Freundschaft gefüttert worden, bevor einem gleich den Anderen das Fell über die Ohren gezogen werden wird...
Nur wer ohne jeglichen Kontakt zur Zivilisation überleben kann, der könnte vielleicht noch von sich behaupten, frei zu sein. Andernfalls ist man Haustier, da ist man Nutzschwein, oder man ist Zugochse und Melkkuh, also irgendwelches Viehzeug, das da im Stall vor sich hinvegetiert und das demnächst auf dem Teller landen wird.

Diejenigen, die niemals dabei gewesen sind beim Rattenrennen um die Aufseherposten, diejenigen, die niemals dazugehört haben, diejenigen, die beschließen, nicht mehr dabei zu sein, die nicht mehr mitzumachen, die das Rattenrennen Rattenrennen sein zu lassen. Diejenigen, die Ihre Seele niemals verkauft haben, diejenigen, die darauf mächtig stolz sein können... die Wahrheit wird jedoch sein, dass da auch niemand deren Seelen hatte haben wollen, nicht mal für geschenkt… die Seelenaufkäufer haben einen für nutzlosen Humanabfall befunden, die haben einen kaltschnäuzig links liegen gelassen, diese Ignoranten, die haben sich einen anderen Dummen ausgesucht, im Nachhinein lässt sich so etwas zu Standhaftigkeit und Charakterfestigkeit aufblasen, der einen Lüge setzt man halt eine andere entgegen, der allgemeine Wortmüll bekommt eine neue Variante… auch die Heldengeschichten von den angeblich aufrechten Individuen abseits des kollektiven Wahns wirken altbacken, die werden fade, die werden auf die Dauer ermüdend, wie gesagt, ein jedes Wort ist ein Wort zu viel, ich hätte gar nicht erst beginnen sollen, niemanden wird es je interessieren, dass ich nichts zu alledem zu sagen habe…

Also Schweigen, das stille Hinnehmen der Ereignisse, das Warten darauf, dass das alles ein Ende findet. Der liebe Gott nimmt seine Schöpfung zurück, er stopft den ganzen Krempel in den Kehrichteimer... Saturn frisst seine Kinder, er verschlingt sie, er kaut sie klein und scheißt sie wieder aus und das ganze Spiel beginnt von Neuem… Abermals „Fiat Lux!“ Abermals Apfelfressen, abermals die Vertreibung aus dem Takatukaland. Vielleicht wird es wieder mal vierzig Tage lang regnen, wenn auch nicht Wasser, sondern Feuerwerkskörper oder den Erreger der Beulenpest. Es kann ja nicht immer nur Regen sein... Bitteschön, wie sehr muss doch die Ewigkeit eine Gottheit ermüden, wenn immer wieder nur dasselbe passiert, immer diese gleichen missratenen Schöpfungen, immer wieder der gleiche Ungehorsam, immer wieder die Unzufriedenheit der Engel, die es auf die Dauer satt haben, oben auf den Wolken immerzu Harfe spielen zu müssen, immer das gleiche Geklimper, immer die ewiggleichen Lobgesänge, also wird es hin und wieder die Verbannung irgendwelcher Querulanten in die Unterwelt mit ihrem Höllenfeuern geben müssen, auch das ist nichts Neues, es hat sich vom Anbeginn der Ewigkeit der ewiggleiche Unsinn immer wieder von neuem ereignet. Nie ist etwas Neues unter der Sonne geschehen, schon lange, bevor es überhaupt diese Sonne gegeben hat, denn eine Ewigkeit, die keinerlei Ende findet, die wird auch keinen Anfang gefunden haben, es war doch alles schon immer so, die ganze Ewigkeit gefüllt mit dieser quälenden Langeweile, aus der es keinerlei Ausweg geben kann, der liebe Gott wird sich mit seinen Engeln zerstreiten, er wird sich mit denen auch wieder vertragen, die werden auch sich wieder in die Haare kriegen, und alles das wird keinerlei Bedeutung haben, denn nichts hat ja irgendwelche Bedeutung, wenn es niemals ein Ende findet, dann ist alles so bedeutungslos wie das Gekräusel irgendwelchen Zigarettenrauches, der entsteht, der vergeht, der sich wieder formiert und der sich im Nirgendwo auflöst, neue Kringel werden gepafft, die das gleiche Schicksal erleiden wie die alten Kringel, das alles hat keinerlei Relevanz, wenn irgendetwas ewig dauert, dann ist auch alles bedeutungslos in dieser Welt, ob man Äpfel gefressen hat oder Birnen, ob man sich die Frucht der Erkenntnis zu Gemüte geführt hat oder die vielen Früchtchen der Verblödung, im nächsten Moment wird das Gegenteil geschehen von dem, was soeben geschehen ist, mal wird man klug sein, mal ist man dumm und danach für ein Weilchen wieder klug, all‘ das, was gewonnen worden ist, das ist im nächsten Augenblick wieder weg, wozu also bemüht man sich um irgendwas, die Ewigkeit bedeutet doch nichts weiter, als dass das alles im Grunde genommen völlig gleichgültig ist.

Ob man also gemeinsam mit den Lemmingen herunterfällt oder auch nicht, es ist egal, im nächsten Moment stehen die Lemminge wieder auf, vielleicht werden sie aus Schaden klug, vielleicht werden sie weise, vielleicht haben sie im übernächsten Moment alles wieder vergessen, und da werden sie die gleichen Dummheiten begehen. Der Weise, zu dem sie sie alle aufgeschaut haben, der verblödet eine Biegung weiter, der wird Narr unter Narren, der wird der Dümmste unter den Dummen, um sich kurz darauf wieder als Klugscheißer hervorzutun, bitteschön, da haben wir die ganze Ewigkeit, heute ist man Heiliger, morgen ist man Drecksau, übermorgen eben Dorftrottel, noch eine Sekunde später der große Führer, zu dem sie alle aufschauen und dem sie hinterherlaufen bis in den Untergang... diese Trottel, nichts ist von Belang, wenn das Sein ewig ist, dann kann der Lauf der Welt nichts weiter sein als eine unendliche Abfolge mehr als bedeutungsloser Seifenblasen, dann ist alles gleichgültig, denn alles geschieht wie auch das Gegenteil von allem. Das Alles ist nichts weiter als ein lautes Nichts...

Aber nicht nur alle unsere Worte sind sinnlos, sondern auch die Taten. Das Rackern in der Tretmühle, das sich Abstrampeln im Hamsterrad. Die ranzigen Vergnügungen als Belohnung für den Bienenfleiß. Die Freudlosigkeit der Freuden, die ermüdeten Unterhaltungen, das emsige sich Drehen im Kreise. Man atmet ein, man atmet aus, man frisst, man defäkiert, man trinkt und man pisst, und die Welt dreht sich weiter und weiter, die Sonne geht auf und sie geht auch wieder unter und nichts ist unter dem leuchtend gelben Ding geschehen, was irgendwie von Belang gewesen wäre...
Die Sonne hat ihren Rundgang gemacht und unter ihr haben wir einander die Köpfe eingeschlagen um irgendwelche Nichtigkeiten, um Banalitäten, um Wortklaubereien, um Hormonwallungen, um das blöde Geschwätz von dement gewordenen Anführern.
Wir haben uns geprügelt, um einen Platz an der Sonne, die so ungerührt ihres Weges gezogen ist. Und sie zieht weiter, auch wenn es nicht mehr wir sind. Die, die dann sich um deren Strahlen prügeln, die künftigen Geschlechter, die sind um keinen Deut gescheiter sein als unsereins. Die Sonne ist einzig und alleine dazu da, damit wir um deren Strahlen in Streit verfallen, als ob hier nicht genügend Sonnenlicht für alle da wäre, ein jeder ist bestrebt, die Sonnenstrahlen einzusammeln, sie zu bündeln und unter dem Arm nach Hause zu schleppen, die erbeuteten Strahlen im fensterlosen Zimmer auszubreiten, auf dass dort endlich ein Licht aufgehen würde…
Und doch ist es finster geblieben, so viele Strahlen wir auch aufgesammelt und gehortet hatten, wie haben wir uns doch die Unterarme verbrannt am unseligen Sonnenlicht, wie oft sind wir hin und her gerannt, wie oft haben wir uns gegenseitig die Strahlenbündel aus den Händen gerissen, nur um wieder und wieder in der Schwärze des eigenen Zimmers zu landen und feststellen zu müssen, es ist wieder einmal alles umsonst gewesen…

Umsonst, vergeblich, so wie alles Mühen und Handeln. Man hat den Hanswurst gespielt, darauf ist es doch immer wieder hinausgelaufen. Die Torheit von allem, was ist, von dem, was man macht, was man denkt und was man sagt, das war alles, was geblieben ist. Angewelkt wurden wir geboren und das Verwelken, das ging unentwegt weiter, man wartete auf die Blüte, die da kommen sollte, die aber nie gekommen ist, die auch niemals kommen wird, es wird lediglich Scheinblüten geben können in diesem Illusionsspektakel... das, was verwelkt ist, das wird niemals blühen, es wird vertrocknen, es wird herunterfallen, es wird verstauben, es wird verwehen, es wird verenden, es wird zerplatzen, diese Welt ist alt geworden unter dem Diktat des Sekundenzeigers, sie ist jetzt grau und müde, sie dreht sich nur noch mit Ächzen und Stöhnen, sie verendet unter einem Röcheln… da hilft auch alles Aufmuntern nichts, da hilft kein Gerede von Aufbruch und Motivation, da hilft keinerlei Ermutigung, da helfen auch keine auch noch so gutgemeinten Ratschläge, da hilft nichts…
Jetzt wird sicher wieder jemand kommen und einen aufmuntern wollen, es sei doch lohnenswert, sich gleich den Anderen um den Sonnenstrahl zu prügeln. Um den allerletzten, den die Sonne noch zu geben bereit gewesen wäre. Und allesamt stürmen sie nach vorne, hinein ins Gemetzel, während hoch über ihnen das leuchtend gelbe Ding so verschwenderisch ihre Strahlen aussendet, diese vergeudet, die Leute allesamt verbrutzelt, es wäre mehr als genug Sonnenlicht für alle dagewesen, aber man wird einen Teufel tun, dies zuzugeben, denn augenblicklich wäre das Spiel von Macht und Ohnmacht beendet, wenn diese Tatsache im allgemeinen Bewusstsein ankommen würde. Die Sonne scheint auf alles, was da kreucht und fleucht, und sie kümmert sich einen feuchten Dreck darum, was da unten vorgeht. Wir können sie anbeten, wir können sie verfluchen, wir können uns ohne Maß ihrer Strahlung aussetzen oder uns im tiefsten Keller verkriechen, es wird alles nicht das Geringste an ihrem Lauf ändern.

Ich bin bei alledem nicht dabei, ich habe nicht mitgemacht, ich habe endgültig „Nein“ gesagt, weil mir kein anderes Wort eingefallen ist in meiner Sprachlosigkeit. Was kümmern mich die Sonnenstrahlen? Einstmals hatte ich um einen Platz im der Sonne gekämpft, hatte ihn auch errungen und im nächsten Moment schob sich das Nachtgestirn vor die Sonne, das Licht wurde schal und matt und gräulich, ein eisiger Wind kam auf und was soeben Siegerstraße gewesen war, verschwand im Schneetreiben.


Was schert mich noch dieses ganze Rattenrennen um die komfortabelste aller Gefängniszellen? Da sitzt man mit allen Bequemlichkeiten in seinem Loch und glaubt, einem gehöre die ganze Welt. Im nächsten Moment ist das alles wieder vorbei. Alles vergangen, alles verflossen, alles weggeflogen… Die ganze Mühe, die Kämpfe, das Rattenrennen, alles vergebens…
Aber, man wird mir jetzt sagen, es sei doch eine Freude zu leben… Nein, das Leben ist eine Dummheit, es ist eine Idiotie, von Torheit zu Torheit stolpert man, man müht sich ab von Vergeblichkeit zu Vergeblichkeit, mitunter hält einen der eine oder andere Erfolg ein wenig bei Laune, aber letztendlich ist man dann doch immer nur der Esel gewesen, der einer schrumpeligen Karotte hinterher getrottet ist… Aber darüber wird man nicht sprechen, nicht vom Unfug des Lebens und dem Unfug des Sterbens, von der Bedeutungslosigkeit von allem, was da ist…

Im Grunde genommen ist das alles unwichtig. Ja, ich könnte Ihnen Geschichten erzählen, über Dinge, die ich erlebt habe oder auch nicht. Ich könnte Ihnen etwas vorflunkern, eine Lebensgeschichte auspacken, die sich ereignet hat oder auch nicht, ich könnte Ihnen alles Mögliche beschreiben, ich könnte irgendwelche Ereignisse erwähnen, irgendwelche Personen, die meinen Weg gekreuzt hatten, doch das alles ist so banal, es ist so unwichtig, im Grunde genommen ist es doch nur das Geflimmer eines Fernsehapparates, man schaltet von einem Kanal auf den nächsten, in der Hoffnung, dass irgendetwas laufe, das einen interessiere, und so geht der Abend vorbei und alles war nichts als Müll gewesen. Ja, so ist auch das Dasein in der allerbesten aller möglichen Welten, man läuft los ins Dasein mit den allerschönsten Erwartungen, um dann, der Täuschungen beraubt und müde geworden, auf einem Schrotthaufen zu landen.

Vielleicht habe ich nicht mitspielen wollen, vielleicht habe ich auch nicht mitspielen dürfen mit den Lemmingen, doch für diese wie für mich ist die Lebenszeit nach und nach abgelaufen und nichts ist geschehen, außer, dass es immer nur immerweiter bergab gegangen ist, dass man lediglich die Zeit totgeschlagen hat, dass Stunde um Stunde verronnen ist und sich das Dasein als eine Kette von Versäumnissen und Vergeblichkeiten erwiesen hat, man kann, vorausgesetzt man glaubt an die Seelenwanderung, ja vielleicht wird man wiederkommen und man wird den gleichen Blödsinn wiederholen, eine neue Geburt, ein neues Leben, ein neues Glück! Also wieder zurück auf Null, wieder mal das gleiche Stolpern bei den ersten Schritten, das gleiche sich Blamieren, die gleichen Dummheiten wieder und wieder, mit vielleicht veränderten Kulissen, wie man es wieder schafft, ein Lemming zu werden und den Absturz in die Tiefe mit umso größerer Meisterschaft zu vollbringen, weil man ja so unglaublich viel gelernt hat, man ist jetzt ein wesentlich vollkommenerer Esel, als man es im vorherigen Leben gewesen ist. Die Seele wandert über Jahrtausende durch unzählige Jammergestalten und kommt nirgendwo an. Mit einem Rucksack voller Erinnerungen an vergangene Scheußlichkeiten beladen, verstört durch das Gestern, gelangweilt im Heute und geplagt und geängstigt von allen Eventualitäten, die möglicherweise morgen oder übermorgen geschehen könnten.
Aber natürlich sind alle diese vielen Verkörperungen, die wir angeblich durchlaufen sollen, ein Pfund, mit dem wir wuchern können. Wie ein Kapital auf dem Bankkonto. Ein Guthaben… oder ist es eine Schuldenfalle… etwas, das man abzutragen hat, um vielleicht, irgendwann einmal, frei sein zu können, dem Hamsterrad zu entkommen, unsereins im Westen steht staunend vor der Ansammlung der Hamsterräder und denkt: „Das sind alles meine“, während der Inder verzweifelt einen Weg sucht, alle diese Tretmühlen hinter sich zu lassen, dem Unsinn des Werdens und Vergehens zu entfliehen...
Man entkommt durch sein Ableben der einen Menschenfarm und landet womöglich sogleich in der nächsten. Womöglich sogar der gleichen, vielleicht hat sich die Farbe des Zaunes geändert, die Verwaltungsgebäude wurden aufgestockt, es gibt effektivere Melkmaschinen, die Schlachtung geschieht ein wenig dezenter. Die Welt ist immer ein Generator zur Erzeugung schlechter Gefühle gewesen, von denen sich die Götter in deren Astralwelten ernähren. Wäre der Großteil der Menschheit nur einen einzigen Tag frohen Mutes und unbeschwert, die Götter würden augenblicklich verenden. Sie benötigen unser aller Leid, unseren Hass, unsere Wut, unsere Frustration. Sie werden immer wieder dafür sorgen, dass wir zumeist niedergeschlagen, verängstigt, entmutigt sind, dass wir leiden und unentwegtes Leid verursachen.
Die Frage, die sich auftuen sollte, braucht man so eine Farm wirklich?... die wird gar nicht gestellt. Sie ist einfach da, mit der allergrößten Selbstverständlichkeit. Darauf abgerichtet, zu den Hirten, zu den Melkern und den Schlachtern ehrfürchtig hinaufzublicken, sich deren Anweisungen zu fügen, sich ihnen unterzuordnen, ihnen zuarbeiten...

Ich habe nein gesagt, ich habe die Seelenwanderschuhe vom Dachboden geholt und habe sie in einem Freudenfeuer verbrannt. Ich habe es satt gehabt, Inventar zu sein, Verfügungsmasse, Untertan… Ich hatte es satt, dass da jemand mit einer Leine kommt und diese mir anzulegen versucht, dass da sich jemand als Besitzer meines Ichs ausgibt. Ja, ich weiß, wir leben auf einer Menschenfarm, wir sind Inventar derselben, wir sind Verfügungsmasse, auch wenn dieser Status unsereins als Friede, Fortschritt, Freiheit, verkauft wird, ein Schlaraffenland mit Currywürsten von den Bäumen herabhängend und mit Bergen aus Himbeereis, sie schwätzen das Laub von den Bäumen und sie beschuldigen uns, wir hätten das gemacht alleine durch die Tatsache unserer Existenz, wir atmeten zu häufig, zu heftig und zu lange und ohne Atemberechtigungsschein. Vor allem, welche‘ Impertinenz, atmen wir selber, anstatt uns beatmen zu lassen, von einer Maschine, die uns die vorgeschriebene Ration Atemluft einflößt, die Selbstatmer sind allesamt schuldig zu sprechen, sie sind unter Kuratel zu stellen, ihnen mit sanftem oder weniger sanftem Zwang das Selbstatmen auszutreiben…

Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott nahm das Wort. Und er sprach… Myriaden von Jahrmillionen lang fügte er ein Wort an das andere. Die Ursuppe kochte, die Trilobiten erschienen und verschwanden wieder, und Gott sprach immer noch. Die Saurier beherrschten die Erde und plötzlich waren sie wieder weg… und Gott sprach immer noch. Aus irgendeinem unbedeutenden rattenähnlichen Geschöpf entwickelten sich die Affen, die Menschen und die Mäuse, die Flugzeuge, die Atomraketen und der Beschwichtigungsminister, der im Fernsehen auftritt und der verlautbart, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben...
 
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