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Shampoo

Fantastisches · Kurzgeschichten
Der Pianist Lee Chung Hsuen - seinen wahren Namen müssen wir verschweigen - war ein Faulpelz. In seiner Jugend hatte er in Amerika und sogar in Europa studiert. In gewisser Hinsicht war Lee ein Pionier. Er war als einer der ersten aus dem Ausland zurückgekehrt, um sich in seiner Heimatstadt Tainan niederzulassen, und sein Name war dort nicht unbekannt. Um nicht in Vergessenheit zu geraten, trat er sogar hin und wieder als Solist auf, wobei er jedoch stets mit denselben Salonstückchen glänzte. Im übrigen gab er ein paar Privatstunden, wenn er nicht gerade im Kaffeehaus saß.
Nun ist Tainan ja bekanntlich die Welthauptstadt der Kaffeehäuser und Frisiersalons, und in Bezug auf Faulheit war Lee dort gar nicht einmal in schlechter Gesellschaft. Wie seinerzeit im alten Wien nämlich hat ein Großteil der Bevölkerung Tainans seinen ständigen Wohnsitz im Kaffeehaus. In den letzten Jahren jedoch hatte Lee seine Liebe zum Frisiersalon entdeckt, wo er sich täglich mehrere Stunden seine Haare schamponieren ließ. Er frequentierte so zirka 80 Prozent der lokalen Etablissements, und sein Repertoire umfaßte sowohl die feinen als auch die heruntergekommenen. Eine Wolke von Shampoo-Düften umflorte das Leesche Haupt alsbald wie ein Heiligenschein, und die arme Frau Lee mußte mit zugehaltener Nase einherlaufen, wenn ihr Lee einmal zu Hause war.
"Du Idiot!" pflegte sie ihren Gatten zu ermahnen. "Das Zeug zieht doch in die Kopfhaut. Du wirst alle Haare verlieren. Dann hast Du eine Glatze, und ich lasse mich scheiden. Von mir aus kannst Du sterben!"
Nun hatte die besorgte Gemahlin des Herrn Lee gar nicht so unrecht. Das ?Zeug? fraß sich nämlich in der Tat durch die Kopfhaut. Allerdings hatte Frau Lee die Wirkung durchaus unterschätzt. Das Shampoo scherte sich einen Dreck um die Haare und sickerte vielmehr in den Leeschen Gedankensitz, so daß das Gehirn desselben zunächst von dem Zeug durchtränkt und im letzten Stadium gar in einem wahren Shampoo-Bad schwamm. Ein Wunder ist es bestimmt, daß diese Tofusuppe niemals aus den Ohren herausschwappte.
Natürlich blieb die Leesche Gedankenwelt bei einer derartigen Durchflutung nicht unberührt von drastischen Veränderungen. Sein Wesen neigte immer mehr zum Parfümierten, und sein Klavierstil erinnerte an Helena Rubinstein. Er phrasierte Chopin in Dauerwellen, während Debussy in einem wahren Pedalnebel ertrank. Lee?s Lieblingskomponisten waren jedoch fortan Fauré und Jaques Champion de Chambonnières.
Auf diese Weise entwickelte sich unser Lee zum ersten bedeutenden Frisiersalonpianisten, und es ist keineswegs verwunderlich, daß seine besondere künstlerische Atmosphäre allmählich wie ein Nervengas in die musikalische Gesellschaft drang. Die Shampoo-Wolke schien besonders verführerisch auf die Gemüter der Klavierschülerinnen zu wirken, welche in immer größeren Scharen ihrem Zentrum zuströmten. Aber auch die Herrenwelt wurde von einem wogenden Rubato erfaßt, und in allen Konservatorien schien sich ein penetrantes Parfum auszubreiten. Die Studenten trugen nur mehr "Designer" Kleidung und sprachen ein recht blumiges Mandarin, während man die Klavierlehrer bald kaum noch von den Friseuren unterscheiden konnte. Die Frisiersalons andererseits begannen, Klavierspieler zu engagieren, um ihren Kunden beim Haareschneiden etwas vorzuspielen, so daß der Unterschied zwischen Frisieren und Phrasieren ein sehr geringer wurde.
Ärzte, Rechtsanwälte und schließlich auch Büroangestellte - alle wurden von der Musikhysterie erfaßt und kauften sich teure CD-Spieler. Ja, sogar die Taxifahrer machten Karriere als Karaoke-Sänger.
Einen bedeutenden Besucherandrang konnten neben den Frisiersalons auch die Konzerthäuser verzeichnen. Wegen der entsetzlich parfümierten Luft mußte das Publikum allerdings dort eine Atemmaske tragen, und bald konnte man derartige Veranstaltungen kaum noch von einer Chirurgenkonferenz unterscheiden.
Doch was geschah mit unserem Lee Chung-Hsuen? Als meistgefragter Klavierpädagoge hatte er natürlich nun überhaupt keine Zeit mehr, sich die Haare waschen zu lassen. Dafür saß seine Gemahlin jetzt häufig im Frisiersalon. Der Lee aber hockte zu Hause vor dem Piano, und seine Haare klebten ihm ölig an der Kopfhaut. Die Shampoosuppe unter jener Kopfhaut hielt sich noch ein Weilchen dank der hohen Luftfeuchtigkeit, trocknete jedoch allmählich aus, da Lee die Klimaanlage laufen ließ. Bei der Schülernachfrage konnte er sich?s ja leisten? Sein Bregen hingegen vertrocknete mehr und mehr zu einer papiernen Masse, und wenn der Lee mit dem Kopf wackelte, was er allerdings nur selten tat, konnte man es rascheln hören wie von zerknitterten 1000-Dollarscheinen.
Die Parfumwolke - somit ihres Zentrums beraubt - konnte von der Schwerkraft der Erde nicht länger gehalten werden und verflüchtigte sich in den Weltraum. Die Luftverschmutzung auf Taiwan ließ dadurch stark nach - zum Stolz der Regierung.
Natürlich blieb die Bevölkerung von einer derartigen Klimaveränderung nicht unberührt. Jedermann war hinfort recht fleißig, die Friseure gaben in ihrer Freizeit Klavierunterricht und die Taxifahrer bildeten Sänger aus. Die Konservatorien verboten Rubato und Pedal per Gesetz. Neben dem Klavier galt das Metronom als das populärste Musikinstrument.
Die papierne Masse im Leeschen Schädel vertrocknete schließlich so vollständig, daß nur noch ein graues Pulver übrigblieb. Das rieselte dem Lee so nach und nach aus der Nase. Da er keine Zeit fand, sich zu schneuzen, rieselte es auf den Teppich, wo es die gute Frau Lee mit dem Staubsauger aufsaugte.
Seine Haare hat er jedoch nicht verloren.
 
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Kommentare  

Herzlichen Danke, Majissa, für diese klarsichtige Beobachtung. Ja, vielleicht habe ich diese Geschichte etwas zu rasch skizziert für taiwanesische Zeitungen. Ich werde Lokalkolorit sammeln, und hoffe nur, daß das letzte, noch lebendige Kolorit nicht bei dem starken Erdbeben (6,8) vor ein paar Stunden zusammengebrochen ist. Aber Kolorit ist natürlich im Auge des Betrachters und so muß ich wohl genauer beobachten. Herzlichen Gruß!

RP (31.03.2002)

In erster Linie gefällt mir "Shampoo", weil es mit viel feinsinnigem Humor geschrieben ist. Und doch hinterläßt diese Geschichte einen leichten, schwebenden, nicht wirklich greifbaren Eindruck. Wäre sie ausgefeilter, würde sie länger im Gedächtnis bleiben. Sie ist wie der Genuss eines Stück Kuchens, an das man jedoch gleich nach dem Verzehr keinen Gedanken mehr verschwendet. Und das liegt meiner Meinung nach nur an fehlendem Lokalkolorit. Was geht z. b. in einem Kaffeehaus vor? Welche Atmosphäre herrscht dort und wie riecht die Luft? Auch setzt du beim Schreiben einige Dinge voraus, die der Leser nicht wissen kann. Daß Tainan die Welthauptstadt der Kaffeehäuser und Frisiersalons ist, war mir z. B. nicht klar. Mit ein wenig mehr an taiwanesischer Atmosphäre würde "Shampoo" nachhaltige Wirkung erzeugen.

Majissa (31.03.2002)

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