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5 Seiten

Remote Control

Fantastisches · Kurzgeschichten
Eigentlich möchte ich gar nicht die Geschichte von Wang Tung-Hsiang erzählen, weil er ein so widerlicher Kerl war. Ein Musiker hatte er einst werden wollen. Doch richtig gearbeitet hatte Wang niemals in seinem Leben. Den lieben langen Tag saß er vor dem TV und trank und rauchte abwechselnd. Er lebte ausschließlich von den Einnahmen seiner Frau, einer lieben, guten, einfachen Frau, die, wenn sie nicht im Geschäft die Kunden betrog, zu Hause versuchte, den Fernseher zu übertönen, was ihr jedoch selten gelang. Ihr Gemahl, der alte Wang, war so taub wie ein chinesischer Taxifahrer, und seitdem er sich einen neuen Fernseher mit Fernbediener (remote control) angeschafft hatte, rührte er sich überhaupt nicht mehr vom Fleck. Schließlich verfaulte er derart, daß er nur noch die seichtesten Programme ertragen konnte, und so wechselte er ständig den Kanal.
Einst, als der lieben Frau Wang die Galle übergelaufen war, schrie sie: "Du Nichtsnutz, Pflanze, Stein - geh' sterben!" Doch Wang, der Nichtsnutz, schien ihre Rede zu wörtlich genommen zu haben. Er reagierte nämlich wie eine Pflanze oder ein Stein - nur, daß er natürlich nicht starb. So platzierte sich die verzweifelte Gattin vor den Bildschirm, und zwar genau so, daß ihre weibliche Rundung den letzteren völlig verdeckte, und schrie in ihrem schönsten Diskant: "Scheiden! Scheiden! Ich lasse mich sofort scheiden!" Doch Wang, der offensichtlich schon nicht mehr zwischen Realität und Film unterscheiden konnte, drückte nur in einer Reflexbewegung auf den ?Power?-Knopf seiner Fernbedienung, und - siehe da - die liebe Frau Wang verschwand sofort, spurlos und ohne alle weiteren Umstände.
?Ei, verdammt!? dachte Wang höchst erfreut. ?So bin ich den alten Drachen endlich los!? Er drückte noch einmal auf Power, um sich zu vergewissern, daß seine Geliebte nicht etwa wieder erscheinen möchte - doch die Frau Wang war dahin.
Ihre Energie und geistige Regsamkeit hingegen schienen sich auf metaphysische Weise auf den alten Wang übertragen zu haben, denn dieser unternahm etwas, daß er schon seit Jahren nicht mehr gewagt hatte - er stand auf. Seine Absicht war es, das Fenster zu öffnen, und auf der Straße gleich ein paar Leute versuchsweise abzuschalten. Doch hatte man in letzter Zeit genau vor seinem Fenster einen neuen Wolkenkratzer in die Höhe gezogen; eine Tatsache, die Wang natürlich noch nicht bemerkt hatte; und die Aussicht auf die Straße war bis auf weiteres versperrt. Wieder drückte Wang Tung-Hsiang auf den PowerKnopf seiner Fernbedienung, diesmal natürlich schon absichtsvoller und mit Berechnung, aber der Betonklotz bewegte sich nicht von der Stelle. Ein Hochhaus war ja auch schließlich etwas Solideres als die gute Frau Wang.
Auch der Versuch, weitere Gegenstände in der Wohnung abzuschalten, mißlang kläglich, und so mußte sich der alte Wang wohl oder übel mit dem Fernbediener in der Hand auf die Straße bequemen. Doch empfand er diesmal nicht jenen Widerwillen, jene Übelkeit, die ihn stets bei der Begegnung mit wirklichen Menschen überkam. Durch seinen Fernbediener fühlte er nun die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. Ja, er spürte sogar einen gewissen Wunsch, sich bald mit vielen seiner Mitmenschen in Beziehung zu setzen. Das Leben schien also eine Art Film zu sein.
Doch in diesem Moment war Wang bereits im Foyer seines Wohnhotels angelangt. Der Portier räkelte sich, wie gewöhnlich, auf seinem schmierigen Stuhl hinter seiner schmierigen Theke. Er verbarg sich in einer Wolke aus stinkendem Zigarettenqualm und grüßte Wang nicht, was wohl daran lag, daß er unentwegt auf den Bildschirm seines schmierigen Fernsehers starrte.
"Sie sollten einmal das Programm wechseln", sagte Wang Tung-Hsiang und schaltete den Portier kurzerhand ab, so daß nur noch die stinkende Zigarettenwolke über dem schmierigen Stuhl schwebte. ?Ei, verdammt!? dachte der alte Wang und trat auf die Straße. Er befand sich unmittelbar in einer lärmenden, drängelnden Menschenmenge, die sich in verschiedene Richtungen durch eine noch viel lärmendere und drängelndere Menge von zerbeulten Autos und verdreckten Motorrädern wühlte. Die heißfeuchte Luft war geschwängert von Autoabgasen, verwesenden Abfällen sowie allerlei Speisen, welche an jeder Straßenecke feilgeboten wurden.
?Ein wenig frische Luft würde mir gut tun.? dachte Wang und schaltete eine Gruppe von Personen ab, die ihm den Weg versperrt hatte. Er bahnte sich so geschickt einen Weg zum gegenüberliegenden Postamt, wobei er hin und wieder das Straßenbild ein wenig auflockerte. Gewöhnlich hatte ihn nämlich seine liebe Frau zu diesem Postamt geschickt, als Wang noch hinauszugehen pflegte, und er erinnerte sich immer gern der netten und zuvorkommenden Art jener Postbeamten. So herrschte auch an diesem Tag im Postamt eine allgemein entspannte und freundliche Atmosphäre. Personen von solch idyllischer Gelassenheit findet man sonst nur noch am ?Transfer Desk? im Flughafen zu Hongkong. Wang hielt sich nicht länger in der Vorhalle auf, sondern ging unverzüglich zum zweiten Stock, wo für gewöhnlich die Geldschalter eingerichtet waren.
Die Postbeamten, fast ausnahmslos Damen, agierten hinter schäbig angestrichenen Eisengittern, während ein paar ölig schmierige Ventilatoren, die von einer noch schmierigeren Decke hingen, die stickige Luft im Saal verteilten. Das Summen ihrer Motoren mischte sich mit dem Gebrabbel der verschwitzten Menschen zu einem endlosen Rauschen. Während sich der alte Wang sonst immer ein paar Stündchen in dieser netten Atmosphäre zu drängeln pflegte, gelang es ihm diesmal, sich sofort einen direkten Weg zum Schalter zu bahnen. Die Postbeamtin jedoch schien eine derart enge Bekannte von Wang Tung-Hsiang zu sein, daß so etwas wie eine Begrüßung wohl als zu formell hätte empfunden werden müssen. Jedenfalls würdigte sie Wang keines Blickes, sondern fuchtelte nur mit einem Bündel von Geldscheinen in der stickigen Luft herum, wobei sie unentwegt eine bestimmte Nummer leise vor sich hin murmelte. "Geben Sie schon her!" rief Wang und riß der Dame die Geldscheine aus der Hand, bevor er sie abschaltete. Einem Herren, der steif und fest behauptete, die aufgerufene Nummer sei die seinige gewesen, empfahl Wang, jene Dame zu sprechen, und schickte ihn hinterher.
Der Rückweg auf die Straße verlief zum Glück ebenso glatt wie der Hinweg. ?Dies Kleingeld wird mir bei meinen weiteren Aktionen von Nutzen sein.? dachte Wang sehr zufrieden und winkte ein Taxi heran. Er ersparte dem Taxifahrer, einem kultivierten älteren Herren, die unnütze Mühe des Fahrens und setzte sich gleich selbst hinter das Steuer. Jedoch erwies sich die Auflockerung des Straßenverkehrs als erheblich schwieriger, denn obwohl sich die Insassen der Autos leicht manipulieren ließen, so war es Wang doch unmöglich, die Fahrzeuge selbst zu kontrollieren. So kam es leider zu einigen bedauerlichen Verkehrsunfällen, die jedoch das allgemeine Straßenbild zum Glück nicht weiter beeinträchtigten. Allerdings ließ es sich nicht vermeiden, daß Wangs Taxi bald in einem Verkehrsstau zum Stillstand kam, und zwar ganz zufällig vor der XY Universität, an der Wang vor langer Zeit einst zwei Semester Musik studiert hatte. ?Hier sollte ich doch einmal nach dem Rechten sehen.? dachte Wang unwillkürlich und verließ das Taxi.
Zum Glück fand sich Wang noch gut zurecht in dem verkommenen roten Backsteingebäude. Wenn es eine Sache gab, die der alte Wang haßte, so war dies das Klavierüben. (Wie 99,9% aller Klavierspielenden, so war auch Wang damals von seiner Mutter ans Klavier gezwungen worden.) Bereits in den Korridoren der Musikabteilung konnte man das widerliche Geklimper von allen Seiten hören. Aber diesmal war es in der Tat Musik für Wangs Ohren. Er ging zunächst langsam die Flure auf und ab und schaute sich die Klavier übenden Studenten in den Übezellen an. Wie in den meisten Musikabteilungen, so hatten auch die Türen der XY Universität Glasfenster, durch welche man die Übenden wie feilgebotene Waren betrachten konnte.
Doch schon nach kurzer Zeit konnte sich Wang nicht mehr beherrschen. Seine juckenden Finger sehnten sich allerdings weniger nach einer Klaviatur als vielmehr nach seinem Fernbediener. Ein Mädchen, welches mit spitzen Fingern die Es-Dur Tonleiter auf und ab stümperte, war das erste Opfer. Doch unterlief dem alten Wang ein peinliches Mißgeschick. Die Studentin verschwand nur teilweise, oder - um es wissenschaftlicher darzustellen - : Nur ihr Kopf verschwand, während der restliche Körper noch unbekümmert dasaß und weiter übte. Obwohl dies nun sicher kein großer Verlust für einen Pianisten ist, so fühlte sich Wang doch durch solch eine Reaktion empfindlich gekränkt. ?Das Gerät ist überfordert, die Batterien müssen sich verbraucht haben.? dachte er und beschloß, unverzüglich einen Elektroladen aufzusuchen.
Es war sicher nicht ratsam, zu viele kopflose Personen zu erzeugen. Schließlich hätte jemand diesen Verlust erkannt und Wang haftbar gemacht. Das gänzliche Verschwinden von Personen hingegen ist viel sauberer und weit weniger auffällig. Ein etwaiger Bevölkerungsrückgang wird ja ohnedies durch die hohe Geburtsrate rasch ausgeglichen. Klavierschüler jedoch verschwinden nicht so ohne weiteres.
Aber nun hatte Wang einen entsprechenden Laden erreicht. Der Verkäufer hielt sich an die allgemeine Sitte und grüßte Wang nicht. "Die Batterien sind gut, aber das Gerät ist defekt", sagte er, "sehen Sie?", und richtete den Fernbediener direkt auf den entsetzten alten Wang.

(Zum Glück jedoch drückte er nicht auf Power sondern nur auf ?Rewind?, und so saß Wang wieder zu Hause vor dem Fernseher, während seine liebe Frau neben ihm versuchte, das Gerät zu übertönen.)
 
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