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3 Seiten

Alla Fugato

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Ich bin Geschäftsmann von Beruf. Mein Name ist von geringer Bedeutung. Hinzufügen ließe sich noch, daß ich aus dem Braunschweigischen stamme. Aber nichts verbindet mich eigentlich mehr mit jenem trüben Landstrich, der sich doch meist nur unter einer dichten Wolkendecke verbirgt. Und obwohl ich im Jahr gewiß vier- oder fünfmal darüber hinwegfliege, so halte ich es doch selten der Mühe wert, aus dem Fenster zu schauen. Ohnehin bevorzuge ich "Aisle Seats".
Seit frühester Kindheit hatte ich einen ausgeprägten Hang zum Reisen und hielt es mit jenem geflügelten Wort aus dem "Plisch und Plum" von Wilhelm Busch: "Schön ist es auch anderswo - und hier bin ich sowieso!" Immer fand ich die andere Seite der Welt attraktiver, und so war es auch das Reisen, das mich im wesentlichen am Beruf des Geschäftsmanns interessierte. Dabei war es merkwürdigerweise weniger der Bestimmungsort als vielmehr der Akt des Reisens selbst, der Wechsel des Ortes, der mich im Bann hielt. "See you in Hongkong tomorrow!" Wer würde nicht für diesen einen Satz gern alle Strapazen des Reisens auf sich nehmen.
Wie nun der Raucher, zunächst eine Packung pro Tag rauchend, allmählich zwei und sogar drei Packungen rauchen muß, um den Genuß nicht zu verlieren, so vermehrte sich auch die Anzahl meiner jährlichen Reisen in ganz unheimlichem Maß. Siebenundzwanzigmal flog ich allein nach Caracas im letzten Jahr, achtzehnmal nach Singapore (ganz zu schweigen von Tokyo oder New York). Man weiß, daß dem Kettenraucher die Hand zittert, wenn sie zufällig keine Zigarette hält. Ich hingegen fühlte mich nur wohl in der Luft, der Pariser Metro oder einem Taxi in Taipei. Eine ganz grauenvolle Unrast befiel mich, wenn ich mich nicht fortbewegte, und jeder Ort schien ein trostloses Zuchthaus, war ich einmal gezwungen, länger als zwanzig Minuten zu verweilen.
Alle meine Therapeuten hatten mir dringend geraten, ein Ferienjahr einzuschalten. Einige von ihnen hatten mir sogar die schlimmsten Folgen prophezeit. Von meiner Frau wäre ich längst geschieden, hätte ich nur die Zeit dazu gehabt.
Trotzdem! Man kennt den "Geist des Bösen", wie er so treffend bei Edgar Allan Poe beschrieben ist. Ein gewisser Hang zum Verderben war auch sicherlich mir eigen. Und so hatte ich aus reiner Bosheit noch zehn zusätzliche Flüge nach Korea zu meinem diesjährigen Pensum himzugefügt, obwohl es theoretisch gar keine Zeit mehr hätte geben sollen.
Bei dieser Entwicklung der Dinge ist es eigentlich eher verwunderlich, daß sich nicht schon früher ereignete, was mir dann endlich am 9. 4. bei meiner Ankunft auf dem Kimpo Airport widerfuhr: Beim Eintritt in die VIP-Lounge stieß ich mit einem Mann meiner Größe zusammen. Er hatte auch durchaus den gleichen Anzug an wie ich, besaß denselben Attaché-Case und war überhaupt bei näherer Betrachtung kein anderer als ich selbst - bereits wieder bei der Abreise.
Obwohl ich nun unter anderen Umständen gewiß achtlos an mir vorbeigerannt wäre, so fand ich doch, daß solche Vorfälle bei First Class Passengers, und besonders auch in der VIP-Lounge des Kimpo Airports, nicht passieren dürften und beschloß kurzerhand, mich zu beschweren.
Man schickte mich zuerst zur Gepäckaufgabe, von dort zur Direktion und schließlich zur Fluggesellschaft, wo man mir versicherte, daß ich mich bereits seit siebzehn Minuten auf dem Weiterfluge nach Mauritius befände. Auf den Hinweis, daß ich es doch selbst sei, der fragte, und folglich hier sein müsse, wurde mir entgegnet, daß sich der Computer in 30 Millionen Jahren nur 0,4mal irren würde, ich folglich also nicht mehr hier sei sondern - nach nun bereits achtzehn Minuten - auf dem Wege nach Mauritius.
Was blieb mir nun anderes übrig, als ein Ticket nach Mauritius zu kaufen und mir mit anderthalbstündiger Verspätung nachzufliegen? (Ich überlebte die zweiundsiebzig Minuten auf dem Kimpo Airport nur dadurch, daß ich ständig die Rolltreppe zur Waiting Lounge hinan- und hinabfuhr.)
Bei der Ankunft in Pt. Louis erkundigte ich mich sofort nach meinem Befinden. Wer jedoch kann sich mein Entsetzen vorstellen, als mir mitgeteilt wurde, daß ich bereits zur Expo nach Vancouver weitergereist sei.
Was soll ich weitererzählen davon, wie ich mir von Ort zu Ort nachjagte, ohne mich je wieder zu erreichen. Schweigen will ich davon, wie wir "alla fugato", möchte man sagen, mehrmals den Globus umzirkelten. Nur Langeweile würde ich ernten, berichtete ich davon, wie ich mich noch zwei weitere male spaltete und als drittes und sogar viertes Thema das Gewebe ins Unendliche verwickelte. In Rio gab es ein Zwischenspiel, und in Mexico City kam es wegen der dortigen Verkehrsstauungen zu einer Engführung, bei der ich mich fast wieder eingeholt hätte.
Endlich jedoch riet mir mein Therapeut in Reykjavik, mich nicht länger zu verfolgen, da dies nur ein unendliches accelerando bewirken könne. Ich solle mich stattdessen ganz passiv verhalten und von meinen anderen Ichs einholen lassen.
Ich begab mich also im Krebsgang zurück zum Kimpo Airport und wollte bangen Herzens die VIP-Lounge aufsuchen. Da erfuhr ich denn, daß der Kimpo Airport wegen der bevorstehenden Sommerolympiade völlig umgebaut sei. Düsterste Vorahnungen befielen mich, die sich nur allzu bald durch den niemals irrenden Computer der Fluggesellschaft aufs Grauenvollste bestätigten: Ich war bereits abgereist, ohne überhaupt angekommen zu sein!
So bin ich denn verloren! Nie werde ich mich wieder einholen können. Ich tippe diese Zeilen in meinen Notebook Computer, während ich hier nun stehe, auf der neu renovierten Rolltreppe des Kimpo Airports; dieser Rolltreppe, die ich in alle Ewigkeit auf- und abfahren muß.
 
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Kommentare  

Hm. Ich bin immer noch am Überlegen, was die Geschichte aussagen soll. Reisewut, wie ein Laster? Wie das Rauchen, genauso schlimm, wie beschrieben? Doch dann geht alles sehr schnell. Die Jagd nach dem eigenen Ich, um irgendwann auf einer Rolltreppe im Nirgendwo zu enden.... das gibt zu denken. Ich hege den Verdacht, dass hier das Problem "Sucht" näher unter die Lupe genommen wurde und dies auch deutlich dargestellt wurde, dass Sucht nur dazu führt, auf der Stelle zu treten. Guter Denkanstoss, gelungen!
[Sabine Buchmann]



Jurorenkommentare (03.05.2002)

Die andere Seite der Welt...die skurrile, die surrealistische Seite der Welt. Nicht leicht verdaulich. Man verrenkt sich das Gehirn dabei. Auch hier, wie bei HPW das Möbiusband...irgendwie cool, die Story.

Stefan Steinmetz (13.04.2002)

he, gute idee, klasse umgesetzt,
ja, ja- die rolltreppe unseres lebens, wer kennt das nicht
super


s (13.04.2002)

Cool !

Lord B. (06.04.2002)

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