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4 Seiten

Was bleibt?

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Unter der alten betagten Buche saß ein genauso betagter Mann. In seinen vom Leben gezeichneten faltigen Händen hielt er einen Stift und ein leeres Blatt Papier. „Was bleibt?“, fragte er sich.

Die Sonnenstrahlen glitzerten auf dem kleinen See. In der Luft schwirrten Mücken und die Enten tanzten auf dem Wasser ihren unablässigen Tanz. Sie saß auf der alten Bank, auf der sich im Laufe der Zeit Jugendliche mit ihren Initialen verewigt hatten. Aber was war für ewig? Was blieb, wenn man nicht mehr hier war? Buchstaben eingeritzt in einem Stück Holz? Sie sah zum See auf dem gerade wieder eine dieser Enten eine perfekte Wasserlandung hinlegte. Es war ein wunderschöner sonniger Morgen, die Luft noch klar und frisch und um sie herum nur Ruhe. Da waren nur der See, die Maisfelder, der Wald zu ihrer Rechten und zum Glück noch keine Spaziergänger mit Hund und es waren auch noch keine Fitnessfreaks in ihren teuren Laufklamotten und mit Smartwatch am Arm zu sehen.
Warum machte sie sich solche Gedanken? In ihrem Leben war gerade alles perfekt und alles lief bestens aber vielleicht war gerade das der Punkt. Es lief zu gut und in ihr war immer diese Angst, die Angst, dass alles wieder schlecht laufen würde, dass ein Unglück ihr wieder alles nehmen könnte.
Sie stand auf und schüttelte den Kopf. Los geh eine Runde und vergiss diese ganzen dummen Gedanken. Langsam ging sie am Ufer des Sees entlang. Über einen Weg über den schon so viele Menschen gegangen waren. Wie viele Jahre gab es diesen Weg schon? Und woher kam eigentlich dieser Name? Engelgrund! Die Gedanken in ihrem Kopf gaben einfach keine Ruhe und trotzdem fühlte sie sich wohl. Die Gedanken waren nicht deprimierend oder schlecht. Sie waren einfach da und vielleicht war das auch gut so. Dann kam doch der erste Fitnessfreak. Mit einem lauten Hecheln flog er an ihr vorbei und nickte ihr verkrampft zu. Innerlich musste sie lächeln. Sie drehte sich mit einem Grinsen im Gesicht nach dem Läufer um, und in diesem Moment glitzerten die Sonnenstrahlen über etwas am Rand des Weges. Hier stand früher eine Bank unter einer alten Buche. Der Platz war zugewachsen und die Bank existierte schon seit Jahren nicht mehr. Sie trat in das hohe Gras und bückte sich.
Unter dem Grün war etwas und immer wenn die Sonne durch die Blätter der Buche blitzte, blitzte es auch auf dem Boden auf. Sie schob das Gras zur Seite und sah eine Holzschatulle mit silbernem Beschlag halb aus der Erde ragen. Das Grinsen in ihrem Gesicht war von einem verblüfften Ausdruck abgelöst worden, ohne dass sie das wirklich wahrgenommen hätte. Sie rüttelte an der kleinen Holzbox und grub sie mit ihren Händen aus. „Was war das?“, schoss es durch ihren Kopf. Dann hielt sie die kleine Schatulle in den Händen und ging langsam zurück zu ihrer Bank. Sie wischte die Erde und den Dreck von dem alten verwitterten Holz. Als sie wieder saß, atmete sie tief durch und drückte auf den silbernen Beschlag - spürte wie etwas einrastete und der Deckel sich löste. Sie zog ihn auf und im Innern fand sie etwas, das in Plastikfolie eingepackt war. Behutsam nahm sie es aus der Kiste und wickelte die Folie auseinander. Sie fand einen Brief und einen Ring.

„Hey Du und Hallo Anja, Hallo Schatz, Hallo Frau,
Ich sitze hier auf unserer alten Bank am Engelgrund und denke an Dich. Wie oft haben wir hier zusammen gesessen und einfach nur die Ruhe genossen. Früher haben wir über die kleine Maus gelacht, haben die Enten gefüttert und mit dem Handy Fotos gemacht. Dann wurde unserer Tochter größer und wir gingen einfach nur hierher um Zeit für uns zu haben. Ich liebe dich immer noch von ganzem Herzen. Du bist mein Mädchen. Du bist mein Leben. Du bist der Grund warum ich lächle. Du bist der Grund warum ich glücklich bin und manchmal bist du auch der Grund, warum ich Sorgen habe oder mir Gedanken mache. Du bist der Grund, wenn mein Herz vor Glück einfach einen Schlag überspringt. Ich habe dich immer gerne beobachtet. Deinen Gang, deine langen Haare, die du viel zu selten offen getragen hast. Die kleinen Grübchen um deinen Mund, deine grünen Augen, in denen ich so oft Glück, manchmal Angst und manchmal Tränen gesehen habe. Du hast mir immer meinen Kopf verdreht und ich war verrückt nach dir. Ich kann dich immer noch schmecken und riechen. Kann immer noch deinen Kopf an meiner Schulter spüren, deine sanften und manchmal zaghaften Berührungen – kann immer noch das Glitzern in deinen Augen sehen. Ich höre immer noch deine Stimme in meinen Kopf und habe so viele Erinnerungen in mir, die gerade aus mir herausplatzen wollen - die Geburt unserer Tochter, deine Tränen bei der Einschulung, dein Lachen wenn sie Unsinn machte, deine Gefühlswelt wenn sie etwas sagte, das traurig war oder mitfühlend. Deine Augen als du Ja sagtest und dein Leuchten, das dich an diesem Tag umgab. Es gibt so viel Schönes. So viele Plätze, die ich mit uns verbinde. Unser gemeinsames Essen, dein Schlingen und Wein trinken an meinem Fenster. Ich habe dir so viele Liebesbriefe geschrieben. Manchmal waren es auch Rechtfertigungen und manchmal Entschuldigungen. Wir haben unsere Kämpfe ausgefochten und hatten Streit und doch waren wir auch dann immer füreinander da. Wir gingen unseren eigenen Weg, der steinig war und haben uns nie wirklich verloren. Wir hatten immer Zeit für uns, egal wie schnell die Welt sich um uns herum weiterdrehte. Dann stand die Zeit einfach still und es gab nur mich und dich.
Was bleibt von uns? Unsere Liebe, unsere Tochter, viele schöne Gedanken. Das Lächeln, die Gefühle die nie enden werden. Fußabdrücke im Staub der Erde. Abdrücke, Hinterlassenschaften im Lauf der Welt- im Lauf der Zeit. Wir waren hier, wir waren glücklich. Wir werden gehen und vielleicht hat die Sonne da oben uns ab und zu bemerkt und ein Auge auf uns geworfen. Vielleicht wird auch sie sich an uns erinnern, wie wir Händchen haltend unter ihr hergingen. Für einen kurzen Wimpernschlag ein Teil des Ganzen waren und doch werden wir vergehen. Mein Lächeln bleibt und meine Erinnerungen bleiben noch für kurze Zeit. Ich sehe immer noch dein entspanntes und dankbares Gesicht, als du deine wunderschönen Augen für immer geschlossen hast. Wir waren hier und werden irgendwie immer hier sein. Ich bin immer noch glücklich und werde meine letzten Tage hier dankbar und zufrieden verbringen und dann werde ich wieder bei dir sein. Für Immer. Werde dich in die Arme schließen und werde dich halten – werde zurückkommen – ankommen – wieder an deiner Seite sein.
Ich werde dich immer lieben. Dein Mann, dein Daniel“

Sie sah von dem Brief auf. Sah zum See und dann zur Sonne. Hatte die Sonne da oben, sie auch bemerkt, sie und ihr Leben wahrgenommen? Sie wusste es nicht. Spielte es eine Rolle?
„Anja und Daniel“, spukte es durch ihren Kopf. Was für ein Liebesbrief für eine Frau, die schon gegangen war und einem Mann, der seine Spuren hier hinterlassen hatte. Seine Gedanken an sie und die Welt. „Ob es diese Tochter noch gab?“, fragte sie sich selbst. Sie musste es herausfinden und sie finden.

Drei Monate später saß eine ältere immer noch hübsche Frau in ihrem Garten. Mit den grünen Augen ihrer Mutter las sie den Brief ihres Vaters und in den zittrigen Händen hielt sie den Verlobungsring, den ihr Vater vor so vielen Jahren ihrer Mutter an den Finger gesteckt hatte und sie fragte, ob sie seine Frau werden möchte. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht als sie aufstand. Sie ging zu ihrem Mann. „Lass uns eine Runde spazieren gehen oben am Engelgrund.“ Er nahm ihr Gesicht zärtlich zwischen seine großen Hände und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. „Na dann los“!
Die Sonne schien golden vom Herbsthimmel, als sie Händchen haltend ihre Runde gingen und manches sahen sie jetzt mit anderen Augen. Was bleibt? Jeder stellt sich wohl früher oder später diese Frage. Es bleibt sehr viel! Manchmal nur Gedanken. Manchmal Briefe und manchmal einfach nur Erinnerungen, die im Lauf der Welt immer weiter verblassten. Auch sie und ihre Familie würden Spuren hinterlassen, würden ihre Abdrücke im Staub der Erde hinterlassen und im Lauf der Welt und vielleicht auch einen Brief schreiben, wenn es soweit war…
 
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