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9 Seiten

Mortal Sin 2001- Ripping My Heart

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Furcht begegnet man, indem man sie durch Mut zerstört.
- James F. Bell


Kaum hatte sie ein paar Schritte hinaus gemacht, da glaubte sie vor eine Wand zu laufen. Die Kälte, die draußen herrschte und ihr entgegenschlug, überraschte sie und bescherte ihr eine Gänsehaut. Das Einatmen der eisigen Luft tat ihr unfassbar weh und ließ ihren Brustkorb höllisch brennen. Vermutlich leisteten ihre gebrochenen Rippen dazu noch ihren Beitrag. Mein Gott, wie konnten die Temperaturen dermaßen schnell und extrem in den Keller rutschen?
Instinktiv schlug sie ihre Arme um ihren Oberkörper um sich zu wärmen, dabei war ihr bewusst, dass dies nichts nützen würde. Ihre Zähne begannen zu klappern und ihre nackten Füße verwandelten sich in taube Klumpen, die sie nicht mehr spüren konnte. Innerlich verfluchte sie sich, weil sie ihre Schuhe nicht mitgenommen hatte. Schnell verflogen jedoch ihre Selbstvorwürfe, da ihre Flucht vor ihrem Kollegen Navarro Henstridge Vorrang gehabt hatte. Wer weiß was er ihr sonst noch alles angetan hätte, wenn sie in seiner Wohnung geblieben wäre. Bei diesem Gedanken durchfuhr ein heftiges Zittern ihren kleinen schmalen Körper, das nicht von der Kälte herrührte. Sie wollte von diesem Ort nur noch so schnell und so weit weg wie nur möglich, denn wenn sie…
Ihr Gedankengang brach ab als plötzlich, wie aus dem Nichts, eine Hand hervorgeschossen kam und sie fest am rechten Oberarm packte. Panisch wandte sie ihren Kopf zur Seite und erschrak. Als sie die Person neben sich erkannte entfuhr ihr ein erstickender Schrei, ehe sich ihr die Kehle zuschnürte.
„Du willst gehen ohne dich zu verabschieden, McDermott?“, raunte Navarro ihr zornig ins Ohr und bohrte seine Finger schmerzhaft in ihr Fleisch. Die Blondine versteifte sich augenblicklich.
„Das ist aber wirklich unhöflich.“ Seine Gesichtsmuskulatur stand unter extremer Spannung und wirkte dadurch wie eine merkwürdig verzerrte Maske. Die enorme Angst vor dem Lang-haarigen lähmte sie, sodass sie kein einziges Wort herausbrachte. Stattdessen glotzte sie ihn flehend aus weit aufgerissenen Augen an, als könne sie ihn dadurch auf stille Weise dazu bringen sie loszulassen und ihr die Freiheit zu schenken.
Aber natürlich zeigte ihr Gegenüber keine Gnade, ganz im Gegenteil. Grobschlächtig umfass-te er sie und übte dabei einen gewaltigen Druck auf ihren Brustkorb aus, der ihr die Tränen in die Augen trieb.
„Lass…mich…los“, presste Emilia unter Anstrengung und mit der wenigen Luft, die sie nur hatte, hervor, und wand sich in seinem stahlharten Griff. Navarro lachte nur grausam neben ihrem rechten Ohr und amüsierte sich köstlich über ihre verzweifelten Versuche ihn loszuwerden.
„Das kannst du vergessen, Miststück. Ich lasse dich nicht entkommen“, entgegnete er schroff, bevor er sie am Handgelenk fasste und hinter sich herzerrte, um sie zurück in seine Wohnung zu bringen. Dies rüttelte die blonde Killerin endgültig wach und so begann sie mit ihrer freien Hand und ganzen Kraft, die sie aufbringen konnte, unentwegt auf ihn einzuschlagen. Sie war wie im Wahn als sie das frische Blut sah, das aus seiner Nase und einer Platzwunde über dem linken Auge floss. Hoffnung flammte in ihr auf, denn sie spürte, wie sich sein Griff um ihr Handgelenk lockerte. Diese vermutlich einzige Chance nutzte sie und riss sich los. Übereilt machte sie auf dem Absatz kehrt und rannte los, jedoch kam sie nicht weit.
Ein harter Schlag traf sie am Kopf und beförderte sie auf den harten, eiskalten Asphalt. Vor ihren Augen verschwamm die Umgebung was ihr völlig die Orientierung nahm, während ein qualvoller Schmerz gegen ihre Schläfen pochte. Emilia wimmerte leise ehe es dunkel um sie herum wurde.

Sie befand sich in einer Art Delirium, in dem sie ein gleißendes Licht sah und sich schwerelos fühlte. Sie hätte glücklich und zufrieden sein können, wenn die Realität nicht wie ein Hammerschlag auf sie heruntergeschnellt wäre.
Von einer Sekunde auf die andere explodierten in ihrem Schädel und Brustkorb unerträgliche Schmerzen, die sie leidvoll aufstöhnen und sich winden ließen. Emilia McDermott öffnete abrupt die Augen und brauchte einen kurzen Moment um herauszufinden, wo sie war. Am liebsten hätte sie vor Verzweiflung und Wut laut aufgeschrien.
Sie war wieder in Navarros Wohnzimmer, wo sie auf dem nackten staubigen Fußboden lag. Die Blondine war allein, daher beschloss sie trotz ihrer Qualen erneut die Flucht zu ergreifen und hoffentlich erfolgreicher zu sein als beim letzten Mal. Sie biss die Zähne zusammen, rappelte sich auf und lief kurzerhand los.
Keine Sekunde später drang allerdings ein metallisches Klackern an ihre Ohren und sie spürte etwas Hartes um ihr linkes Fußgelenk, das ihr ins Fleisch schnitt und sie zurückwarf, sodass sie stürzte und hart aufkam. Mit einem Mal wurde die Luft aus ihren Lungen gepresst und nach ihrem Gefühl zerbersteten ihre gesamten Rippen. Sie hätte niemals geglaubt, dass ihre Schmerzen noch schlimmer werden könnten, doch da irrte sie sich gewaltig. Emilias gesamter Körper fühlte sich taub und unglaublich schwer an, als würde er nicht mehr zu ihr gehören. Ihr Blick verklärte sich zunehmend und so stellte sie sich unweigerlich die Frage, ob sie starb.
Fühlte sich der Tod wirklich so an? Ging es den Menschen genauso, die sie und ihre Kollegen töteten? Wie…
Plumpe schwere Schritte ließen sie plötzlich aufhorchen und aus dem merkwürdigen Zustand der physischen und psychischen Schwere ausbrechen. Ihr wurde schlagartig klar, dass ihr Leben nicht am seidenen Faden hing da sie sekündlich in die Realität zurückkehrte und feststellen musste, dass die Schritte stetig näher kamen.
Es war Navarro Henstridge. Er war hier, was ihren Puls beschleunigte und sie erneut den Entschluss einer Flucht fassen ließ. Doch bevor sie ein zweites Mal den Fehler beging einfach loszurennen, schaute sie an sich herunter und bekam einen heftigen Schock. Um ihr linkes Fußgelenk befanden sich Handschellen, mit denen sie am Heizkörper direkt neben sich gekettet war. Was zum Teufel…?
Ungläubig umfasste sie das unnachgiebige Metall, das bereits eine tiefe blutende Wunde bei ihr hinterlassen hatte, und rüttelte wie eine Wahnsinnige daran. Emilia McDermott fühlte sich wie in einem schlechten Horrorfilm und wusste nicht, ob sie über ihre ausweglose Situation eher weinen oder lachen sollte. Während sie um ihre Freiheit kämpfte, hatte sie das Gefühl ihren Körper zu verlassen und auf sich selbst herunterzublicken. Die Blondine musste dabei zusehen, wie sie kläglich versagte und ihre letzten Kräfte hergab die sie eigentlich brauchte, um gegen ihren Kollegen zu bestehen.
Aber wie sollte sie das überhaupt schaffen? Sie war gefangen und ihm hilflos ausgeliefert. Sie hatte keine Chance. Diese niederschmetternde Erkenntnis traf sie wie ein Schlag und ließ sie nur noch hektischer und verzweifelter an den verdammten Handschellen herumzerren. Wie jämmerlich und erbärmlich musste sie aussehen!
„Du bist ja wach, Süße“, erklang Navarros tiefe Stimme, die sie augenblicklich nach oben schauen ließ. Er stand einen guten halben Meter von ihr entfernt und hatte ein schmieriges Grinsen auf den Lippen, das sie ihm am liebsten aus dem Gesicht gehauen hätte.
„Was soll das, hm?“, brüllte sie ihm wutentbrannt entgegen und deutete demonstrativ auf die Handschellen. Bei seinem Anblick waren ihre Angst und Panik verschwunden und hatten flammendem Hass Platz gemacht, der sie völlig einnahm. Ihr Kollege hatte sie bewusstlos geschlagen, in seine Wohnung verschleppt und festgekettet wie einen Hund. Ihr Zorn kochte immer weiter hoch und verdrängte ihre körperlichen Schmerzen. Wild geworden fletschte sie die Zähne, als sein Grinsen auf ihre Frage hin nur noch ein Stückchen breiter und widerwärtiger wurde.
„Es tut mir leid, aber ich hatte keine andere Wahl, McDermott. Schließlich bist du mir weggelaufen“, rechtfertigte er sich und behandelte sie tatsächlich wie einen entlaufenen Hund.
„Ich kann nicht zulassen, dass du das noch einmal tust. Ich muss dich immerhin noch für dein Versagen bei unserem Auftrag bestrafen.“ Seine Miene verdüsterte sich, als habe sich plötzlich ein Schatten über sein Gesicht gelegt.
„Und deine Angriffe auf mich nicht zu vergessen.“ In diesem Moment kam er einen Schritt auf sie zu und wirkte dabei riesengroß und bedrohlich wie ein Despot, der seine Macht demonstrierte.
Zuerst kam die Furcht vor ihm zurück, doch nur einen Augenblick später überfielen sie erneut heftige Wellen des Hasses und der Abscheu, die sie zum Beben brachten.
„William ist der einzige, der das Recht hat darüber zu entscheiden wie er seine Mitarbeiter für Fehler bestraft und kein anderer“, stellte sie überdeutlich klar. „Aus diesem Grund können Massey und du ihm Bericht über mein Verhalten und Versagen erstatten. Ich werde mich ihm und meiner gerechten Strafe stellen.“ Nach ihrer Aussage glotzte Navarro sie ungläubig, ja beinahe fassungslos an, da er nicht mit solch einer Antwort gerechnet hatte. Die Blondine konnte in seinem Gesicht den Kampf erkennen, den er mit sich selbst ausfochte, da er nicht wusste was er tun sollte.
Auf der einen Seite standen der Respekt vor seinem Boss und die Angst, sich ungeniert in dessen Angelegenheiten einzumischen. Auf der anderen Seite hingegen waren seine Wut auf sie und die Lust auf Rache vorherrschend. Minutenlang sah sie es hinter seiner Stirn rattern, bis er sich vor sie hockte und ihren intensiven Blick entgegnete. Die Kälte in seinen braunen Augen erschreckte die junge Frau und zeigte ihr, welche Seite stärker gewesen war und den Sieg errungen hatte.
„Deine Einstellung ist sehr löblich und loyal, Süße. William wäre sicher sehr stolz auf dich“, sagte er mit einer Stimme, die vor Hohn nur so triefte. „Aber dein Versuch mich davon abzuhalten dich zu bestrafen, funktioniert nicht.“ Daraufhin umfasste er mit einer Hand ihr Kinn und kam ihr ganz nahe. Emilia stieg ein penetranter Geruch in die Nase, es war ein Gemisch aus Nikotin und Blut. Die Platzwunde, die sie ihm zugefügt hatte, hatte er in der Zwischenzeit mit einem Pflaster versorgt, doch in seinem Gesicht befand sich unverändert das geflossene Blut, das mittlerweile eingetrocknet war.
„Ich werde William sagen, dass…“ Er hinderte sie am Weitersprechen, indem er einen immensen Druck auf ihren Kiefer ausübte, der sie wimmern ließ.
„Mir ist scheißegal was du ihm sagen wirst, McDermott! Mich interessieren gerade nur die Schmerzen, die ich dir zufügen werde.“ Und kaum hatte er diesen Satz ausgesprochen, da schlug er ihr schon mitten ins Gesicht. Emilia spürte wie die dünne Haut ihrer Lippen aufplatzte und warmes Blut über ihr Kinn und somit auch über seine Hand lief, die ihren Kiefer unentwegt gepackt hielt. Während sie darum bemüht war nicht das Bewusstsein zu verlieren, glühten Navarros Augen vor Gier nach mehr Gewalt. Er war noch lange nicht fertig mit ihr, doch sie war bereits am Ende ihrer Kräfte. Sie musste ihn unbedingt davon abbringen mit seinen Peinigungen fortzufahren, ansonsten würde sie hier in seiner Wohnung elendig zu Grunde gehen. Ihr Verstand arbeitete in einer enormen Geschwindigkeit, getrieben davon eine Lösung zu finden, bevor er sich ein weiteres Mal an ihr vergriff.
Und tatsächlich benötigte es nur wenige Sekunden bis ihre Überlegungen zu einem Endergebnis kamen und Emilia handelte. Aber jeder, der jetzt Schläge oder eine andere Form der Gewalt erwartete, täuschte sich. Die junge Frau reagierte auf ihre ganz persönliche und eigene Art, die keiner ihrer Kollegen gewählt hätte: Sie streckte ihre rechte Hand aus und legte diese auf Navarros Brust; auf die Stelle unter der sein Herz schlug. Zusätzlich starrte sie ihn mit ihren blauen Augen durchdringend an, denn sie war auf der Suche nach einem Funken Menschlichkeit, den sie trotz seiner Grausamkeiten in ihm vermutete.
Ihre unerwartete Tat irritierte und überforderte den erfahrenen Killer sichtlich. Seine Pupillen wanderten im Angesicht der Intimität, die zwischen ihnen entstand, hektisch hin und her. Emilia erhöhte mit ihrer Hand den Druck auf seinen Brustkorb, damit er sie noch deutlicher spüren konnte. Ein Schweigen umhüllte sie, in dem sie beide ihren Gedanken nachhingen. Dabei interessierte es sie brennend, was er gerade dachte. Daher hätte sie alles getan, um in den Kopf des blutrünstigen Mannes zu schauen. Was hatte ihn wohl dazu veranlasst inne zu halten und mit der Gewalt aufzuhören? Warum unterbrach er diese Situation nicht? Vielleicht, weil sie ihm nicht so unangenehm war wie er erwartet hatte?
Sie hatte spontan und aus dem Bauch heraus gehandelt, aber das schien genau das Richtige gewesen zu sein. Nun hatte sie seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Nun hörte er ihr zu.
Und diesen Umstand würde sie für sich nutzen um ihn dazu zu bringen, dass er die verdammten Handschellen löste und sie gehen ließ.
„Ist es wirklich das was du willst, Navarro? Eine Kollegin quälen, die William eingestellt und ausgebildet hat und der er vertraut? Eine Kollegin, mit der du zusammen arbeiten sollst anstatt sie zu verletzen?“ Mit Absicht benutzte sie seinen Vornamen und sprach in einem schwermütigen und herzzerreißenden Tonfall, der ihn einfach berühren und erweichen musste. Noch immer hielt sie konstant den Blickkontakt zu ihrem Kollegen, dessen heftig pochendes Herz sie unter ihrer Hand deutlich wahrnehmen konnte.
Indes verharrte er weiterhin wie versteinert in seiner Position und gab Emilia keine Antworten auf ihre Fragen. Sie konnte nicht sagen, ob dies eher ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Deshalb beschloss sie nichts mehr zu sagen und stattdessen abzuwarten, bis er eine Reaktion zeigte. Die Blondine war angespannt und wurde mit der Zeit immer unruhiger, doch sie vermied es dies offen zu zeigen, da sie ihm keine Angriffsfläche bieten wollte. Emilia Mc-Dermott musste stark bleiben und konnte sich keine Anzeichen von Schwäche erlauben.
Eine gefühlte Ewigkeit verging, in der sie weiterhin ihre Emotionen kontrollierte und inständig dafür betete, dass sie diese Wohnung halbwegs unbeschadet verlassen würde, ehe er sich in Bewegung setzte.
Navarro Henstridge nahm seine rechte, von ihrem Blut überströmte, Hand von ihrem Kiefer und legte sie auf ihre Hand, die auf seiner Brust ihren Platz gefunden hatte. Unerwartet und in Sekundenschnelle durchfuhr ein elektrischer Impuls, ähnlich einem Blitz Emilias Körper.
„Ich weiß nicht was ich will, McDermott“, äußerte er düster und ernst mit einer Stimmlage, die aus den Tiefen seiner Kehle kam. Diese Unwissenheit schien ihn zu quälen, denn sein Gesicht war verzogen vor Schmerz und Unzufriedenheit. Die Blondine neigte leicht ihren Kopf und betrachtete ihn ausgiebig. Sie konnte es nicht verhindern, dass sich Mitleid für ihn in ihr regte obwohl er sie verletzt und angekettet hatte. Letztlich blieb sie trotz ihres un-menschlichen Berufes dieselbe emotionale und mitfühlende Frau, die sie vorher gewesen war. Sie konnte und wollte ihr wahres Ich nicht unterdrücken, denn sie wollte damit unbedingt verhindern zu einem Monster zu werden wie ihr Kollege. Jener überwand die letzten Zentimeter, die sie voneinander trennten, sodass sich ihre Lippen beinahe berührten. Emilia musste hart schlucken und bekam eine Gänsehaut, als sie seinen Atem auf ihrer Haut spürte.
„Und das ist mein Problem.“ Jedes einzelne Wort von ihm spülte über sie hinweg wie eine meterhohe Welle, die sie gnadenlos mit sich riss. Navarros Nähe und undefinierbare Miene, die er zur Schau trug, machten sie immer nervöses, da sie absolut nicht einschätzen konnte was als nächstes passierte. Trotz dessen, dass sie es geschafft hatte seine Angriffe und Aggressionen zu bremsen, konnte seine Stimmung genauso schnell wieder ins Gegenteil um-schlagen. Deshalb musste Emilia vorsichtig sein und durfte ihn keinesfalls provozieren. Sie entschied sich zunächst nichts auf seine Äußerungen zu erwidern und ihn stattdessen weiter-reden zu lassen.
„Hast du eine Lösung für mich, Süße?“ Seine Frage kam für sie aus heiterem Himmel und überrumpelte sie dermaßen, dass sie sogar vergaß zu atmen. Die junge Killerin musste sich aktiv daran erinnern Luft zu holen und ihre Lungen mit Sauerstoff zu füllen.
„Also was ist?“ Ihr Gegenüber setzte sie unter Druck, womit sie nicht gut umgehen konnte. Sie hatte Angst vor etwaige Konsequenzen, wenn sie ihm nicht schnell oder zufriedenstellend genug antwortete. Dabei fragte sie sich was er eigentlich von ihr erwartete. Wusste er tatsächlich nicht weiter oder sollte sie bloß in eine Falle tappen, die er ihr stellte? Während sie ihre Gedanken wälzte, schaute Navarro sie erwartungsvoll an in der scheinbar großen Hoffnung, dass sie ihm weiterhelfen würde. Obwohl sie sich immer noch nicht sicher war welche Ab-sichten er verfolgte, wagte sie mutig den Schritt nach vorne.
„Lass mich gehen, Navarro“, äußerte Emilia eindringlich, um ihn davon zu überzeugen, dass dies die einzig richtige und vernünftige Entscheidung war.
„Lass mich frei.“ Den letzten Satz wisperte sie beinahe lautlos gegen seine schmalen Lippen, was ihn erzittern ließ und zu einer Tat bewegte, mit der sie nicht gerechnet hatte. Aber nach den heutigen Vorkommnissen sollte sie eigentlich nichts mehr überraschen.
Navarro Henstridge küsste sie und zwar sanft und zaghaft, sodass sie den Eindruck bekam, dass ein völlig anderer Mensch vor ihr saß. Ein Mensch, der absolut nichts mit dem zornigen und rachsüchtigen Killer zu tun hatte, der sie angegriffen, verletzt und an die Heizung gekettet hatte. Emilia war perplex und wusste nicht, ob ihr diese ungewohnte Nähe und Zärtlichkeit zu ihrem Kollegen geheuer war. Schließlich hatte sie selbst bei ihm einen Kuss als Trick angewandt, also warum sollte er nicht dasselbe tun?
Diese starke Verunsicherung äußerte sich durch ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, das sie bei bestem Willen nicht zuordnen konnte. Es fühlte sich an als habe sie einen tonnenschweren Stein im Magen, der sie in die Tiefe zog.
In der Zeit, in der sie ihre Gefühle ergründete und versuchte dem Chaos in ihrem Inneren Herr zu werden, intensivierte er den Kuss. Zumindest versuchte er es, doch Emilia verhinderte dies durch das beherzte und plötzliche Zurückziehen ihres Kopfes. Ihre Reaktion ließ Navarros Miene erstarren und sie schon das Schlimmste befürchten, aber ein weiteres Mal wurde sie überrascht. Denn anstatt eines zornigen Ausbruch präsentierte er ihr weiterhin eine unbekannte Facette, die er normalerweise verbarg und niemand anderem zeigte. Er nahm ihre rechte Hand und gab ihr galant einen Handkuss. Dabei sah ihr Kollege sie mit einem Ausdruck in den brauen Augen an, der ihr förmlich das Herz aus der Brust riss und einen unerträglichen Schmerz auslöste. Automatisch schossen ihr die ersten Tränen in die Augenwinkel, die sie jedoch schnell wegblinzelte, ehe ihr Kollege sie bemerken konnte.
Jener verharrte mit seinem Blick noch einen Moment auf ihren Lippen, als trenne er sich nur ungern von diesen, bevor er ihre Hand losließ und sich tatsächlich daran machte sie von den Handschellen zu befreien. Die junge Frau beobachtete erleichtert, aber auch fassungslos seine Bewegungen an ihrem metallenen Gefängnis. Sie konnte kaum glauben, dass sie erfolgreich gewesen war; dass ihr spontaner Einfall Früchte trug. Erst jetzt entspannte sich ihr Körper und die Wucht der Schmerzen, die sie den Kämpfen mit Navarro zu verdanken hatte, haute sie beinahe um. Ihr wurde speiübel und heftiger Schwindel überkam sie, der ihren Oberkörper leicht ins Wanken brachte. Vorsichtshalber stützte sie sich mit beiden Händen auf dem Boden ab um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.
Emilia McDermott atmete mehrere Male tief ein und aus was ihren Zustand nicht verbesserte, da ihre gebrochenen Rippen lautstark rebellierten. Am liebsten hätte sie losgeheult, doch diese Blöße wollte sie sich vor ihm nicht geben. Sie wollte nur noch eins: nach Hause gehen und sich von den Strapazen dieses Abends erholen. Und dieser Wunsch war in greifbarer Nähe.
Sie hörte das Geräusch ihrer lang ersehnten Freiheit in Form eines Klickens, das die Öffnung der verfluchten Handschellen verkündete. Daraufhin wagte sie einen kurzen, verstohlenen Blick nach hinten und sah, wie Navarro Henstridge sich erhob und das lange schwarze Haar hinter seine Ohren strich.
„Du bist frei, Süße. Geh, bevor ich es mir anders überlege“, kam es von ihm in einer seltenen Anwandlung von Gutmütigkeit. Kurz hielt sie inne da sie nicht wusste, ob sie noch etwas zu ihm sagen sollte. Letztlich entschied sie sich dagegen. Sie wollte nicht noch länger als nötig hier bleiben und durch ein falsches Wort möglicherweise einen weiteren Streit provozieren. Daher drückte sie sich mit aller Kraft nach oben in den Stand, der allerdings wacklig und un-sicher war. Ehe ernsthaft die Gefahr bestand, dass sie zu Boden stürzte, trat Navarro an ihre linke Seite und stützte sie. Wortlos nahm sie seine Hilfe so lange in Anspruch, bis sie genü-gend Kräfte gesammelt hatte und sich in der Lage fühlte den anstehenden Weg nach Hause bewältigen zu können.
Dann setzte sie sich langsam in Bewegung und entfernte sich Meter um Meter von ihrem Kol-legen, dessen bohrenden Blick sie noch weit über seine Wohnung hinaus in ihrem Rücken spüren konnte.
 
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