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4 Seiten

Mortal Sin 2001- Critical Condition

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Verdrängung ist die tödlichste Form der Verleugnung.
- C. Northcote Parkinson


Ihr Atem stieg in Form von kleinen Wölkchen vor ihr auf als sie endlich vorm Ziel ihres langen Weges zum Stehen kam. Das kleine Haus am Ende der Straße lag im Dunkeln und schien dadurch vor ihren Augen zu verschwinden. Ihr Zuhause; ihr einziger Hoffnungsschimmer in dieser grausamen und verkommenen Welt löste sich einfach auf als wolle das Schicksal ihr die Rettung vor dem emotionalen Zusammenbruch verweigern.
Dieser schreckliche Gedanke, den die optische Täuschung in ihr hervorrief, löste Panik in ihr aus und ließ sie an ihrem Verstand zweifeln. Sie spürte den stetig größer werdenden Kloß in ihrem Hals und ihr hektisch rasendes Herz.
Instinktiv griff sie sich an die Brust als könne sie damit ihren Puls herunterfahren und sich und ihren Körper schnellstmöglich beruhigen, aber es nützte nichts. Statt sich besser zu fühlen, überfiel sie nun zusätzlich zu der Panik furchtbare Angst. Sie musste sofort etwas tun, wenn sie nicht in einen tiefen Abgrund stürzen wollte aus dem es kein Entrinnen gab.
Also konzentrierte sich Emilia Sophia McDermott und bemühte sich alles auszublenden was sie verwirrte und verunsicherte. Es dauerte jedoch eine gefühlte Ewigkeit bis sie sich tatsächlich im Stande sah wortwörtlich die nächsten Schritte zu gehen. Langsam und mit zittrigen Knien näherte sie sich ihrem Haus, das zu ihrer großen Erleichterung nicht dabei war zu verschwinden sondern dessen Umrisse immer deutlicher für sie zu erkennen waren. Auf einmal überkam sie eine Welle der Euphorie, die all das Negative wegspülte und sie reinwusch. Als sie auf die Veranda stieg, erschien auf ihren Lippen sogar ein kaum merkliches Lächeln. Gleich würde sie sich besser fühlen. Gleich würden ihre vier Wände sie heilen wie sie es schon so oft getan hatten.
Zum Glück befand sich ein Ersatzschlüssel unter der Fußmatte sonst hätte sie ein echtes Problem gehabt, denn ihre Handtasche mit dem Haustürschlüssel und ihrem Handy hatte sie bei ihm liegen gelassen und… Boom!
Kaum tauchte das Gesicht von Navarro Henstridge vor ihrem inneren Auge auf da explodierten die Erinnerungen an den heutigen Abend wie eine Bombe, die sie brutal und gnadenlos in Fetzen riss. Von einer Sekunde auf die Andere ging es der Blondine dermaßen miserabel und beschissen, dass sie sich nur noch schwer aufrecht halten konnte.
Daher beeilte sie sich in die Hocke zu gehen und den Schlüssel unter der Matte zu Tage zu fördern. Diese lapidaren Bewegungsabläufe, die sonst nicht der Rede wert waren, brachten sie bereits an ihre körperlichen Grenzen. Dennoch spornte sie sich innerlich dazu an durchzuhalten und nicht aufzugeben, schließlich hatte sie es beinahe geschafft.
Und so öffnete sie die Tür und schleppte sich mit allerletzter Kraft über die Schwelle in den Flur wo sie letztlich zusammenbrach. Ihre Beine gaben einfach nach und sie landete auf dem harten Parkett, das ihr die Knie aufschlug.
Doch den brennenden Schmerz spürte sie kaum, weil es andere Baustellen an ihrem Körper gab die alles andere überschatteten und ihre gesamte Aufmerksamkeit forderten. Aufgrund ihrer gebrochenen Rippen stand ihr Brustkorb unter Dauerqualen und ihr Kopf schien in tau-sende Stücke zu zerbersten. Dazu kam, dass sie sich komplett taub und schwer anfühlte was von der unfassbaren Kälte herrührte, die Saint Berkaine beherrschte und durch die sie sich auf dem Weg von Navarros Wohnung bis zu ihrem Haus gekämpft hatte: ohne Schuhe und wärmenden Mantel aber dafür mit den Spuren ihres Kampfes gegen ihren Kollegen.
Emilia wurden die überwältigenden Schmerzen und Gedanken an die furchtbaren Ereignisse viel zu viel. Armselig und jämmerlich begann sie zu wimmern und versank dabei in Selbst-mitleid und purer Verzweiflung.
Dies steigerte sich bis zu einem hysterischen Anfall, in dem sie so gut wie gar nicht atmen konnte. Hektisch schnappte sie nach rettendem Sauerstoff, der allerdings nur bedingt in ihre Lungen gelangte. War das ihr Schicksal? An ihrem seelischem Ballast qualvoll zu ersticken? Sollte dies wirklich ihr Ende sein?
Nein! Sie weigerte sich dies hinzunehmen. Sie weigerte sich zu sterben, also zwang sie ihren schwachen Körper sich gegen all das Leid und die Schmerzen zur Wehr zu setzen. Und kurze Zeit später konnte Emilia McDermott spüren wie die Kraft in ihr zurückkehrte und endlich wieder Luft ihre Lungen füllte. Was war das für ein erleichterndes und unglaubliches Gefühl!
Minutenlang saß sie in ihrem Hausflur und wartete, bis sich ihre Gesundheit so weit regeneriert und stabilisiert hatte, dass sie sich traute aufzustehen. Sie bewegte sich langsam und vor-sichtig, fast wie in Zeitlupe, als sie sich an der nahestehenden Kommode hochzog und auf die Beine stellte.
Der plötzliche Positionswechsel führte bei ihr im ersten Moment zu Schwindel und Schwärze vor den Augen, aber beides verging genauso schnell wie es gekommen war. Daher wagte sie sich in die Küche vor, wo sie sogleich die Türen des Hängeschrankes über dem Herd aufriss und jegliche Alkoholflaschen hervorkramte, die sich in ihrer Sammlung befanden. Sich zu betrinken würde hoffentlich eine für sie erfolgreiche Lösung sein um all die Gedanken und Erinnerungen an heute Abend in die Tiefen ihres Bewusstseins zu verdrängen damit diese nie wieder an die Oberfläche traten.
Schon das Geklimper der Flaschen beruhigte sie auf eine Art, die sie sich nicht hatte vorstellen können. Sie war bereits voller Vorfreude als sie daran dachte, dass die Menge an Alkohol sie betäuben würde. Ja, die physischen und psychischen Schmerzen würden verschwinden und alles wieder gut werden. Darauf vertraute sie und etwas anderes wollte und konnte sie nicht akzeptieren. Schließlich hatte sie auch kaum eine andere Wahl, oder?
Die junge Killerin wartete mit dem Besäufnis gar nicht erst ab, sondern startete umgehend mit der „Selbstmedikation.“ Die erste Flasche, die sie aufschraubte, beinhaltete Wodka und alleine schon vom Geruch wurde ihr ganz schwummrig. Dies gab ihr die Bestätigung, dass ihr Entschluss sich hemmungslos zu betrinken genau der richtige war und so setzte sie die Fla-sche an ihre Lippen und nahm gleich zehn große Schlucke. Das war ein Fehler, denn ihre Kehle brannte durch den harten Alkohol wie Feuer und ihr wurde auf einen Schlag speiübel.
Eilig stellte sie die Flasche zur Seite, ehe sie sich ins Spülbecken übergab.
Emilias Knie wurden ein weiteres Mal weich wie Gummi und gaben nach. Ungebremst stürzte sie zu Boden und erlebte ein grauenvolles Dèjá-vu, das sie in ein tiefes Loch stürzen und losheulen ließ.
Emilia wurde auf knallharte Art und Weise klar, dass es kein Entkommen gab. Sie würde die höllischen Qualen durchleben müssen als Strafe dafür, dass sie als Auftragskillerin Menschen tötete. Sie war der letzte Mensch der Gnade verdiente, also ergab sie sich dem Unausweichli-chen und ließ sich niederdrücken von dem gewaltigen Gewicht aus Selbsthass, schrecklichen Erinnerungen und der Angst elendig zu Grunde zu gehen und sich selbst für immer zu verlieren. In ihrem Innern entstand ein immenser Druck, der sich von Minute zu Minute erhöhte und nur durch eines verringert werden konnte: schreien.
Und so schrie Emilia. Sie schrie unter einer unaufhörlichen Flut an Tränen und zwar so lange, bis ihre Stimme wegbrach und bloß ein bedauerliches Krächzen übrig war. Es klang fürchterlich und schwach und passte daher perfekt zu ihrem aktuellen Selbstbild. Einem Bild, das sie selbst nicht leiden konnte und abgrundtief hasste.
 
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