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Von Realitäten und Klimakatastrophen

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Realität ist ein überstrapazierter Begriff. Letztendlich ist doch das, was es bezeichnen soll, nur schwer zu fassen.
Sicher bin ich mir nur, dass der Ansatz der Philosophie auf jeden Fall interessanter ist, als der der Wissenschaft. Zumindest meiner Meinung nach. Denn die Wissenschaft will den Menschen mit allen Mitteln und nach allen Möglichkeiten bei der Definition der Realität heraushalten. Aber geht das überhaupt? Und ist dies sinnvoll? Weshalb gibt es überhaupt die Sehnsucht danach, eine Realität zu definieren, ohne dass dabei ein Mensch und seine Welt, seine Lebens-welt, eine Rolle spielen darf? Ist dieser Ansatz nicht von Grund auf paradox? Der Mensch definiert für sich selbst eine Realität, ohne aber sich selbst dabei miteinzubeziehen. Ist dies nicht geradezu eine Art von Selbstverleumdung?
Bei der Philosophie hingegen ist das etwas anders. Sie setzt sich andere Grenzen. Der Mensch bleibt in deren Weltbildern meistens als Ausgangspunkt bestehen, vor allem auch seine Sichtweisen. Die Grenzen, die sich gesetzt werden, sind eher der Logik verschuldet. Allerdings selbst dies nicht unbedingt immer. Nietzsche, zum Beispiel, hat die Philosophie von einem poetischen Ansatz aus betrachtet. Mit Leidenschaft und damit immer auch mit einem Prozentsatz Wahnsinn darin enthalten. Sein Werk ist voll von Widersprüchen. Einzelne Passagen scheinen für sich zu stehen; sind in sich geschlossen; interpretierbar, weil offen angelegt; teilweise nur angedeutet, was damit gemeint sein könnte. Oft lediglich in eine bestimmte Richtung zeigend, den letzten Schritt aber selbst nicht gehend, sondern in der nächsten Passage schon wieder mit etwas ganz Neuem beginnend. Die Zusammenhänge nicht immer deutlich; nicht immer richtig klar. Seine Bücher fühlen sich im Gesamten gesehen meist eher wie Flickenteppiche an, bei denen alles durchaus irgendwie miteinander verwoben zu sein scheint, aber oftmals nur sehr lose. Das einheitliche Bild entsteht höchstens aus einer darüber liegenden, aus einer poetischen Ebene heraus. Von einem Erzähler, der lediglich Gedankenfetzen zum Besten gibt. Der diese manisch aufschreibt und oftmals scheinbar wahllos aneinanderreiht. Rasend. Wie im Fieberwahn. Das Ego; das menschliche Ich wird dabei nicht herausgenommen, sondern ist der Ausgangspunkt von all dem. Dabei wird die Leidenschaft gezielt angezapft; als Energie genutzt, um auf diese Weise möglichst zu einer innerlichen Erkenntnis zu gelangen. Es wird sich des antiken Prinzips des Dionysos bedient, ganz ähnlich, wie es später die legendäre Beat-Generation in den USA auch getan hat.
Demgegenüber Immanuel Kant. Er hat sich wohl eher des Prinzips des Apollon bedient, der rationalen Vernunft und der Mäßigung also. Bei ihm werden Regeln aufgestellt, moralische Regeln, die für alle Menschen Geltung haben sollen. Der kategorische Imperativ, als berühmtestes Beispiel hierfür. Nicht ohne Grund hat er seine Werke in Paragraphen angelegt. Vielleicht als Symbol dafür, dass es sich dabei um eine Art moralischer Gesetzestexte handelt. Auch sein Leben war seinen Bücher ganz ähnlich aufgebaut, nämlich komplett durchstrukturiert. Es war festgelegt, wann er aufstand; wann er aß; wann er spazieren ging; wann er Reden an der Universität hielt. Einem Uhrwerk gleich, war bei ihm alles aufeinander abgestimmt. Ein Rädchen griff in das andere über. Das Leben funktional aufgebaut, wie eine Maschine. Jedes Detail erfüllte dabei eine bestimmte Funktion im Großen und Ganzen. Ohne eines dieser Details würde die Maschine im Gesamten gesehen nicht mehr richtig funktionieren können. Dies ging sogar soweit, dass selbst bei gesellschaftlichen Anlässen zu Tische, wenn Gäste eingeladen wurden, alles nach einem bestimmten Plan ablaufen musste. Nicht nur was die Sitzordnung angeht. Nicht nur was das aufbereiten der Gerichte angeht. Auch was den Inhalt der Gespräche anbelangt. Wann zum Beispiel etwas Amüsantes erzählt werden sollte; wann sich über die Tagespolitik ausgetauscht werden sollte.
Bei all dem fand eine Frau zeitlebens keinen Platz an der Seite dieses berühmten Philosophen aus Königsberg. Dies hätte wohl potentiell zu viel Unordnung in sein Leben gebracht. Damit hätte er sehr wahrscheinlich nur schwerlich umgehen können.
Beide Philosophen könnten unterschiedlicher gar nicht sein. Doch etwas verbindet sie dennoch: ihre Werke sind untrennbar mit ihrem Leben; mit ihrer Zeit; auch mit der Menschheit und dem Menschsein an sich verbunden. Es sind mögliche Lebensmodelle mit möglichen Lebensprinzipien, die uns auch heute noch als Vorbild dienen können. Denn sie sind nicht nur mit der Zeit ihrer Entstehung verhaftet. Es handelt sich bei ihnen nicht nur um Zeitdokumente. Beide, und das ist ja ein Wesensmerkmal der Philosophie, sind der Liebe zur Weisheit verpflichtet; suchen demnach auf unterschiedliche Weisen nach allgemeingültigen Prinzipien für die Menschheit an sich. Und beide sind auf ihre jeweils eigene Weise dabei fündig geworden. Beide haben die jeweilige Lebenswelt als Ausgangspunkt genommen, von wo aus sie gesucht haben und haben so das Eigene; das Selbst gezielt miteinbezogen.
Vom Speziellen zum Allgemeinen, sagt man wohl dazu.
Heutzutage, so scheint es mir, wird die Wissenschaft als Prinzip gesellschaftlich überbewertet. Denn was könnte sie mir über mein Leben erzählen, - wie ich zu leben habe; mich zu verhalten habe -, wenn sie den Menschen an sich gar nicht in ihre Betrachtungsweisen miteinbezieht? Könnte so gesehen nicht gesellschaftlich relevante Philosophie viel fruchtbarer sein?
Diesbezügliche Beispiele, an denen man sich orientieren kann, gibt es auch im deutschsprachigen Raum genug. Und darüber hinaus sowieso.
Rousseau, Bentham, Singer. Nur um einige zu nennen.
Precht ist auch gut, aber für meinen Geschmack etwas zu harmlos; zu wenig kontrovers, um die Politik und die Gesellschaft mit seinen Schriften derart reizen zu können, dass dadurch eine echte Diskussion mit leidenschaftlichen Vertretern der jeweiligen Positionen entstehen könnte.
Es muss mehr philosophiert werden! Mit Leidenschaft, wie Nietzsche; mit Vernunft, wie Kant. Und viele Coleurs dazwischen. Schmeißt die Wissenschaft zumindest für einen Augenblick mal komplett über Bord. Vergesst ihre Tradition; ihre vermeintlichen Errungenschaften; ihr Potential, die Gesellschaft zu verändern.
Natürlich verändert sie die Gesellschaft. Aber die Frage, ob dies zum Guten oder zum Schlechten geschieht, ist ja eben keine wissenschaftliche Frage. Exakt derartige Fragen verbietet sich die Wissenschaft geradezu; ist in ihrem Weltbild gar nicht erlaubt oder vorgesehen. Es ist eine explizit philosophische Frage. Eine Frage, die immer und immer wieder gestellt werden muss. Auch wenn sie unbequem ist, oder gerade weil sie damit das Gesamtbild stört, das zugegebenermaßen oftmals gut durchdacht und nach funktionalen Prinzipien erstellt worden ist. Die Philosophie aber, sie muss da nicht reinpassen. Sie muss nicht funktional sein. Sie ist frei. Deshalb müssen sehr wahrscheinlich von ihr die Impulse ausgehen, die für eine echte Veränderung sorgen können. Gerade darin liegt doch letztendlich auch ihr gesellschaftlicher Wert begründet. Schon immer.
Also bitte, liebe Philosophen. Beginnt endlich wieder mit eurer gesellschaftlich so dringend benötigten Arbeit. Seid unbequem. Hinterfragt die herrschende Ordnung. Stoßt endlich wieder Diskussionen an, die unseren Zeitgeist gezielt hinterfragen.
Ein Beispiel gefällig?
Klima-wandel; Klima-krise; Klima-katastrophe. Wo steckt der Unterschied in diesen Begrifflichkeiten, wo doch jedes dieser Wörter im Grunde das Gleiche zu erfassen versucht?
Und: die Ressourcen der Erde sind endlich. Dies weiß doch heutzutage nun wirklich jeder. Sie werden irgendwann nicht mehr für uns nutzbar sein. Wo liegt dann aber eigentlich der Unterschied, ob dies heute geschieht, oder erst morgen, oder erst in hundert Jahren? Wir haben bisher nur die Möglichkeit, das Unvermeidliche hinauszuzögern. Doch verhindern lässt es sich schlussendlich nicht. Weshalb also Ressourcen schützen, wenn das Leid, das durch den Verbrauch entsteht, dadurch letztendlich nur verlängert wird?
Nietzsche zum Beispiel hat den Tod als Zustand nicht nur herbeigesehnt, sondern ihn regelrecht glorifiziert. Was hätte wohl er für eine Meinung zu dieser Frage gehabt?
 
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