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Venedig

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Venedig scheint eine Stadt zu sein, die es gar nicht geben dürfte. Ein wahr gewordener Traum, der von der ganzen Menschheit geträumt wird; der erst mit ihren Besuchen lebendig gehalten wird. Denn dieser Traum ist kostspielig; er kostet sehr viel Geld. Und jeder Besucher der Stadt wird selbst ein Teil davon; geht in dem Unwirklichen auf, wie ein Wassertropfen im unendlich erscheinenden Ozean. Er wird zu einer Anonymität; zu einem Symbol; geradezu zu einem Objekt degradiert, und das, ohne sich dessen so recht bewusst zu sein. Wenn der Besucher der Stadt in einer Gondel fährt; wenn er durch die mittelalterlichen engen Gassen flaniert; den Markusdom besucht; oben auf der Terrasse steht und ein Foto macht; in einem der vielen Kaffees sitzt und sich einen Kaffee bestellt; in einem der vielen Geschäfte die legendäre venezianische Glaskunst ersteht. Der Traum einer Stadt im Meer wird erst durch ihn selbst wahr; wird erst durch ihn selbst lebendig. Was dahinter; was im Verborgenen liegt, dies wird hingegen explizit nicht sichtbar. Das, was sich im Schatten des Tourismus abspielt, bleibt explizit im Untergrund; im kollektiven Unterbewusstsein der Stadt verborgen. Es ist fühlbar, doch nicht greifbar. Denn es entschwindet um die vielen Ecken der kleinen Gassen. Versucht man es zu verfolgen, dreht es einem den Rücken zu und rennt einfach so davon. Es ist nicht einzuholen, so sehr man sich dabei auch anzustrengen vermag. Wie ein Alp, der nicht erwischt werden möchte; der sich im Verborgenen aufhält; der stets im Schatten sein Unwesen treibt. Der tausend Masken trägt; in unterschiedlichen Gestalten auftritt und so seine fiesen Spielchen mit uns treibt. Venedig, die Stadt der Träume und der Alpträume zugleich. Ein Besuch, wie das Erkunden des Selbst; der eigenen Sehnsüchte, der eigenen Hoffnungen - aber immer auch der eigenen Ängste.
 
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