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12 Seiten

Die Belfast Mission - Kapitel 08

Romane/Serien · Fantastisches
Kapitel 08 – Ring frei!

„Was ist los mit dir? Wehr dich doch endlich mal!“, schnauzte der afroeuropäische Kampfsporttrainer Ike an. Seine langen Filzlocken, die an seinen Hinterkopf zum Zopf gebunden waren, schwangen hin und her. Tänzelnd umkreiste Jimmy seinen Schüler, boxte zuerst nur sachte mit der Rechten und kombinierte dann blitzschnell mit beiden Fäusten, die klatschend gegen Ikes ledernen Kopfschutz einschlugen.
„Ike, achte auf deine Deckung. Heb die Fäuste höher, so wie du es gelernt hast. Verdomme!“, schimpfte er und verpasste ihm sogleich weitere Jabs, die ebenfalls gegen Ikes gepolsterte Stirn ballerten. Aber anstatt Jimmys Ratschlag zu beherzigen, behielt Ike seine Arme weiterhin nur auf Brusthöhe und versuchte lediglich mit dem Kopf seinen heranschnellenden Schläge auszuweichen. Der Trainer hopste choreografisch umher, trat und schlug abwechselnd auf Ike ein, doch dieser blieb beharrlich steif und kassierte somit ständig vermeidbare Körpertreffer.
Jimmys muskulöse Oberarme glänzten im Halogenlicht. Ständig war er in Bewegung, sprang plötzlich auf, drehte sich blitzschnell um seine Achse und trat mit seinen gepolsterten Schuhen kräftig zu. Aber Ike war wachsam, wich seiner Attacke in letzter Sekunde aus und versuchte nach seinen Armen zu packen, um ihn über die Schulter zu schleudern. Aber stattdessen handelte sich Ike einen mächtigen Kinnhaken ein, der ihn bis zu den elastischen Seilen zurückwarf. Sogleich bekundeten einige junge Leute in den Zuschauerrängen mit schrillen Applauspfiffen ihre Schadenfreude. Ike war nicht unbedingt bei jedem beliebt, insbesondre nicht bei einigen gleichaltrigen Herren.
„Zeig`s ihm, Jimmy! Hau das arrogante Arschloch um!“, rief ein Universitätsschüler keuchend heraus, der direkt neben dem Ring verkabelt auf einem Laufband rannte.
Nun durchschaute der Trainer seinen allzu eigensinnigen Schüler. Ike war bestimmt wieder darauf aus, mit einem einzigen Hieb den Kampf zu entscheiden, nur um seine Freunde zu imponieren, die ebenfalls scharrenweise in der Boxhalle anwesend waren und gespannt sein Training verfolgten. Außerdem befanden sich unter den Zuschauern genügend hübsche Studentinnen, die von ihm keinesfalls abgeneigt waren und einige sich sogar gewisse Chancen bei ihm ausrechneten.
Ike war immerhin ein gutaussehender Charmeur, der sich zwar ungerne festlegte dafür es aber verstand, ein Frauenherz zu entzücken, wobei nicht einmal gewisse attraktive Lehrerinnen seiner ehemaligen Universität vor ihm sicher waren und manche Damen sich sogar auf eine heimliche Liebelei mit ihm eingelassen hatten.
„Denke immer an die oberste Boxerregel! Heb endlich die Fäuste und schütz deine Visage, Mann! Lass den Quatsch mit dem verdammten Knockout, das bringt dir nichts! Wie oft muss ich dir das noch sagen?!“, ermahnte Jimmy ihn abermals und fasste den Endschluss, seinen Sportschüler nun endgültig eine Lektion zu erteilen, indem er ihn vor allen Zuschauern gnadenlos zu Boden schlägt. Scheinbar würde Ike es nicht anders begreifen, meinte der Kampfsportlehrer Jimmy.
Oftmals ignorierte Ike absichtlich das vorgegebene Trainingsprogramm, hauptsächlich wenn zahlreiche Damen und Freunde in der Boxhalle anwesend waren. Dann demonstrierte er leidenschaftlich gerne seinen exzellenten Kampfstil oder lauerte auf die günstige Gelegenheit, seinen Sparringspartner spektakulär aus dem Ring zu boxen. Jimmy hatte von seiner Arroganz endgültig genug, sodass er gar seine Selbstbeherrschung verlor, zornig wurde und er ihn nur noch auf dem Boden zu sehen wünschte. Eine Niederlage vor einem Publikum gefiel Ike nie besonders und wurmte ihn meistens tagelang.
Als der Trainer mit gestrecktem Bein wieder seitlich zutrat, schmetterte Ike diesen Angriff ab und landete mit seiner rechten gepolsterten Faust einen glücklichen Treffer im Stirnbereich des Kopfschutzes. Jimmy taumelte einige Schritte rückwärts und noch bevor es ihm gelang, eine weitere Attacke abzuwehren, winkelte Ike sein Bein, trat wuchtig aus und traf ihn genau auf die Stirn. Der Kampfsporttrainer hob regelrecht mit beiden Beinen ab und stürzte rückwärts zu Boden nieder. Jimmy stand auf, zog seine Boxhandschuhe aus, schnallte sich seinen Lederhelm ab und warf diesen wütend in die Ringecke.
„Sag mal, was soll ‘n das werden? Bist du bescheuert, dass du es wagst, mich wie einen beschissenen Sandsack zusammenzutreten?“, schrie er ihn wutschnaubend an. „Das ist bloß Sparring und keine Meisterschaft, du Arsch!“
Ike schmunzelte und zuckte mit der Schulter.
„Ich habe dich sauber ausgeknockt, das war doch das Ziel unsers Trainings.“
„Ausknocken? Das Ziel des Sparrings war es sicherlich nicht! Die Abwehrtechnik sowie Konterschläge stehen auf dem Programm, das weißt du ganz genau!“, schnauzte er ihn an. „Zu einem siegreichen Kampf gehören nicht nur Bullenkraft sondern auch Raffinesse und Schnelligkeit. Du aber vernachlässigst permanent deine Defensive und prügelst lieber einfach drauf los. In der Realität hätten dich bereits meine ersten Schläge niedergestreckt. Längst würdest du jetzt irgendwo blutend in einem fremden Jahrhundert zusammengedroschen in der Gosse liegen! Man würde dich ausrauben oder gar töten und was noch katastrophaler wäre, deine Identität als ein Zeitreisender könnte auffliegen, wenn einem Akteur dein Agentenausweis in die Hände fallen würde. Und die Mission wäre deinetwegen gescheitert, nur weil du überheblich bist!“

Währendem er seinen Schüler zurechtwies, spiegelte sich in Jimmys Augen pure Enttäuschung wider, weil sich Ike über seinen Tadel obendrein mit einem unterdrückten Schmunzeln scheinbar amüsierte. Jimmy war zwar davon überzeugt, dass Ike ein ausgezeichneter Kampfsportler sei, dafür aber ebenso ein äußerst schwer erziehbarer Schüler. Bereits während seiner Schulzeit auf der Universität und Akademie taten sich die Lehrer und Professoren, besonders die Sport- und Geschichtslehrer, schwer mit ihm. Ständig diskutierte er im Unterricht, vor allem um das weibliche Geschlecht zu imponieren, was allerdings meist sogar zum Erfolg geführt hatte. Und Simulationen nahm er nur selten ernst und tat dies meist mit den Worten ab, schon zu wissen was zu tun ist, wenn es darauf ankäme.
„Ach, Jimmy“, antwortete Ike leichtfertig, „in der Realität werde ich stets derjenige sein, der den ersten Jab austeilt, verlass dich darauf. Und dann ist für den Gegner sowieso Feierabend angesagt.“
„Genau das ist zu befürchten“, vernahm er hinter sich eine sehr bekannte Stimme. „In deiner Überheblichkeit kommt es dir erst gar nicht in den Sinn, möglicherweise einen Zweikampf zu verlieren und du würdest dich mit jedem Akteur prügeln, der dies anzweifelt.“
„Henry?“ sprach Ike überrascht, als er ihn hinter sich erblickte.
Was aber empfand er wohl für eine größere Überraschung? Die Tatsache, dass Agent Henry ihn, wie angekündigt, aufgesucht und während des Trainings gefunden hatte oder, dass er ebenfalls in Shorts und Muskelshirt bekleidet vor ihm stand?
„W-was machst du denn hier?“, fragte Ike verwundert, wobei er verlegen lächelte.
Henrys Kopf steckte in einem ledernen Kopfschutz und um seinen Nacken hingen zwei zusammengeschnürte Boxhandschuhe, was eigentlich jede Frage beantwortete. In Anbetracht des Altersunterschiedes und weil Henry gar einen halben Kopf kleiner war als Ike, machte er dennoch keine so schlechte Figur und wirkte aufgrund seiner Selbstsicherheit, dass er allemal ein ebenbürtiger Gegner ist. Ike hätte dies zwar nie zugegeben, aber insgeheim war ihm bei seinem Anblick und seiner autoritären Persönlichkeit wegen, in diesem Moment sogar etwas mulmig zumute. Henry war immerhin ein erfahrener Geheimagent, der schon einige Meisterschaftspokale im Kampfsport gewonnen hatte und im Ernstfall, in der vergangenen Welt, im Zweikampf stets als Sieger hervorging.
„Wie sieht es deiner Meinung nach aus? Mir ist danach, dir den Hintern mächtig zu versohlen. Einen Kaffeeplausch halten wir später. Zuerst will ich aber sehen, wie du dich zur Wehr setzt, bevor ich dir tatsächlich eine Mission anvertraue.“
„Wenn es weiter nichts ist, ich zeig dir gerne, was ich drauf habe“, prahlte Ike, schlug seine gepolsterten Fäuste demonstrativ zusammen und tänzelte vor ihm herum.
„Glaube aber ja nicht, dass ich ein deiner beschissenen Sparringspartner bin, die du im Nullkommanix auf die Bretter schickst. Lass dir gesagt sein, Jimmy trainiert auch mich immer noch regelmäßig. Aber bevor wir anfangen, ziehst du bitte deine Boxhandschuhe aus, damit ich sie überprüfen kann.“
„Wieso?“, fragte Ike verwundert.
„Weil ich mich vergewissern will, dass du darin nichts versteckst oder deine Boxhandschuhe nicht korrekt der Norm entsprechen, was unseren Kampf zu deinen Gunsten entscheiden könnte.“
Ike hielt dies zuerst für einen Scherz aber Henry beharrte darauf, den Inhalt seiner Handschuhe sowie die Härte der Polsterung zu kontrollieren. Schmollend betätigte er die Druckknopfvorrichtungen seiner Boxhandschuhe, worauf diese sich zischend lockerten, und streckte ihm seine Arme entgegen. Henry zog ihm seine Boxhandschuhe aus und überprüfte sie. Er hatte nichts darin versteckt und die Polsterung sowie das Gewicht seiner Boxhandschuhe, wie er feststellte, entsprachen tatsächlich der Norm.
„Für wen hältst du mich? Glaubst du etwa, ich hätte es nötig zu betrügen? Ich kämpfe immer fair!“, empörte sich Ike.
„Und ich traue niemals meinem Gegner“, konterte Henry murmelnd, hielt ihm einen überprüften Boxhandschuh entgegen und als Ike gerade danach griff, schleuderte Henry ihm den Zweiten wuchtig gegen seinen Kopfschutz, worauf dieser klatschend aufprallte und im hohen Bogen aus dem Ring flog.
Jimmy und weitere Zuschauer, die sich mittlerweile um den Boxring eng versammelt hatten und gespannt den Kampf erwarteten, lachten und applaudierten.
Ikes Stimmung kippte. Er fühlte sich von Henry peinlich vorgeführt. Agent Henry galt für ihn zwar, genauso wie auch für beinahe jeden Agentenanwärter, für ein unangefochtenes Vorbild, den man achtet und weder widersprechen noch seine Handlungen anzweifeln vermochte, aber mit dieser Aktion hatte er seine Toleranzgrenze überschritten. Nach dieser Bloßstellung und eindeutiger Kampfansage entschwand Ikes Absicht, es etwas behutsamer angehen zu lassen und seinen Chef nicht gar so zu vermöbeln.
„Zeig`s ihm Henry“, rief Jimmy verheißungsvoll und betätigte dabei eine Taste am Schaltpult, worauf ein lauter Glockenschlag ertönte.
Ring frei!

Kaum war der Gong ertönt, schmetterte ein mächtiger Faustschlag mitten in Ikes Gesicht, woraufhin er ein kurzes Kribbeln und daraufhin ein Taubheitsgefühl verspürte. „Nicht schlecht“, dachte sich Ike, „der alte Mann hat was drauf.“
Henry schützte nach dieser Attacke sogleich mit beiden Fäusten sein Gesicht, bildete somit eine klassische Boxerdeckung und ging mit bestimmenden Schritten auf ihn zu. Ike dagegen tänzelte mit heruntergelassenen Armen um ihn rückwärtsgehend herum, und teilte sporadisch ein paar Schläge aus, die aber lediglich auf Henrys Boxhandschuhe klatschten. Unbeeindruckt behielt Henry seine Angriffstaktik bei und zwang ihn immer weiter zum Ringpfosten zurück. Als Ike die Ringseile an seinen Rücken spürte, hob er sein Bein, winkelte es an und versuchte seine Stirn zu treffen.
Henry duckte sich und trommelte ihm sogleich harte, flinke Jabs hintereinander gegen seine ungeschützte Brust, die ihm kurzzeitig die Atemluft raubten, und noch eh es Ike gelang weitere Schläge abzuwehren, prallte eine Rechts-Linkskombination auf seinen Lederhelm ein, die ihn nach hinten warfen und seinen Schweiß und Spucke umher spritzen ließen. Die elastischen Seile schleuderten Ike wieder in den Ring zurück; Henry holte in diesem Moment weit zum Schlag aus und so geschah es, dass Ikes Gesicht genau mit Henrys heranschnellendem Fausthieb zusammentraf und ihn hart zu Boden schmettern ließ.
Die Zuschauer jubelten, als Ike am Boden lag und alle Viere von sich streckte, dann seinen Kopf hob und sich schüttelte. Im tosenden Applaus, der aber nicht ihm galt, raffte er sich wieder langsam auf, während er von einem Roboter angezählt wurde.
Ike gab sich damit einverstanden, lediglich eine Runde verloren zu haben, jedoch lange nicht den Kampf. Ike hopste umher, wandte sich dem grölenden Publikum zu und prophezeite lautstark seinen Sieg heraus, während er die Fäuste wie King Kong gegen seine Brust trommelte.
„Das war bislang nur Spaß! Aber jetzt ist die Schonzeit vorbei, Leute! Jetzt mache ich ernst mit dem alten Mann!“, posaunte Ike heraus. Daraufhin sprangen seine Freunde und viele Studentinnen von ihren Plätzen auf und jubelten: „Jawohl Ike, mach ihn fertig!“

Wieder ertönte ein elektronischer Glockenschlag. Die zweite Runde begann. Der Roboter, der als Schiedsrichter fungierte, rollte blitzschnell in eine Ringecke.
Diesmal wendete Ike, genauso wie es Henry tat, die klassische Boxerdeckung an. Ike glaubte, Henrys Boxtaktik durchschaut zu haben. Bestimmt würde er gleich wieder attackieren, versuchen ihn abermals in die Ecke zu drängen, damit er ihn wieder genüsslich vermöbeln könnte.
Aber nichts dergleichen geschah. Beide umkreisten sich wie zwei angeschlagene Raubtiere, wartend auf die beste Gelegenheit zuzuschlagen. Nachdem sich beide nur minutenlang gemächlich umkreisten und ihre Blicke lediglich gegenseitiges Säbelrasseln vermittelten, schrillten schon die ersten Pfiffe und es ertönten Buhrufe. Da wagte Ike die ersten Schläge, zuerst nur ganz sachte, diese aber nur über Henrys Boxhandschuhe strichen.
„Was ist das? Ringelpiez mit Anfassen? Ist das etwa alles, was du drauf hast? Mach hin, ich muss langsam aufs Klo, meine Blase zwickt“, provozierte Henry. Ikes Gemüt brodelte. „Kämpfen wir nun oder darf ich endlich auf die Toilette gehen und …“
Henry bekam nicht die Gelegenheit, ihn weiterhin mit Sprüchen zu provozieren. Ike ging in die Hocke, winkelte sein Bein an und trat ihm in die Bauchseite. Henry öffnete schmerzverzehrt zwangsweise seine Deckung, woraufhin Ike mit einem blitzschnellen Jab reagierte, der ihn mitten ins Gesicht traf. Henry torkelte zurück und als Ikes Faust wieder auf ihn zu schnellte, packte Henry nach seinen Arm, schleuderte den einsachtzig großen jungen Mann über seine Schulter und schmetterte ihn erneut zu Boden.
Wieder jubelte das Publikum und applaudierte. Henry riss siegessicher seine Arme in die Höhe und ließ sich von dem jungen Volk feiern, aber Ike stand bereits wieder auf seinen Beinen, noch bevor er vom Roboter erneut angezählt wurde. Zornig spuckte er seinen Mundschutz in die Ecke und attackierte ihn sogleich wutschnaubend.
Diesmal zeigte Ike absolut kein Erbarmen. Er stürmte ungehalten auf Henry zu und schlug wuchtig auf ihn ein. Nochmal und noch einmal, und immer wieder prügelte er auf ihn ein. Henry gelang es nicht zu kontern, behielt seine Arme nur schützend um seinen Kopf und schwankte mit jedem Schlag weiter rückwärts. Die Kraft des Fünfundzwanzigjährigen war enorm, wie Henry bitter feststellen musste, und er schien unermüdlich zu sein. Immer wieder donnerten Fausthiebe auf seinen Körper ein; Rechts-Linkskombinationen die sich anfühlten, als würde ein mächtiger Sandsack auf ihn einschlagen. Ike sprang auf, drehte sich dabei um seine Achse und verpasste Henry einen wuchtigen Tritt gegen seinen ledernen Kopfschutz, der ihn unweigerlich zu Boden schmettern ließ. Nun lag Henry am Boden.
Dies war die einmalige Gelegenheit. Ike stürzte sich sofort auf ihn, setzte sich auf seinen Körper und fixierte mit seinen Armen und Beinen die Seinigen am Boden, sodass Henry bewegungsunfähig war. Henry versuchte sich dennoch verzweifelt mit kraftverzehrtem Gesicht zu befreien. Er blieb zwar erfolglos aber sah trotzdem davon ab, seine Kapitulation auszusprechen. Henry beruhte plötzlich auf das Punktesystem, wonach er eindeutig als der Gewinner dieses Kampfes herausgehen würde.
„So ein Schwachsinn, Agent Henry Gudimard. Punkte hin oder her. Ich sitze auf dir und habe dich eindeutig geschlagen. Kapituliere jetzt endlich, das ist wie ein Knockout und bedeutet meinen Sieg!“
„Das glaubst nur du, Freundchen. Von Anfang an hattest du dir deinen Sieg bereits verspielt!“, konterte Henry keuchend. Ike blickte verdutzt auf ihn herab.
„Wie meinst du das? Das ist albern. Ich habe dich in meiner Gewalt. Du bist bewegungsunfähig. Du hast verloren … Gib auf!“, forderte Ike.

Gudimard lag auf dem Boden, Ike hockte obendrauf und hatte ihn fixiert, trotzdem blickte Henry siegesbewusst in seine Augen und lächelte. Einen Moment hielt die Stille in der Boxhalle, selbst der Marathonläufer legte eine Pause ein. Allein nur die Studentinnen tuschelten mit vorgehaltenen Händen miteinander. Jimmy kniff seine Augen: „Was für einen Trumpf hält Henry bloß in seiner Hand?“, fragte er leise vor sich hin.
Henry grinste.
„Mag sein, dass du mich geschlagen hast, Ike. Das ist eine sehr gute Leistung. Aber wie gehst du weiter vor? Nehmen wir mal an, ich bin ein TT, der von dir verhaftet werden soll. Du musst mir jetzt eine elektronische Handfessel anlegen und bist gezwungen meinen Arm loszulassen, um sie aus deiner Hosentasche zu holen.“
Einen Augenblick schaute Ike grübelnd auf ihn herab. Wahrscheinlich würde er ihm daraufhin eine verpassen, was in der Realität zwar schmerzhaft wäre, aber ihn lange nicht außer Gefecht setzen würde. Also ließ Ike kurz seinen linken Arm los und tat so, als wenn er nach etwas greifen würde. In diesem Moment schnellte eine zentimeterlange Klinge aus Henrys Boxhandschuh heraus, diese er ihm sogleich behutsam an die Kehle hielt. Ike blickte entsetzt auf ihn herab und hielt kurz den Atem an. Ein erstauntes Getuschel raunte durch die Boxhalle.
„Was-was soll das denn werden? Ich kämpfe fair, aber du?“, sprach Ike, ähnlich wie ein beleidigtes Kind, das beim Mensch-ärgere-dich-nicht betrogen wurde.
„Ein TT kämpft niemals fair, denn es liegt nicht unbedingt in seinem Interesse, geschnappt zu werden. Du hättest meine Boxhandschuhe lieber auch kontrollieren sollen. An deinem Hochmut solltest du unbedingt arbeiten, ansonsten wirst du eines Tages tatsächlich, wie es Jimmy erwähnt hat, irgendwo blutüberströmt in einem fremden Jahrhundert auf der Gasse liegen. Unterschätze niemals die Akteure, denn sie sind in erster Linie Menschen, genauso wie du und ich, die ebenso raffiniert sowie hinterlistig sein können“, sprach Henry behutsam auf ihn ein.
Ike ließ von ihm ab, befreite sich von seinem Kopfschutz und stützte mit seinen Boxhandschuhen gegen die Hüfte, während er nachdenklich im Kreis lief. Henry stützte sich mit seinen Ellenbogen ab und schaute zu ihm hinauf.
„Sobald ich dich in die Vergangenheit beordere, wirst du dich in einer völlig fremden Welt befinden. Du wirst allen Akteuren zwar überlegen sein, weil du deren Zukunft kennst, aber du darfst sie niemals unterschätzen. Begreife das endlich. Sollte dir in der vergangenen Welt etwas zustoßen, können wir dir unmöglich sofort beistehen. Du wirst erst mal auf dich alleine gestellt sein und solltest du etwa getötet werden, erwarte nicht, dass sich dies mir nichts dir nichts rückgängig machen lässt. So einfach lassen sich die physikalischen Naturgesetze nun auch wieder nicht überlisten, wenn sich ein Zeitparadoxon zu bilden droht!“, ermahnte er ihn.

Ike schien seine Niederlage hinzunehmen, zwar sichtlich missmutig aber dennoch nahm er es hin. Selbst das schadenfrohe Gelächter gewisser Leute verstummte. Wer von ihnen konnte schon von sich behaupten, niemals selbstgerecht zu sein und jede List vorab zu durchschauen? Die meisten Agentenanwärter und auch manche erfahrenen Agenten neigten dazu, die sogenannten Akteure nicht ernst zu nehmen.
Wie dem auch sei. Für einige junge Damen stand es trotz alledem fest, dass der grässliche alte Mann ihren Schwarm schlichtweg betrogen hatte und der eigentliche Sieg Ike van Broek zustand.
Jimmy legte trösten seinen Arm um Ikes Schulter, boxte ihm freundschaftlich leicht gegen seine Wange und redete beruhigend auf ihn ein, dass er zur Abwechslung auch auf seine Mentoren hören und nicht ständig eigensinnig handeln sollte.

Ike lehnte sich mit seinen Händen gegen die aufgeheizten Kachelwände, legte seinen Kopf weit in den Nacken zurück, öffnete dabei seinen Mund und genoss mit geschlossenen Augen die Wasserstrahlen, die aus der kompletten Decke herausströmten und auf seiner nackten Haut prickelten. Genauso müsste sich wahrscheinlich ein Sommerregen anfühlen, stellte er sich vor. Der Wasserdampf bildete langsam einen Dunst in der sterilen Mannschaftsduschkabine.
Ike hatte bislang noch nie einen Regenschauer in der Natur erlebt, genauso hatte er niemals zuvor die puren Sonnenstrahlen auf seiner blanken Haut gespürt oder wusste wie es ist, wenn der Herbstwind durch sein Haar wehen würde. Die Gewissheit, dass ihm diese Erfahrungen bald bevorstanden, machten ihn zwar glücklich und er freute sich ungemein auf die Zeitepoche der Dreißiger im Deutschen Reich, dennoch überschattete ihn Schwermut, weil er wieder an seine sterbenskranke Mutter denken musste. Während seine Gedanken schwankten und er ernsthaft darüber nachdachte, den bevorstehenden Missionsauftrag aufgrund seiner Mutter eventuell nicht zu unterzeichnen, wurde er durch ein fröhliches Pfeifen aus seiner Melancholie gerissen.
Ike öffnete ein Auge, schaute neben sich und beobachtete dabei Henry, wie er sich splitternackt direkt neben ihn gesellte, obwohl genügend Platz im Duschraum vorhanden war – niemand außer ihnen war anwesend – und er sich zudem ungefragt an seinem Shampoo bediente. Sein breites Grinsen vermittelte eine hervorragende Laune, die er sogar mit einem übertriebenen lauten Gesang, als er sich vergnügt einseifte, zur Geltung brachte.
„Henry, muss das jetzt wirklich sein?“, stöhnte Ike genervt. „Kannst du nicht wenigstens etwas leiser singen? Oder besser noch, gar nicht singen?“
„Warum? Ist doch heute ein so wunderschöner Tag“, antwortete er munter.
Henry rückte Ike dermaßen nahe, dass sein nackter Hintern ihn am Bein berührte und er dabei ständig die Ellenbogen gegen seine Bauchseite rammte, während er sich genüsslich einseifte.
„Rück mir doch nicht so auf die Pelle, verdomme!“, motzte Ike seinen Chef sogleich an. Hier ist doch genügend Platz. Was soll das?“
„Reg dich nicht so auf und reich mir lieber nochmal dein Shampoo rüber. Setz endlich einen Schlussstrich unter deine Niederlage und konzentriere dich vielmehr auf deine neue Aufgabe. Aber vergiss dabei trotzdem nicht, welche Fehler dir unterlaufen sind.“
Henry streckte seinen Kopf in den Nacken zurück, ließ sich Wasser in seinen Mund strömen, gurgelte und spuckte es wie ein Walfisch wieder aus.
„Die Niederlage interessiert mich doch gar nicht mehr. Ich habe deine Lektion längst begriffen“, giftete Ike. „Es ist nur weil … Meine Mutter.“

Ikes Mutter war an einer lebensbedrohlichen Blutkrankheit erkrankt, ähnlich wie Leukämie und sie lag deshalb seit einigen Tagen in einem Hospital. Die Krebserkrankungen waren zwar mittlerweile allesamt heilbar und stellten keine Lebensgefahr mehr dar, dafür wurden die Einwohner der Citys anfällig gegen unreinen Sauerstoff. Manche Menschen erkrankten bereits bei einer geringen Menge Kohlendioxid, woraufhin sich ihr Blutbild sowie deren Chromosomen rasch veränderten und ohne medizinische Versorgung unweigerlich zum Tod führten. Aber manchmal versagten selbst die speziell entwickelten Behandlungsgerätschaften sowie die Medikamente. Eine akute Gefahr bestand also, wenn die CO2 Filteranlagen nicht regelmäßig gewartet wurden. Die sogenannte CM-Krankheit (Chromosom Mutation) war überdies äußerst heimtückisch und trat in verschiedenen Versionen in Erscheinung, die zuerst diagnostiziert werden musste, worauf kostbare Zeit verstrich und jeweils eine spezifische Behandlungsmethode abverlangte. Die Hospitalkosten, solch eine CM-Erkrankung zu bekämpfen, stiegen immer beachtlich in die Höhe, wobei kein Mediziner letztlich für eine vollständige Genesung garantieren vermochte, weshalb die Krankenkassen wenig vermögenden Versicherten meist verweigerten, die vollständigen Kosten zu übernehmen.
Ike stammte aus einer bescheidenen Familie, die lebelang grad so über die Runden kam. Sein Vater starb bereits Jahre zuvor an CM, weil seine Krankenversicherung nur die notwendigsten Leistungen gewährten, aber nicht die Dienste für Spezialisten. Nun drohte seiner Mutter ein ähnliches Schicksal, was Ike beängstigte.
„Verstehe, deine Mutter ist an CM erkrankt und du meinst nun, weil du dich auf einer Mission befinden wirst, sie nicht mehr jeden Tag besuchen zu können. Junge, du musst dir endlich angewöhnen, umzudenken. Zwar wirst du dich jahrelang in einem anderen Jahrhundert aufhalten, trotzdem wirst du dich nach zehn Stunden garantiert wieder in deiner Gegenwart befinden, sobald deine Mission erfolgreich abgeschlossen ist. Du wirst deine Mutter also nur zehn Stunden verlassen, selbst wenn du dich zwanzig Jahre, oder gar länger in der vergangenen Welt aufhalten würdest. Außerdem werde ich mich persönlich dafür einsetzen, dass deiner Mutter die besten Mediziner beistehen werden. Die Kosten seitens der Krankenkasse wird der UE-Staat übernehmen. Das verspreche ich dir, wenn du den Missionsvertrag unterzeichnest.“
Ike versuchte von seinen privaten Problemen abzulenken. Schließlich kannte er Henry noch nicht so gut, sodass er ihm voll vertrauen könnte.
„Ich hab gehört, dass der TT dir entwischt ist. Wie war das möglich?“

Nachdem Henry und Ike sich im Trockenraum angezogen hatten, legte der Geheimdienstchef seine altertümliche Taschenuhr auf eine geflieste Nische. Als er sie aufklappte, wurde eine holographische Landkarte von United Europe projiziert, wobei alle 345 Citys genau an ihrem Standpunkt angezeigt wurden. Direkt vor dem Uralgebirge sahen beide ein rot blinkendes Licht. Henry deutete darauf und behauptete, dass Eric sich genau dort aufhält. Ike runzelte die Stirn.
„Oh, das ist doch Sin City, die Stadt der Sünde. Eric ist mit einem Funkpeilsender verbunden? Wie ist es dir gelungen, ihn zu verwanzen? Und wie war seine Flucht überhaupt möglich?“, fragte Ike verwundert.
„Der tote und der lebendige TT sind tatsächlich ein und dieselbe Person, dies wurde von der Medizinstation eindeutig bestätigt. Deine Aussage hatte mich stutzig gemacht als du behauptet hast, dass dein eliminierter TT verprügelt wurde. Der verhaftete Eric dagegen war unversehrt. Agent Maikel hatte ihn erst beim Verhör in die Mangel genommen. Offenbar ist er mit einem anderen Zeitreiseprinzip unterwegs, wobei unsere Handschellen sein System blockiert hatte. Erst nach Deaktivierung der Handschellen gelang Eric die Flucht nach Sin City“, erklärte Henry. „Ich hatte meine Sekretärin mit einer E-Mail beauftragt, den Ledersessel mit einem Funkpeilsender zu versehen, bevor ich ihn persönlich verhört hatte. Denn ich ahnte nach deiner Aussage, dass er irgendwie verschwinden würde.“
„Raffiniert, Henry. Dann lass uns sofort nach Sin City reisen, um ihn zu schnappen“, meinte Ike.
„Das ist nicht mehr notwendig, denn er lebt ja nicht mehr. Ike, du musst endlich lernen die Zeitreisen zu verstehen. Eric ist verprügelt geflüchtet und beabsichtigt erst in das Jahr 1912 zu reisen, um Schiffsoffizier William Murdoch im Hotel zu ermorden. Er hat diese Zeitreise also noch gar nicht getätigt. Er wird sie erst noch unternehmen und dann erst wirst du ihn eliminieren. Hast du das begriffen?“
Ike runzelte die Stirn bevor er nickte.
„Interessant für uns ist jetzt nur, was der noch lebende Eric dort treibt oder getrieben hatte … oder wie auch immer. Er befindet sich in Sin City aber nicht in der Gegenwart, sondern er war sechs Monate in die Vergangenheit gereist. Vermutlich hatte er sich dort mit einer Kontaktperson getroffen, die bereits anderweitig agiert, um die Mission Titanic zum Scheitern zu bringen. Deswegen waren wir am Hafen erfolglos. Aber um diesen Schweinehund oder wer auch immer diese Person ist, werden sich Agent Dave und Agent Maikel kümmern. Dort müssen wir vorsichtig sein, denn die abgelegene Sin City wird von der Mount-Sekte kontrolliert, die mit dem Geheimdienst ungerne kooperiert. Die Mounts wollen in ihrem Revier alles auf ihre Weise regeln.“
„Okay, verstanden. Und was bitte schön soll meine Aufgabe sein? Du sagtest, dass mir eine eigene Mission zugeteilt wird. Eine äußerst wichtige Mission sogar!“, betonte Ike.

Henry nickte und musterte Ike, der frisch geduscht mit knielangen Shorts, einem Muskelshirt und modischen Sneakers bekleidet war. Seine athletische Figur war ein Hingucker und wird vor allem auf die männlichen Akteure respekteinflößend wirken, dachte er sich. Trotzdem war sein Körper nicht zu übertrieben trainiert worden, wie beispielsweise ein professioneller Bodybuilder, denn dies wäre für seine Mission wiederum zu auffällig. Henry lächelte und packte ihn beherzt an seinen muskulösen Oberarmen.
„Du und ich, wir gehen jetzt zu Vincenzo`s Bar. Dort werde ich dir Vincenzo Falcone persönlich vorstellen. Er wird dir alle Einzelheiten über die Belfast Mission erklären. Siehst du dich überhaupt in der Lage, eine eigene Mission zu übernehmen? Das ist eine große Verantwortung. Bist du dafür bereit?“, fragte Henry.
Die Erkenntnis einer sogenannten Belfast Mission zugeteilt zu werden, vernichtete augenblicklich Ikes Jugendtraum, im Deutschen Reich tätig zu werden. Denn was hatten schon Belfast und Berlin gemeinsam? Ike lächelte gezwungen und nickte, aber am liebsten hätte er abgelehnt, was sein Recht gewesen wäre. Ike war nach Henrys Briefing total enttäuscht. Einen faden Beigeschmack hätte seine Ablehnung dennoch bewirkt: Henry würde sich dann sicherlich nicht für die Genesung seiner Mutter einsetzen, wie er versprochen hatte. Also stimmte Ike zu, sich wenigstens anzuhören, was von ihm abverlangt wird.
 
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Kommentare  

bestimmt

Gruß von


rosmarin (29.04.2024)

Da hab ich mich bestimmt nur vertippt.

Francis Dille (29.04.2024)

Ja, gut recherchiert und gut und spannend
geschrieben. Aber hier ein kleiner Hinweis: 'Der
Dativ ist dem Genitiv sein Tod'. Betrifft Deinen
Kommentar)Das tut weh.
Gruß von


rosmarin (28.04.2024)

Mich interessiert weder Fußball noch habe ich
Ahnung vom Kampfsport. Ein paar
Fachausdrücke musste ich natürlich
recherchieren, aber während dem Schreiben
war es hilfreich an Rocky und Bruce Lee Filme
zu denken.

LGF


Francis Dille (23.04.2024)

Toll recherchiert oder boxt du selber? Jedenfalls war das Ganze wieder sehr spannend und lebensnah. Ich staune immer wieder über deinen lebendigen Schreibstil. Ein mitreißender Roman.

axel (21.04.2024)

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