Der aufrechte Gang ist keine einfache Sache. Man befindet sich in einem permanenten Balanceakt, man bewegt sich langsamer als es ein Hund könnte, der auf allen Vieren läuft. Die Wirbelsäule wird strapaziert, von Bandscheibenvorfall zu Bandscheibenvorfall wird das Leben unangenehmer, wird es schmerzhafter, und eine Myriade an selbstlosen Helfern wird einen überhäufen mit wohlgemeinten Ratschlägen, lass es sein, das aufrechte Gehen, es ist zu mühsam, es ist zu gefährlich, lass dir von uns ein Paar Stützräder anbringen, damit du nicht fällst…
Und wenn man jahrzehntelang gegangen und nicht dabei umgefallen ist, man auch ohne Navigationssystem den Supermarkt gefunden hat, selbst wenn die Rückenprobleme sich in Grenzen hielten und man froh gewesen ist, die Hände frei zu haben für Wichtigeres, man wird immer den Chor der Warner, der Angstverbreiter im Ohr haben, die einem einzureden versuchen, es sei gefährlich, aufrecht zu gehen, es sei riskant, selbst zu denken, es sei eine Anmaßung, für sich selbst das Eigentum an der eigenen Person zu beanspruchen. Wem gehört das eigene Leben, dem Nächsten und dem Übernächsten, dem Vater Staat, dem lieben Gott und dessen Bodenpersonal…?
Auch wenn die Stützräder nicht immer sichtbar sind, so sind sie doch allgegenwärtig und zumeist wissen es die Träger von Stützrädern selbst nicht, dass sie welche verwenden, allzu selbstverständlich ist ihr Gebrauch geworden und man hat sich so an diese gewöhnt, dass sie wohl nicht mehr bemerkt werden.
Vögel, die im Käfig geboren sind, die halten das Fliegen für eine gefährliche Krankheit. Oder für einen Aberglauben, von dem sie sich glücklicherweise befreit haben. Immerhin, wir leben in einer fortschrittlichen Welt, Vögel fliegen nicht mehr, Fische machen es sich in den Konservendosen bequem und das Wildschwein hat es immerhin zur Pastete gebracht. Der Bewohner der Menschenfarm lässt sich von seinem Käfigvogel erzählen, wie schädlich das Fliegen sei und dass die Pharmaindustrie doch endlich eine Lösung dieses Problems finden müsse...
Der aufrechte Gang ist keine ganz einfache Sache. Nicht jedem gefällt es, manche derjenigen, für die die Unterwerfung so selbstverständlich geworden ist wie die Luft zum Atmen, die bewegen sich gerne auf allen Vieren und entwickeln eine gewisse Feindseligkeit gegenüber den Kriechgangsverweigerern. Schließlich müsste doch jeder wissen, wie schädlich es sei, seine Nase höher als einen Meter zu erheben. Die Luft da oben ist voller schädlicher Höhengase, voller Flugzeuge und Meteoriten. Also lieber gebückt schleichen, krabbeln, kriechen…
Außerdem, wer bin ich, über die Art meiner Fortbewegung selber entscheiden zu wollen? Andere wissen es besser als ich, unter der Kuppel des Reichstages in Berlin, unter der Kuppel der Peterskirche, in den Expertengremien, in den Universitäten, die gesamte Welt ist sich einig, dass der Kriechgang das beste für uns alle sei. Also, lasst uns gehorsam die Nase Richtung Boden senken, lasst uns den Rücken beugen und der Schwerkraft folgen. Die werden schon wissen, was gut für uns ist.
Da heißt es glauben und vertrauen. Das Denken denen überlassen, die dafür bezahlt werden. Und selbst wenn sie Absurditäten verkünden, wenn sie uns erzählen, dass der Regen von unten nach oben fällt, dass er aus dem Erdboden kommt und dass er in die Höhe schießt und weit oben in der Stratosphäre zerstiebt, dann verbietet es sich von selbst, aus dem Fenster zu schauen und aufgrund des Augenscheines zu behaupten, dies stimme nicht. Lasset uns die Augen schließen und die Fenster vermauern!…
Der aufrechte Gang und das gemeinsame Trotten in der Herde. Allesamt den Blick zu Boden gesenkt, darauf bedacht, dass sich niemand darin befände, der die Nase höher herausstreckt als die Anderen. Wozu auch die Richtung bestimmen, in die gelaufen wird, dafür gibt es den guten Hirten, der schon weiß, wohin es geht, Hauptsache, man ist mitgelaufen und man hat nicht gefragt, wohin die Reise geht…
Um keinerlei lästigen Fragen zu stellen, dafür gibt es Scheuklappen, dafür gibt es Glaubenssätze, dafür gibt es Dogmen, ein jedes Dogma, eine jede vorgefertigte geistige Behausung bedeutet nichts weniger als ein mentales Gefängnis, ebenso, die Orientierung über das eigene Dasein Anderen zu überlassen. Man kann sich mit einem geistigen Fertighaus identifizieren, ich bin Christ, Moslem, Jude, Buddhist, Sozialist, Atheist, Rationalist, das heißt, ich suche mir aus dem Spektrum aller möglichen Sichtweisen eine heraus und sehe die Welt nur noch durch diese Brille. Ich kann nicht mehr die Perspektive wechseln, ich kann mir nicht die andere Seite anhören oder ansehen. Es kann für jede dieser Sichtweisen berechtigte Argumente geben, allerdings sind die heiligen Schriften voller Widersprüche und nach den bisher bekannten und gelehrten Naturgesetzen dürfte die Welt nicht bestehen. Von außen betrachtet sind die Gedankengebäude problematisch, deren Statik gefährdet, sie lassen sich nur durch die Autorität ihres Spitzenpersonals zusammenhalten. Wer bin ich, die Autoritäten anzuzweifeln? Wer bin ich, die allgemein akzeptierten Glaubenssätze, die Selbstverständlichkeiten, in Frage zu stellen?
Wenn man einmal fundamentalen Zweifel, die Erschütterung eines vorhandenen Weltbildes gekostet hat, dann entwickelt man zur Dogmatik ein distanziertes Verhältnis. Die Konsequenz daraus... vor einigen Jahrzehnten sang der Sänger einer damals recht bekannten Punkband Philipp Boa „Kill your Idols“. (Dies soll jetzt kein Aufruf zu einer Straftat sein...)
Von Goethe stammt der Ausspruch, dass niemand so hoffnungslos versklavt sei wie derjenige, der irrtümlich glaube, frei zu sein. Man trägt die Ketten so lange, dass man sich ihrer nicht mehr bewusst ist. Sie sind eine Selbstverständlichkeit geworden, so wie die Atemluft, so wie das Weltbild.
Die entschiedensten Befürworter der Leibeigenschaft waren vielleicht nicht einmal die Sklavenhalter gewesen, sondern die privilegierten Sklaven. Diejenigen, die sich für einige Privilegien verkauft hatten, für Dienstwagen, für ein wenig Macht über Andere. Womöglich werden sie sich sogar für die Herren halten, berauscht von ihrer vermeintlichen Omnipotenz, von der Bewunderung, mit der die Untergebenen zu ihnen hinaufschauen.
Die privilegierten Sklaven, sie können es nicht ertragen, dass Andere sich nicht gebeugt haben und trotzdem nicht zerbrochen sind, sie werden also alles dafür tun, keinen freien Menschen mehr zu Gesicht bekommen zu müssen. Wer sind sie überhaupt, die privilegierten Sklaven? Hin und wieder findet man sie auf mit tiefgefrorenem Lächeln auf den Wahlplakaten, in den Chefetagen von Konzernen, in der Beamtenschaft, in der Priesterkaste der Intellektuellen. Sie erklären uns mal mit süßlicher, mal mit hart metallischer Stimme die Alternativlosigkeit ihres Handelns. Sie lassen uns wissen, dass unsereins zu dumm ist, sich ohne Gängelband zu bewegen, dass es niemals eine andere Art der Fortbewegung als das Kriechen gegeben hat. Sie definieren uns den Untertanenstatus als den Gipfelpunkt der Freiheit. Oftmals reden sie Unsinn, doch unsere Autoritätsgläubigkeit gebietet es, die Unsinnigkeit vieler Aussagen zu überhören und die Widersprüche innerhalb ein und derselben Rede nicht wahrzunehmen. Im Gegenteil, je weniger man etwas nachvollziehen kann, umso bereitwilliger glaubt man an die eigene Dummheit und an die Unmöglichkeit, den eigenen Verstand zu benutzen.
Die Selbstachtung verbietet es, sich auf die abschüssige Bahn des Unsinns einzulassen. Sie verbietet noch so manches mehr. Sie verbietet faule Kompromisse. Sie verbietet die Trägheit, das unbedachte Mitlaufen. Das unreflektierte Nachplappern von Parolen. Wer über Selbstachtung verfügt, der zerstört der Angstindustrie wie auch der Schuldindustrie das Geschäftsmodell.
Regierende haben es lieber mit willigen Untertanen zu tun als mit Menschen, die sich selbst achten. Sie werden so manches tun, um die Selbstachtung zu unterlaufen. Sei es in Form roher Gewalt, wie es in offenen Diktaturen der Fall sein wird oder mit der Manipulation der Weltbilder. Mitunter auch der Kombination von beidem. Wahrscheinlich gibt es kein Land auf der Welt, in der nicht die eine oder andere Form der Massenhypnose herrscht, sie ist der Normalfall und wird nicht in Frage gestellt, ein wenig wacht man aus ihr vielleicht auf, wenn man an den allgemein gültigen Glaubenssätzen zu zweifeln beginnt. Allerdings, immer in Gefahr, mit den entgegengesetzten Glaubenssätzen in eine ähnliche Hypnose zu verfallen.
Laut dem liberalen Ökonomen Ludwig von Mises ist die Geschichte des Westens im Wesentlichen die Geschichte des Kampfes um die Freiheit gegen die Amtsinhaber. Bei Marx war es der Klassenkampf. In beiden Fällen ist es die Rebellion des Menschen gegen die Macht. Die ökonomische bei Marx, die administrative bei von Mises. Zumeist verbindet sich auch die Wirtschaft mit der Politik, Oligarchen kapern den Staat und der Staat besorgt das Geschäft der Oligarchen, das Individuum kann dann seine Freiheit, seinen Selbstwert also an zwei Fronten verteidigen. Für den Arbeitnehmer wird der Wert seiner Arbeitskraft möglichst gering bemessen, dem Bürger wird seine Fähigkeit, sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, durch eine Überzahl an Vorschriften und Verordnungen beschnitten.
Man lebt nicht, sondern man wird gelebt, und das Gelebtwerden wird als Normalfall, als „alternativlos“ verkauft. In der Innenansicht wirkt das Hamsterrad wie eine Karriereleiter und ein Platz in der Tretmühle wirkt wie ein Lottogewinn, wenn die Tretmühlen knapp sind und es keine Welt außerhalb der Tretmühle mehr zu geben scheint. Wessen Lebenskraft von der Sorge ums tägliche Überleben absorbiert wird, wird weniger aufmüpfig sein als in Zeiten allgemeiner Prosperität. Die Knappheit der Lebenschancen, der täglichen Güter, der Mittel stabilisieren die Herrschaft, in Zeiten der Knappheit kann die Obrigkeit ein paar Brosamen zustecken von dem, was sie geraubt hat und sich als Wohltäter feiern lassen. Wenn ein Brandstifter einem das Haus anzündet und einem gnädigerweise einen Eimer Löschwasser hinstellt, dann hat er wahrlich verdient, dass wir vor lauter Dankbarkeit vor ihm auf die Knie fallen…
In der Philosophie wie auch in den Religionen dreht es sich um die Grundfragen des Daseins, wer bin ich, was mache ich hier, woher komme ich, wohin gehe ich?… Die meisten Antworten, die auf dem Markt der Weltbilder zu haben sind, sind bruchstückhaft und unzureichend, da wir im Grunde genommen nicht allzu viel wissen über die Beschaffenheit unserer Realität. Mit dem Nichtwissen kann man leben, mit den vermeintlich bahnbrechenden Antworten ist es ein wenig schwieriger, da die propagierten Lösungen in den allermeisten Fällen Scheinlösungen und Verschlimmbesserungen sind, die verheißene Utopie sich in der Regel als Dystopie herausstellt. Der Übermensch von Gnaden der Transhumanisten entpuppt sich eine mit Glückshormonen vollgestopfte Laus. Das Arbeiterparadies als Despotie von Bürokraten, die ökologische Wende als Umweltfrevel, das Patentrezept als Falschmünzerei, die Pazifisten als Kriegstreiber. Das Warten auf den Erlöser als Warten auf Godot. Niemand wird kommen und einen aufrichten, niemand wird die Arbeit des Augenöffnens und des Selbstdenkens für einen erledigen. Jede vermeintliche Abkürzung entpuppt sich als Umweg. Der aufrechte Gang ist die Konsequenz des Zweifels, das gebückte Schleichen, das Kriechen und das Krabbeln die Konsequenz der Verweigerung des Denkens.
Schließen möchte ich mit einem Zitat der Philosophin Hypatia, in der Spätantike Leiterin der platonischen Schule in Alexandria, die im Jahre 415 durch einen vom heiligen Kyrill aufgestachelten Mob von Gegnern des aufrechten Ganges von der Last des irdischen Daseins befreit wurde:
„Verteidige Dein Recht zu denken. Denken und sich zu irren ist besser als nicht zu denken.“