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11 Seiten

Freunde

Romane/Serien · Nachdenkliches
"Entschuldigen Sie", sprach ein älterer Mannihn an, "fährt hiernicht jetzt der Zug nach Berlin ab?"
"Ja, eigentlich schon, aber so wie es aussieht, hat er mal wieder Verspätung."
Der Alte gab sich mit der Antwort zufrieden und ließ sich neben ihm auf die Bank fallen. Umständlich zupfte er seinen Anzug zurecht, der mindestens zwanzig Jahre alt war und daher etwas unmodern aussah, kramtemit zittrigen Fingern eine Zigarre aus der Tasche und zündete sie sichumständlich an. Ganz im Gegensatz zu Julian schien ihm das warten absolutnichts auszumachen. Aber Julian freute sich viel zu sehr auf die Woche inBerlin, endlich wieder in die alte Heimat, endlich wieder mit Freunden ingemeinsamen Erinnerungen schwelgen und vor allem endlich mal wieder seinenbesten Freund Marc sehen, mit dem er zwar regen Mailkontakt hatte, aber wannsie sich zuletzt persönlich getroffen hatten, das wusste er nicht. Umdie Zeit zu überbrücken bis der Zug kam, sah Julian sich auf demBahnsteig um. Links von ihm eineMutter mit zwei kleinen Kindern, beide etwasieben Jahre alt, und beide amquängeln, wann denn der Zug endlich käme.Rechts von ihm ein Typim Nadelstreifenanzug, der ungeduldig von einem Beinaufs andere trat undalle paar Sekunden auf die Uhr guckte. Beides nichtgerade das, was man sehenwill, wenn man seine eigene Ungeduld zu bekämpfenversucht. Dort hintenging noch eine Frau mit ihrem Hund auf und ab, undvor dem Colaautomaten standennoch drei Jugendliche. Da die Frau mit demHund einfach zu weit weg war, versuchteer dem Gespräch der drei Jungenvor dem Automaten zu lauschen. Leiderdrangen nur Wortfetzen zuihm herüber,aber das, was sie sagten, drehtesich wohl irgendwie um Hiphop-Musik. Naja, alle drei hatten diese superweitenSkaterjeans an, zwei von ihnen einBasecap auf dem Kopf, und einer einen Basketballunter dem Arm. Überwas sollten sie da auch reden, wenn nicht überHiphop? AberMarc hatteihm ja auch geschrieben, dass er jetzt total auf HipHopstand undin derSzene auch einige krasse Typen kennengelernt hatte. Hoffentlichwarendasnicht auch solche Idioten, die in jedem Satz dreimal das Wort "phat","korrekt"oder"fucking" verwendeten. Na, mal sehen.
Und zehn Minuten später traf dann auch endlich der Zug ein.
Von einer Sekunde zur nächsten kam Bewegung in die Wartenden, alle rückten näher zur Bahnsteigkante, man wollte sich ja schließlich den besten Platz im Zug sichern. Mit quietschenden Reifen kam er zum Stehen, die Leute drängelte hinein, auch Julian hievte seinen Koffer durch die enge Tür, dann ging es auch schon wieder weiter. Er kämpfte sich vorbei an einer Gruppe Zehnjähriger, höchstwahrscheinlich eine Schulklasse, und ließ sich auf den nächstbesten freien Sitzplatz fallen. Dann brachte er auch schon seine Zeitschrift zur Entfaltung, in der Hoffnung, damit deutlich zu zeigen, dass er nicht angesprochen werden wollte. Das ging natürlich schief, denn es dauerte keine zwei Sekunden bis er den Satz hörte, auf den er am allermeisten gewartet hatte: "Entschuldigen Sie, ist dieser Platz noch frei?"
Es war die Mutter mit den zwei kleinen Kindern. Auch das noch. Resigniert nickte er und schob seinen Koffer etwas beiseite.
"Nein, Mamma, hier möchte ich nicht sitzen... ich will weiter nach hinten!", maulte das kleine Mädchen, und auch wenn Julian es pädagogischbedenklich fand, so war er doch froh, dass die Mutter seinem Wunsch nachkam.
Wenn er allerdings für einen Moment geglaubt hatte, er hätte jetzt meine Ruhe, dann hatte er sich getäuscht. Es dauerte keine halbe Minute, dann hörte er schon wieder eine Stimme, die fragte, ob sie sich setzen dürfe. Die Stimme gehörte einer jungen Frau, so Mitte bis Endezwanzig, sie trug einen viel zu weiten, schlabberigen Strickpulli, hatteihre langen, straßenköterblonden Haare hochgeschreckt und schleppteeinen riesengroßen Rucksack, in dem Julian gut und gerne seinen halbenBesitz hätte verstauen können, mit sich herum. Er machte ihr einwenig Platz, damit sie sich setzen konnte, danach vertiefte er sich sofortwieder seine Zeitschrift. Als auch sie etwas zu lesen aus dem Rucksack kramte,atmete er innerlich auf.Na bitte.
Einen kurzen Moment später fuhr der Zug mit einem Ruck an und die Landschaft zog draußen am Fenster vorbei. Keine sehr sehenswerte Landschaft, wie man bemerken muss, nur Felder, Wiesen, Bäume, Kühe und ab und zu ein Haus. Doch das alles interessierte Julian sowieso nicht, er dachte an früher, an die Zeit als Marc und er jede freie Minute miteinander verbracht hatten, und an all den Blödsinn, den sie damals gemacht hatten. Einen Freund wie Marc hatte er in Hasseln bisher noch nicht gefunden und er glaubte auch nicht, dass er ihn jemals finden würde. Natürlich gab es auch in Hasseln nette Leute, mit denen man etwas anfangen konnte, aber Marc kannte er eben seit dem Kindergarten und sie wussten wirklich alles voneinanderund hatten alles gemeinsam gemacht. Sie hatten sich gemeinsam den Arm gebrochen als sie vom Schuppen auf dem alten Fabrikgelände gesprungen waren, sie hatten gemeinsam ihr erstes Graffiti an die Mauer hinter dem Aldiparkplatz gesprayt und gemeinsam ihre erste Zigarette geraucht. Sogar ihre erste Freundin hatten sie gemeinsam gehabt, was aber der Freundschaft im Nachhinein auch nicht geschadet hatte. So nach und nach fielen Julian immer mehr gemeinsame Erlebnisse ein und seine Vorfreude auf Berlin stieg ins Unermessliche. Leider wurde die Zugfahrt dadurch auch nicht kürzer oder interessanter, aber irgendwann hatte er sie doch überstanden und konnte außerhalbdes Fensters die Stadt seiner schönsten Erinnerungen entlangfliegensehen.
Wenige Minuten später hielt der Zug dann auch endlich und Julian konnte sich zwischen unzählichgen Menschen hindurch auf den überfüllten Bahnsteig kämpfen und Ausschau nach Marc halten. Verglichen mit Berlin war Hasseln wirklich ein Dorf, aber genaugenommen wirkte jede Stadt im Vergleich mit Berlin klein. Aber im Gegensatz zu jeder anderen Stadt fühlte er sich hier zu Hause und musste allen, die über das hochgelobte Flairdieser Metropole geschrieben hatten, Recht geben. Ob dieses unheimlich tolleGefühl, das er jetzt hatte, aber wirklich von der Stadt ausging odervon der Freude auf das Wiedersehen mit Marc, wusste er nicht, und es warauch egal. Auf jeden Fall sah er sich suchend um, konnte Marc aber nirgensin der Menschenmenge entdecken. Dann legte sich plötzlich von hintenein Arm um seinen Hals und zog ihn zurück.
"Ha!", jubelte Marc, "Erwischt! Ich hab doch gesagt, du hast immer noch keine Chance gegen mich!"
Mit einer blitzschnellen Bewegung befreite Julian sich aus Marcs Griff und und nahm ihn nun seinerseits, Marc war zwar inzwischen fast genauso groß wie Julian aber immer noch gut zehn Kilo leichter, in den Schwitzkasten.
Bevor aber zu viele Leute auf ihre Albereien aufmerksam wurden und villeicht noch die Bahnhofspolizei riefen, ließ er ihn wieder los und sie machten sich auf den Weg zum Ausgang.
"Und?", fragte Julian als sie auf dem Weg zur Straßenbahn waren, "was liegt heute an?"
"Na wir fahren jetzt erstmal zu mir, essen was, und nachher kommen dann noch Pauli und Ketzer vorbei und heute Abend machen wir dann dir zu Ehren nenHalf Train hinten am Güterbahnhof."
Eigentlich war Julian gar nicht nach sprayen und er hätte lieber mehr Zeit gehabt, um mit Marc zu quatschen, aber das behielt er für sich. Schließlich war er ja noch zwei volle Tag hier und da hatten sie schon noch genug Zeitum sich auszutauschen. Marc wusste wahrscheinlich, wenn sie erstmal anfangen würden, sich zu erzählen, was so los war und was sie so gemacht hatten, sie auch bald schwärmend über alte Zeiten reden würden und dann so das ganze Wochenende verplemperten.
Kurz darauf erreichten sie Marcs Wohnung, im vierten Stock eines unansehnlichen Wohnblocks, aber Julian beneidete seinen Kumpel sowieso darum, sein eigenes Reich zu haben und vollkommen unabhängig zu sein. Da war es auch egal, dass die Bude ziemlich klein und die Möbel alle vom Sperrmüll waren. Auf jeden Fall waren die Wände alle in einer anderen Farbe gestrichen, überall hingen HipHop-Poster oder geklaute Straßenschilder anden Wänden. Julian ließ sich aufs Bett fallen, er war doch irgendwie müde jetzt und bewunderte dieses Chaos. Marc schob ihnen eine Tiefkühlpizza in den Backofen, drehte die Musik auf und warf Julian erstmal eine Coladose zu.
"Machs dir bequem, Essen ist gleich fertig, ich muss nur noch mal eben telefonieren."
Während Marc mit seinem Handy auf der Fensterbank hockte und scheinbar mit einer Freundin redete, sah Julian sich genauer im Zimmer um. In einer Ecke lag ein Haufen Klamotten, auf dem Schreibtisch etliche Liebesbriefe, zumindest sahen sie aus wie Liebesbriefe, denn warum sonst benutzte man rosa Briefpapier, und das Regal an der Wand war vollgestopft mit CDs und einigen Schallplatten. Die Michael-Jordan- und Knight-Rider-Poster von früher waren Bildern von Jennifer Lopez und Eminem gewichen und der Basketball lag oben auf dem Kleiderschrank und sah ziemlich vernachlässigt aus. Ohja, es war echt lange her, dass er Marc zuletzt gesehen hatte. Das Komischedaran war, dass der sich scheinbar gar nicht verändert hatte, zumindestsah er noch geauso aus wie früher, er wirkte immer noch, wie der kleineunschuldige Junge, der es aber faustdick hinter den Ohren hatte.
"So, Pizza ist fertig, wir können essen", riß Marc ihn aus seinen Gedanken und Julian merkte erst jetzt wie hungrig er eigentlich war. Kein Wunder, er hatte ja auch seit heute morgen nichts mehr gehabt. Beim Essen stellte Marc den Fernseher an und erzählte Julian, dass er mit Pauli und Ketzer oder wie die hießen eigentlich keine Folge der Simpsonsverpasste. Julian sprach ihm seine Bewunderung für die tolle Bude ausund Marc berichtete ganz stolz, dass er alles hier allein gemacht habe, mitder Hilfe von Pauli und Ketzer natürlich, denn ganz allein war danndoch nicht möglich. Für einen kurzen Augenblick flackerte in Julianein Funken Eifersucht auf die beiden Typen auf und er schämte sich dafür.
"Wie siehts eigentlich im Basketball bei dir aus?", fragte Julian zwischen zwei bissen der pappigen Pizza, die er nur mit viel Cola hinunterbekam, "hat endlich ne Nationalmannschaft bei dir angefragt?"
Marc schüttelte den Kopf. "Nee ich spiel gar nicht mehr is mir zu öde irgendwie und außerdem hab ich eh keine Zeit mehr."
Das hatte er in seinen Mails nie geschrieben und Julian hätte es auch nie für möglich gehalten, da Marc früher wirklich in jeder freien Minute mit dem Ball unterwegs war und wenn nicht, dann mit dem Fahrrad. Aber egal.
Als Julian gerade nachfragen wollte, warum er dazu denn keine Zeit mehr hatte, klingelte es an der Tür und Marc sprang sofort auf. Er kam mit zweiTypenmit Basecap, superweiten Skaterhosen und Zigaretten im Mundwinkel zurück und stellte sie als, na wen wohl, Pauli und Ketzer vor.
"Und das ist Julian, n Kumpel von früher, hab ich bestimmt mal erzählt oder?"
N Kumpel von früher. Aha.
"Ja haste glaub ich mal", antwortete der, der als Ketzer vorgestellt worden war, "aber wir müssen gleich los, wir sollen noch bei Flauschi vorbeikommen und ihn abholen."
Marc nickte, sagte zu Julian, er könne den Rest der Pizza ruhig stehelassen, und zog sich dann auch schon ne Jacke über. Da Julian keinen Bock hatte, den Spielverderber zu spielen, tat er wie geheißen und trottete hinter den dreien her. Ketzer und Pauli erzählten irgendwas von einem Toy,der ein Piece gecrosst hatte, aber keiner hielt es für nötig, Julian zu erklären worum es ging. Sei ein Insider bekam er zu hören und fragte nicht weiter nach. Stattdessen folgte er den dreien durch Straßen, an die er gemeinsame Erinnerungen mit Marc knüpfte, aber für Weißt-du-noch-Geschichten war jetzt wohl nicht der richtige Zeitpunkt. Ein paar Straßen weiter hielten sie vor einen grauen Wohnblock, Pauli pfiff auf zwei Fingern undein Typ, offensichtlich dieser Flauschi beugte sich aus einem Fenster undrief, er würde aufmachen. Dann ging es wieder etliche Treppen hoch,das war ein echter Vorteil in Hasseln, denn da gab es kein Gebäude,das mehrals vier Stockwerke hatte, und sie betraten eine Wohnung, in der es nachallem roch, nach allem außer nach Sauerstoff.
"Wartet, ich bin gleich soweit", begrüßte sie ein schlacksiger Typ mit Rastazöpfen, wahrscheinlich wohl Flauschi.
Während sie warteten bis Flauschi, ja was eigentlich, auf jeden Fall unterhielten sich Marc und die beiden wieder über irgendwas, was wohl wieder ein Insider sein musste, denn Julian verstand wieder mal kein Wort. Dann endlich war Flauschi mit was auch immer fertig, sie schnappten sichdie Cans und machten sich auf den Weg zum Güterbahnhof.
Auf dem Weg dahin nahmen Marcs freunde keinerlei Notiz von Julian und erfühlte sich irgendwie wie das fünfte Rad am Wagen. Wenn wenigstensMarc sich ab und zu mal zu ihm umgedreht hätte, aber so trottete Juliannur hinter den vieren her, hatte schon wieder Hunger, da er von der halbenPizza nicht satt geworden war und hoffte, Flauschi, Pauschi und Kauschi würdenbald ne Fliege machen, damit er die Zeit mit Marc verbringen konnte und vielleicht noch einige gemeinsame alte Freunde besuchen konnte. Marcs neue Freunde sagten ihm jedenfalls noch überhaupt nicht zu. Trotzdem tat er so als störe es ihn nicht, dass die ihn ignorierten und tat es ihnen gleich.
Die Dämmerung war inzwischen hereingebrochen, und je näher siedem Güterbahnhof kamen, desto dunkler wurde es und man musste aufpassenwo man hintrat. Natürlich war es Julian, der gegen einen rostigen Eimer oder was auch immer trat und damit einen höllischen Lärm machte.
"Ey pass doch auf, du Landei, wir müssen uns ja nicht mit Pauken und Trompeten ankündigen!"
Landei, ja klar! Echt super! Genau, und weil er aus ner doofen Kleinstadt kam glaubte er ja auch, man müsse so richtig Krach machen, wenn mannen Zug besprayen wollte, denn in Hasseln war sowas ja erlaubt! So langsamkam die Wut in Julian hoch, oder vielleicht nur die Enttäuschung über diesen unglaublich gelungenen Auftakt seines Besuches hier.
Dann kamen sie am Güterbahnhof an, schlichen über die Gleise, guckten sich nach allen Seiten um, ob sie auch niemand bemerkte, und nach ein paar Metern flüsterte Ketzer: "Okay der hier ist gut, den nehmen wir."
Die anderen packten die Spraydosen aus ihren Rucksäcken, sahen sichnochmals nach allen seiten um, ob sie auch wirklich sicher waren und machtensich dann über den Waggon, der hier gut im Schatten der anderen Zügestand her. Pauli und Flauschi fingen sofort an zu sprayen, während Marcund Ketzer wohl noch überlegten, was sie machen sollten.
"Also früher haben wir uns immer ne Skizze gemacht bevor wir mit dem malen angefangen haben", flüsterte Julian Marc zu.
"Ja aber mein altes Black Book hab ich eh nicht mehr und außerdem ist es viel krasser spontan loszulegen."
"Na gut, dann gib mir mal ne Can, ich bin mal gespannt, was ich noch draufhabe."
Gerade wollte Marc ihm eine Dose geben als Ketzer ihn am Arm packte und fragte: "Was? Macht der etwa auch mit? Ich dachte der steht nur Schmiere!"
So langsam reichte es Julian. Dass Marcs Freunde ihn nicht mochten war eine Sache, aber dass er sich jetzt auch noch blöde Sprüche anhören musste und Marc noch nicht mal etwas dazu sagte, machte ihn echt sauer.
"Ja, der macht auch mit", antwortete er Ketzer deshalb mit ziemlich drohendem Unterton, "der hat nämlich keinen Bock hier nur blöd rumzusitzen! Und außerdem hat der schon Half Trains gemacht als du noch nicht mal wusstest was n Piece überhaupt ist!"
Marc war zwar etwas erschrocken über Julians Aufbrausen, aber wederer noch seine Freunde sagten etwas dazu, sondern machten sich nur stumm andie Arbeit und ließen jetzt auch ihn sein Ding machen. Eigentlich wusste Julian gar nicht, was er sprayen sollte, aber da er jetzt die Klappe aufgerissen hatte, musste es gut werden. Also fing er einfach mit ein paar Charakters an, den einen vor einer Großstadtkulisse, den anderen ein Stück entfernt davon, die beiden streckten die Hände nacheinander aus, aber zwischen ihnen lag ein Berg aus abstrakten Formen und Farben. Darüber schrieb er in Wild-Style-Buchstaben "Distance alienates".
Danach malte er noch sein Tag darunter und betrachtete zufrieden sein Werk. Ein echter Burner, es war echt gut geworden. Besonders die Buchstaben waren ihm echt gut gelungen. Marc stand plötzlich hinter ihm und nickte nur bewundernd.
"Wow! Du hast echt nichts verlernt!"
Auch die anderen drei kamen jetzt dazu, sahen sich sein Bild an und er sich die der anderen. Er hätte sich gar nicht so ins Zeug legen müssen, dachte er freudig, denn bis auf Marc waren die alle blutige Anfänger und ihre Bilder zum Teil verlaufen, zu kantig oder einfach nur schlecht.
Flauschi pfiff nur leise und sagte etwas von wegen "Hätte ich dir gar nicht zugetraut" oder so, aber Ketzers Mine verfinsterte sich und er zischte nur böse: "Ist doch echt ätzend, wenn einer so angeben muss, wahrscheinlich hat er das Bild schon hundertmal geübt. Kommt wir machen weiter, schließlich wollen wir den Zug noch fertig bekommen."
Schweigend machten sich alle fünf wieder an die Arbeit. In Julian machte sich jetzt wirklich grenzenlose Enttäuschung breit, nicht darüber, dass er mit Marcs komischen Freunden nicht klar kam, auch nicht nur darüber, dass Marc nichts dazu sagte, sondern hauptsächlich darüber, dass sich ein massives Gefühl der Entfremdung in ihm breit machte, das er sich zwar noch auszureden versuchte, aber es war halt trotzdem da. Nichteinmal sein Graffiti, das doch nun wirklich eine unmissverständlicheAussage hatte, hatte Marc wahrgenommen.
Und dann kam plötzlich Aufregung auf. Pauli hatte wohl ein Geräusch gehört, und jetzt lauschten alle, ob vielleicht irgendwo jemand auftauchte, der Graffiti nicht als Kunst ansah.
"Da hinten!", rief Marc leise und deutete auf zwei gestalten, die vom Lokschuppen her auf sie zukamen. Dazu erklang auch wütnedes Hundegebell, ein deutliches Zeiche, dass es Zeit war, hier zu verschwinden.
"Los! Abhauen, wir treffen uns bei Flauschi!", brüllte Ketzer, dannrannte jeder in eine andere Richtung.
Julian versuchte Marc zu folgen, doch da der sich hier besser auskannte,hatte er ihn bald verloren und kämpfte sich allein durch das Gestrüpp, das hier überall an den Gleisen und rostigen Zäunen wucherte. Immer wieder zerkratzten ihm zurückschnellende Zweige das Gesicht und eigentlich wusste er auch gar nicht so genau, in welche richtug er laufen musste. Sich hier im Dunkeln durchzuschlagen war schon schwer genug, dachte er, aber wenn man dann auch noch den besten Freund verloren hatte und ganz auf sich allein gestellt war, geradezu unmöglich.
Irgendwann gelang es ihm schießlich aber doch, das gelände des Güterbahnhofs zu verlassen, ohne sich erwischen zu lassen, nur wie er jetzt zu diesem Flauschi kommen sollte, das wusste er leider nicht mehr.Er war ja vorhin nur hinter den anderen hergetrottet, und wie gesagt warBerlin nicht gerade Hasseln, wo man eigentlich jede Ecke kannte. Also suchteer eine weile herum, sah dann aber ein, dass es hoffnungslos war und machtesich auf den Weg zu Marcs Bude. Irgendwann würde der ja wohl daraufkommen, dass Julian nicht mehr wusste, wo Flauschi wohnte und nach hausegehen. Zum Glück war die Haustür offen, so dass Julian wenigstensim Treppenhaus warten konnte. Mitternacht war inzwischen längst vorbeiund als Julian sichauf die Treppe vor Marcs Wohnung setzte, ließ erdie Eindrückedes Tages noch mal an sich vorbeiziehen. Vielleicht warer ja auch zu empfindlichoder zu streng mit Marc oder hatte einfach zu hoheErwartungen an das wiedersehen gestellt. Immerhin hatten sie sich überdrei Jahre nicht gesehen, und in so einer Zeit veränderte man sich natürlich.Marc genauso wie er selbst. Da konnte er doch nicht erwarten, dass allesgenauso sein würde wie früher. Nur war er halt von dem Abend enttäuscht,hatte Hunger und war jetzt auch hundemüde.
Das war wohl auch der Grund, warum er kurz darauf einschlief und erst wieder wach wurde als Marc die Treppe hochpolterte. Er brauchte einen Moment umwieder zu wissen, wo er war, denn er hatte gerade geträumt, geträumtvon früher als Marc und er noch unzertrennliche Freunde gewesen warenund niemand sich hätte zwischen sie drängen können.
Schweigend sah Julian aus dem Fenster, es dämmerte schon wieder, und er zwang sich selbst, sich eine Enttäuschung über den gestrigen Tag nicht anmerken zu lassen und diesem Tag eine neue Chance zu geben. Es war halt einfach dumm gelaufen, es war nicht Marcs Schuld und sie hattensich auch nicht wirklich auseinandergelebt. Oder?
"Sag mal, warum kommst du eigentlich erst jetzt? habt ihr wirklich gedacht, ich finde den Weg zu diesem Flauschi oder wie der heißt alleine?"
Marc schüttelte den Kopf.
"Nee, aber als wir da waren haben wir einen geraucht, und darüber hab ich dich völlig vergessen. Sorry."
"Einen geraucht? Seit wann machst du denn sowas? Da hast du mir gar nix von erzählt..."
Julian sah seinem Freund tief in die Augen und wartete auf dessen Reaktion. Marc und Drogen, das passte irgendwie nicht zusammen. Und dass er es ihmnicht mal geschrieben hatte...
"Na ja", wehrte Marc ab, "ich muss dir doch nicht jede Kleinigkeitschreiben oder?"
"Nee musst du nicht, du musst mir eigentlich auch gar nix mehr schreiben, wenn du nicht willst", brach es aus Julian heraus und es fiel ihm schwer, nicht zu zeigen, wie sehr ihn das verletzte, "aber ich dachte bisher immer, dir läge was daran, mir genauso jede Kleinigkeit zu erzählen wie ich das bei dir auch mache..."
Marc schien allerdings nicht zu bergreifen, wie ernst es Julian war, undwenn, dann ließ er es sich nicht anmerken, sondern überspieltees gekonnt.
"Ach, Juli", erklärte er lakonisch, "es ist halt nicht mehr wie vordrei Jahren, wir haben uns halt verändert und brauchen uns eben nichtmehr alles erzählen. Das ist halt so."
Ja wir beide haben uns verändert, dachte Julian und musste schlucken, nur mir scheint, einer von uns hat sich etwas mehr verändert als der andere. Und das schlimmste daran war diese Nüchternheit, mit der sein bester Freund, wenn das denn noch zutraf, ihm diese Erkenntnis unterbreitete. Natürlich konnte man die Zeit nicht anhalten und natürlich wares nicht mehr genauso wie vor drei Jahren, aber das musste doch nicht heißen, dass sie sich gar nichts mehr zu sagen hatten oder?
Ohne auch nur ein Wort zu sagen, folgte er Marc in die Wohnung, sie machten sich Frühstück und zogen sich dann das Samstagmorgenprogramm im Fernsehen rein. Marc erzählte nebenbei ein wenig von den tollen Aktionen, die er mit seinen neuen Freunden startete, von seinen Eroberungen und was sonst so anlag, aber alles war nur oberflächlich und die Basis, vonder Julian geglaubt hatte, sie würden sie noch haben, fehlte irgendwie.So saßen sie also stundenlang vorm Fernseher und redeten, ohne etwas zu sagen, bis Julian irgendwann fragte: "Und was liegt heute noch an? Was machen wir noch? Oder hängen wir den ganzen Tag vor der Glotze?"
Als Marc antwotete, vermied er es, Julian direkt anzusehen.
"Na ja also nachher dachte ich, wir gehen noch mal einkaufen, ich wollt mir noch ne neue Jacke holen und dachte du hättest vielleicht auch Bockmal wieder richtig shoppen zu gehen..."
"Klar", stimmte Julian zu, denn immerhin klang das so als wären Ketzer, Pauli, Flauschi oder irgendwelche anderen Schwachköpfe nicht dabei.
"...na ja und dann...", fuhr Marc fort, "also ich hab doch gestern noch mit Tatjana telefoniert... und sie wollte vielleicht heute abend herkommen... und auch die Nacht über da bleiben... na ja und da hab ich gedacht,falls es dir nichts ausmacht, könntest du doch auch schon heute Abendfahren, ich meine, die paar Stunden mehr bringens doch auch nicht oder?"
Das traf Julian wie ein Schlag ins Gesicht. Marc wollte ihn also tatsächlich wegen so ner Tusse rausschmeißen! Echt klasse! Sein bester Freund sah ihn nach drei Jahren wieder, schleifte ihn mit ein paar Idioten nachts zum Güterbahnhof, wo er sich doofe Sprüche anhören durfte, ließ ihn dann die Nacht auf den harten Stufen im Treppehaus verbringen, um dann nur mal so nebenbei zu erwähnen, dass ihm ihre Freundschaft nichts mehr bedeutete, und jetzt wollte er ihn auch noch für seine neue Flamme vor die Tür setzen. Komischerweise hatte Julian sich das Wochenende etwas anders vorgestellt.
"Es macht dir doch nichts aus oder?", fragte Marc und hielt seine Bitte offenbar für selbstverständlich, "Ich meine, wir sind doch Freunde, oder?"
"Ach so ja klar sind wir natürlich. Hatte ich nur vollkommen vergessen!", gab Julian in bissigem Ton zurück und bemühte sich nun auch nicht mehr, seinen Ärger zu unterdrücken.
"Was ist denn los? Bist du jetzt sauer? Ich meine, wenn du das mit Tatjana doof findest, kannst du ja auch hier bleiben."
Offensichtlich war Marc die Freundschaft wirklich egal, oder konnte einer so blöd sein und es nicht mal merken? Am liebsten hätte Julianihm jetzt eine geknallt und ihn dann so lange geschüttelt, bis der alteMarc wieder zum Vorschein kam, aber das war wohl aussichtslos. Stattdessendachte er nur kurz daran, einfach seinen Koffer zu packen und gleich jetztschonzu fahren. Dann hätte Marc wenigstens noch Zeit, seine Bude aufzuräumen bevor Tatjana kam. Aber nein! So schnell gab er nicht auf.
"Ja allerdings bin ich sauer!", schrie er Marc an, "Ich weiß ja nicht, warum dir unsere Freundschaft nichts mehr bedeutet, aber wir haben früher alles zusammen gemacht, wussten alles voneinander und ich hab dir mehr vertraut als jedem anderen. Und wenn dir das alles nicht mehr wichtig ist, mir ist es sehr wichtig und ich will nicht, dass das jetzt einfach so auseinanderbricht und..."
Ihm fehlten die Worte, er war den Tränen nahe und fragte sich auch,ob es Sinn machte, um eine Freundschaft zu kämpfen, die eigentlich garkeine mehr war. Natürlich war es vor drei Jahren anders gewesen, aberdas war eben vor drei Jahren gewesen und heute war heute. Marc waren andereDingeim Leben wichtiger geworden und Julian versuchte an etwas festzuhalten,waslängst nicht mehr da war. So traurig es auch war, es war die Realität.Und er hatte nur nicht damit gerechnet, dass die Realität ihn so baldin die Wirklichkeit zurückholen würde.
"Juli", redete Marc jetzt auf ihn ein und legte dabei seinen Arm um ihn,"das alles hat doch nichts damit zu tun, dass mir unsere Freundschaft nichtsmehr bedeutet. Es ist nur so, dass wir inzwischen viel zu weit voneinanderentfernt sind und irgendwie in verschiedenen Welten leben. Aber trotzdemsind wir doch noch Freunde!"
Wow, das klang so furchtbar vernünftig, so tierisch richtig, und doch war es so unheimlich hart und schwer zu akzeptieren.

Einige Stunden später saß Julian im Zug Richtung Hasseln, hatte inzwischen akzeptiert, dass seine Freundschaft mit Marc eine andere geworden war, aber er fragte sich dennoch, ob es nicht auch anders laufen konnte, ob Entfernung wirklich zwangsläufig entfremdete und ob sein Wunsch nach unzerstörbarer Freundschaft denn wirklich so infantil und realitätsfremd war.


Christian Dolle, 03/2001
 
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Kommentare  

Mir gefällt deine Geschichte gut, auch wenn ich mir irgendwie noch einen anderen, tieferen, Schluß gewünscht hätte.
Der Hauptmangel, den ich in deiner Geschichte sehe, ist die Rechtschreibung beziehungsweise die Form. Kannst du es nicht noch korrigieren in Bezug auf Leerzeichen u.ä.?
von mir 4 pkt.


jaana (04.01.2007)

Stefan hat Deine Story brilliant analysiert. Dem gibt es wenig hinzuzufügen.
Doch, vielleicht eines noch:
Deine Geschichten beschreiben und dokumentieren hervorragend den Stil und das Lebensgefühl der jungen Generation.
5 Punkte


Norma Banzi (22.04.2003)

Freundschaften sind wie Gärten: man muss sie pflegen. Manchmal klappt das auch über weite Entfernungen, aber nur, wenn man sich regelmässig trifft. Ansonsten geht die Freundschaft ein wie die Pflanzen in einem Garten, die nicht regelmässig gegossen werden.
Hat bittere Erinnerungen in mir geweckt, deine Geschichte. In der Kindheit musste ich mehrmals solche Freundschaftsabbrüche durchmachen, weil wir dauernd umzogen.
Das Schlimmste ist die völlige Sprachlosigkeit, wenn man sich Jahre später mal trifft. Man kann nicht mehr miteinander reden. Alles fühlt sich verdorrt an, kalt und tot.

Klingt autobiografisch angehaucht an, deine Story. Hervorragend beobachtet und brillant umgesetzt. Man kann Julians Desorientierung, seine Traurigkeit und die aufsteigende Verzweiflung total mitfühlen.
Fünf Punkte dafür!


Stefan Steinmetz (05.09.2002)

Die Geschichte find ich absolut realistisch. Dein Schreibstil gefällt mir!!! Weiter so!

esmias (17.06.2001)

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