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16 Seiten

littlebastard (Teil 5)

Romane/Serien · Nachdenkliches
littlebastard

Teil 5




Später, wir waren kurz vor Braunschweig, redeten wir über dies und das, und ich hatte sogar angefangen, ein wenig von mir zu erzählen, obwohl ich das eigentlich gar nicht wollte, zum einen, weil ich meine Geschichte nur wirklich oft genug erzählt hatte, zum anderen, weil mich mit jedem Erzählen immer mehr das Gefühl beschlich, irgendetwas in meinem Leben lief ganz gewaltig schief, und diese Selbstzweifel wollte ich mir nicht noch weiter antun. Ich ließ also die Suche nach meinem Vater und alle nicht ganz legalen Aktionen weg und beschränkte mich auf den Rest, merkte aber bald, dass ich so nicht sonderlich viel zu erzählen hatte. Das mochte nun bedeuten, was es wollte, und hätte Simon nicht neben mir gesessen, hätte ich vielleicht auch länger darüber nachgedacht, aber so schob ich den Gedanken von mir und erzählte dem Jungen, wie toll es war, wenn man das Leben so nahm, wie es kam, auf niemanden hörte oder Rücksicht nahm und nur noch das machte, wozu man gerade Lust hatte. Auf seine Frage, wie lange sowas denn gut ging, wusste ich keine Antwort, erklärte ihm aber, dass ja sowieso alles sinnlos war, und wenn es irgendwann nicht mehr weiterging konnte ich mein Dasein ja immer noch selbst beenden. So ganz überzeugt schien Simon von meiner Argumentation nicht, und wenn ich ehrlich bin, wäre ich es auch nicht gewesen, wenn das nicht die Philosophie gewesen wäre, die ich mir seit Jahren einredete. Sicher kam ich durch, wenn ich nur an mich dachte, solange eben nichts passierte, wobei ich auf andere angewiesen sein würde. Mir fiel wieder ein, warum ich mit dem Civic fuhr und nicht mit Manus Auto, und wenn ich den Gedanken nicht ganz schnell beiseite geschoben hätte, hätte ich mir wahrscheinlich eingestehen müssen, dass ich ein Arschloch war, das keine Freunde hatte. Eigentlich hatte ich das auch schon vorher gewusst, doch jetzt fiel mir zum ersten Mal auf, dass es mich störte. Ich war immer nur allein gewesen, schon als Kind wollten die meisten Nachbarskinder nicht mit mir spielen, weil ich deren Sandburgen immer nur zerstört oder ihre neuen Masters of the Universe - Figuren geklaut hatte, aber genaugenommen hatte mir das Alleinsein nie etwas ausgemacht, oder ich hatte mich zumindest daran gewöhnt. Jetzt machte es mir etwas aus, ich zweifelte nämlich an mir selbst und wusste, dass es zu spät war, um noch einmal neu anzufangen. Wie normales Familienleben aussah wusste ich nicht, Freunde hatte ich immer nur, wenn ich sie gerade brauchte, und noch dazu hatte ich nie gelernt, über etwas zu reden, was mich bedrückte, geschweige denn, es nur zu bemerken.
Plötzlich riss mich die Stimme des Radiosprechers, meine Cassetten waren mir inzwischen ausgegangen, und wir hatten uns auf einen erträglichen Radiosender geeinigt, aus meinen Grübeleien: „Und jetzt noch eine Suchmeldung der Polizei, gesucht wird der fünfzehn Jahre alte Simon Henke aus Bochum. Simon ist einen Meter vierundsechzig groß, schlank, hat blonde Haare und blaue Augen. Bekleidet ist er mit einer dunkelblauen Jeans, einem weißen T-Shirt und einer Jeansjacke.“
Langsam schaute ich nach rechts, Simon tat so als habe er nichts gehört und starrte angespannt aus dem Fenster, doch als er meinen Blick spürte, sah er mich schuldbewusst an und hatte wohl Angst, ich würde ihn jetzt rausschmeißen.
„So... Henke heißt du also...“
Er nickte und wusste wohl immer noch nicht, was ich jetzt mit ihm machen würde. Ich wusste es auch nicht, eigentlich änderte diese Nachricht ja nichts, und selbst zu seiner erfundenen Geschichte hätte sie noch gepasst. Trotzdem schwieg ich ihn an und war gespannt, ob er mir jetzt wohl die Wahrheit erzählen würde.
Leider hatte ich mich getäuscht, er sagte gar nichts, erst am nächsten Parkplatz fragte er, ob ich ihn hier rauslassen könne.
„Klar kann ich das“, antwortete ich, machte aber keine Anstalten, anzuhalten, „aber so weit ist es bis Braunschweig ja nun auch nicht mehr.“
„Ich will aber nicht, dass du mich da bei der Polizei absetzt!“, flehte er, und woher hätte er auch wissen sollen, dass ich den Bullen bestimmt nicht freiwillig über den Weg lief.
„Wieso nicht? Dann kannst du deine Eltern anrufen und denen erklären, dass du auf dem Weg zu deinem Kumpel bist.“
Simon sah mich aus großen Augen an, sackte in sich zusammen und schwieg. Ich ließ ihn zappeln, sagte auch nichts, fuhr aber an allen Ausfahrten nach Braunschweig vorbei. Wenn er aussteigen wollte, konnte er es ja sagen, außerdem war ich sowieso noch immer davon überzeugt, dass er in Wirklichkeit doch lieber nach Berlin wollte. Nur den Grund dafür hätte ich jetzt gerne erfahren.
„Ich geh nicht mehr nach Hause...“, erklärte er schließlich leise, den Blick wieder starr auf die Straße und die anderen Autos gerichtet.
„Und warum nicht?“
„Willst du gar nicht wissen.“
Doch, ich wollte es wissen, aber je mehr ich jetzt nachfragen würde, desto weniger würde er mir erzählen. Also ließ ich ihm Zeit, wartete ab und hoffte, er würde doch irgendwann erzählen, warum er von zuhause weggelaufen war.

Wir fuhren schweigend weiter, ließen uns vom eintönigen Gedudel des Radios die Zeit vertreiben, und es dauerte noch fast bis zur Grenze nach Sachsen Anhalt, bis ich endlich die Geduld verlor und drängte: „Doch, verdammt, ich will es wissen. Ich setz dich bestimmt nicht bei den Bullen raus, fahr dich nach Berlin oder sonstwo hin, aber ich will endlich wissen, warum du abgehauen bist.“
Simon schluckte, spielte nervös mit dem Feuerzeug in seiner Hand herum und fing dann schließlich doch an, mir seine Geschichte zu erzählen. Ich hörte zu, unterbrach ihn nicht, glaubte ihm zuerst kein Wort und dachte es wäre wieder eine Lüge, die er mir da auftischte, aber leider klang das, was er sagte, wirklich glaubhaft, und so hörte ich bald nur noch fassungslos zu.


Simon lebte mit seinen Eltern und seiner fünf Jahre älteren Schwester in einem tristen grauen Wohnblock in Zentrum von Bochum, der Vater war Fernfahrer, die Mutter Aushilfe in einem Supermarkt, eine stinknormale Ruhrpott-Familie also. Zumindest fast normal, denn Simon war nicht der leibliche Sohn seines Vaters, denn als er zehn Jahre alt war, hatte seine Mutter neu geheiratet, die Schwester hatte sich schnell mit dem neuen Familienmitglied angefreundet, während ihr kleinerer Bruder von Anfang an der Sündenbock für alles gewesen war. Immer, wenn etwas vorgefallen war, eine zerbrochene Vase oder Dreck im Flur oder andere Kleinigkeiten, hatte Simon die Schuld dafür bekommen, sein Vater hatte ihn angebrüllt, und wenn Simons Mutter dazwischengehen wollte, hatte sie nur zu hören bekommen, das seien seine Erziehungsmaßnahmen, und er sei jetzt der Mann im Haus. So war das einige Jahre weitergegangen, Simon gewöhnte sich immer mehr an den rauhen Ton des Mannes seiner Mutter, zog sich aber immer mehr zurück und ließ die Beschimpfungen kommentarlos über sich ergehen. Er versuchte einfach, nichts falsch zu machen, was ihm natürlich nicht immer gelang, ab und zu setzte es auch mal eine kleine Ohrfeige, aber da seine Mutter nichts mehr gegen das Geschrei sagte, bildete er sich ein, es müsse so sein. Seinem neuen Vater ging er so gut es ging aus dem Weg, seine Freunde suchte er sich in der Schule oder anderswo, und wenn er an jenem Sonntag, an den er sich noch erinnern konnte als wäre es gestern gewesen, nicht zu spät nach Hause gekommen wäre, hätte sich wohl lange Zeit nichts verändert.
An jenem Sonntag war Simon, er war damals zwölf, mit seinem besten Freund im Schwimmbad gewesen, sie hatten herumgealbert und viel Spaß gehabt, und natürlich die Zeit und das Abendessen, zu dem seine Eltern auch zwei Kollegen seines Vaters und deren Freundinnen eingeladen hatten, vollkommen vergessen. Um acht sollte gegessen werden, Simon kam um halb neun zuhause an, seine Mutter machte ihm auf, sagte kein Wort, und auch der Vater sah ihn nur durchdringend an, hielt sich aber mit seinen üblichen Wutausbrüchen zurück. Zu essen bekam Simon natürlich nichts mehr, wurde nur hungrig auf sein Zimmer geschickt und wartete dort, was wohl passieren würde, wenn die Freunde seines Vater sich verabschiedet hätten. Und richtig, nur wenige Augenblicke, nachdem er die Haustür hatte zufallen hören, flog seine Zimmertür auf, sein Vater stürmte wutschnaubend ins Zimmer und schrie ihn an, was ihm einfallen würde, sich vor Gästen so zu benehmen. Simon versuchte noch, zu erklären, warum er so spät kam und dass ihm im Schwimmbad seine Uhr geklaut worden war, aber das machte den Mann seiner Mutter nur noch wütender, und schon traf ihn dessen Hand mit voller Wucht ins Gesicht. Simon zuckte zusammen, wollte sich entschuldigen, aber die Schläge hörten nicht auf, wurden immer heftiger, sein Stiefvater prügelte sich richtig in Rage, und als Simon später weinend, zitternd, schluchzend auf seinem Bett lag, ergriff eine ungeheure Angst von ihm Besitz, eine Angst, die ihn lähmte, Angst, weil er sich fragte, was er denn falsch gemacht hatte und Angst davor, dass dieser Mann ihn bei der nächsten Gelegenheit wieder schlagen würde.
Sprechen konnte Simon mit niemandem darüber, denn seine Mutter war ja im Nebenzimmer gewesen und hatte bestimmt gehört, was passiert war. Also sagte er zu niemandem ein Wort, passte noch mehr als früher auf, dass er den Mann seiner Mutter zufriedenstellte, kam nie wieder zu spät, und doch half das alles nichts, denn kurz darauf, gab der Fernseher im Wohnzimmer seinen Geist auf, und auch wenn Simon noch so sehr beteuerte, es sei nicht seine Schuld, so war der Vater überzeugt, er habe an dem Ding herumgespielt, lüge jetzt auch noch, weil er zu feige sei, und schlug dann wieder auf den Jungen los, diesmal sogar vor den Augen seiner Frau, die aber daraufhin das Wohnzimmer verließ und sich erst wieder blicken ließ als Simon mit blutender Lippe im Bad stand und nach einem Pflaster suchte. Die körperlichen Schmerzen waren zwar auch schlimm, aber viel schlimmer noch war eine andere Art Schmerz, ein Schmerz, den er nicht benennen konnte, ein Schmerz, denn er aber von da ab häufiger spürte, immer, wenn sein Vater ihn wieder verprügelte und nicht aufhörte, bevor er sich völlig abreagiert hatte und seine Mutter tatenlos dabei zusah.
Beim nächste Mal war es dann ein zerbrochenes Glas in der Küche, und bald war es nicht selten, dass Simon am Montagmorgen mit blauen Flecken in die Schule kam, doch es fiel niemandem auf, und er fragte sich immer noch, was er tun musste, damit sein Vater endlich nicht mehr so wütend auf ihn war. Wenn es jemandem aufgefallen wäre, hätte dieser Jemand auch bemerken müssen, dass Simon sich mehr und mehr zurückzog, in der Schule sagte er kaum noch etwas, und auch seine Freundschaften waren meist nur noch von kurzer Dauer. Oft fuhr er am Wochenende, wenn sein Vater zuhause war, stundenlang mit dem Fahrrad durch die Gegend, natürlich immer darauf bedacht, pünktlich zum Essen zuhause zu sein, doch auch das half meist nichts, denn es gab immer neue Gründe, neue Gründe und neue Schläge. Dem Mann seiner Mutter konnte er bald nicht mehr in die Augen sehen, und auch der ausdruckslose Blick seiner Mutter war kaum zu ertragen.
Als schließlich sein Vater eines Abends nach Hause kam und erklärte, er habe seinen Job verloren, wurde es nur noch schlimmer, er war von da an jeden Tag zuhause, Simon so oft wie möglich weg, aber die Schläge wurden nur noch mehr, genau wie die blauen Flecken und die Schmerzen. Auf seine Frage nach dem Warum bekam Simon keine Antwort, er war sich nur irgendwann ziemlich sicher, dass der Grund nicht bei ihm lag, und so kam zu der Angst vor diesem Mann, den er seinen Vater nennen musste, auch noch abgrundtiefer Haß und Verzweiflung, weil es scheinbar keinen Ausweg aus dieser Hölle gab. Seine Freundschaften brach Simon nach und nach alle ab, er redete nur noch, wenn er gefragt wurde, doch auch das fiel niemandem auf. Natürlich wurden auch seine Noten in der Schule schlechter, was wiederum der Auslöser für noch mehr Schläge war, und der einzige Mensch, der noch einen gewissen Draht zu Simon hatte, war Patrick, der Sohn der Schwester seiner Mutter, er war vier Jahre älter als Simon, hatte aber schon immer einen guten Draht zu seinem jüngeren Cousin gehabt und fragte diesen nun oft, warum er denn so niedergeschlagen wirkte und nichts mehr mit ihm anzufangen war. Simon hatte Patrick schon immer vertraut, war auch der erste gewesen, der erfahren hatte, dass Patrick nicht auf Mädchen stand, aber eine Antwort gab er ihm auf seine Fragen nicht. Manchmal war er kurz davor, ihm alles zu erzählen, aber lange Zeit traute er sich das nicht, er fraß seine Angst immer weiter in sich hinein, lag fast jede Nacht leise weinend im Bett und konnte nicht schlafen, denn sobald ihm die Augen zufielen, sah er den Mann seiner Mutter wieder vor sich und Erinnerungen an die vergangenen Abende kamen in ihm hoch. Stattdessen lag er also wach und betete oft, seinem Vater würde etwas zustoßen, ein Autounfall, ein Schlaganfall oder sonst etwas, denn einen anderen Ausweg sah er nicht. Doch so sehr er es sich auch wünschte, der Unfall blieb aus, Patrick fragte bald auch nicht mehr, was mit ihm los war, aber das Prügeln ging weiter. Immer mehr fühlte Simon sich wie der einsamste Mensch der Welt, eine wahre Flut unterschiedlichster Gefühle tobte tagtäglich in seinem Inneren, und doch konnte er nichts tun, um all dem zu entkommen. Am Anfang hatte er immer noch versucht, nichts von dem, was passierte, an sich heran zu lassen, aber auch das hielt er nicht lange durch, zu häufig rastete sein Stiefvater aus, zu häufig konnte er nachts vor Angst nicht schlafen. Langsam aber sicher, fraßen sich all die Schläge tief in Simons Seele und zerstörten ihn von inner heraus. Wenn jetzt eine ehemaliger Freund oder ein Lehrer gefragt hätte, was mit ihm los war, wäre die Wahrheit vermutlich unter Tränen aus ihm herausgesprudelt, aber es fragte niemand mehr, niemand schien den schüchternen, abgemagerten, zerbrochenen Jungen überhaupt noch wahrzunehmen. Die Gründe, warum der Mann auf Simon losschlug wurden immer willkürlicher, oft reichte schon eine falsche Bemerkung oder nur ein unerwünschter Blick aus, damit er seinen Gürtel aus den Schlaufen zog und in blinder Wut auf den Sohn seiner Frau eindrosch, dafür kam es immer öfter vor, dass Simon am nächsten Morgen so schlimm zugerichtet aussah, dass seine Mutter ihn nicht zur Schule schicken wollte, was wiederum nur der Grund für neue Aggressionen war.
Simon wusste selbst nicht so genau, wieso er die Qualen so lange ertragen konnte, wieso er nicht schon längst an Selbstmord dachte, doch je länger das Martyrium dauerte, desto mehr versuchte er sich einzureden, es sei normal und er müsse sich in sein Schicksal fügen. Wenn es falsch war, was da passierte, hätte doch irgendjemand Einhalt geboten, sagte er sich und ertrug weiterhin die Wunden, die sein Vater ihm zufügte.
Doch dann, eines Tages, es muss kurz nach seinem fünfzehntem Geburtstag gewesen sein, stand Simon in der Küche und rührte sich einen Kakao an als sein Vater vom Arbeitsamt zurückkehrte. Mit schweren Schritten stapfte der Mann in die Küche, warf seine Jacke über einen der Küchenstühle und fluchte laut vor sich hin. Da Simon wusste, wie gefährlich es war, wenn sein Vater erfolglos von der Arbeitssuche nach Hause kam, schnappte er sich seine Tasse und verzog sich damit ins Wohnzimmer, um Schlimmeres zu verhindern. Leider half das auch nicht, denn nur wenige Minuten später folgte ihm der Mann, durchbohrte ihn mit einem vor Wut schäumenden Blick und schrie ihn dann an, was ihm einfiele, hier auf der Polstergarnitur Milch zu trinken, dazu sei die Küche da. Bevor Simon allerdings seine Tasse schnappen und zurück in die Küche tragen konnte, hatte er sich auch schon eine schmerzhafte Ohrfeige eingefangen, der weitere Schläge folgten. Wie immer wehrte der Junge sich nicht, denn er wusste, das würde alles nur noch schlimmer machen, doch auch so machte der Mann keine Anstalten, mit dem Prügeln aufzuhören, er drosch mit den Fäusten immer wieder auf seinen Sohn ein, und dass der wimmerte, stöhnte und einfach keine Kraft mehr hatte, noch weitere Schläge zu verkraften, war ihm dabei völlig egal. Als Simon nach einem weiteren Hieb gegen den Kopf mit diesem auf die Tischplatte knallte, blieb er benommen liegen, wurde ohnmächtig und erwachte erst viel später wieder, fand sich in einem Krankenhausbett wieder, wo eine Ärztin im weißen Kittel ihm erklärte, er habe sich bei seinem Sturz von der Treppe eine Gehirnerschütterung zugezogen. Nachdem der Junge wieder einigermaßen klar denken konnte, wollte er zuerst nachfragen von welchem Sturz und von welcher Treppe die Frau redete, ließ es dann aber bleiben als er das warnende Funkeln in den Augen seines Vaters bemerkte. Also ließ er sich zurück in die Kissen sinken und fügte sich wieder einmal still in sein Schicksal.
Fast zwei Wochen lag er im Krankenhaus, musste zahllose Untersuchungen über sich ergehen lassen, doch wenigstens war er nicht zuhause, und der Mann seiner Mutter konnte ihm hier nichts tun, er besuchte ihn ja nicht einmal. Dafür stand am Tag als er entlassen werden sollte Patrick plötzlich in der Tür, legte seinem Cousin den Arm um die Schulter und sagte, er würde ihn jetzt nach Hause bringen. Stumm und kraftlos schüttelte Simon zuerst den Kopf, denn die Angst vor, dem, was ihn dort erwarten würde war größer als je zuvor, doch Patrick beruhigte ihn und erklärte, er bräuchte sich vor seinem Vater nicht mehr zu fürchten. Als er seinen Cousin zum ersten Mal im Krankenhaus besucht hatte, war ihm nämlich schlagartig klar geworden, warum sein kleiner Cousin seit Jahren so verändert war, er habe sich die Geschichte zusammengereimt und dem Vater gedroht, er würde ihn anzeigen, sobald er seinen Stiefsohn auch nur noch ein einziges Mal anrühren würde.
Simon wollte das, was er hörte zunächst nicht glauben, viel zu selbstverständlich waren die Schläge im Laufe der Jahre geworden, aber während er sich die nächsten Wochen noch von seiner Gehirnerschütterung erholte, ging ihm der Mann seiner Mutter tatsächlich aus dem Weg, schenkte ihm zwar immer noch böse, hasserfüllte Blicke, doch die Prügel blieben aus, und auch wenn die Stimmung in der Familie gespannt war wie nie zuvor und niemand mehr mit Simon redete, so entspannte dieser sich jedoch mit jedem Tag, den er nicht verdroschen wurde mehr. Nach einigen Wochen begann er dann wirklich an Patricks Worte zu glauben, hatte zwar immer noch Alpträume und konnte nicht schlafen, aber die lähmende Angst wurde doch ein wenig schwächer. Jeder andere hätte die Situation wahrscheinlich noch immer als unerträglich empfunden, da selbst Simons Mutter ihren Sohn mit Blicken vorwurfsvollen Blicken bedachte als hätte er schreckliches Unheil über ihre ganze heile Familie gebracht, aber für Simon war es fast das Paradies. Zum ersten Mal seit Jahren brauchte er in der Schule keine blauen Flecken zu verstecken, schlief er nicht unter körperlichen Schmerzen ein, musste er nicht jeden Moment damit rechnen, dass ein kleiner Fehler der Auslöser für neue Schläge war. Er entspannte sich zunehmend, konnte endlich wieder durchatmen und glaubte sogar daran, eines Tages mit seinen Alpträumen fertig zu werden. Auch Patrick besuchte er fast jeden zweiten Tag, unternahm viel mit seinem Cousin und konnte seine Dankbarkeit kaum in Worte fassen.
Nach knapp zwei Monaten, in denen der Mann seiner Mutter wirklich die Finger von Simon gelassen hatte, war dieser wieder einmal mit Patrick unterwegs und brachte sogar ab und zu wieder ein Lächeln zustande, und fragte seinen Cousin zum ersten Mal, wie er das alles denn wieder gutmachen konnte. Ein Lächeln umspielte Patricks Mund, und er antwortete, er habe schon darauf gewartet, dass er endlich eine Gegenleistung für seinen Gefallen bekäme, und worin diese Bestand, würde er ihm am Abend in seiner Wohnung sagen. Zwar verstand Simon nicht, was sein Cousin damit hatte sagen wollen, doch er stand selbstverständlich abends bei Patrick auf der Matte, bereit, alles zu tun, was er von ihm verlangte. Dass es anmaßend war, für das, was er getan hatte, eine Gegenleistung zu verlangen, kam Simon nicht in den Sinn, denn er hatte ja bisher nur die Erfahrung gemacht, dass es scheinbar niemanden störte, was sein Stiefvater jahrelang mit ihm getan hatte. Als Patrick kurz nach dem Klingeln die Tür öffnete, betrachtete er Simon mit einem Blick, der ihm unheimlich war, doch er schob den Gedanken von sich, er wollte ja nicht undankbar sein, denn schließlich hatte Patrick ihn sozusagen aus der Hölle befreit. Und auch als Patrick ihm dann immer wieder versicherte, wie süß er eigentlich sei, wie hübsch und sexy, nahm Simon das zunächst noch genauso hin wie das Streicheln über seine Wange und seinen Oberschenkel. Erst als Patrick schließlich damit herausrückte, dass er sich schon seit langem in ihn verguckt hatte und ihm nun seine Liebe beweisen wolle, begann Simon zu ahnen, dass eine neue Hölle auf ihn wartete.
Trotzdem ließ der Junge alles über sich ergehen, was sein Cousin von ihm verlangte, dachte nicht einmal daran, dass es eine Vergewaltigung war, was er dann über sich ergehen lassen musste, und zog sich nur ins tiefe Innere seiner Seele zurück, so wie er es auch bei den Schlägen des Mannes, der ihn so lange gequält hatte, jahrelang gemacht hatte. Ohne Nachzudenken ertrug er den Missbrauch durch seinen Cousin, schämte sich sogar dafür, dass er so undankbar war, und als er sich später, nachdem Patrick ihm gesagt hatte, wie schön es gewesen war, auf den Nachhauseweg machte, wusste er, dass sich eigentlich nichts geändert hatte, nur der Peiniger war ein anderer geworden und die Qualen hinterließen keine blauen Flecken mehr. Sofort war die Angst wieder da, vielleicht sogar noch schlimmer als früher, denn das was Patrick, der einzige Mensch, dem er seit langer Zeit vertraut hatte, mit ihm gemacht hatte, zog zwar keine körperlichen Schmerzen mit sich, tat aber trotzdem mehr weh als alle Prügel, die er je bekommen hatte.
Kurz bevor er die Tür zum Haus seiner Eltern aufschloss, änderte Simon die Richtung, steuerte auf die nahegelegene Autobahn zu und wusste nur noch eins, nämlich dass es nach dem Tod nicht mehr schlimmer werden konnte.
Etwa zehn Minuten später kletterte ein fünfzehnjähriger Junge, der mehr hatte erdulden müssen als viele ältere Menschen in ihrem ganzen Leben, über die Leitplanke, schlenderte mit tränenverquollenen Augen über die Fahrbahn und wartete auf das nächste Auto, das ihn überfahren und seinem Leben ein Ende bereiten würde. Das Auto war schließlich ein dunkelroter VW, gefahren von einem überarbeiteten Geschäftsmann auf der Fahrt zu seiner Familie, er erfasste den Körper des Jungen, bevor der Fahrer realisiert hatte, was geschah, hielt dann mit quietschenden Reifen an und alarmierte per Handy sofort den Notarzt.
Ob es nun Glück oder Pech war, dass Simons Leben im Krankenhaus gerettet werden konnte, wusste dieser zunächst selber nicht und fühlte sich auch viel zu schwach, um darüber nachzudenken, er wusste nur, dass er das bessere Leben nach dem Tod noch nicht gesehen hatte, dass er aber auch nie wieder in sein altes Leben zurückkehren würde. Wochenlang lag er im Krankenhaus, wartete, bis er wieder alle seine Knochen spüren und auch bewegen konnte, wartete sogar noch ein paar Tage länger bis er sich wieder fit genug fühlte und auch die Ärzte ihm versicherten, er könne bald entlassen werden, dann schlich er sich eines nachts aus dem Krankenhauszimmer, stopfte seine wenigen Sachen, die er hier hatte in einen Rucksack, schlich über die leeren Flure hinaus in die Dunkelheit und machte sich auf den Weg, woanders ein besseres Leben zu suchen. Was er genau suchte, das wusste er nicht, wohin er wollte ebensowenig, doch aus seiner Verzweiflung heraus hatte er neuen Mut aufgebaut und den festen Willen, etwas zu finden, das besser war als die Hölle, die er in den letzten Jahren erlebt hatte.



Nachdem Simon seine Geschichte beendet hatte, war ich fassungslos, unfähig, etwas zu sagen und einfach nur schockiert. Er dachte wohl, ich würde ihm nicht glauben und zeigte mir daraufhin einige Wunden und Kratzer, die er von dem Unfall noch zurückbehalten hatte, doch die wollte ich im Moment nicht sehen, denn das würde alles nur noch realer machen. Jahrelang hatte ich mir jeden Horrorfilm reingezogen, den ich bekommen konnte, doch ich hatte nicht gewusst, dass die Realität noch um ein Vielfaches grausamer sein könnte, und wenn ich ehrlich bin, hatte ich sogar Mühe, die Tränen zurückzuhalten. Ich war unfähig, etwas zu sagen, mir lief es kalt den Rücken herunter und ich war froh, dass meine zitternden Hände das Lenkrad fest umklammern konnten. Immer wieder kamen die Bilder in mir hoch, die Simon mir gerade geschildert hatte, und ich konnte und wollte mir gar nicht vorstellen wie schlimm es dann erst für ihn sein musste. Obwohl ich es nicht ausdrücken konnte, wusste ich nicht, ob ich ihn nun für alles, was er durchgemacht hatte, bemitleiden oder ihn bewundern sollte, dafür, dass er es ausgehalten hatte.
Wahrscheinlich war es ein Fehler, dass ich nichts gesagt hatte, denn als ich Simon schließlich von der Seite ansah, brachen wie auf Knopfdruck die Tränen aus ihm hervor und er ließ all dem Schmerz heraus, den er empfand. Ich steuerte den nächsten Parkplatz an, legte meinen Arm um Simons Schulter und konnte nichts tun als auch einfach loszuheulen, so wie ich es schon seit Jahren nicht mehr getan hatte. Simon ließ sich einfach in Gras fallen, war offensichtlich und verständlicherweise am Ende seiner Kräfte, und ich glaube nicht, dass ich schon jemals soviel Mitgefühl für einen Menschen empfunden habe wie in diesem Moment für diesen Jungen.
Es dauerte lange, bis wir unsere Fahrt fortsetzen konnten, doch irgendwann hatte Simon sich beruhigt und versicherte mir, das alles sei jetzt aber vorbei, und er würde irgendwo in Berlin ganz neu anfangen, und alles würde besser werden. Dumm wie ich war glaubte ich ihm sogar, hoffte für ihn, dass es wirklich so einfach sein würde und versprach ihm, ihn hinzufahren, woimmer er hinwollte.

Ich weiß nicht mehr genau wie wir den weiteren Teil der Fahrt nach Berlin verbracht haben, ich weiß nur noch, er bat mich, doch bitte ein anderes Thema anzuschneiden, und dass ich ihm schließlich doch von mir erzählt hatte, vieles, was ich mit Klaus und den anderen angestellt hatte, von meinem Chat mit Black_Rose, von Christopher und Caroline, nur dass ich auf der suche nach meinem Vater war, hatte ich lieber weggelassen. Später versprach ich ihm auch, ihn in Berlin nicht so einfach seinem Schicksal zu überlassen, sondern mit ihm zusammen nach einem neuen weg zu suchen, denn ich war mir sicher, so einfach war es für einen Fünfzehnjährigen dann doch nicht, mal so eben neu anzufangen. Ich wusste zwar nicht wirklich, was ich machen sollte, aber mit Sicherheit gab es auch für solche Fälle irgendwo eine Beratungsstelle, schließlich gab es in Deutschland für alles Beratungsstellen, sei es nun für SMS-Süchtige oder verzweifelte Ehefrauen in der Midlifecrisis. Da musste auch etwas für Simon dabei sein, zumindest konnte ich ihn doch nicht so einfach mitten in Berlin aussetzen und auf sein Glück hoffen. Wenn Berlin auch nur halb so schlimm war wie Bremen, würde er nach zehn Minuten ausgeraubt werden und nach weiteren fünf Minuten wahrscheinlich auf einen Typen treffen, der ihm den ersten Joint anbot. Vielleicht war es auch gar nicht gut, wenn er überhaupt ausgerechnet in Berlin blieb, aber eine bessere Idee hatte ich leider auch noch nicht. Ich wusste nur, dass ich mir zum ersten Mal in meinem Leben um einen anderen Menschen richtig Sorgen machte und fragte mich, was eigentlich mit mir los war.
Als wir die größte deutsche Stadt schließlich erreichten, musste ich mich verdammt auf den Verkehr konzentrieren, denn dieses Straßenwirrwar zu überblicken war alles andere als leicht. Nach einer Weile hatte ich mich komplett verfahren, wusste nicht mehr, wo ich war und auch, wenn der Nachmittag schon seinem Ende entgegenstrebte und ich mir das mit der Ankunft in Rostock vorm Dunkelwerden wohl abschminken konnte, schlug ich Simon vor, eine Pause zu machen, mich nach dem Weg zu erkundigen und auch mal kurz ein Internetcafe aufzusuchen, um zu checken, ob Black_Rose auf meine Mail geantwortet hatte. Simon war einverstanden, und so kurvten wir noch ein paar Minuten ziellos durch die Stadt, bevor wir den Wagen einem Halteverbotsschild parkten, das günstigerweise direkt vor einer Kneipe aufgebaut war, die mit einem Internetzugang für sieben Mark pro Stunde warb. Ich bestellte zwei Cola für uns beide, versprach Simon, es würde nicht lange dauern, dann tauchte ich ab ins WorldWideWeb.



From: Black_Rose
To: littlebastard
Subject: Ich drück dir die Daumen


Hi Lucas!

Ich habe gerade deine Mail gelesen und freu mich für dich, dass bisher alles so gut geklappt hat. Vielleicht bist du ja schon längst in Rostock, wenn du meine Mail liest, vielleicht bekommst du sie aber auch noch vorher, auf jeden Fall drücke ich dir ganz fest die Daumen, hoffe, dass du deinen Vater wirklich findest und er dir erklären kann, warum er dich damals im Stich gelassen hat und sich vielleicht sogar bei dir entschuldigt.
Ich jedenfalls muss zugeben, dass ich mich am Anfang ziemlich in die getäuscht habe, du bist wirklich mehr als nur ein kleiner Blödmann, der immer die gleichen blöden Sprüche bringt und nur dummes Zeug labert! Wahrscheinlich willst du das jetzt gar nicht hören, aber ich bin sogar überzeugt, dass du im Grunde ein wirklich lieber Kerl bist, der einiges auf dem Kasten hat und dem es nur schwer fällt, aus seiner Rolle zu schlüpfen. Ich muss sogar sagen, dass du mir sehr sympathisch geworden bist, und wenn ich nicht achtundzwanzig Jahre älter wäre als du, würde ich inzwischen vielleicht sogar auf deine Anmachversuche eingehen. ;-) Ja, du hast richtig gelesen, ich bin wirklich sechsundvierzig, bin Redakteurin bei einer Zeitung in Hamburg, und das ist der Grund, warum ich dir gesagt habe, dass wir uns im realen Leben nie kennengelernt hätten. Inzwischen würde ich dich allerdings gerne kennenlernen, und wenn du die Mail noch rechtzeitig erhälst, dein Rückweg dich durch Hamburg führt und du Lust hast, eine so alte Schachtel wie mich zu treffen, würde ich mich freuen, wenn du mich besuchen würdest...
Vorher wünsche ich dir aber noch alles Gute bei deiner Suche, und auch, wenn du ja nicht besonders viel von der Bibel hälst, so habe ich trotzdem eine Stelle gefunden, die dich interessieren könnte und dir zeigt, dass dein Vater damals ganz bestimmt nicht nach Gottes Willen gehandelt hat:

Glücklich sind alle, denen Gott ihre Sünden vergeben und ihre Schuld zugedeckt hat!
Glücklich ist der Mensch, dem Gott seine Sünden nicht anrechnet, und der mit Gott kein falsches Spiel treibt!
Erst wollte ich dir, Herr, meine Schuld verheimlichen. Doch davon wurde ich so schwach und elend, dass ich nur noch stöhnen konnte.
Tag und Nacht bedrückte mich dein Zorn, meine Lebenskraft vertrocknete wie Wasser in der Sommerhitze.
Da endlich gestand ich dir meine Sünde; mein Unrecht wollte ich nicht länger verschweigen. Ich sagte: ‘Ich will dem Herrn meine Vergehen bekennen!’ Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben!
Darum sollen auch alle, die dich lieben, Herr, zu dir beten. Wer dich zur rechten Zeit anruft, der bleibt verschont von den Wogen des Unheils.
Bei dir bin ich in Sicherheit; du lässt nicht zu, dass ich vor Angst und Not umkomme. Ich singe und juble: ‘Du hast mich befreit!’
Und du sprichst zu mir: ‘Ich will dich lehren und dir sagen, wie du leben sollst; ich berate dich, nie verliere ich dich aus den Augen.
Sei nicht wie ein Pferd oder ein Maultier ohne Verstand! Wenn sie wild ausschlagen, musst du sie mit Zaum und Zügel bändigen, sonst folgen sie dir nicht!’
Wer Gottes Weisungen in den Wind schlägt, der schafft sich Not und Schmerzen. Wer jedoch dem Herrn vertraut, den wird Gottes Güte umgeben.
Freut euch an ihm und jubelt laut, die ihr zum Herrn gehört! Singt vor Freude, die ihr Gott gehorcht!
(Psalm 32)

So, Lucas, das soll erst einmal genügen, ich drücke dir die Daumen und hoffe, du meldest dich mal wieder bei mir.
Roswita



Roswita also, sechsundvierzig und Redakteurin einer Zeitung. Irgendwie logisch, dass sie nie auf meine Frage nach Cybersex eingegangen war, dachte ich lächelnd, somit hatte sie wahrscheinlich auch Recht damit, dass wir uns außerhalb des Chats niemals kennengelernt hätten, aber auf eine Weise erfüllte es mich mit Stolz, dass sie sich mit so einem wie mir abgab und mich auch noch sympathisch fand. Sie war bestimmt eine sehr gebildete Frau, die jeden Tag mit lauter studierten Leuten über politische, wirtschaftliche und soziale Themen redete, aber trotzdem hörte sie auch mir zu und fand meine Geschichte sogar interessant. Vielleicht hatte sie sogar Recht mit ihrer Behauptung ich sei ein wirklich lieber Kerl, der einiges auf dem Kasten hat und dem es nur schwer fällt, aus seiner Rolle zu schlüpfen, seit ich von zuhause losgefahren war, wusste ich nämlich selbst nicht mehr so genau, wer ich wirklich war, es war viel zu viel passiert, womit ich noch nicht so richtig klarkam. Ich wusste nur, ich hatte natürlich Lust, sie zu besuchen, und wenn sie tatsächlich so intelligent war wie ich dachte, wusste sie bestimmt auch, wie man einem fünfzehnjährigen misshandelten Jungen helfen konnte, der ganz neu anfangen wollte.
Nachdenklich verließ ich den Computer, drückte dem Wirt das Geld in die Hand und stellte dann fest, das irgendetwas fehlte. Simon!
„Entschuldigung, wissen sie, wo der Junge ist, der eben mit reingekommen ist?“
„Ja, der ist wieder raus“, war die Antwort, wenn auch nicht die, die ich hören wollte.
Also rannte ich hinterher, der Civic stand zum Glück noch an seinem Platz und hatte sich nicht mal einen Strafzettel eingefangen, nur von Simon fehlte jede Spur.
Weit konnte er nicht sein, sagte ich mir, lief die Straße auf und ab, aber leider ohne Erfolg, denn wenn man in einer Großstadt untertauchen wollte, dann schaffte man das auch, das wusste ich aus eigener Erfahrung. Simon hatte sich aus dem Staub gemacht, ich verstand zwar nicht, wieso und wollte es auch nicht so recht glauben, aber ich konnte ihn schließlich nicht zwingen, sich von mir helfen zu lassen. Trotzdem suchte ich noch fast eine Stunde lang die Umgebung ab, bevor ich mir endlich eingestand, dass er sein besseres Leben wohl doch lieber alleine suchen wollte und kehrte schließlich zur Kneipe zurück, wo ich dann die letzte Hoffnung, dass er eventuell wieder zum Wagen gekommen war, auch noch aufgeben musste.
Ich ließ mir vom Wirt noch den weg zurück zur Autobahn beschreiben, dann stieg ich niedergeschlagen wieder ins Auto und setzte meinen eigenen Weg fort.
Bald darauf war ich wieder auf der A24, in Gedanken aber war ich noch immer irgendwo im Großstadtdschungel, bei Simon, um den ich mir wirklich Sorgen machte, ich hoffte nur, er war vorsichtig und traf nicht auf zwielichtige Gestalten, von denen es in Berlin sicher noch viel mehr gab als in Bremen oder jeder anderen Großstadt. Hätte ich ihn doch bloß nicht aus den Augen gelassen, warf ich mir vor, hätte ich bloß die Mail nicht gelesen, wäre ich doch einfach an Berlin vorbeigefahren und hätte ihn gleich mit nach Rostock genommen. Aber alles Grübeln brachte jetzt nichts mehr, Simon wollte sein Glück alleine suchen, und mir blieb nichts übrig als ihm die Daumen zu drücken. Auch wenn ich nicht an Gott glaubte, so hoffte ich in diesem Moment jedoch, es würde ihn wirklich geben, und er würde ein Auge auf den Kleinen werfen. Bei dir bin ich in Sicherheit; du lässt nicht zu, dass ich vor Angst und Not umkomme, hatte in dem Psalm aus Roswitas Mail gestanden, ich hoffte nur, bei Simon würde es zutreffen.
Weitere Gedanken schossen mir durch den Kopf, ich malte mir aus, was Simon alles passieren könnte, fragte mich, was meine Clique und ich in Bremen gemacht hätten, wenn wir bei hereinbrechender Dunkelheit einem Jungen begegnet wären, der allein ziellos durch die Stadt irrte und schob den Gedanken dann lieber schnell wieder zur Seite. Hoffentlich begegnet er nicht solchen Leuten wie mir, dachte ich und ekelte mich irgendwie vor mir selbst. Wir hätten einen Jungen wie Simon wahrscheinlich eingeschüchtert und Angst gemacht, ich hätte mit dem Messer vor seinen Augen herumgefuchtelt, dann hätten wir ihn bespuckt, ihm ein Bein gestellt und alles daran gesetzt, dass er zu heulen anfing, und wenn wir unser Ziel erreicht hätten, wären wir uns unheimlich stark vorgekommen, hätten darauf angestoßen wie furchteinflößend wir waren und uns dann wie immer sinnlos besoffen. Ja, so oder so ähnlich wäre es gelaufen, vielleicht hätten wir ihn aber auch dazu gebracht, ein Auto zu knacken und gegen einen von uns ein Rennen zu fahren, wenn er gewann, durfte er sich verdrücken, wenn nicht, würden wir mit ihm machen dürfen, was wir wollten. Und ich Idiot hatte solche Aktionen immer begeistert mitgemacht, war mir wie der King vorgekommen, wenn wir wehrlose Gegner besiegt hatten und nie auch nur einen Gedanken an unsere Opfer verschwendet. War das in der Tat das Leben, das ich die nächsten Jahre führen wollte? Ich war ein blöder Idiot, der nichts als Scheiße im Kopf hatte, Black_Rose hatte sich in ihrer ersten Meinung über mich doch nicht getäuscht, ich war ein Versager und der letzte Dreck. Dann fiel mir eine weitere Zeile aus dem Psalm ein, wer dich zur rechten Zeit anruft, der bleibt verschont von den Wogen des Unheils, und ich begann zu überlegen, ob ich mich nicht doch noch ändern könnte. Selbstmitleid und Ekel vor dem, was ich getan hatte, brachte mich ganz bestimmt nicht weiter, aber nach all dem, was ich in den letzten Tagen erlebt hatte, fragte ich mich, ob ich nicht vielleicht doch in der Lage war, mich zu ändern und wie Simon sagte noch einmal neu anzufangen.
Vor lauter Grübeleien hätte ich beinahe meine Abfahrt auf die A19 in Richtung Rostock verpasst, außerdem dämmerte es bereits und ich fuhr immer noch ohne Licht. Also konzentrierte ich mich jetzt wieder aufs Fahren, schob wieder eine Cassette ein, drehte AC/DCs Highway to Hell auf volle Lautstärke und trat das Gaspedal durch. Da ich zeitweise glaubte, mein Civic sei das einzige Auto auf dieser Straße, kam ich sehr gut voran, kam Rostock immer näher, und schon bald hielt ich auf den Wegweisern Ausschau nach dem Namen des Ortes, den Markus Lorenz mir als Wohnort meines Erzeugers genannt hatte.

Um kurz vor zehn Uhr passierte ich das Ortsschild, dann kramte ich den Zettel mit der Adresse aus meiner Jackentasche und machte mich auf die Suche. Groß war der Ort nicht, wahrscheinlich war ich der einzige Fremde, der in den letzten zwei Jahren hier gewesen war, und so hielt ich bald vor einem kleinen kürzlich renovierten Fachwerkhaus, das inmitten eines großen, sehr gepflegten Gartens mit einem kleinen Gartenhaus vor einem fast kreisrunden Gartenteich stand und richtig einladend aussah. In einem Fenster brannte noch Licht, der Mann, den ich suchte war also noch wach, trotzdem brauchte ich noch ungefähr zehn Minuten, bis ich genug Mut zusammen hatte, um aus dem Auto zu steigen, den kleinen Weg bis zur Tür zu gehen und den Klingelknopf zu drücken.
 
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Kommentare  

Hm... Simon kenne ich doch aus einer anderen Story? Was hat der plötzlich in der Geschichte von Lucas zu suchen?
Langsam wird's schwer, den Überblick zu behalten. Wer ist der, der da so verzweifelt betet und "dem Herrn seine Schuld eingesteht"? Patrick?
Plötzlich nimmt das Ganze stark religiöse Züge an, jeder betet oder schmeißt mit Psalmen um sich. Ich weiß noch nicht so recht, was ich davon halten soll...
Tatsächlich entpuppt sich Black_Rose als Schlüsselfigur in der Geschichte. Ob die beiden sich mal treffen? Ob Lucas' und Simons Wege sich je wieder kreuzen? Müssen sie schon, denn anstonsten hätte dieser Teil der Story ja gar keinen Bezug zur Rahmenhandlung.
Und dass die Geschichte SCHON WIEDER kurz vor der lang erwarteten Konfrontation mit dem Priester-Daddy abbricht, finde ich einfach nur gemein *böseguck*!
Na ja - hoffentlich im nächsten Teil...
5 Punkte


Heike Sanda (27.06.2002)

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