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9 Seiten

ausgewechselt

Romane/Serien · Nachdenkliches
"...Damit beenden wir also dieses Kapitel, durch das sich die Geschichte der elementaren Funktionen wie ein roter Faden zog und dem Ganzen eine, sagen wir, innere Spannung verlieh, und wenden uns nun einer der faszinierendsten Disziplinen der Analysis zu ..."
Professor Berger-Kalemann redete, redete und redete. Dass dieses die letzte Vorlesung vor den Semesterferien war schien ihn dabei nicht zu stören. Aber Dominick hörte ihm sowieso nicht mehr zu. Er saß in Gedanken schon im Zug nach Hasseln, war auf dem Weg zu seinen Eltern und machte Pläne, wie er die Ferien am sinnvollsten verbringen könnte. Er freute sich, endlich alte Bekannte wiederzutreffen, mal wieder die Discos seiner Heimatstadt unsicher zu machen und vielleicht auch mal beim Basketball 'reinzuschauen, und vor allem war er gespannt auf Vivienne. Seit er vor einem Jahr sein Studium hier in Stuttgart begonnen hatte, war er nicht mehr in Hasseln gewesen, weil er zuviel zu tun hatte und seine alte Heimat einfach viel zu weit weg war. Er war gespannt, ob sich dort etwas verändert hatte, aber eigentlich glaubte er nicht daran. Er hatte neunzehn Jahre lang in der langweiligen norddeutschen Kleinstadt gelebt, und in dieser Zeit hatte sich dort rein gar nichts verändert. Aber erwartungsvoll war er dennoch. Wenn der Professor doch nur endlich diese langweilige Vorlesung beenden würde...!

Sechs Stunden später war es dann soweit: beladen mit einem großen Koffer und einer noch größeren Reisetasche stieg Dominick im Hasselner Bahnhof aus dem Zug, und sah sich erst einmal um. Ein ziemlich merkwürdiges Gefühl ergriff von ihm Besitz, irgendetwas zwischen Nostalgie und dem Empfinden, hier fremd zu sein, obwohl er jeden Winkel dieser Stadt kannte.Bevor er jedoch weiter darüber nachdenken konnte, stürmte Natalie, seine Schwester, freudestrahlend auf ihn zu und umarmte ihn überschwenglich. Obwohl sie mindestens einmal pro Woche miteinander telefonierten, hatte sie ihn vermißt und sich wahrscheinlich noch mehr auf seine Semesterferien gefreut als er selbst. Dom hing unheimlich an seiner Schwester und sie auch an ihm, und eigentlich hatte sie es ihm nie verziehen, dass er zum Studieren soweit weggezogen war. Aber jetzt würde er alles wieder gut machen und ganz viel Zeit seiner Ferien mit ihr verbringen.
Doch jetzt fuhren sie erst einmal nach Hause, oder sollte er besser sagen zu seinen Eltern, und feierten dort ihr Wiedersehen. Es gab Kaffee und Kuchen, und Dominick ließ sich so richtig verwöhnen. Sie hatten sich alle unheimlich viel zu erzählen und hätten den ganzen Tag einfach nur am Küchentisch sitzen und reden können. Irgendwann nahm Dominick jedoch die neue Ausgabe des Hasselner Tageblattes zur Hand und suchte nach dem Sportteil. Schließlich war er damals als er noch zur Schule ging und auch während seiner Bundeswehrzeit der Starspieler des Basketballclubs Hasseln gewesen, und da interessierte es ihn natürlich, wie es um den Verein so stand. Doch jetzt traf in fast der Schlag. Von einem ziemlich großen und auch noch farbigen Bild grinste ihn ein blonder, höchstens achtzehnjähriger Milchbubi an, auf seinem Trikot die Nummer 23, Dominicks Nummer, und mit der Bildunterschrift: "der beste Spieler, den der Klub je hatte"! Dominick überflog den Artikel und wurde richtig sauer. Da behauptete sein ehemaliger Trainer doch wirklich, dieser Florian Denker, so hieß der Knabe, sei der beste Basketballer, den er je in seiner Mannschaft gehabt habe. Ach! Und was war mit Dominick Weiss, dem Multitalent, dem Jungen, der das Zeug hätte, in der NBA zu spielen? Es konnte doch nicht sein, dass man ihn einfach so vergessen hatte. Oder doch? Stimmte der Spruch: "aus den Augen, aus dem Sinn" also doch? Konnte es sein, dass alle hier seine Heldentaten längst vergessen hatten? War es wirklich so, dass er sein altes Leben und sein altes Leben ihn hinter sich gelassen hatte? Irgendwie kam Dom damit überhaupt nicht klar. Er war dreimal hintereinander zum Sportler des Jahres gewählt worden, er war der beliebteste Typ in ganz Hasseln gewesen, man hatte ihm eine große Sportlerkarriere vorausgesagt. Gut, er hatte nie verlieren können, konnte es immer noch nicht ertragen, wenn jemand besser war als er, aber dass er jetzt so einfach in Vergessenheit geraten war, wollte er absolut nicht wahrhaben.
Um kurz vor sieben, als es Zeit zum Training war, setzte er sich ins Auto und fuhr zu den Sportanlagen. Dort angekommen schlich er sich durch den Hintereingang in die Halle und beobachtete seine ehemaligen Mannschaftskameraden. Die machten sich gerade warm, warfen nur so zum Spaß ein paar Körbe, und an der Seite standen ein paar Mädels und guckten den Jungs begeistert zu. Eigentlich war alles wie früher, bis auf eine Kleinigkeit eben. Tobias Haan war der erste, der Dominick erkannte und zu ihm herüber lief.
"Hey, Dom, wie läuft's denn so? Schön, dass du mal wieder vorbeischaust."
Er erzählte Tobias kurz wie es im Studium so lief, berichtete, wie er sich in Stuttgart so eingelebt hatte, und rückte dann relativ bald mit der Frage heraus, die ihm auf den Nägeln brannte: "Und? Was hat sich in der Mannschaft so getan?"
"Och, eigentlich nicht viel, außer, dass Flo jetzt auf deiner Position spielt und sogar ein würdiger Ersatz ist."
Dominick schluckte. Das war bestimmt nicht die Antwort gewesen, die er sich gewünscht hatte.
"Aha", sagte er deshalb nur, mehr fiel ihm jetzt nicht ein. Nach einer Weile setzte er hinzu: "Und wie ist dieser Flo so?"
"Na ja, er ist verdammt in Ordnung, er ist ziemlich gut, aber ziemlich eingebildet, die Mädels hängen an ihm wie das Bienchen am Blümchen, und in seinem Zimmer befinden sich eine Hantelbank und ein ziemlich großer Spiegel. Der ist dir also ziemlich ähnlich, ich sage ja, ein guter Ersatz eben."
Dominick schluckte nochmals, vertiefte das Thema dann aber nicht weiter, weil jetzt auch die anderen auf ihn aufmerksam geworden waren und ihn begrüßten. Sie fragten ihn, was er so machte, erzählten, dass sie immer noch Tabellenführer waren, davon, dass ihr ehemaliger Star ihnen fehlte, davon war nicht die Rede. Vielleicht hatte er zuviel erwartet, aber ein "schade, dass du nicht mehr dabei bist" oder "wieviel müssen wir dir bieten, damit du wieder ins Team zurückkehrst" wäre schon schön gewesen. Stattdessen aber blieb die Unterhaltung ziemlich oberflächlich und sie alle widmeten sich bald wieder ihrem Training. Dom setzte sich auf die Tribüne und sah ihnen dabei zu. Besonders diesen Milchbubi, der sich einbildete, seinen Platz einnehmen zu können, beobachtete er genauestens. Ja, der Typ spielte nicht schlecht, doch an seiner eigenen Leistungen reichte er beim besten Willen nicht heran. Nein, so gut wie er war dieser Flo nicht. So gut wie er war eben niemand, einen Dominick Weiss konnte man einfach nicht ersetzen. Und dennoch hatten sie es getan. Ein würdiger Ersatz, immer noch Tabellenführer, der beste Spieler, den der Klub je hatte. Scheiße! Dominick wurde bewusst, dass er einfach so ausgetauscht worden war, ausgetauscht gegen einen Milchbubi, der darauf achtete, immer besonders dramatische Spielzüge zu machen und nach jedem Korbleger zu den Mädels herübergrinste, die da an der Tür standen und ihn anhimmelten. Das war dann wohl, wie Natalie es ausgedrückt hätte, der Lauf des Lebens. Man spielte sein Spiel, bemühte sich, möglichst gut zu sein, erntete Applaus, und irgendwann ging man vom Platz und wurde einfach durch einen anderen ersetzt. Tja, so war das wohl. Hatte er denn wirklich erwartet, dass er zurück nach Hasseln kam und alles so war die früher, dass er immer noch die Nummer Eins im Team war, dass ihn immer noch dutzende Mädchen heimlich oder unheimlich anhimmelten und dass alles dort weiterging, wo es aufgehört hatte? Ja, verdammt, das hatte er! Aber es war offensichtlich nicht so.
Irgendwann war das Training beendet, die Jungs gingen duschen, und Dom wartete draußen vor der Halle, worauf auch immer. Und dann traf ihn erneut der Schlag, denn dort auf dem Parkplatz wartete Vivienne, seine Ex Freundin, mit der er Schluss gemacht hatte als er umgezogen war, weil eine Beziehung über eine solche Entfernung sowieso nicht hätte gutgehen können. Etwas unsicher ging er zu ihr rüber und begrüßte sie. Ein flüchtiger Kuss auf die Wange, ein süßes Lächeln und ein umwerfender Augenaufschlag, Vivienne war immer noch so hübsch wie früher, und er stand sofort wieder in ihrem Bann.
"Hey,Viv, auf wen wartest du?", fragte er und hoffte nur, sie würde nicht sagen...
"Auf Flo."
Mehr brauchte sie auch gar nicht sagen, das hatte gesessen. Ein Schlag auf den Kopf hätte nicht schlimmer sein können. Er war also nicht nur im Basketball einfach so ausgetauscht worden! Dominick kochte innerlich, sagte aber nichts, es hätte ja sowieso nichts geändert. Das war einfach zuviel! Bevor Vivienne noch etwas sagen konnte, drehte er sich weg und ging, stieg in sein Auto und raste nach Hause, offensichtlich der einzige Ort, wo alles noch so war wie früher, außer, sie hatten auch dort inzwischen einen Ersatzmann für ihn gefunden.

Den ganzen Abend schloss Dominick sich in sein Zimmer ein, gab vor, er müsste noch lernen, und dachte dabei über das Leben nach. Die Welt ist eine Bühne, und wenn der Vorhang sich schließt, ist man fünf Minuten später auch schon vergessen. Oder eben durch einen achtzehnjährigen Blondschopf mit Zahnpastalächeln, ozeanblauen Augen oder so, der aussah wie einer dieser Typen aus einer dieser bescheuerten Boygroups und sich obendrein noch supercool fand, ersetzt worden. Natürlich hatte er jetzt eine neue Bühne, und ihm war auch klar, dass die Mannschaft nun mal nicht ohne ihn spielen konnte. Aber dass dieser Flo jetzt der Star des Teams war und auch noch seinen Platz an Viviennes Seite eingenommen hatte, das konnte er nicht akzeptieren. Dabei war er überhaupt nicht Viviennes Typ, sie stand auf eher geheimnisvolleTypen, dunkelhaarig, braune Augen, auf ihn, Dominick, eben, und noch dazu war Flo jünger als sie und hatte diese tolle Frau einfach überhaupt nicht verdient. Und ganz nebenbei: den Platz im Team auch nicht! Ja, vielleicht war es kindisch, vielleicht lag es daran, dass er nicht verlieren konnte, immer der Beste sein musste und es einfach gewohnt war, von allen angehimmelt und umschwärmt zu werden, aber er hatte nun einmal erwartet hier in Hasseln empfangen zu werden wie der zurückgekehrte verlorene Sohn.
Um kurz nach neun klopfte dann Natalie an seine Tür und fragte, was denn los sei. Er überlegte einen Moment, ob er mit ihr darüber sprechen sollte, entschied sich dann aber dagegen und redete irgendwie um den heißen Brei herum. Natalie bemühte sich ihn aufzuheitern, schlug im vor, ihn in die Disco einzuladen, und nach einigem Zögern stimmte er dann auch zu. So fuhren sie also ins Infinity, und Dominick hoffte, dass ihm wenigstens hier einige Leute begegneten, die ihm erzählten, wie sehr sie ihn vermisst hatten. Na ja, so ein paar alte Schulfreunde traf er dann doch, und seine Laune hob sich wieder ein bisschen. Und nach ein paar Stunden und ein paar Drinks hatte er den Nachmittag sogar gänzlich vergessen und dachte nicht mehr an Vivienne und nicht mehr an Flo. Zumindest vorerst. Zumindest bis er irgendwann an der Theke stand, sich noch etwas zu trinken bestellte und plötzlich angerempelt wurde. Als er sich umdrehte: blaue Augen, blonde Haare, Zahnpastalächeln. Flo!
"Oh, sorry, tut mir leid. Hey, du bist doch Dominick, oder etwa nicht?"
"Ja, bin ich, ich bin der, in den Vivienne verschossen war, bevor du meinen Platz eingenommen hast", zischte Dom und funkelte seinen Widersacher wütend an. Flo setzte einen verständnislosen Blick auf, tat so als würde er nicht verstehen worum es ging und runzelte die Stirn.
"Wie? Was ist? Na, egal, es freut mich, dich endlich mal kennenzulernen, ich hab schon verdammt viel von dir gehört und..."
Bevor Flo den Satz beenden konnte, hatte Dominick sein Knie in die Höhe gezogen und dem Milchbubi angesichts soviel Schleimerei in die Weichteile gerammt. Was fiel diesem Idioten eigentlich ein?! Wollte der sich jetzt vielleicht auch noch über ihn lustig machen? Reichte es ihm nicht, dass er seinen Platz im Team und auch noch Vivienne hatte? Aber nicht mit ihm! Verarschen ließ sich ein Dominick Weiss von solch einem Jüngelchen noch lange nicht. Stattdessen sah er jetzt mit Vergnügen zu, wie Flo sich unter Schmerzen krümmte und leise zu jaulen anfing. Tja, mit Vivienne mußte er nun wohl erstmal eine Weile Pause machen.
"Sag mal, bist du bescheuert, Dom, was machst du da eigentlich?" Das war Natalie, und jetzt war Dominick ihr wohl auch eine Erklärung schuldig.Also zog er Natalie weg und erklärte ihr, was am Nachmittag vorgefallen war. Sie schüttelte allerdings nur mit dem Kopf und nannte ihn einen Volltrottel. Dafür, dass Flo in die Mannschaft aufgenommen war, dafür konnte er schließlich nichts, meinte sie, dafür, dass er so gut war auch nichts und außerdem habe Dom Vivienne schließlich sitzen lassen und nicht sie ihn. Na super, nicht einmal seine eigene Schwester verstand ihn mehr.
"Ach, und dir würde es wohl nichts ausmachen, wenn dich plötzlich alle Leute vergessen würden und du einfach ersetzt werden würdest?"
"Bruderherz, du spinnst doch total! Erstens haben die Leute dich nicht plötzlich vergessen, denn du hast dich seit über einem Jahr hier nicht mehr blicken lassen, und zweitens kannst du ja wohl nicht erwarten, dass die Basketballmannschaft sich aus lauter Trauer über dein Weggehen plötzlich auflöst. Und dieser Flo hat dir nun schließlich nichts getan."
Doch, er hat mich angerempelt und sich über mich lustig gemacht, wollte Dominick sagen, doch er ließ es bleiben, denn mit Natalie zu diskutieren, das brachte ja sowieso nichts. Und was war mit Vivienne? War es etwa normal, dass sie sich nach so kurzer Zeit schon mit einem anderen tröstete? Und sollte er es einfach akzeptieren, dass dieser andere ein absoluter Milchbubi und auch noch derjenige war, der im Team seinen Platz eingenommen hatte? Schließlich hatte er mit Vivienne ja nur Schluss gemacht, weil es das beste für sie beide war, oder? Ach, das mit dem Basketball, das konnte er wohl noch verkraften, aber das mit Vivienne, das ging wirklich tief. Eigentlich liebte er sie nämlich immer noch und eigentlich hatte er gehofft, bei ihr wäre es genauso. Aber nein, sie hatte sich halt mit Flo getröstet. Der stand jetzt übrigens, umbringt von einem Rudel ihn anhimmelnder Mädchen, an der Tanzfläche und fand sich offenbar unheimlich cool. Er flirtete mit allen gleichzeitig, erzählte wahrscheinlich von seinen Heldentaten beim Basketball und ließ erneut eine ungeheure Wut und Enttäuschung in Dominick aufkeimen. Der wusste nur noch nicht, welches Gefühl von beiden das stärkere war. Eigentlich die Enttäuschung, aber je länger er diesen Flo beobachtete, desto mehr bekam die Wut die Oberhand. Tobias hatte recht gehabt. Die Mädels umschwärmten ihn wirklich wie die Bienchen die Blümchen, Flo genoss das sichtlich und es passte auch gut zu ihn, dass er sich zuhause ständig im Spiegel anguckte. War er früher wirklich genauso gewesen? Na gut, er war ziemlich von sich überzeugt, er hatte schon immer länger im Bad gebraucht als Natalie und wenn er angehimmelt wurde, dann war ihm das natürlich auch nicht unlieb. Aber er war doch längst nicht so... so... eigentlich wusste er gar nicht, was er an seinem Rivalen auszusetzen hatte. Egal. Flo hatte ihm die Freundin weggenommen, flirtete trotzdem noch mit anderen und fühlte sich auch noch toll dabei. Und er kotzte Dominick einfach an, weil er Vivienne überhaupt nicht verdient hatte.
"Hey, Flo, hey, Dominick, kennt ihr euch eigentlich schon?" Das war Tobias, der jetzt Flo hinter sich herzog und zu Dominick rüberkam. Der merkte wohl überhaupt nichts! Oder fand er es vielleicht sogar lustig, ihm seinen Nachfolger, die Ablösung, den Neuen zu präsentieren? Grimmig sah Dom ihn an und warf dann Flo einen vernichtenden Blick zu.
"Ja, wir haben uns schon kennengelernt", zischte er, doch bevor er noch mehr hinzufügen konnte, stellte Flo ihn direkt zur Rede.
"Und kannst du mir vielleicht auch mal erklären, was sich dir getan habe?" Das war ja wohl die Höhe! Und Dominick fiel noch nicht mal eine passende Antwort ein. Er überlegte nur, ob er ihm die ach so schöne Fresse polieren oder gleich mit dem Kopf ins Klo stecken sollte. Entweder war der Junge einfach verdammt dreist oder wirklich so blond wie er aussah. Dom hatte wirklich Mühe, seine Wut zu unterdrücken, aber er ließ sich nicht noch einmal zu irgendwelchen Attacken hinreißen, sondern kippte ihm einfach den Drink, den er in der Hand hielt, vorne in die Hose und erklärte. "Hier, das kühlt schön, lindert die Schmerzen..."
Dann schlenderte er einfach in die entgegengesetzte Richtung davon. Das war natürlich auch nicht besser, denn prompt rannte er Vivienne in die Arme. Sie lächelte. Er nicht. Er drehte sich wiederum in eine andere Richtung und wollte auch ihr entkommen.
"Hey, Dominick, warte mal..."
"Warum sollte ich wohl warten?"
"Erklär mir lieber mal, warum du vorhin so schnell weg warst. Wir haben uns ja noch nicht mal richtig begrüßt."
"Ich glaube allerdings auch nicht, dass das noch nötig ist." Darauf wusste sie nichts zu sagen und sah ihn nur verständnislos an. Ihrem Blick nach zu urteilen wusste sie allerdings wirklich nicht, wie er die Spitze gemeint hatte. Dabei war sie doch sonst nicht schwer von Begriff. Sollte es etwa möglich sein, dass sie doch nicht mit Flo...? Nein, das war unmöglich. Wieso hätte sie ihn sonst vom Training abholen sollen? Oder?
"Äh... sag mal...", stammelte er, "... woher kennst du diesen Flo eigentlich?"
"Wieso fragst du? Du hattest doch nicht etwa gedacht..." Sie lachte laut los. Nein, sie war nicht mit Flo zusammen, sie kannte ihn, weil er in der gleichen Boutique arbeitete wie sie, und das zwischen ihnen, das war nur eine Freundschaft, weil Flo ein total netter Kerl war. Aber Liebe...nein. In Wirklichkeit trauere sie Dom nämlich noch immer nach, weil sie immer noch ein wenig in ihn verliebt sei.
"Nur ein wenig", fragte er.
"Nein, wenn ich ehrlich bin, habe ich gerade meine Bewerbung für ein Studium in Stuttgart losgeschickt, nur um endlich wieder in deiner Nähe zu sein." Wieder einmal, wie schon viel zu oft an diesem Tag, war Dominick völlig platt. Aber diesmal war es positiv. Und der Kuss, den Vivienne ihm danach auf die Wange drückte, war noch viel positiver. Fast schon kitschig. Aber das war jetzt auch egal. Auf jeden Fall fühlte Dominick sich jetzt wirklich wie der absolute Volltrottel. Und Natalie hatte wieder einmal recht behalten. Ja, natürlich, denn einen Dominick Weiss konnte man halt nicht ersetzen. Man konnte höchstens für kurze Zeit einen Ersatzspieler einwechseln. Aber bei dem musste er sich jetzt wohl schleunigst entschuldigen. Zumindest, wenn er nicht wollte, dass morgen beim Training heftig über ihn gelästert wurde.
Also ließ er Vivienne wieder einmal stehen und machte sich auf die Suche nach Flo. Der stand natürlich immer noch oder auch schon wieder an der Tanzfläche und flirtete mit diversen Mädels. Allerdings wirkte er inzwischen längst nicht mehr so unsympathisch und eingebildet wie noch vor fünf Minuten. Ziemlich zerknirscht bewegte Dominick sich zu ihm rüber, streckte ihm die Hand hin und murmelte: " Äh... ich glaube, wir müssen noch mal miteinander reden."
"Und ich glaube nicht, dass ich darauf in irgendeiner Weise scharf bin." Tja, recht hatte er. Zumindest konnte Dominick diese Reaktion nach allem, was abgelaufen war, ziemlich gut verstehen. Er hätte jetzt wahrscheinlich auch kein Wort mehr mit sich gewechselt. Na gut, vielleicht waren sie jetzt quitt. Flo durfte im Team seine Nummer tragen und er hatte sich als Volltrottel erwiesen. Aber was sollte es, er hatte schließlich eine neue Bühne, und wenn alles gut lief, würde auch Vivienne diese im kommenden Semester betreten. Gegenwart ist das, was gestern noch Zukunft war, und die Vergangenheit spielt dabei überhaupt keine Rolle. So oder so ähnlich hätte Natalie das wohl gesagt und damit gemeint, dass er nach vorne schauen soll und nicht zurück. Wohl dem, der eine Schwester hat, die selbst dann noch gute Ratschläge gibt, wenn sie gerade mal nicht anwesend ist.


Christian Dolle
 
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Kommentare  

Dominick ist ein unreifer Kotzbrocken. Schicken wir ihn doch noch Mal in den Kindergarten, damit er soziale Umgangsformen lernt. Dem kann ich nur dringend § 223 StGB (Körperverletzung) vor Augen führen. Wenn er so weiter macht, landet er im Knast...
5 Punkte


Norma Banzi (18.01.2003)

Spieglein, Spieglein an der Wand - wer ist der tollste Typ im Land?! Wobei - wie man an Dominick ganz gut erkennen kann - es nicht unbedingt zur eigenen Beglückung beiträgt, wenn einem ein anderer dann wirklich den Spiegel vor die Nase hält.
- Amüsiert habe ich mich beim Lesen eigentlich nicht, nachgedacht schon. Und das Ende ist für mich irgendwie unbefriedigend. Dom "tickt" jetzt wieder normal, nachdem sich abzeichnet, dass er bekommen wird, was wer will (Vivienne) - und wenn mal nicht? Freundlich (oder wenigstens umgänglich) zu sein, wenn alles "nach der eigenen Nase läuft", ist wirklich keine Kunst. Ich hätte mir eine tiefgreifendere, nicht nur oberflächliche Wandlung beim Protagonisten gewünscht. Aber es ist ja nicht mein Protagonist...
5 Pte.


Gwenhwyfar (10.01.2003)

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