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Von Menschen und Büchern

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Von Menschen und Büchern
(frei nach Kurt Tucholsky)




Mein Begleiter, ein anerkannter Professor der Psychologie und ich saßen in der Halle des großen Hotels und tranken einen Tee, der so teuer war, dass man sagen musste, wir nahmen den Tee. Die Halle selbst wirkte großzügig, vornehm und sah genauso aus, wie man Hotelhallen aus Filmen kennt. Ich hatte das beklemmende Gefühl, dass es in einer Halle wie dieser nur leere Gespräche geben könne, doch mein Partner belehrte mich eines besseren.
„Sehen sie“, sagte er, „wenn man sich ein bisschen mit der Psychologie abgegeben hat und sich für die Menschen interessiert, dann ist es ganz einfach. Für sie sind alle, die sie hier sehen, Männer, Frauen, Alte, Junge, Gäste, Angestellte nur Teile einer Masse, die sie nicht kennen. Doch ich kenne sie. Ein Blick, und ich kann in ihnen lesen wie in Büchern.“
„Und was lesen sie?“, fragte ich ihn.
„Es ist nicht schwer“, so entgegnete er, nur eine Frage der Übung und die Muße, auf Details zu achten, die anderen entgehen.“
Ich nahm einen weiteren Schluck Tee und sah ihn auffordernd an.
„Sehen sie dort die Frau, dort vorne neben der Rezeption?“
Ich sah in die angedeutete Richtung. Eine Dame, mit einem Pelz bekleidet, wartete vor dem Fahrstuhl und zog an einer Zigarette. Sie machte einen nervösen, unsicheren Eindruck, ihr Verhalten stand im Widerspruch zu ihrer Erscheinung.
„Was lesen sie?“, fragte ich abermals.
„Diese Dame“, er stellte seine Teetasse zurück auf den Unterteller, „sie ist hier, um sich mit jemandem zu treffen. Sie hat sich ein Zimmer genommen, in dem sie gleich auf ihre Verabredung warten wird.“
Ein unauffälliger Blick verriet mir, dass die Frau ihre Zigarette aufgeraucht hatte, jetzt zog sie ihre Kleidung zurecht und drückte auf den Knopf des Fahrstuhls. Neugierig geworden, forderte ich meinen Partner auf, mir mehr zu verraten.
„Die Dame ist verheiratet und wohlhabend. Das ist leicht an ihrer Kleidung und dem Ring an ihrem Finger zu erkennen. Doch sie ist hier, das sehe ich an ihrer Körpersprache, um sich mit einem anderen Mann zu treffen.“
Nach einem weiteren verstohlenen Seitenblick, beugte ich mich näher zu dem Psychologen und lauschte seinen Worten.
„Sie ist nicht glücklich in ihrer Ehe“, fuhr er flüsternd fort, „und hier im Hotel, trifft sie sich heute zum ersten Mal mit einem anderen. Sie hat ihm ihre Zimmernummer gegeben, und bald wird er eintreffen, um sie zu sehen. Glauben sie mir, er wird in ihr Zimmer gehen und es abgedunkelt vorfinden, da sie ihm bei Licht nicht in die Augen sehen könnte.“
„Und woran sehen sie“, fragte ich skeptisch, „dass sie kein Licht machen wird?“
Der Professor lehnte sich zurück, nippte an seinem Tee und lächelte vielsagend. Auch ich nahm meine Tasse wieder zur Hand und lehnte mich in meinem Sessel zurück.
Es dauerte nicht lange, da trat ein junger Mann durch die vornehme Drehtür des Hotels. Er wäre mir nicht aufgefallen, wenn nicht mein Partner mich auf ihn hingewiesen hätte.
„Sehen sie“, sagte er, „dieser Mann wird gleich in den Fahrstuhl steigen und auf das Zimmer der Dame fahren. Er wird das Licht nicht anknipsen, denn er respektiert ihre Vorsicht und die Schuldgefühle, und so wird er im Dunkeln eine aufregende Nacht mit ihr verbringen. Noch bevor die Sonne aufgeht, wird er sie dann wortlos verlassen und sie nie wiedersehen.“
Ich schüttelte den Kopf und glaubte ihm kein Wort. Zwar trat der junge Mann tatsächlich wenig später in den Fahrstuhl, doch hielt ich die Geschichte für blühende Fantasie.

Am nächsten Morgen saß ich wieder mit dem Psychologen in der Halle. Wir nahmen unser Frühstück und redeten über belanglose Dinge, denn ich hatte ihn inzwischen als verschroben abgestempelt.
Gerade biss ich in ein mit Lachs belegtes Brötchen, der Aufenthalt hier kostete mich ein Vermögen, als hinter uns die Dame in Begleitung des jungen Herrn auftauchte.
„Sehen sie“, raunte mir mein Partner zu, „jetzt ist die Nacht vorüber, und die beiden werden wieder getrennter Wege gehen.“
Beinahe verschluckte ich mich als ich sah, wie die Dame dem jungen Mann einen flüchtigen Kuss auf die Wange hauchte, bevor sich ihre Wege trennten. Ich war nicht fähig, zu sprechen, und sah den Professor nur an. Er aber lächelte wissend und trank zufrieden einen Schluck Kaffee.
„Mit einem aber“, sagte ich als ich meine Sprache wiedergefunden hatte, „mit einem lagen sie falsch. Er hat sie nicht noch in der Nacht verlassen, sondern ist bis zum nächsten Morgen geblieben.“
„Wissen sie,“ antwortete daraufhin mein Partner, „und das ist der Unterschied zwischen Menschen und Büchern.“

Christian Dolle
 
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mhh... *nachdenklich bin*...

Becci (25.04.2003)

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