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5 Seiten

Labor C

Fantastisches · Kurzgeschichten
„DR. KELLER BITTE SOFORT IN LABOR C! DR. KELLER BITTE SOFORT IN LABOR C!“, tönte eine blecherne Stimme aus dem Lautsprecher in der Kantine. Noch bevor die Durchsage beendet war, sprang Martin Keller von seinem Stuhl auf und eilte aus dem Raum. Seine Schritte hallten auf den langen Gängen wider, und er erntete einige neugierige Blicke, die er jedoch nicht wahrnahm, da er in Gedanken schon längst einige Flure weiter war. Nur vor den Fahrstühlen zögerte er für den Bruchteil einer Sekunde, drehte dann aber ab und hastete die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, da er ein Warten auf den Fahrstuhl jetzt nicht ertragen hätte. Innerhalb kürzester Zeit, die sich für ihn jedoch endlos zu dehnen schien, hatte er das richtige Stockwerk erreicht und steuerte nun auf Labor C zu. Um ein Haar hätte er seine Assistentin Kara umgerannt, doch selbst für eine Entschuldigung nahm er sich keine Zeit.
Er konnte es kaum glauben. Wenn es stimmte, was er vermutete, hatten sie es geschafft. Seit nunmehr zehn Jahren arbeiteten er und sein Team an diesem Projekt, und seit über zehn Jahren fieberte er diesem Augenblick entgegen. Doch nun, wo es soweit war, fragte er sich plötzlich, ob all die Zeit, die sie aufgebracht hatten und all die Niederlagen, die bei einer solchen Sache unumgänglich waren, sich gelohnt hatten. Doch er schob den Gedanken von sich, denn er war sich sicher, dass für den Fortschritt, besonders wenn er der Menschheit direkt zugute kam, kein Preis zu hoch war. Allerdings sollte die Öffentlichkeit von einigen Fehlschlägen besser nichts erfahren, denn eine negative Pressemeinung könnte die ganze Arbeit noch immer gefährden.
Keller betrat das Labor und wurde sogleich von seinem Kollegen Professor Ehrbach informiert: „Sie kommen gerade noch rechtzeitig, er ist gerade dabei aufzuwachen.“ Beide nickten einander zu und betraten dann betont langsam einen weiteren Raum, der sie mit dem monotonen Surren von Computern und anderer Geräte empfing. Kellers Blick glitt gezielt durch den Raum und blieb an einem Tisch hängen, auf dem eine Person lag, die, sich zaghaft räkelnd, aus einem langen Schlaf zu erwachen schien. „Ich habe Kara schon verständigt, sie wird alles für die nötigen Tests vorbereiten“, erklärte der Professor knapp, und mit einem Kopfnicken in Richtung der Person auf dem Tisch setzte er hinzu: „ich bin gespannt, wie er sich fühlt, wenn er bei vollem Bewusstsein ist.“
Als er zu sich kam, nahm er zunächst nichts außer einem unglaublich hellen Licht wahr. Er wusste nicht, wo er war oder wie er hierher gekommen war, es war ihm als erwache er aus einer tiefen Bewusstlosigkeit, und selbst das Gefühl für die eigene Existenz kehrte erst langsam wieder zurück. Das helle Licht entpuppte sich als eine grelle Lampe über ihm, und als er sich umsah, nahm er etwas wahr, was wie der OP eines Krankenhauses aussah. Was war mit ihm passiert, fragte er sich, während er sich die Decke, unter der er lag, bis zum Hals zog, um die eisige Kälte zu vertreiben, die hier herrschte. Wo war er hier, und vor allem, warum war er hier? „Stanislaw, hören Sie mich?“, drang eine Stimme zu ihm durch. Und dann fiel ihm plötzlich wie in einer Eingebung alles wieder ein, seine Erinnerungen kehrten mit einem Schlag zurück, und der plötzliche Druck dieser Erkenntnisse verursachte ihm Kopfschmerzen.
Später wurde mit den Tests begonnen. Solange Stanislaw noch hier war und Kara mit ihm unzählige Testreihen durchging, wurde er von Prof. Ehrbach und Dr. Keller genauestens überwacht, seine Hirnfunktionen wurden beobachtet und seine Verträglichkeit mit dem Computerchip, dem man ihm ins Gehirn implantiert hatte, wurde akribisch untersucht. Kara legte ihm mathematische, logische und etliche weitere Aufgaben vor, die er alle mit Bravour löste, und auch sonst schien es keine Komplikationen zu geben. Jahrelang hatten sie auf diesen Zeitpunkt gewartet, und endlich, so schien es, war es ihnen gelungen, das menschliche Gehirn mit einem Computer zu vernetzen und damit die Vorteile beider zu optimieren. Noch war es selbstverständlich zu früh, mit den Ergebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen, denn bei der letzten Testperson hatte das Gehirn den eingepflanzten Chip erst nach ein paar Tagen abgestoßen, aber Martin Keller war guter Hoffnung, dass es diesmal gelingen würde.
Jeden Tag musste er zu einer bestimmten Zeit Aufgaben lösen, um seine geistigen Fähigkeiten zu untersuchen, wie sie sagten. Am ersten Tag war ihm das noch schwer gefallen, denn die Kopfschmerzen hatten jeden Denkprozess zu einer kaum zu bewältigenden Aufgabe gemacht, doch es ging ihm von Tag zu Tag besser, die Schmerzen ließen nach, und das Denken viel ihm leichter. Ab dem dritten Tag langweilten ihn die Aufgaben, die keinerlei Herausforderung darstellten, aber sie seinen notwendig, hatten ihm die Ärzte erklärt, und damit fügte er sich in sein Schicksal. Immerhin hatte er sich freiwillig der Operation unterzogen, doch er sehnte den Tag herbei, an dem alles überstanden war, er seinen Lohn bekam und zu seiner Familie zurückkehren durfte. Das einzige, was ihm hier noch Freude bereitete war diese hinreißende Kara, die sich alle Mühe gab, seine Aufgaben interessant zu gestalten und es ihm damit sehr viel leichter machte.
Sowohl Kara als auch Ehrbach und Keller waren mit Stanislaw sehr zufrieden, seine Psyche schien sich durch den Eingriff nicht verändert zu haben, medizinisch gab es keinerlei Anzeichen für auftretende Probleme, und die Tests löste er alle mit geradezu spielerischer Leichtigkeit. Außerdem stellte Kara fest, dass sein Erinnerungsvermögen sich erheblich verbessert hatte, und er ihr sogar Dinge detailliert beschreiben konnte, die Jahre zurücklagen. Offenbar unterstützten sich sein Gehirn und der Chip wie erhofft gegenseitig, und es gab erste Gründe zu der Annahme das die Suche nach einer künstlichen Intelligenz, die die menschlichen Fähigkeiten und die eines Computers beherrschte bald beendet werden konnte.
Einmal hatte Keller beobachtet wie Stanislaw in seiner Freizeit gegen den Schachcomputer antrat, den Kara ihm mitgebracht hatte, und das, obwohl er angeblich zuvor nie Schach gespielt habe. Keller beobachtete wie Stanislaw sich mit den Regeln vertraut machte, zögerlich die ersten Züge tat und schließlich die Maschine schon im ersten Spiel besiegte. Daraufhin spielte er öfter, verlangte von Kara einen besseren Computer, und Keller wunderte sich darüber, mit welcher Inbrunst Stanislaw nach immer neuen Herausforderungen suchte. Dann jedoch, es war gerade ein noch besserer Schachcomputer geliefert worden, verlor Stanislaw ein Spiel, und Keller betrachtete mit Entsetzen, wie wütend ihn diese Niederlage machte. Es ging schließlich soweit, dass er und Ehrbach Stanislaw davon abhalten mussten, den Rechner auf dem Boden zu zertrümmern, was ihn bewog, der Sache auf den Grund zu gehen. Konnte es sein, dass Stanislaw auf emotionale Eindrücke stärker reagierte als vor der Operation? Keller wies seine Assistentin an, verstärkt Tests durchzuführen, die die gefühlsbetonte Seite seines Geistes ansprachen, und war gespannt auf die Resultate.
Nach ein paar Tagen veränderten sich die Aufgaben, die Kara ihm gab, nicht das sie schwerer wurden, aber eben anders. Zum Beispiel sollte er in einer Computersimulation eine Aufgabe erfüllen, die sich am Ende als unlösbar herausstellte, oder sie wies ihn an, verschiedene Theaterszenen zu spielen und dabei die Gefühle darzustellen. Auch zeigte sie ihm einmal einen Film mit traurigem Ende, und er konnte am Ende die Tränen nicht zurückhalten, obwohl er sich nicht erinnern konnte, überhaupt schon einmal bei einem Film geweint zu haben. Gerade vor Kara war ihm das schrecklich peinlich, doch sie legte ihm nur den Arm um die Schultern und beruhigte ihn mit ihrer sanften, liebevollen Stimme, die ihn den Film bald vergessen ließ.
„Es ist ganz natürlich, dass seine emotionale Seite sozusagen überreagiert“, erklärte Ehrmann seinem Kollegen beschwichtigend, „sehen Sie, Stanislaw ist rational jetzt jedem Menschen und sogar den meisten Computern überlegen, vor allem aber wesentlich leistungsstärker als früher, und um das auszugleichen versucht die emotionale Seite des Gehirns, sich anzupassen.“ Die Erklärung leuchtete Keller ein, und er fragte sich insgeheim sogar, ob dann die Operation bei allen Menschen eine Verbesserung der Leistung beider Hirnhälften zur Folge haben könnte. Sollten die weiteren Forschungsergebnisse dies zeigen, bedeutete dies nicht nur, dass die Kluft zwischen Mensch und Maschine geringer wurde, sondern dann war auch der erste Schritt zu einem besseren, ja perfekten Menschen getan. Man hatte dann eine weitere Sprosse auf der Leiter der Evolution erklommen, schoss es Keller durch den Kopf, und ihm lief bei diesem Gedanken unweigerlich ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Am Ende der Woche beschlossen Ehrmann und Keller, dass es Zeit wurde, Stanislaw wieder in seine gewohnte Umgebung zurückkehren zu lassen, es würde interessant sein, wie seine Frau und seine Kinder die Veränderung aufnehmen würden, und vor allem, wie Stanislaw auf alles, was er vor der Operation gewohnt gewesen war, jetzt reagieren würde. Kara wurde beauftragt, ihn auf diesen neuen Schritt vorzubereiten, ohne ihm dabei zu sagen, dass man ihn natürlich auch weiterhin im Auge behalten würde.
Nach den letzten Tests erklärte Kara ihm, dass er ab morgen zu seiner Familie zurückkehren könne, dass die Testreihe somit abgeschlossen war, und sie wünschte ihm alles Gute, was er jedoch kaum noch wahrnahm. Seine Gedanken kreisten ausschließlich darum, dass er Kara vermutlich nie wieder sehen würde, und alles in ihm sträubte sich gegen diese Vorstellung. Er wusste selbst nicht, was mit ihm passierte, eigentlich sollte er sich doch auf seine Familie freuen und glücklich sein, dem Krankenhaus endlich zu entkommen. Aber der Gedanke, von Kara getrennt zu sein, löste Panik in ihm aus, und er hatte Mühe, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Je mehr er darüber nachdachte, desto gewisser wurde er, dass er sich in Kara verliebt hatte, während ihm die Rückkehr in sein früheres Leben Angst machte. Er wusste sehr wohl, dass er nicht mehr derselbe war wie vorher, und dennoch konnte er sein Leben nicht wegen einer Schwärmerei für eine Krankenschwester aufgeben. Langsam aber stetig kehrten die Kopfschmerzen zurück, er fühlte genau, dass sein Herz und sein Verstand ihm gegenteilige Informationen lieferten, und er spürte einen unglaublichen Druck auf sich lasten. Sein Verstand riet ihm, genau das zu tun, was von ihm erwartet wurde, während seine menschliche Seite sich vehement dagegen sträubte. Er hatte Angst vor dem, was auf ihn zukommen würde, sehnte sich nach einem Ausweg, nach Kara, und sogleich schalt er sich selbst einen Narren. Wieder fühlte er eine eisige Kälte in sich aufsteigen, die ihn am ganzen Körper zittern ließ, und die Kopfschmerzen wurden immer intensiver.
„Was ist los mit ihm?“, fragte Keller an seinen Kollegen gewandt, „Was geschieht mit ihm?“ Doch der Professor hatte diesmal keine Erklärung, sondern sah nur fassungslos mit an, wie Stanislaw von einem unnatürlichen Zittern übermannt wurde, den Kopf auf seine Hände stützte, dann aufsprang und ziellos im Zimmer herumlief. Es war als könne er sich nicht mehr kontrollieren, Kara griff geistesgegenwärtig nach einer Beruhigungsspritze, doch als sie an ihn herantrat, schlug Stanislaw um sich, wehrte sich nach Kräften und schrie aus Leibeskräften, brüllte, hielt sich immer wieder den Kopf, rang nach Atem und brach schließlich leblos zusammen. Es war vorbei. Das Experiment war fehlgeschlagen.
 
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Kommentare  

SHEILA McLANE, private Frage: gehören Sie einer der Berufsgruppen an, die Sie in Ihrem Kommentar anführen ?

Simon Templar (10.04.2009)

hallo,
ich schließe mich mal sheila an in der hinsicht "interessanter Stoff - daraus kann man was machen", die erzählweise fand ich für den teil ok, aber man kann wirklich noch viel mehr daraus machen, wenn du das vorhättest, solltest du wohl doch mehr wörtliche rede benutzen.

ich würde dir raten, vor "Als er zu sich kam, nahm er zunächst nichts außer einem unglaublich hellen Licht wahr" eine leerzeile zu setzen, ebenfalls vor "„Was ist los mit ihm?“", also immer wenn die perspektive wechselt.
lg darkangel


darkangel (22.06.2007)

Hallo Christian,

eine interessante Story. Die, m. M. nach, noch mehr gewinnen würde, wenn es mehr wörtliche Rede/Dialoge gäbe. Alle Infos, die im Erzähltext enthalten sind, könntest du auch als Informationsaustausch zwischen den Personen bringen. Beim Lesen des Erzähltextes war mein spontaner Gedanke, interessanter Stoff - daraus kann man was machen. Aber es wirkte insgesamt auf mich, als würdest du auf die Frage: von was handelt deine Story? antworten würdest. Du lässt mich als Leser nicht unmittelbar miterleben und mitleiden, sondern lieferst nur Informationen.
Etwas unlogisch erschien mir auch, dass Cara 'nur' eine Krankenschwester sein soll (soll auf keinen Fall abwertend für diesen Berufszweig sein). Bei einem so wichtigen Experiment und sicher auch kostspieligen, könnte ich mir vorstellen, dass sie Psychologin,Therapeutin, zumindest aber Assistenzärztin oder Wissenschaftlerin ist. Dass man eine Krankenschwester die Tests mit ihm durchführen läßt, habe ich meine Zweifel.


Sheila McLane (29.06.2004)

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