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5 Seiten

Tod des Polenmädchens

Spannendes · Kurzgeschichten
Wie das Heulen streunender Wölfe fegte der Wind über die Felder. Eine steife Hand ragte aus dem Buschwerk, als hätte das Opfer bis zum letzten Zucken versucht den Würgegriff des Mörders abzuwehren. Ein trügerisch kalter Tag im Herbst Neunzehnhundertfünfundvierzig; kalt und hinterlistig wie der Tod.
„Fassen wir zusammen!“ sagte Weigand zu Nau und Stern. „Bei der Toten handelt es sich um die 31jährige Polin Elsza Wolinska, Familienstand unbekannt. Sie war seit 1943 als Fremdarbeiterin im Dorf!“ Weigand schaute seine Mannschaft an. Der junge Heinz Nau war frisch bei der Polizei und ein naiver Grünschnabel; er war in den letzten Kriegswochen zum Flakhelfer ausgebildet worden, aber nie zum Einsatz und schließlich nach dem Zusammenbruch zur Polizei gekommen.
Josef Stern war schon 1933 aus dem Polizeidienst entlassen worden, hatte erst acht Jahre Illegalität und dann vier Jahre Dachau überlebt und wurde vor einem Monat wieder eingestellt. Der Ort gehörte zu den ersten nach dem Krieg, denen die US-Militärbehörde nach der Entnazifizierung eine eigene Polizeidienststelle genehmigt hatte.
„Ende Mai verschwand die Wolinska aus dem Dorf und tauchte in der Kreisstadt bei einem Fritz Hoffmann unter!“ fuhr Weigand fort. „Hoffmann war mit einem Flüchtlingstreck aus dem Osten gekommen. Jetzt betreibt er Schwarzmarktgeschäfte, fährt mit Bus oder Fahrrad übers Land und verscherbelt Zigaretten und Nägel gegen Kartoffel und alles Mögliche. Sein Verhältnis mit der Polin hielt nicht lange; sie kam Mitte August ins Dorf zurück. Bauer Meuber hatte ihr gegen den Willen seiner Ehefrau eine Kammer über dem Stall zugewiesen. Aus welchem Grund tat er das? Schuldgefühle? Eigennutz? Plötzliche Nächstenliebe? Wir wissen es noch nicht. Zu dem Zeitpunkt war die Wolinska im zweiten Monat schwanger! Aber sie war auch früher schon für die Männer im Dorf leichte Beute zwischen Strohballen und Kartoffelsäcken …“. Weigands Stimme wurde vielsagend und leicht verächtlich.
„Freiwillig oder mit Nachhilfe?“ fragte Stern provozierend. Er hielt Weigand für einen gerissenen Wendehals. Dieses Unschuldslamm von Mitläufer hat den Krieg nicht als Widerstandskämpfer überlebt, dachte Stern bitter.
„Was weiß ich?!“ Ausweichend und sichtlich verärgert zuckte Weigand die Schultern. „Kaum einer ließ sich damals diese Gelegenheiten entgehen!“ Seine Augen blickten unsicher in die Runde, als suche er nach Rechtfertigungen. „Selbst für Parteibonzen war die Polin fürs Bett gut genug“, sagte er schließlich. „Fremdarbeiterin hin oder her! Das polnische Frischfleisch war denen zwischendurch allemal lieber als ihr täglicher Bauerneintopf. Zumal als Bezahlung ein paar Kartoffeln oder ein Stück Speck auch für den geizigsten Bauern nicht zu hoch waren! Es waren eben andere Zeiten …!“ Weigand hob entschuldigend die Hände. Stern schwieg verkrampft.
„Dann kommt das halbe Dorf als Täter infrage!“ Der junge Nau deutete die mögliche Dimension der Ermittlungen mit weit ausgebreiteten Armen an „Einschließlich der Ehefrauen! Eine kann aus Eifersucht gemordet haben, die andere aus Angst, dass eine Polin mit einem Balg auftaucht und Gott weiß welche Ansprüche stellt. Jetzt wo neue Gesetze herrschen und die Amerikaner das Sagen haben …!“
„Mit ihrer Beseitigung hat man im Dorf gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen!“ sinnierte Stern und schaute wieder Weigand an. „Nach einer ehemaligen Zwangsarbeiterin kräht ja sowieso kein Hahn! Alles wie gehabt!“ Stern blieb störrisch und polemisch.
„Wir kümmern uns doch darum!“ sagte Weigand schließlich unwirsch. „Aber unsere technischen Hilfsmittel sind zurzeit sehr begrenzt, das wissen sie sehr gut, Herr Kollege Stern!“ Nervös trommelten seine Finger auf den Aktendeckel.
„Jedenfalls war es kein Raubmord!“ lenkte Stern plötzlich ein. „So weit wir wissen, war das Opfer ärmer als eine Kirchenmaus! Wegen ein paar Kartoffeln bringt man selbst in diesen Zeiten hier auf dem Land niemand um! In der ausgebombten Stadt, ja, da schlagen sich die Leute wegen drei Knollen die Köpfe ein! Aber in unserem Fall liegt das Motiv wohl eher im persönlichen Bereich!?“ Sterns Stimme wurde sachlicher.
„Wir müssen uns die Meubers und den Krummbach intensiver vorknöpfen!“ sagte Weigand versöhnlicher und versuchte das Ruder wieder in die Hand zu bekommen. „Seht euch noch mal die Aussagen dieser Nachbarn an!“ Er reichte die Akte über den Schreibtisch.
*
„Ich habe die Wollinska zum letzten Mal am 12. Dezember mittags gegen drei im Stall gesehen! Sie drehte das Schweinefutter durch den Häcksler. Den Rest des Tages bis zum Schlafen war ich beim Buttern und Käsen im Haus. Das kann meine Frau bezeugen! Wir waren die ganze Zeit zusammen!“ Das Ehepaar Meuber gab sich gegenseitig die Alibis.
Dagegen sagte der Nachbar, Bauer Krummbach aus: „Gegen fünf war Elsza bei der Meuber im Wohnzimmer! Die beiden haben gequatscht! Ohne ihren Mann! Die Meuber hat Elsza mehrmals was übergeben! Das ging hin und her! Habe es durch die Fenstergardinen gesehen; draußen war es schon dunkel und drinnen brannte Licht!“ Krumbach schien unerschütterlich.
„Der Krummbach ist ein alter Lügner aus Berechnung!“ sagte dagegen Frau Meuber aus. „Seit meiner Jugend stellt er mir nach! Dann ging die Feindschaft los! Weil ich Meuber geheiratet habe. Ich hätte ihn nur wegen seiner größeren Äcker genommen, hat er überall erzählt! Seitdem macht uns Krummbach das Leben schwer! Wer hat uns denn nachts den Traktor kaputtgemacht? Wer wird’s wohl gewesen sein? Hmm? Und jetzt diese Verleumdung!“ Die Meuber war außer sich vor Wut.
Aber Krummbach präzisierte seine Aussage: „Dann ist die Elsza aus dem Haus gekommen, hat sich nervös umgeschaut, als wenn sie nicht wüsste wohin, oder als ob sie was verstecken wollte! Sonst klettert sie nach der Arbeit gleich über die Hühnerleiter in ihre Dachkammer, wie kann man überhaupt jemand dort wohnen lassen, schlimmer als einen Hund!“ Krummbach hob anklagend die Stimme. „Aber diesmal ist die Elzsa runter zu den Kartoffelfeldern gelaufen und Meuber hat hinter dem Stallfenster gestanden und ihr nachgeschaut!“
Das konnte mit der Aussage von Krummbachs zehnjährigem Sohn übereinstimmen. Gegen halb sechs hatte der Junge die Polin gesehen, wie sie auf Krummbachs Feld auf den Knien lag, sich am Erdreich zu schaffen machte und augenscheinlich Stoppelkartoffel ausbuddelte oder etwas verstecken wollte. Er rannte nach Hause und petzte den vermeintlichen Diebstahl. Aber Krummbach hatte abgewinkt: „Die arme Sau soll sich doch ein paar Kartoffeln stoppeln, das ist ja wohl das Mindeste, was wir im Dorf ihr schulden! Ihr wisst alle ganz genau, was ich meine. Oder soll ich deutlicher werden …!“ Die Runde schwieg betroffen.
Weigand nestelte an seinen Knickerbockerhosen mit dem grauen Fischgrätenmuster. Dann blickte er zu Stern. „Quetschen Sie mit Nachdruck noch einmal Anna Meuber aus! Mit Nachdruck! Soweit Sie das können, lieber Kollege Stern! Wir verstehen uns!? Und Sie, Nau, Sie setzen sich in die Linde und halten am Tresen oder am Stammtisch die Ohren auf! Ich kümmere mich unterdessen in der Stadt noch mal um diesen Hoffmann und sein Umfeld! Ich muss den Amis sowieso einen Zwischenbericht abliefern, sonst gibt‘s Ärger!“ Die drei verabschiedeten sich.
*
„Beinahe ein Volltreffer!“ Fast jubelte Stern am nächsten Tag über das Ergebnis. „Wir kommen in völlig neue Bahnen! Frau Meuber hat zugegeben, sie war nicht dauernd mit ihrem Mann zusammen! Gegen Vier hat sie mit Frau Wolinska unter vier Augen gesprochen. Sie wisse vom sexuellen Verhältnis zwischen ihrem Ehemann und Frau Wolinska und der wäre ja wohl auch der Verursacher ihrer Schwangerschaft. Frau Wolinska hat es angeblich weder bestritten, noch zugegeben“, erklärte Stern umständlich. „Anna Meuber holte erst ein Stück Speck aus der Speisekammer, dann eine Halskette und danach noch einen Ring aus ihrer Schmuckschatulle und gab es der Polin, und die wickelte alles, Schmuck und Speck, in ihr Brusttuch ein. Für den Schmuck könne man auf dem Schwarzmarkt einige Hundert Dollar oder Zigaretten erzielen, sagte Frau Meuber, und damit könne Frau Wolinska nicht nur die Abtreibung bezahlen, sondern woanders ein neues Leben beginnen oder sogar nach Polen zurückgehen, jetzt wo alles vorbei wäre …!“
Weigand hatte sich zunächst zurückgehalten; dann schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch und unterbrach Stern: „Dann haben wir wahrscheinlich den Mörder!“ rief er plötzlich. Nau und Stern sahen ihren Vorgesetzten verblüfft an.
„Halskette!“ Erkennend schlug sich Weigand an die Stirn und begann mit der Erklärung. „Hoffmann sitzt im amerikanischen Militärgefängnis! Er versuchte einen Ring und eine Halskette an einen Ami zu verscherbeln und geriet an den Falschen; der Ami war Sicherheitsoffizier! Bei der genauen Überprüfung stellte sich heraus, Hoffmann hatte schlecht gefälschte Papiere; als SS-Mann war er an Erschießungen in Polen beteiligt und wurde gesucht!“
Sofort griff Weigand aufgeregt zum Telefon und wurde nach einer Ewigkeit zähen Wartens von der Telefonistin verbunden. Dann radebrechte er gestikulierend mit einem Amerikaner; Nau und Stern verstanden nur „Yes„ und „No“ und „tomorrow“.
„Wie schön, dass die Amis ausnahmsweise gut mit uns zusammenarbeiten!“ sagte Weigand nach dem Telefongespräch. „Morgen darf ich an Hoffmanns Vernehmung mit der amerikanischen Kriminalpolizei teilnehmen!“
*
„Er ist schnell umgefallen!“ sagte Nau am Abend des nächsten Tages und sah seinen Chef plötzlich anerkennend an. „Was hat ihm denn den Rest gegeben?“ Sogar der alte Stern blickte gespannt. Weigand setzte zur Erklärung an.
„Er wusste, dass die Amis ihn wegen hundertfachem Mord als Kriegsverbrecher anklagen, aber bei uns hoffte er, mit einem einfachen Totschlag davon zu kommen. Er wollte seinen Kopf retten, hat sich bei mir angebiedert und den Mord an der Polin als Unfall deklariert. Aber die Amis haben den gesamten Fall jetzt in eigener Regie! Für uns ist jedenfalls die Tat im Acker geklärt und die Arbeit erledigt. Es war kein geplanter Mord! Wahrscheinlich eine Affekthandlung. Hoffmann war an dem Nachmittag einfach übers Land gestreunt und hatte seine alte Bekannte Wolinska zufällig auf dem Kartoffelacker gesehen; eins ergab das andere und bei dem Schmuck ist er ausgerastet! Was weiß ich, was in solchen Momenten in einem Menschen vorgeht“. Weigand lehnte sich zurück.
„Aber er hat der Toten nicht nur den Schmuck, sondern auch die Kartoffeln und den Speck gestohlen?“ Naiv und ungläubig sah Nau in die Runde. „Das macht doch kein normaler Mensch …?!“
„Doch! So etwas macht man heutzutage!“ sagte Weigand und klappte die Akte zu. „Er gab als Grund an, man müsse mitnehmen, was man bekommen kann! Der Krieg hätte ihn nichts anderes gelehrt!“ Weigand fummelte an seinem Hemdkragen. Ihm wurde heiß, obwohl der kleine Kanonenofen die Wachstube nur schlecht erwärmte.
„Und wer war nun der wirkliche Kindsvater?“ fragte Nau.
„Ist das noch wichtig?“ fragte Weigand zurück. Mit resignierender Handbewegung und doch erleichtert legte er die Akte zur Seite, sah die beiden an und sagte ironisch: „Vielleicht wissen es die Heuhaufen in einer Scheune?!“ Der junge Nau grinste ein bisschen pflichtbewusst, aber Josef Stern konnte über Weigands Witz nicht lachen.
*
 
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Kommentare  

@MarcoPolo:
Stimmt! Du hast Recht mit deinem Eindruck des "zu raschen und zu unproblematischen Schlusses". Allerdings kam es mir weniger darauf an, einen spannenden Problem-Krimi mit einer außergewöhnlichen Schlusspointe zu schreiben, als vielmehr die damalige Zeit in Erinnerung zu rufen (und auch daran zu erinnern, wie sehr menschliches Verhalten - bzw. Fehl-Verhalten - mit gesellschaftlichen Umständen und Situationen zusammenhängt). Von der Spannung her hätte man sicher "mehr" aus diesem "Kurzkrimi" machen können.


Michael Kuss (22.10.2012)

Flüssig und gut geschrieben. Schön die Charaktere heraus gearbeitet aber irgendwie kommt mir dann der Schluss zu rasch und unproblematisch daher. Insgesamt aber ein guter Rückblick in die damalige Zeit, die gar nicht mal allzu weit zurückliegt. In sofern also durchaus lohnenswert den kleinen Krimi zu lesen.

Marco Polo (22.10.2012)

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