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Lakshmis Lächeln

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Vor ein paar Tagen lächelte mich plötzlich Lakshmi an. Nein, nicht in einer mein Leben verändernden Vision, sondern von einem Photohocker im Schaufenster eines Osteroder Geschäftes. Als bekennender Indien-Fan musste ich dieses Möbelstück unbedingt haben. Außerdem handelte es sich um ein Produkt der Firma Werkhaus, die ausschließlich umweltfreundliche Materialien verwendet und ausschließlich in Deutschland produziert. Mit der hinduistischen Glücksgöttin würde ich also das gute Gewissen gleich mit kaufen.
Im „Living Room“ am Kornmarkt wurde ich freundlich empfangen und auch noch kompetent beraten. Ob ich nur den Hocker haben wolle oder auch den dazu passenden Stauraum, also eine Aufbewahrungsbox, die praktisch unter das Sitzmöbel passt. Ja, super, darin kann ich etliche Bollywood-DVDs verstauen, dachte ich mir und nahm beides.
Zuhause packte ich die Bausätze aus, keine Schrauben, kein Leim, nur ein Stecksystem und ein paar Gummiringe. Lakshmi lächelte, ich lächelte zurück. Das sollte auch für einen mit zwei linken Händen ausgestatteten Journalisten wie mich zu schaffen sein. Grundsätzlich war der Aufbau auch kein Problem, innerhalb von fünf Minuten hatte ich beide Teile zusammengebaut. Bloß wollte der Stauraum partout nicht unter den Hocker passen. Wie ich ihn auch drehte oder kantete, es ging nicht. Also baute ich ihn auseinander und noch einmal neu zusammen – ging trotzdem nicht. Lakshmi lächelte immer noch, ich inzwischen nicht mehr.
Da ich es nicht weit zum Kornmarkt habe, suchte ich den Laden noch einmal auf. Der freundlichen Begrüßung folgte eine dicke Entschuldigung der Verkäuferin, dass sie mir nicht gleich gezeigt hatte, wie man das Ding zusammensteckt. Ehrlich gesagt hatte mir in Möbelhäusern noch nie jemand erklärt, wie man deren Produkte aufbaut, obwohl es dort in vielen Fälle weitaus nötiger gewesen wäre.
Meine Vermutung, ich hätte aus Versehen zwei Hocker und nicht Hocker und Stauraum bekommen, räumte sie mit dem Hinweis aus, dass sie gar keine Blanko-Hocker bestellt habe, dies also nicht sein könne. Stattdessen zeigte sie mir an einem Ausstellungsstück geduldig, wie die Teile ineinander gesteckt werden und dann unter dem Hocker verschwinden.
Zurück in meinen eigenen vier Wänden versuchte ich es erneut und scheiterte wieder. Lakshmis Lächeln hatte inzwischen einen hämischen Zug angenommen, oder bildete ich mir das nur ein? Jetzt nahm ich die Blanko-Einzelteile und hielt sie über die bedruckten. Sie waren exakt gleichgroß. Wenn meine Stärken auch eindeutig eher in den Geistes- als in den Naturwissenschaften liegen, war ich mir sicher, das es mathematisch und physikalisch unmöglich ist, zwei identisch große Körper ineinander zu schieben.
Also packte ich meinen Blanko-Hocker-Stauraum und suchte den „Living Room“ ein drittes Mal auf. Erstaunlicherweise lag in ihrem Blick kein „Sind Sie zu blöd einen dusseligen Hocker aufzubauen?“, ich wurde nach wie vor freundlich und mit ernstgemeinten Entschuldigungen empfangen. Da ich nicht rechthaberisch bin, erwähne ich nur am Rande, dass es sich tatsächlich um einen – wie sich herausstellte – fälschlicherweise mitgelieferten Blanko-Hocker handelte.
Viel wichtiger war mir in diesem Moment allerdings der Service, den man ja angeblich heute kaum noch findet. Ich fühlte mich als Kunde königlich umsorgt, konnte so oft wiederkommen, bis das Problem gelöst war. Nicht nur hier, auch in anderen Geschäften der Osteroder Innenstadt habe ich diese Erfahrung in den letzten Jahren immer wieder gemacht. Und dazu eben auch immer wieder ausgefallene Produkte entdeckt, die man in einer Kleinstadt kaum erwartet und nach denen man selbst in Großstädten lange suchen muss.
Zuhause konnte ich jetzt wieder mit der Glücksgöttin um die Wette lächeln, wusste ich doch, bei einem Internetkauf hätte ich diese Geschichte nicht schreiben können.
 
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Kommentare  

Gelungene unterhaltsame Kurzgeschichte. Hat mir gut gefallen.

Marco Polo (09.11.2014)

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