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Das Haus der Erinnerung

Nachdenkliches · Kurzgeschichten
Das Haus sieht immer noch aus wie früher. Zumindest auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen erkenne ich allerdings, dass die Fenster dreckig sind, manche Scheiben zerbrochen und Moos oder einfach nur Dreck bedeckt einige Steine. Von der Straße aus ist der Verfall auf den ersten Blick kaum zu erkennen, weil sich der Garten im Gegensatz zum Haus sehr verändert hat. Die Bäume und Büsche sind größer geworden, verdecken vieles.
Früher konnte ich schon von der Straße aus in dein Fenster blicken und sehen, ob du zuhause warst. Jetzt sehe ich nichts mehr. Damals bin ich meist sofort zur Tür gerannt, hatte es eilig, dich zu sehen, dir das Neueste zu erzählen, mich mit dir in eines unserer Spiele zu vertiefen. Nun habe ich am gegenüberliegenden Straßenrand geparkt und zögere, bevor ich die Autotür öffne.
Mit langsamen Schritten gehe ich schließlich auf die alte hölzerne Gartenpforte zu, zucke zusammen als sie sich mit einem gequälten Quietschen öffnen lässt. Der Garten ist tatsächlich völlig verwildert, überall wuchert es, die Natur holt sich ihr Territorium zurück. In meiner Erinnerung sehe ich deine Mutter im Sommer im Garten werkeln, deinen Vater den Rasen mähen und uns Federball oder etwas ähnliches spielen. All das schient so lange her, noch länger, wenn ich mir die Dornen und Brennnesseln ansehe, die nun hier die Vorherrschaft haben.
Wenn ich zu dir kam, habe ich mir oft einen Spaß daraus gemacht, nur auf die steinernen Platten zur Tür, nicht aber auf die Fugen zu treten. Inzwischen sind viele der Platten gebrochen, das Gras zwischen den Fugen drängt sie immer weiter auseinander. Auch die Tür sieht aus der Nähe betrachtet nicht mehr aus wie damals. Die Farbe ist abgeblättert, das Holz wirkt morsch. Ein verwittertes Schild über dem rostigen Briefkasten verlangt: „Bitte keine Werbung“. Die wirft hier schon lange niemand mehr ein. Ebenso gibt es schon lange kein Namensschild mehr, nur ein paar rostige Schrauben zeugen noch davon.
Als ich gegen die Tür drücke, lässt sie sich mit einigem Widerstand knarzend öffnen. Damit hatte ich nicht gerechnet, es aber gehofft. Wenn ich schon hier bin, möchte ich auch einen Blick ins Innere werfen, das mich ganz im Gegensatz zu früher mit Kälte und Dunkelheit empfängt. In meinen Erinnerungen kann ich noch die Pfeife deines Vaters riechen und den Duft von Kuchen, den deine Mutter oft buk.
Schon im Flur kamst du mir immer entgegen, immer mit einem Lächeln im Gesicht, ganz gleich, was der Tag auch brachte. So musste auch ich lächeln und wir wussten, gemeinsam konnte uns niemand etwas. Wir gaben uns gegenseitig Kraft, als Kinder und auch noch viele Jahre danach. Das Haus, so wirkte es, hatte inzwischen keine Kraft mehr. Staub bedeckte den Boden, die Decke war mit nicht wenigen Rissen durchzogen und die Tapete hing an vielen Stellen in Fetzen von der Wand. Zudem war sie verblasst.
Ich hatte das Haus immer als ausgesprochen farbig in Erinnerung, viel farbenfroher jedenfalls als unser eigenes. Doch die Farbe war mit den Jahren verblichen, genau wie ich befürchtete, dass auch die Erinnerungen mehr und mehr verblassen würden. Die Erinnerungen an unsere wunderschöne Kinderzeit, ans oft mühsame Erwachsenwerden und selbst die Erinnerungen an dich. Sie wurden mehr und mehr von Gegenwärtigem in den Hintergrund gedrückt, genau wie das Haus langsam aber unaufhaltsam verfiel und irgendwann ganz verschwinden würde.
Meine Schritte hallten durch die Räume als ich den Flur entlang ging, meinen Blick über die inzwischen ausgetretene Treppe Stufe für Stufe nach oben wandern ließ und mir vorstellte, wie oft wir dort sonntags rauf und runter gelaufen sind und seinen Vater um seinen Mittagsschlaf brachten. Nie wurde er böse, zeigte es uns zumindest nicht, sondern hatte immer gute Ideen, was wir spielen konnten oder erzählte einfach nur lange mit uns. Auch wir haben viel geredet. Oft ganze Nachmittage lang bis spät in den Abend hinein. Wir hatten keine Geheimnisse, nichts mussten wir vor dem anderen verbergen. Vielleicht ist es das, was ich am meisten vermisse.
Langsam gehe ich nun nach hinten, biege um die Ecke und stehe nach so vielen Jahren wieder vor deiner Zimmertür. Nie war sie verschlossen, stand immer offen und meist drangen Stimmen oder Lachen heraus. Unser Lachen. Fast schon wundert es mich, dass sie jetzt ins Schloss gedrückt ist. Auch scheint eine fast greifbare Stille dahinter auf mich zu warten. Meine Hand nähert sich dem kalten Metall der Klinke, drückt sie vorsichtig hinunter und die Tür langsam auf. Ein eisiger Hauch schient mir entgegenzuwehen.
Als ich die Tür ganz öffne, sehe ich, dass das Fenster zerbrochen ist. Ein Ast ist hindurch gewachsen, ein Ast unseres Kletterbaumes, die große Kastanie, auf der wir so oft saßen und manchmal einfach nur in die Sterne sahen. Doch sie ist tot, ihre letzten braunen Blätter bedecken den Boden deines Zimmers. Hier ist nichts mehr von dir, alles scheint längst vom Wind nach draußen getragen zu sein.
Die Kälte lässt mich meinen Mantel fester um mich ziehen, auch wenn sie sich damit kaum vertreiben lässt. Es ist eine Kälte, die tief in mich dringt, die mir Angst macht, dass vielleicht schon zu vieles verblasst ist. Es lässt sich nicht aufhalten, das Haus wird mehr und mehr verfallen und irgendwann wird es abgerissen werden, etwas anderes wird entstehen und niemand wird mehr an die Zeit denken als es voller Leben war.
Plötzlich entdecke ich etwas in der windgeschützten Ecke, in der einst dein Bett gestanden hat. Dort wächst zwischen all dem von draußen Hereingewehten ein kleiner Sprössling. Eine Kastanie, wenn mich nicht alles täuscht. Sie streckt ihre kleinen grünen Blätter zwischen den großen braunen hervor und strebt dem Licht entgegen. Ohne lange zu überlegen bücke ich mich, grabe sie aus und nehme den noch zarten Wurzelballen in beide Hände. Ich werde ihn mit nach Hause nehmen, in meinen Garten pflanzen und zusehen, wie ein großer Baum aus ihm wird.
 
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Es könnte eine kleine Geschichte für sich alleine sein. Was du dir wahrscheinlich auch dabei gedacht hast. Aber es wäre auch ein schöner Anfang einer langen Story. Denn Fragen tauchen dabei auf. Was ist mit diesem Mädchen, das dein Prota als Kind gekannt hatte. Ist sie ihm später auch als erwachsenen junge Frau begegnet? Ist sie früh gestorben oder nur weggezogen? Das sind nur eine Hand voller Gründe, weshalb man neugierig wird. Gerne gelesen.

Marco Polo (04.01.2017)

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