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7 Seiten

Die vier Individualisten

Kurzgeschichten · Für Kinder
Kindergeschichten

Die vier Individualisten


Der Mond hüllte die Landschaft in ein sanftes Licht. Kater George äugte vorsichtig durch die Zweige und Blätter des Apfelbaumes.
Die Gegend kannte er nicht.
Die Flucht vor Bauer Rupert und dessen Frau hatte ihn hierher geführt. Er war so lange gerannt bis die Schreie und Gewehrschüsse aufhörten. Die Wutausbrüche vom Bauern waren nichts neues aber diesmal war es so schlimm, dass er um sein Fell und Leben bangte. Es ging wieder mal um Mäuse. Die sollte er jagen, fressen und den Hof und die Vorratskammern schützen.Aber das konnte und mochte er nicht. Die hatten doch wie er, ein Fell, vier Füße, eine Nase und sogar einen Schwanz, wenn auch nicht annähernd so schön und elegant wie seiner. Darüber hinaus waren sie klug. Kater George liebte kluge Mitgeschöpfe. Ob´s nun Mäuse, andere Katzen oder auch mal Hunde waren, für ein angeregtes Schwätzchen war er immer zu haben.
Bauer Rupert und seine Frau schienen aber keine klugen Tiere zu mögen. Immer schrien sie nach George sobald eine Maus aufgetaucht war. Der dachte gar nicht daran zu tun was von ihm erwartet wurde und wozu auch, die Maus tat ja niemandem etwas. Nein, für solch Abscheulichkeiten war er nicht zu haben. Jetzt saß er hier. Alle Brücken waren nun abgebrochen, kein Weg führte mehr zurück.
Unter dem Baum bewegte sich etwas. Ein Schaf streifte im hohen Gras umher. „So spät noch unterwegs?“, fragte George erstaunt. Ärgerlich blickte das Schaf nach oben. „Dachte ich mir´s doch! Der Schäfer hat Spione abgestellt um mich zurück zu bringen. Darauf falle ich aber nicht rein! “Wohin willst du nicht zurück?“ „Tu nicht so als wüsstest du von nichts“, meckerte das Schaf unwirsch. „Trau dich nur runter vom Baum, dann zeig ich dir wie ernst es mir ist. Du wirst es bereuen!“
Wieso bist du denn so böse, Schaf? George sprang vom Baum herab und setzte sich vor das Schaf ins Gras. „Ach, eine Katze bist du“, erwiderte es gleich viel freundlicher“, sieh an, damit hab ich nicht gerechnet. Entschuldige bitte. Ich hab bei meiner Herde gekündigt. Mit denen mag ich nicht mehr umher ziehen; immer diesem Schäfer hinterher, von einer Wiese zur anderen. Es ist Zeit für etwas neues.“ Aber vermissen die dich nicht?“ „Pah“, machte das Schaf, „von denen gibt’ s noch mindestens zweihundert die aussehen wie ich und was diesen dummen Charly angeht...“; , „Wer ist denn Charly?, fragte George. „Unser Hütehund, „den hab ich getreten. Ein unverschämter Kerl, ohne Manieren; zwickt und beißt ein friedliches Schaf, nur weil es mal etwas länger an einer Stelle stehen will. Ist das eine Art, tut man so was? Jedenfalls, seitdem macht er um mich einen weiten Bogen.“
Eine Weile herrschte Stille zwischen den beiden. „Und was willst du jetzt machen, so allein in der Welt,“ fragte George. „Genau das“, entgegnete das Schaf stolz und entschlossen „alleine bleiben. Vorbei die Zeit eines unter 200 oder 300 oder 400 zu sein“ „Hast du denn schon einmal allein gelebt, Schaf.“ „Nein, aber du kannst es mir doch beibringen, Katze. Ihr lebt doch allein.“ „Ja im allgemeinen schon“, antwortete George, „aber wir haben auch Häuser und Wohnungen in die wir zurückkehren, jedenfalls die meisten von uns.“ „Kann ich nicht mit zu dir kommen?“ „ Das geht nicht“ seufzte er, „weil ich kein Haus mehr habe wohin ich zurück gehen könnte.“
„Warum denn nicht?“ Jetzt war George dran und erzählte seine Geschichte. „Da hast du völlig Recht gehabt“, pflichtete das Schaf ihm bei , „man muss sich selbst treu bleiben ... und was machen wir jetzt?“ „Wie wär´s“, schlug George spontan vor, „wenn wir uns zusammen täten?“ Energisch schüttelte das Schaf den Kopf: „Ich habe andere Pläne. „Aber Du kennst dich hier doch nicht aus.“ „Du doch auch nicht“, warf es schnippisch zurück. Beide dachten nach. „Ich lauf aber nicht hinter dir her, nur vor dir.“ „Kennst du den Weg“?, fragte George erstaunt. „Nein“, gab das Schaf verlegen zu.“ „Dann lass uns nebeneinander gehen“, schlug George vor. „Einverstanden“, gab das Schaf nach kurzer Bedenkzeit nach. Wie heißt du denn?“ „Kater George,.“ „Angenehm, ich heiße Molinda.“ Dabei machte es einen vornehmen Knicks. „Ein interessanter Name. Haben die bei euch in der Herde alle einen Namen?“
„Aber nein, keiner außer mir hat einen.“ Und wer hat dir deinen Namen gegeben?“ „Ich selbst!“

Sie stapften durch das feuchte Gras und gelangten nach einer Weile auf einen schmalen Fußweg.

Die Sterne verblassten, der Mond schien schwächer und im Himmel zeigten erste orange - und goldfarbene Streifen den beginnenden Tag an
Jemand kam ihnen entgegen. „Können sie mir sagen wo´s hier zum nächsten Fluss geht?“ „Bedauere, wir sind nicht von hier“, antwortete George dem Gegenüber. „Das ist wirklich ärgerlich“, seufzte der Sucher müde. „Begleiten sie uns! Wir werden einen Fluss finden. Sechs Augen sehen mehr als zwei“, lud ihn George ein. „Nein“!, protestierte Molinda, „keine anderen Schafe bei uns!“„Aber ich bin kein Schaf,“ erwiderte der Fremde beleidigt, „ich bin ein Biber.“ Das ist natürlich etwas anderes“, lenkte Molinda ein. Seien sie uns willkommen. „ Danke“, grunzte er, „übrigens, Jonder heiße ich, Biber Jonder.“
„Was führt sie in diese Gegend?“, fragte Kater George. „Wie soll ich´s ausdrücken“, begann Biber Jonder, „ eine unangenehme Sache war das. Der hohe Rat unserer Biberzunft beschloss, dass ich nicht länger würdig sei, ein Mitglied der Gemeinschaft zu sein und forderte mich auf, unverzüglich den Bau zu räumen und mir einen anderen Fluss zu suchen und das alles nur weil ich gegen Verschwendung bin. Es ist einfach nur verrückt“, er ereiferte sich, „da liegt Holz über den gesamten Waldboden verteilt, auch entlang des Flussufers. Man müsste sich nur die Mühe machen die Äste und Zweige einzusammeln. Stattdessen wird ständig angeordnet neue Bäume zu fällen. Pure Verschwendung wenn sie mich fragen, aber wagen sie es einmal in der Versammlung darüber den Mund aufzumachen ...“ „Und jetzt sind sie ganz allein, ohne ihresgleichen“, entgegnete Kater George. „Ja“, antwortete Biber Jonder und knirschte entschlossen mit den Zähnen, „und ich bleib auch allein. Das habe ich mir für die Zukunft vorgenommen.“ „Da haben sie völlig recht“, blökte Molinda, „alleine lebt´s sich immer am besten.“ Kater George kratzte sich hinter´m Ohr. Gemeinsam trotteten sie dem Morgen entgegen.

Zwischenzeitlich war der Tag angebrochen und die drei Wanderer lagen unter einem Baum. Etwas fiel herab direkt auf Molindas Fell. Es waren blaue und silberne Federn und sie kamen von einem Pfau, der über ihnen auf einem Ast saß und sich gerade das Federkleid putzte.
Kater George erwacht und musste niesen. Er sah auf Molindas Fell. „Ich wusste nicht dass Schafe auch Federn tragen,“ wunderte er sich. Auch Molinda wachte auf und dachte über Georges Kommentar nach. Dabei schaute sie hoch in das Geäst des Baumes und entdeckte den Pfau. „Was soll das?“, schimpfte sie, „anderen den eigenen Dreck auf das Fell zu werfen!“ Abrupt hielt der Pfau inne und schaute herab.
„Das war nicht meine Absicht, verzeihen sie bitte!“, rief er peinlich berührt. „Ich werde mich sofort darum kümmern.“In einer eleganten Kurve flog er herab, setzte sich auf die sprachlose Molinda und zupfte ihr die Federn aus dem Fell. Dabei bedeckte er sie völlig mit den langen Schwanzfedern. Kater George musste wieder niesen. Biber Jonder war unterdessen auch wach und wunderte sich über die Unruhe. Als der Pfau von Molinda herunter gesprungen war, lagen immer noch Federn auf ihr. „Warten sie, ich will nochmals ...“, „Nein, lassen sie“, Molinda stand auf, schüttelte sich und schaute für einen Moment mürrisch drein. Was hat sie denn hierher verschlagen?“, fragte Kater George, interessiert wie immer, „so weit ich weiß, wohnt ihr Pfauen doch meistens in Zoos und Parks.“ „Das tat ich auch“, nickte jener mit seinem schönen Kopf, „aber das ständige Gegaffe der Leute war einfach unerträglich und verstecken konnte ich mich nirgendwo, also beschloss ich den Park zu verlassen um nicht mehr angestarrt zu werden.“„Haben sie in der Nähe vielleicht einen Fluss gesehen?“, fragte Biber Jonder.„ Ja“, nickte der Pfau, „etwa eine Tagesreise von hier. Ich kann sie hinführen.“ „Wir können leider nicht fliegen“, gab George zu bedenken. „Das macht nichts“, entgegnete der Pfau, „wir bevorzugen ebenfalls den Fußweg“, und wies auf seine langen Schwanzfedern hin, „ die Schönheit ist manchmal eine Last.“ Übrigens, Hermann ist mein Name, Hermann Pfau.“

Die vier machten sich auf um Biber Jonder zu seinem neuen Zuhause zu begleiten.
Kater George merkte unterdessen, dass er Hunger hatte. Seit seiner letzten Mahlzeit bei Bauer Rupert waren zwei Tage vergangen. Jetzt stand kein gefüllter Napf mehr für ihn bereit. Essen für ihn bedeutete auf die Jagd zu gehen und zu tun, was ihm ein Graus und Gräuel war, nämlich Mäuse zu fangen und umzubringen. Es schüttelte ihn. Nein, da musste eine andere Lösung gefunden werden. Als die Gesellschaft am Nachmittag auf einer Wiese Rast machte, entfernte er sich ein wenig und begann Gras aus dem Boden zu rupfen. Puh!, das schmeckte fürchterlich. Bald würgte und schüttelte es ihn und er spukte alles wieder aus. Molinda Schaf, die das ganze eine Weile beobachtet hatte, ging zu ihm und schmunzelte: „Was machst du denn da, Kater George?“ „Ich fresse Gras“, antwortete er und verzog seine Schnauze. „Wieso nimmst du von den groben, breiten Grashalmen und lässt die guten Sachen auf der Wiese stehen.“ „Welche“?, hustete George und spuckte wieder eines der breiten Gräser aus. „Wie gut, dass du mich getroffen hast“, Molinda reckte stolz ihre sensible, erfahrene Nase nach oben, „komm mit, ich zeig dir alles was du wissen musst.“ Sie führte ihn über die Wiese, wies ihn auf die schmalen, weichen Gräser hin, die zahlreichen Blumen, große und kleine, den leckeren Klee, die Beerensträucher die zwischen der Wiese und dem Waldrand wuchsen. Nach einer Stunde kehrten die beiden zurück und ein vollgefressener Kater George rollte sich zufrieden unter den Baum unter dem die Gesellschaft bereits lag. Auch Molinda war müde vom vielen Zeigen und diesem hilflosen Kater erklären, was Schafe seit Jahrhunderten wussten. Biber Jonder und Pfau Hermann waren unterdessen wach geworden und drängten zum Aufbruch. Vor allem Herr Jonder wollte unbedingt noch vor Einbruch der Nacht in seiner neuen Heimat ankommen. Mit den beiden vollgefressenen Begleitern war allerdings kein Vorwärtskommen möglich und so beschloss man eben noch ein Stündchen zu ruhen, denn man hatte sich ja verabredet, den Biber gemeinsam an seinen zukünftigen Heimatfluss zu geleiten. „Immer Rücksicht nehmen, immer sich nach anderen richten“, grummelte der Biber, „was bin ich froh, wenn ich meine Freiheit wieder habe.“ „Ach meine Freiheit, dass ich nur weiterziehen könnte “, seufzte Hermann Pfau leise über ihnen. Er hatte sich wieder in die Krone des Baumes zurückgezogen und blickte ärgerlich auf die schnarchende Gemeinschaft herab.
Als die Gemeinschaft erwachte, war die Sonne schon weit im Westen und ging am Horizont gerade unter. Widerwillig beschloss man an Ort und Stelle die Nacht zu verbringen und jeder freute sich insgeheim bald seiner eigenen Wege gehen zu können.
So brach der nächste Tag an und die Gesellschaft zog angeführt von Hermann Pfau in Richtung Fluss. Für Moninda, die sich vornahm höchstens als Leitschaf mit anderen zusammen zu sein war es ein schwerer, schwerer Weg. Kurz bevor die Sonne oben am Himmel stand erreichte man den Fluss. Für Biber Jonder war es geschafft. Er hatte sein Ziel erreicht. Zwischenzeitlich waren die anderen vom Laufen wieder derart ermüdet, dass Herr Jonder gefragt wurde ob es ihn störe wenn man noch ein wenig Zeit bei ihm verbringen würde, zur zum Ausruhen. Nein, das störe ihn nicht, sagte er und glaubte, dass er doch ein sehr netter Biber sei.
So ließen sich alle nieder bis auf Molinda die sich einige Meter den Wald hinein wagte und auf einer Lichtung viel wohlschmeckende Gras fand.

Finsteres Grollen machte sich um sie herum spürbar. Sie schaute nach oben, aber da waren keine Wolken zu sehen. „Das Gewitter ist wohl noch weit weg“, dachte sie sich und wollte gerade wieder zum Gras fressen zurückkehren, da nahm sie einen Schatten wahr, der sich ihr näherte. Sie sah einen Wolf auf sie zustürmen. So schnell es die Beine und der volle Bauch zuließen, rannte Molinda Schaf zurück zum Lager, verfolgt von dem bösen Tier, das sein Maul schon weit aufgerissen hatte. Er schnappte schon nach ihrem linken Hinterbein als sie mit einem behänden Satz vor Hermann Pfau landete. Aufgeschreckt und verwirrt schlug er augenblicklich sein mächtiges Rad, zugleich kreischte Kater George furchterregend – das geschah ebenfalls vor Schreck – normalerweise tat er solche Dinge nicht, er fand es als unzivilisiert und unhöflich so etwas zu tun. Biber Jonder stand wie erstarrt auf einem morschen Baumstamm auf den er geklettert war, knirschte und knatterte mit seinen mächtigen Zähnen für den bösen Wolf sehr bedrohlich galt. Das mächtige blaue undefinierbare Tier mit den Riesen Augen – Hermann Pfaus ausgebreitete Schwanzfedern mit eindrücklichen Mustern in Form von Augen, dazu das nervtötende Gekreische der Katze verwirrten den Isegrim ungemein. Fauchend, knurrend und spuckend um ja nicht den Eindruck von Schwäche zu hinterlassen, zog er sich zurück und verschwand im Unterholz.
Am ganzen Leib zitternd legte sich die erschöpfte Molinda auf den Boden. „Nie wieder gehe ich auch nur einen Schritt allein“, „Biber Jonder lass mich bei dir wohnen, ich halte dein Haus immer sauber.“ Hermann Pfau schüttelte sich das Entsetzen aus den Federn, er war ganz steif geworden, „ich gebe dir alle meine Federn damit du´s warm und gemütlich hast in deinem Heim wenn du mich nur bei dir wohnen lässt.“ Biber Jonder knirschte noch immer mit den Zähnen; er stand eindeutig noch unter Schock und hatte gar nicht gehört um was er gerade angefleht wurde: „ Oh bitte, bleibt alle hier, ich werde ein großes Haus für uns alle bauen.“
„Freund Jonder“, maunzte Kater George vornehm und leise, „ wir nehmen dein Angebot natürlich gerne an.“
Aus Molinda Schaf wurde eine hochangesehene Führerin und Lehrerin welche die Geheimnisse der Wiesen dem feinsinnigen Kater George beibrachte, den dafür alle Mäuse in der Gegend liebten und auch Biber Jonder profitierte vom erfahrenen Leitschaf Molinda, die ihm von ihrem dicken wollenen Fell gab, womit das Haus ausgestattet wurde und allen eine gemütliche Heimat bot. Der schüchterne Hermann Pfau unterdessen dem es immer unangenehm war angestarrt zu werden, schlug täglich mehrere Male ein beeindruckendes Rad vor allen um auch zukünftig Feinde erschrecken und in die Flucht zu schlagen.
Was jedoch keiner mehr mochte; seinen Weg alleine gehen.
 
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