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Von eitlen und schüchternen Weihnachtsbäumen

Kurzgeschichten · Winter/Weihnachten/Silvester · Für Kinder
Im Wohnzimmer von Familie B. glitzerte und leuchtete es so schön wie in den vergangenen Jahren. Von hier drang der Geist der Weihnacht in jedes Zimmer, durch jede Kammer und erfasste alle Bewohner im Haus, mochten sie zur Familie gehören oder kurzzeitige Besucher sein.

Die goldene Spitze bildete wieder einen würdigen Abschluss und passte vortrefflich zum goldenen Lametta. Neben den goldenen Kugeln wetteiferten diesmal auch rote und blaue um die Aufmerksamkeit der Betrachter. Von jedem Zweig hingen Lebkuchen, eingepackte Pralinen und kleine Spielfiguren aus Holz geschnitzt.
Stolz und ausladend streckten sich die Äste des Weihnachtsbaumes in den Raum hinein ohne eine Nadel zu verlieren.
Das einzige was diesem perfekten Baum fehlte, war der Geruch von Wald, Natur, Holz, ein Hauch von Leben.
Unter den immergrünen Zweigen stand ein kleines Tannenpflänzchen in einen Topf gesetzt, derart winzig, dass niemand erkannte, was es eigentlich war. Es besaß keine goldene Spitze, Kein Lametta hing an dem bescheidenen Nadelkleidchen, nichts. Das Pflänzchen lebte erst seit einigen Wochen im Hause und stand bisher auf dem breiten Fenstersims im Wohnzimmer. Dieser wurde abgeräumt für die Weihnachtsdekoration und auf die Schnelle landete das Pflänzchen unter den beeindruckenden Ästen des Weihnachtsbaumes. Dort war noch Platz und es störte niemanden.

Niemanden?

„Also so etwas ist mir all die Jahre nicht untergekommen“, echauffierte sich der prächtig geschmückte Baum, „willst du etwa meinen Platz einnehmen?“
Entschuldige bitte, man hat mich von der Fensterbank hierher gestellt“, lispelte das Pflänzchen, zitterte verlegen mit seinen Ästchen und ließ vor lauter Nervosität ein paar Nadeln auf die Decke fallen. „Das wird ja immer schöner, jetzt verschmutzt du auch noch unseren Platz“, schimpfte der Baum. . „Daran erkennst du hoffentlich wofür du dich nie eignen wirst, nämlich als perfekten Weihnachtsbaum.“ „Daran habe ich auch nie gedacht“, verteidigte sich das Pflänzchen unsicher, „ ich weiß noch nicht einmal wofür mich die Familie gekauft hat.“
Ich hoffe du erwartest von mir darauf keine Antwort“, schnaubte der schöne Weihnachtsbaum spitz und verächtlich.

Am 6. Januar, wie jedes Jahr, wurde der herrliche Baum abgeschmückt und durfte über`s Jahr in einem breiten, bequemen Karton im Keller ruhen und Kraft schöpfen bis zur wiederkehrenden Weihnachtszeit in der er wieder den Geist der Weihnacht im Hause der Familie repräsentieren konnte.
Auch das kleine Pflänzchen wurde wieder auf die Fensterbank gestellt, nachdem die Weihnachtsdekoration von dort weggepackt und verstaut war.

Das Jahr verging. Während der Weihnachtsbaum gut verpackt im Keller schlief, wuchs das Tännchen auf dem Fenstersims. Es erhielt Wasser, Dünger und die Sonne schickte ihr Licht zum Fenster hinein Es sah dem Leben im Garten vor dem Haus zu, sah wie der Winter ging, der Frühling kam und Tulpen, Narzissen, Krokusse die Wiese vor dem Fenster in einen bunten Teppich verwandelten der mindestens genauso interessant aussah wie der Teppich auf dem Boden des Wohnzimmers. Den anschließenden Sommer und Beginn des Herbstes verbrachte es auf der Veranda und ahnte wie es den richtigen Bäumen ging, die der Sonne, dem Wind, den Stürmen und dem Regen ausgesetzt waren. Dann kehrte der Winter wieder und erneut fand sich das Tännchen auf dem Fenstersims und wie im vergangenen Jahr geschah es, dass es weichen musste für die Weihnachtsdekoration und auch diesmal musste es sich mit dem stolzen Weihnachtsbaum gut stellen der diesmal vor ihm stand, denn es war mittlerweile zu groß um unter ihm zu stehen.
„Muss ich dich wieder ertragen“, jammerte der Weihnachtsbaum der in diesem Jahr noch prächtiger wirkte, noch heller leuchtete, denn Vater Rudolf hatte eine zusätzliche Lichterkette um ihn gelegt. Die Familie saß vor dem strahlenden Baum, las die Weihnachtsgeschichte, sang die alten Lieder und teilte unter einander Geschenke aus. Währenddessen bemerkte die kleine Nicole: „Mama, hier riecht es.“
„Fast wie im Wald“, pflichtete Mutter bei. "Das kommt von der kleinen Tanne hinter dem Weihnachtsbaum“, erklärte Vater, „sie entwickelt schon einen eigenen kräftigen Duft.

„Letztes Jahr hast du Dreck mit deinen Nadeln gemacht und dieses Jahr stinkst du zu allem Übel auch noch“, zischte der Weihnachtsbaum und seufzte gleich darauf, "was sollen jetzt bloß die Gäste denken?“ Erschrocken und beschämt von den harschen Worten verlor die kleine Tanne wieder ein paar ihrer Nadeln und überhörte völlig Großvaters Kommentar.
„Ja, es riecht herrlich“, lachten er und Oma, „nach echtem Baum, wie in den alten Zeiten.“ Nicht überhört wurde das von dem Weihnachtsbaum dessen künstliche Kerzen beinahe ihren Dienst versagten, so finster ergrimmte er über dieses völlig unverdiente Lob für dieses ärmliche Tännchen hinter ihm.

Und wieder wurde er in seinen Karton verpackt und das Tännchen auf den Fenstersims zurück gestellt. Das neue Jahr nahm seinen Lauf. Im späten März wunderte sich die kleine Tanne was der Vater der Familie mit ihr unternahm. Sie wurde aus ihrem Topf genommen in dem sie sich immer sicher und wohl gefühlt hatte und nach draußen in den Garten vor das große Panoramafenster gebracht. Dort wartete ein tiefes Loch auf sie in das ihre Wurzeln eingegraben wurden, dann wurde alles mit Erde aufgefüllt und die Familie die dazu gekommen war, lachte untereinander und verschwand zurück ins Haus. So stand die kleine Tanne nun allein im Garten und wusste nicht so recht warum sie von ihrem stillen,hellen Platz auf dem Fenstersims weggenommen wurde. „Sicher hat es etwas mit meinen Nadeln und dem unangenehmen Geruch zu tun; ach, der Weihnachtsbaum hatte völlig recht. Ich habe die Familie verärgert.“

Die Frühlingsstürme zogen über Stadt und Land und machten auch vor der kleinen Tanne nicht halt. Sie wurde durchgeschüttelt, bog sich bald links, bald rechts, nach vorne und hinten, doch die Wurzeln, der Stamm und die feste Erde hielten sie fest.
Sommer und Herbst, Hitze und Regen, Kälte und Schnee folgten. Als der Schnee fiel dachte die Tanne, sie würde wieder ins Zimmer zurückkehren. Der Gedanke war ihr teils angenehm, teils fürchtete sie sich, erneut bei dem Weihnachtsbaum stehen und sich von ihm ausschimpfen lassen zu müssen. Doch sie blieb an ihrem Platz im Garten stehen. Hatte die Familie sie etwa vergessen? „Es muss einfach mit mir zu tun haben – sie wollen mich nicht mehr in der Wohnung sehen, ach herrje!“
So gingen die Jahre dahin. Neidvoll blickte sie immer um die Weihnachtszeit zum großen Panoramafenster hinüber und sah den strahlenden Weihnachtsbaum das innere des Hauses erleuchten, sah, wie die Familie davor saß und ihn bewunderte.
Aus dem kleinen Tannenpflänzchen wurde allmählich ein stattlicher Baum. Eines Tages kamen Amseln und entschieden sich im oberen Teil ein Nest zu bauen und ihre Jungen groß zu ziehen. Immer wieder schlich die dicke braun-weiße Katze vom Nachbarn um den Baumstamm herum und versuchte schließlich mit einem Satz an das Nest zu gelangen. Doch der Sprung war zu kurz und sie landete mit ihren Pfoten und der empfindlichen Nase in den unteren Ästen wo die Nadeln zwischenzeitlich kräftig und stark waren und nicht mehr so leicht abfielen wie in den frühen Jahren. Mit lautem Fauchen, Geschrei und blutenden Pfoten stürmte sie aus dem Garten und kam nie wieder zurück.
Der Tanne tat das unendlich leid. Niemand sollte sich bei ihr verletzen. Sie verstand aber auch nicht warum die Katze zum Nest der Amseln hochspringen wollte.
„Sicher bin ich schuld am Unglück dieser Katze“, seufzte sie.

Eines Tages, es war wieder Winter geworden und die Weihnachtszeit stand kurz bevor, kam die Familie zur Tanne in den Garten. Alle liefen und sprangen um sie herum, befestigten Lichter und glänzenden Schmuck an ihren Ästen und Zweigen, hängten goldene, rote und blaue Kugeln daran, holten eine Leiter und setzten eine goldene Spitze oben drauf. Plötzlich strahlte sie und ihr Licht schien nicht nur im ganzen Garten, sondern auch an die Hausfassade und in das große Panoramafenster hinein.
Große Furcht überkam die Tanne. Das war doch der Schmuck des Weihnachtsbaumes. Was würde er denken? Womöglich würde man ihn zu ihr stellen und dann würde er bestimmt noch viel mehr schimpfen als er es eh schon immer tat. Ach herrje!
Misstrauisch äugte sie zum Fenster hinüber.
Drinnen leuchtete nichts. Der Weihnachtsbaum schien gar nicht da zu sein. Was war geschehen? Sie sah wohl, dass die Familie dort vereint wieder beisammen saß, aber – sie schauten alle hinaus zum Fenster und sie zeigten alle auf sie. „Oh nein“, dachte sie, „sie zeigen auf mich weil sie alle verärgert sind über meine Nadeln und meinen Geruch.
So hat der Weihnachtsbaum es mir jedenfalls gesagt und er weiß es bestimmt besser. Ja,so muss es sein.
Ach herrje!
Ende
 
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Kommentare  

Das ist ja wirklich eine ganz bezaubernde kleine Weihnachtsgeschichte und sogar ganz modern. Trotzdem kam das gleiche anheimelnde weihnachtliche Gefühl in mir auf wie bei den uralten Weihnachtsmärchen, die man so kennt. Gerne gelesen.

Harald Schmiede (20.12.2018)

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