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10 Seiten

Mortal Sin Herbst 2006- Shattered Tears

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.
- Friedrich Nietzsche


Die Stille war erdrückend und unerträglich. Sie machte ihn fast wahnsinnig, darum begann er mit den Fingern auf dem Lenkrad herumzuklopfen. James Matthew Roddick musste sich beschäftigen; er musste sich ablenken von der düsteren Atmosphäre, die im Wagen herrschte und ihn zu verschlingen drohte.
Er wollte dem vernichtenden Strudel aus Schwermut und Trostlosigkeit unbedingt entgehen, also konzentrierte er sich auf den Verlauf der Straße und ließ sich von den Lichtern der Laternen in einen grellen Sog ziehen. Wie hypnotisiert starrte er durch die Windschutzscheibe und trat unwillkürlich aufs Gaspedal. Innerhalb von Sekunden beschleunigte der Wagen und über-trat deutlich die erlaubte Geschwindigkeit. Die Mundwinkel des Dunkelhaarigen hoben sich leicht und er spürte, wie seine miese Stimmung endlich verdrängt wurde und es langsam bergauf ging. Ja, er liebte das Adrenalin und den Rausch der Geschwindigkeit. Das war es was ihn neben dem Töten lebendig machte und seinen Körper unter Strom setzte.
Er wollte viel mehr von diesem atemberaubenden Gefühl, das ihn in andere Sphären hob und sich besser fühlen ließ. Doch er wurde schneller ausgebremst, als ihm lieb war.
„Wenn du so weiterfährst, dann übernehme ich das Steuer“, kam es unerwartet harsch von der Beifahrerseite.
„Was hast du an meinem Fahrstil auszusetzen, hm?“, wollte James gereizt von seiner Mitfahrerin wissen. „Warum beschwerst du dich überhaupt? Du hast mir schließlich die Erlaubnis gegeben deinen Wagen zu fahren.“
„Erstens habe ich das wegen deines Alters nur sehr ungern getan und zweitens habe ich unter der Bedingung zugestimmt, dass du vernünftig und sicher fährst“, erinnerte sie ihn. „Also tu das auch!“ Trotz ihres energischen Befehls reagierte er nicht.
Stattdessen beobachtete er seine Kollegin Emilia McDermott flüchtig aus den Augenwinkeln. Sie trug noch immer sein Jackett, das so groß war, dass sie ihren schmalen Oberkörper völlig darin einwickeln und sich damit wärmen konnte.
James konnte nicht abschätzen, ob es ihr mittlerweile besser ging oder ging. Sie sah erschöpft und müde aus. Ihr Gesicht war leichenblass und verschmiert von ihrem verlaufenen Make up, was für ihn das Symbol des Chaos in ihrem Inneren war. Passend dazu war ihr blondes Haar zerzaust und wirkte strohig.
„Hörst du mir nicht zu? Ich habe gesagt, dass du das lassen sollst!“, flippte sie plötzlich aus und glotzte ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Sie sah aus wie eine Wahnsinnige.
„Hey, reg dich ab, ja?“, schnauzte er ungehalten zurück. Dennoch drosselte er nach und nach das Tempo, bis er die erlaubte Geschwindigkeit erreichte.
„Du bist ziemlich undankbar und unverschämt, dafür, dass ich dir vorhin Trost gespendet habe und dich nun nach Hause fahre, weil du in deinem aufgelösten Zustand nicht dazu in der Lage warst. Am Besten hätte ich dir dieses Angebot gar nicht erst gemacht.“ Seine vorwurfsvollen und harten Worte schienen bei ihr etwas zu bewirken, denn nach einem weiteren flüchtigen Blick auf sie erkannte er eine Veränderung.
Ihre Miene war erheblich weicher geworden und zeigte einen Ausdruck von Scham. Er hatte ihren wunden Punkt getroffen: ihr schlechtes Gewissen.
„Es tut mir leid, Roddick. Ich habe die Nerven verloren.“
„Das ist heute ja nicht das erste Mal“, konnte er sich diesen gemeinen Seitenhieb gegen sie nicht verkneifen. Schließlich trug sie die Schuld an dem emotionalen Durcheinander, das sich durch den ganzen Abend gezogen hatte.
Rein beruflich gesehen war zwar alles nach Plan verlaufen und der Auftrag ein voller Erfolg gewesen, aber auf der Gefühlsebene, die dabei eine viel zu große Rolle gespielt hatte, war es zu einer heillosen Katastrophe gekommen und das leider nicht nur bei seiner Kollegin. Auch in ihm hatte sich etwas geregt das ihn, wenn er ehrlich war, nicht so leicht wieder losließ.
Dabei hatte er geglaubt, dass soetwas nach seinem Zusammenbruch während seines ersten Auftrags nicht wieder vorkommen oder sich wiederholen würde; dass er sich unter Kontrolle hatte. Nun war er eines Besseren belehrt worden. Es hatte sich gezeigt, dass er nicht so abgebrüht und kaltschnäuzig war, wie er gedacht und sich insgeheim erhofft hatte. Hatte er sich also die ganze Zeit über nur etwas vorgemacht und sich selbst belogen?
„Mir ist bewusst, dass ich nicht so hätte reagieren dürfen“, drang sie brutal in seinen Gedankengang ein, worüber er allerdings froh war.
„Solch eine Entgleisung ist in unserem Job unangebracht.“ Emilia sagte dies in einem scharfen und sarkastischen Ton der unterschwellig verriet, dass es in der Vergangenheit bereits ähnliche Situationen gegeben und sie diese Worte sicherlich von William eingetrichtert bekommen hatte, doch sie vertrat eine völlig andere Meinung mit der sie nicht hinterm Berg hielt. James empfand ihr Verhalten und ihre Ansicht als äußerst gefährlich für ihn und die restlichen Killer. Denn das Metier in dem sie tätig waren, verzieh keine Schwäche und emotionalen Ausbrüche. Man konnte keine instabilen Menschen wie Emilia in diesen Reihen gebrauchen, deren Agieren und Reagieren schwer einzuschätzen war.
„Das sehe ich auch so“, stimmte er ihr kurz angebunden und ernst zu, damit ihr deutlich wurde, dass ihr heutiges Verhalten sie hätte in die Scheiße reiten können.
Warum ließ sein Adoptivvater sie trotz ihrer offensichtlichen Abneigung gegen das Töten für sich arbeiten? Sah er das Risiko nicht, das von ihr ausging oder war es ihm völlig gleichgültig? Wollte er…
Bevor er weiter in einen Gedankenstrudel voller Unverständnis abdriften konnte, stoppte sich James plötzlich. Wer war er, dass er Williams Entscheidungen in Frage stellte?
Er war erfahren darin die richtigen Menschen für sein Geschäft auszuwählen, darum sollte er seinem Urteil lieber vertrauen anstatt es anzuzweifeln. William hatte vor Jahren bestimmt ein paar ausschlaggebende Gründe gehabt die Blondine in seine Welt aufzunehmen und sie aus-zubilden. Deshalb nahm er sich und seine Vorurteile gegenüber seiner Kollegin zurück und beschloss sich zukünftig aufgeschlossener und neutraler zu zeigen und auch so mit ihr umzugehen.
Möglicherweise war er sogar in der Lage mit der Zeit Verständnis für Emilia aufzubringen und ihr ambivalentes Verhalten in Bezug auf ihren Job nachzuvollziehen. Dies würde ihm helfen mit Situationen wie der heutigen besser klar zu kommen ohne selbst in Rage zu geraten und dadurch den Fokus auf den Auftrag zu verlieren. Allerdings verspürte der Dunkelhaarige bei diesem Gedanken auch einen Funken Angst. Angst davor von Emilia und ihren Zweifeln an ihrem Tun zu stark beeinflusst zu werden. Denn bereits heute hatte sich gezeigt, dass sie und ihre kritischen Ansichten Einfluss auf ihn hatten und durcheinanderbrachten.
Ihr Einfluss auf seine Gedanken- und Gefühlswelt überraschte ihn und stand im Kontrast zu seiner jahrelangen Ausbildung unter William. James Roddick fühlte sich zerrissen und in einem Zwiespalt gefangen, was ihm erst jetzt klar wurde. Seine Kollegin hatte ihm diesen An-stoß unbewusst gegeben und ihn in die Zeit vor seinem Aufwachsen bei seinem Adoptivvater zurückversetzt.
Er sah sich selbst als Kind, was äußerst mühsam war und ihm schwer fiel. Seine Tätigkeit als Killer hatte einfach alles überschattet und nichts als einen dichten, undurchdringlichen Nebel übriggelassen. Es schien als habe er davor kein Leben gehabt und existiert. Schlagartig gesellte sich zu der Angst ein Anflug von Panik der ihm die Luft abschnürte. Hatte er etwa eine Panikattacke?
„Also, was ist mit William?“, verhinderte der Klang ihrer angespannten Stimme bei ihm einen völligen Kontrollverlust und zwang ihn dazu sich wieder auf das Gespräch mit ihr zu konzentrieren.
„Was soll mit ihm sein?“, fragte er verwirrt und offenbarte, dass er ihr nicht zugehört und völlig den Faden verloren hatte.
„Ich wollte von dir wissen was ich ihm über den heutigen Abend sagen soll.“ Emilia war hör-bar nervös und unsicher.
Vermutlich wollte sie mit ihrer Frage herausfinden, ob er der Meinung war William von ihrem emotionalen Zusammenbruch nach der Erledigung ihres Auftrags zu erzählen. Sie wollte prüfen wie hoch seine Verpflichtung und Aufrichtigkeit ihm gegenüber war. James musste über diesen lächerlichen Aushorchversuch schmunzeln.
„Keine Sorge, McDermott. Du musst nichts sagen. Ich werde ihm Bericht erstatten.“
„Danke für das Angebot, aber er wird bestimmt etwas von mir hören wollen. Immerhin hat er die Verantwortung für den Auftrag mir übertragen“, schmetterte sie seinen Vorschlag umgehend ab da sie wahrscheinlich befürchtete, dass James sie bei seiner Berichterstattung eiskalt verraten würde.
„Warum fragst du mich dann was du ihm sagen sollst, hm?“ Dem jungen Killer verging das Schmunzeln und er verspürte eine ansteigende Reizbarkeit. Die Blondine sollte ihre Absichten und Beweggründe nicht verschleiern und versuchen mit billigen Tricks zu vertuschen, sondern sie sollte offen und ehrlich mit ihm reden.
„Ich wollte nur…Ich muss mich nicht…Ich kann…“, setzte sie mehrmals zu einer Antwort an, doch letztlich erstarb jeder Satz jämmerlich auf ihren Lippen.
„Gib einfach zu, dass du bloß verhindern willst, dass William durch mich von deinem Heul-krampf erfährt“, blaffte er sie an. „Aber weißt du was? Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, McDermott. Ich werde meine Klappe halten, schließlich war der Auftrag trotzdem erfolgreich. Ich sehe also keinen Grund ihn mit dieser Information zu belästigen.“
Nach diesem Versprechen machte sich in ihrer gesamten Gestalt Erleichterung breit: ihre Körperspannung sank, ihre Miene wurde entspannter und sie atmete hörbar auf. Allerdings geschah all das unwillkürlich und war von ihr ungewollt was er an dem sekundenschnellen Kippen ihrer Stimmung merkte. Emilia wirkte auf einmal beschämt und ertappt und sah aus, als wolle sie sich sofort unter seinem Jackett verschwinden. James hatte ihre Absichten offen-gelegt. Er hatte sie entlarvt und damit konnte sie nicht umgehen.
Ihr ganzes Verhalten war in seinen Augen unprofessionell und kindisch, dabei war sie ganze zehn Jahre älter als er und übte die Tätigkeit eines Auftragskillers bereits über einen längeren Zeitraum aus. Erneut fragte er sich was mit ihr los war und verdammt noch mal nicht mit ihr stimmte. Aber dieses Mal beschloss er seine Gedanken zu äußern und sie damit zu konfrontieren.
„Kannst du mir mal verraten was eigentlich in dir vorgeht, McDermott? Warum willst du un-bedingt verhindern, dass William von deinem emotionalen Zusammenbruch erfährt. Dir könnte es doch scheißegal sein was er darüber denkt, immerhin hältst du ja nicht viel von ihm oder dem was er oder besser gesagt wir tun“, sagte er bitter, da seine Sicht auf seinen Adoptivvater und ihr Metier eine völlig andere war. Zunächst verharrte sie in Schweigen, bis er in ihre Straße einbog.
„Lass uns drinnen weiterreden“, schlug seine Kollegin ihm zu seiner Verwunderung vor. Dass sie ihn in sein Haus; in ihre Privatsphäre einlud, hätte er niemals erwartet. Besonders nicht nach den Reibereien, die sie heute Abend gehabt hatten.
„Klar“, gab James gelassen zurück und ließ nicht durchblicken wie sehr ihre Worte ihn rätseln ließen und argwöhnisch machten. Daraufhin nickte sie bloß und sah aus dem Fenster, während er bis zum Ende der Straße fuhr und vor einem kleinen Haus hielt, welches in seinem ganzen Aussehen und Wirken perfekt zu Emilia McDermott passte. Diese verließ, kaum hatte er den Motor ausgestellt, wortlos das Auto und steuerte die Veranda an, die rund um das Haus verlief.
Der junge Killer beeilte sich zu ihr aufzuschließen und ihr ins Innere zu folgen. Dort wurde er gleich von einer wohligen und einnehmenden Wärme begrüßt, die ihn erfüllte. Es war merk-würdig, aber er fühlte sich geborgen und sicher als gäbe es keinerlei Böses auf dieser Welt. Er wurde schlagartig in die sorglose Zeit seiner Kindheit zurückversetzt, in der seine Eltern noch gelebt hatten. Unkontrolliert kam ein Schwall an Emotionen in ihm hoch, der ihn zu ersticken drohte. Wie vorhin in Emilias Auto schnürte sich seine Kehle zu und er konnte nicht atmen. James drängte sich allmählich der Verdacht auf, dass es die Blondine war die seine Atemnot verursachte. Sie brachte ihn zurück in seine Vergangenheit und zwang ihn dazu über sich selbst nachzudenken. Er hasste diesen Zustand der Verwirrung. Er hasste es, dass sie ihn krank und orientierungslos machte.
„Ist alles okay, Roddick?“, fragte sie ihn ausgerechnet in einem der seltenen Momente der Schwäche. Er wollte und konnte ihr nicht antworten und so flüchtete er den kurzen Flur entlang in den nächstgelegenen Raum, der sich als Wohnzimmer entpuppte.
„Roddick?“ James wirbelte herum und entdeckte Emilia, die ihm kurzerhand gefolgt war und mit aufrichtiger Sorge betrachtete.
„Was ist los?“ Sie war im Begriff sich ihm zu nähern, doch er stoppte sie mit einer energischen Handbewegung.
„Lass mich in Ruhe, McDermott. Lass mich Atmen“, bat er sie mit einem Anflug von Verzweiflung, denn er wusste sich nicht anders zu helfen.
Zuerst schien es als wolle sie widersprechen und nicht auf ihn hören, aber dann überlegte sie es sich anders und nickte dagegen verständnisvoll.
„Ich werde solange nach oben gehen und mich frisch machen“, meinte sie zaghaft lächelnd, bevor sie ihm den Rücken zuwandte und tatsächlich den Raum verließ. Kaum war der Dunkelhaarige alleine, löste sich die Blockade in seinem Hals und er konnte endlich wieder richtig Luft holen. Erschöpft ließ er sich auf die zartblaue Couch hinter sich fallen, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Mein Gott, was für ein Abend!
Er hätte nie gedacht, dass es so anstrengend und nervenaufreibend werden würde. Dabei hatte ihn nicht das Töten ermüdet, sondern die Auseinandersetzung mit seiner Kollegin und sich selbst. Mittlerweile bereute er es die Blondine ausgefragt und konfrontiert zu haben. Wieso hatte er auch nicht seine Klappe halten können? James stöhnte gequält auf und wünschte sich in diesem Moment ganz weit weg.
Minutenlang verweilte er in einem tagträumerischen Zustand und ließ seine Gedanken schweifen, bis er Schritte vernahm die sich ihm vorsichtig näherten. Nur ungern und mit viel Widerstand hob er seine Lider, neigte den Kopf und hätte am liebsten ein weiteres Mal die Flucht ergriffen. Denn vor ihm stand Emilia McDermott, die sich in der Zwischenzeit das verlaufene Make up entfernt und sich umgezogen hatte. Im Vergleich zu dem femininen und eleganten Kleid das sie getragen hatte, war ihr jetziges Outfit grob und unspektakulär. Sie hatte sich einen schwarzen überlangen Kapuzenpullover übergezogen, der ihr fast bis zu den Knien reichte und Gemütlichkeit ausstrahlte. Dazu war sie barfuss und hatte ihre blonden Haare zu einem lockeren Dutt zusammengebunden.
Für James war es erstaunlich und unbegreiflich, dass sie sich ihm so privat zeigte. Sie kannten sich kaum, geschweige denn das sie Freunde oder dergleichen waren. Dementsprechend irritiert begegnete er ihrem fast schon sorgenvollen Blick.
„Ist es in Ordnung wenn ich mich zu dir setze?“, fragte sie einfühlsam mit zartrosanen Wangen. Was sollte das denn jetzt werden? Wollte sie ihn etwa in die Rolle des Labilen drängen, der Unterstützung und Hilfe benötigte? Mit aufflammender Wut im Bauch und spöttisch hochgezogener Augenbraue starrte er sie an, als würde sie alleine dadurch seinen Unmut be-merken. Aber Fehlanzeige. Seine Kollegin hörte nicht auf ihn drängend mit ihren blauen Au-gen zu durchbohren, bis er einknickte.
„Setz dich“, brummte er mürrisch und rückte ein Stück, um ihr Platz zu machen. Sogleich hockte sie sich neben ihn auf die Couch. Dabei versuchte sie sich so klein wie möglich zu machen, damit sie ihm nicht zu nahe kam. Anscheinend hatte sie doch noch einen gewissen Grad an Anstand und wahrte seine Privatsphäre.
„Geht es dir gut?“, begann sie ein Gespräch mit der Frage, die er am meisten verabscheute. Ihm gefiel die Richtung die sie einschlug ganz und gar nicht, darum beschloss er dem entgegenzuwirken.
„Reden wir nicht über mich, McDermott. Ich warte noch auf die Beantwortung meiner Fra-gen, die ich dir im Auto gestellt habe“, erinnerte er sie zynisch, woraufhin sie in ein kurzweiliges Schweigen verfiel. Sie wirkte nachdenklich als die ersten Worte über ihre Lippen kamen.
„Ehrlich gesagt weiß ich nicht was mit mir los ist. Das weiß ich schon seit einer geraumen Zeit nicht mehr, Roddick“, war ihre tiefgreifende Antwort. „Genauso wenig weiß ich wer ich bin und was ich in Williams Metier zu suchen habe.“ Ihre Stimme klang schwer und betrübt.
„Warum hast du dann angefangen für ihn zu arbeiten?“, war James´ Interesse an ihrer Geschichte geweckt.
„Im ersten Moment hörte sich sein Angebot gut an. Er hat mir Dinge versprochen, die mich gereizt und nach denen ich mich gesehnt habe.“ Auf einmal tauchte in ihrem Gesicht ein merkwürdiges und verstörendes Lächeln auf, was ihm einen Schauer über den Rücken jagte. „Ich weiß nicht was ich zu finden glaubte.“
„Vielleicht etwas, was sich in den Tiefen deines Seins befindet und du noch nicht gefunden hast“, versuchte er ihr Dilemma zu ergründen und erstaunte damit Emilia, die beeindruckt und überrascht war.
„Du bist sehr tiefgründig und reflektiert für dein Alter“, lobte sie ihn aufrichtig und machte große Augen.
„Ich musste früh erwachsen werden, McDermott.“ Zu seinem Ärger konnte er es nicht verhindern, dass er sich wehleidig und traurig anhörte. Er hoffte, dass sie seinen schwermütigen Unterton nicht registriert hatte, aber da hoffte er vergebens.
„Du hast ein schweres Schicksal, Roddick“, brachte sie tonlos hervor. „Du hattest nie wirklich eine Chance den Fängen des Todes zu entkommen und ein normales Leben zu führen.“ Nach dieser Aussage nickte er unwillentlich und starrte ins Leere.
„Mein Leben war vorbei als meine Eltern gestorben sind“, wisperte er gedankenverloren. „Ich war noch ein Kind und wusste nicht was aus mir werden würde. Und dann kam William.“ In diesem Moment konnte er sich nicht entscheiden, ob er eher traurig oder glücklich sein sollte.
James Roddick fühlte sich in zwei Welten gefangen. In der einen überwogen der starke Einfluss und die Erziehungsmaßnahmen seines Adoptivvaters, die ihn in den vergangenen Jahren geprägt hatten; die ihn festhielten und denen er sich verpflichtet fühlte.
Aber da gab es noch eine andere Welt. Eine Welt, in der Emilias Ansichten zu ihrem Metier Gehör fanden und er William dafür hasste, dass er ihm ein normales Leben verwehrt hatte. Er war hin und hergerissen und so brach ein Kampf in ihm aus, der ihn an den Rand seiner Kräfte brachte und an seinem Verstand zweifeln ließ.
Angestrengt beugte er seinen Oberkörper nach vorne und verbarg mit den Händen sein Gesicht, damit die Blondine nicht die Möglichkeit hatte ein Anzeichen von Schwäche zu erkennen.
„William hat dir ein Zuhause und eine Familie gegeben. Er ist dein Vorbild. Du siehst zu ihm auf“, fasste sie es gut zusammen und schien zu verstehen, was sein Adoptivvater für ihn getan hatte.
„Ich verdanke ihm viel“, murmelte er ehrfürchtig. „Er hat mir eine Richtung und einen Sinn im Leben gegeben.“ Ihm war durchaus bewusst, wie grotesk diese Worte nach seinen Bedenken klangen, doch er war auch stolz auf sein Tun und die Arbeit, auf die William ihn lange und akribisch vorbereitet hatte. James empfand das Vertrauen seines Adoptivvaters in seine Fähigkeiten als Privileg und Ehre, daher war für ihn nichts Falsches an seiner Einstellung.
„Ich kann nachvollziehen warum du ihn und sein brutales Geschäft verteidigst“, äußerte sie. „Du bist schließlich damit aufgewachsen, aber ich kannte soetwas nicht. Nicht einmal an-satzweise bin ich zuvor mit den Themen Gewalt, Tod oder Mord in Berührung gekommen. Für mich hat sich eine neue Welt mit dunklen Schatten und bizarren Facetten eröffnet, die ich kennenlernen musste aber bis heute nicht verstehe.“ Ihre Stimme war brüchig und drohte je-den Moment völlig zu verebben.
„Ich bin nun mal eine ganz andere Persönlichkeit, als die übrigen Killer in Williams Riege. Ich bin ganz anders, als du.“ Nach diesem Satz ließ er abrupt seine Hände sinken und schaute sie direkt an.
„Ich habe keinen Platz in dieser Welt“, sagte sie mit steinerner Miene. „Ich gehöre nicht hier-her.“
„Doch, das tust du“, widersprach er seiner Kollegin vehement. „Du bist eine starke, intelligente und talentierte junge Frau, McDermott. Ansonsten hätte dich William nicht ausgewählt und eingestellt. Er hätte seine kostbare Zeit nicht mit deiner Ausbildung zur Killerin verschwendet. Er hat das in dir gesehen, was du bis heute nicht erkennst.“ James sprach ihr Mut zu, was er nicht aus uneigennützigen Gründen tat. Er wollte ihre gefährlichen Zweifel und Ansichten zu ihrem Job aus dem Weg räumen und somit weitere Katastrophen bei zukünftigen Aufträgen verhindern. Solch einen Ärger wollte er nie wieder erleben und anderen Kollegen und seinem Adoptivvater ersparen.
„Du solltest deine Entscheidung von damals akzeptieren und dein Dasein als Killerin annehmen, denn das ist dein Leben. Das ist dein Schicksal“, redete er impulsiv und energisch auf sie ein, was sie zuerst überforderte. Doch dann wandelte sich dieser Eindruck und sie strahlte pure Erleichterung aus. Seine Worte schienen den Druck und die Unsicherheit von ihr zu nehmen, als seien sie die Lösung für all ihre Probleme.
„Ich glaube du hast recht, Roddick“, entgegnete sie passend zu seiner Vermutung. „Ich sollte mich nicht weiter quälen und alles in Frage stellen.“ Lethargisch erwiderte sie seinen Blick. Dadurch wirkte es so, als schaue sie durch ihn hindurch.
„Ist alles okay mit dir?“, fragte er misstrauisch nach und bekam ein glückliches Lächeln zur Antwort.
„Ja. Jetzt geht es mir gut.“ Trotz dieser Aussage traute er der ganzen Sache nicht. Zu schnell hatte sie ihre Meinung und Stimmung verändert. Wenn er es nicht besser wüsste, dann hätte er darauf gewettet, dass die Blondine sich irgendwas eingeworfen hat. James entschied sich allerdings dafür nicht weiter nachzubohren aus Angst, dass sie erneut in eine depressive Phase rutschte und alles wieder von vorne anfing.
„Danke, Roddick.“
„Nenn mich James“, bot er ihr an, denn sie hatten heute bereits oft genug die persönlichen Grenzen des anderen überschritten, da konnten sie sich auch gleich beim Vornamen nennen.
„James“, sprach sie seinen Namen in einem Ton aus, als höre sie diesen zum ersten Mal und sei völlig fasziniert von ihm.
„Ich bin Emilia.“ Nachdem sie sich beide vorgestellt hatten, kehrte eine unangenehme Stille zwischen ihnen ein. Sie hingen beide ihren Gedanken nach und sahen sich hin und wieder verstohlen an. Die Atmosphäre war merkwürdig und unangenehm und James fragte sich, was für eine Art Beziehung seine Kollegin und er wohl von nun an führen würden. Würden sie sich auf demselben Level bewegen und miteinander kommunizieren oder würde es immer wieder Situationen wie heute geben, in denen sie in Streit gerieten und das Unverständnis dem anderen gegenüber Überhand nahm und alles überschattete?
Mit einem mulmigen und unguten Gefühl in der Magengegend blickte James Matthew Roddick in die hellblauen Augen Emilia McDermotts und damit in eine unsichere und fragwürdige Zukunft, die ihm Sorge bereitete.
 
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