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9 Seiten

Mortal Sin 2001- Cutthroat

Romane/Serien · Spannendes
© JoHo24
Alle Laster können süchtig machen und am Ende der Sucht wartet die Verdammnis.
- W.H. Auden


Es war 19:30 Uhr. Bereits seit zweieinhalb Stunden saß er angespannt und nach vorne gebeugt auf der Couch.
Er ließ seinen Kopf mehrere Male kreisen, doch dies half nicht viel. Sein Nacken war steif und verursachte unterschwellig dumpfe Schmerzen, die sich bald an die Oberfläche kämpfen und ihn gnadenlos quälen würden. Dazu kam das dämmrige Licht, das ihm die Sicht erschwerte, sodass er die Augen zusammenkneifen und sich anstrengen musste damit er weiterhin schnell und fehlerlos arbeiten konnte. Dass er schon längst die Deckenleuchte hätte an-schalten können, kam ihm gar nicht erst in den Sinn, denn er liebte die Dunkelheit. Er liebte die Schatten und fühlte sich wohl im Verborgenen. Also fuhr er unbeirrt fort.
In seinem rechten Mundwinkel hing eine brennende Zigarette, an der er während seiner Tätigkeit regelmäßig zog und die den Raum mit ihrem köstlichen Tabakgeruch erfüllte. Emsig und ununterbrochen bewegten sich seine Hände über den niedrigen Wohnzimmertisch der bereits voll war mit Geldbündeln, die er in der letzten Stunde zusammengepackt hatte, und sammelten weitere Dollarscheine ein.
Gierig und fast schon apathisch starrte er auf seine Ausbeute; auf die Früchte seiner harten Arbeit, die er in den vergangenen drei Wochen geleistet hatte. Ja, es war eine verdammt stressige und anstrengende Zeit gewesen, die alles Bisherige in den Schatten stellte. Aber die un-fassbare Summe, die er eingenommen hatte, entschädigte ihn für jegliche Entbehrungen.
Seine erzielten Erfolge schlossen nahtlos an die Vorherigen an und sicherten ihm seine glanzvolle Zukunft, für die er schon Einiges investiert hatte. Mit viel Fleiß, Entschlossenheit und Ehrgeiz hatte sich Michael „Mickey“ Suffert nämlich ein lukratives und erfolgreiches Geschäft aufgebaut.
In den letzten drei Jahren war er vom Gehilfen seines Bruders Sean zum Drogendealer Nummer eins aufgestiegen, der den besten Stoff in Boston verkaufte. Die Kunden strömten in Mengen zu ihm wie zu einem Erlöser; einem Propheten, den sie anbeteten und durch den sie sich eine bessere Welt erhofften. Und diesen Umstand nutzte der Rothaarige schamlos für seine Zwecke.
Er hatte mittlerweile ein sattes Vermögen angehäuft und genoss die Macht und das Ansehen, das ihm entgegen gebracht wurde. Der 17-Jährige fühlte sich endlich angenommen, besonders und wichtig, was ihm in seiner Familie stets gefehlt hatte. Zuhause war er nur einer von vielen gewesen; unbeachtet, unterschätzt und zur Seite geschoben als sei er ein Niemand. Jetzt befand er sich in der Rolle des Machers. Er war derjenige der das Sagen hatte und über sein Leben bestimmte. Ein schiefes und triumphales Grinsen erschien auf seinen schmalen Lippen, das allen Leuten, die jemals an ihm gezweifelt oder ihn unterschätzt hatten, zeigen sollte, dass er etwas aus sich gemacht hatte.
Wenn seine Eltern nur sehen könnten zu welch Reichtum und Einfluss ihr Sohn gekommen war! Verdammt, er war kein Versager oder Nichtsnutz! Er war nicht so wie sie! Denn Mickey hatte sich aus der Armut und ganzen Scheiße mühsam herausgekämpft und die Stufen nach ganz oben erklommen. Und nun thronte er auf dem Gipfel und sah mit Missbilligung und Ab-scheu auf die anderen herab, die unter ihm krochen wie minderwertige und widerliche Insekten die er mit Leichtigkeit zerquetschen konnte.
Passend zu diesem inneren Bild rümpfte er angewidert die Nase und schüttelte sich vor Ekel und Hass. Ja, er würde jeden eliminieren, der sich ihm in den Weg stellte und nicht den gehörigen Respekt entgegenbrachte. Kräftig und erbost biss er auf seine Zigarette, die durch seine Zähne zermahlt wurde und somit Tabak in seinen Mund bröckelte. Hastig zog er das längere Stück des Glimmstängels aus dem Mundwinkel, ehe er das deutlich kleine Stück neben sich auf den Boden spuckte. Ein extrem bitterer Geschmack beherrschte seine Zunge und kroch in Sekundenschnelle in jeden Winkel seiner Mundhöhle.
Der Rothaarige schnappte sich die bereits zur Hälfte geleerte Bierflasche, die auf dem Tisch stand, und nahm eilig drei große Schlucke um den ekelhaften Geschmack wegzuspülen. Der Alkohol erzielte den gewünschten Effekt und er ließ sich erleichtert in die Rückenlehne der Couch fallen. In diesem Moment entschied er sich eine erste kurze Pause von seiner Arbeit zu gönnen und für ein paar Minuten seinen Körper zu entspannen. Er ließ seine grünen Augen über die Menge an Geldstapeln schweifen, deren Anblick ihn in grenzenlose Ekstase und Euphorie versetzte. Ja, so ließ es sich gut gehen.
Mickey Suffert hatte alles was er brauchte und liebte und das im Überfluss: Geld, Drogen und Alkohol. Hinzu kam seine neue Behausung, die er erst vor gut einem Monat in Boston ange-mietet hatte. Mit ihren fünf großzügigen Zimmern bot sie ihm endlich den Luxus, den er schon lange verdiente. Der schönste und beruhigendste Gedanke dabei war, dass dies alles ganz allein ihm gehörte und er mit niemandem teilen musste, was er bis dato gewohnt war. Der 17-Jährige hatte nämlich zunächst auf der Straße gelebt, nachdem er von seiner Mutter zuhause rausgeschmissen worden war.
In diesen drei Monaten, die die Härtesten seines jungen Lebens gewesen waren, hatte er mal hier mal dort gehaust und war manchmal für eine Nacht in Obdachlosenunterkünften untergekommen. In der Zeit hatte er nur wenige Habseligkeiten sein Eigen nennen können und war rastlos von einem Ort zum anderen gewandert.
Dann war er zu seinem Bruder gezogen, der sich ebenfalls von ihrer Familie losgesagt hatte, um seinen eigenen Weg zu gehen und der Kriminalität ausgiebig zu frönen. Ein Traum war für Mickey in diesem Moment in Erfüllung gegangen, denn Sean war sein Vorbild; ihm wollte er nacheifern und dazu hatte er durch den Zusammenzug genügend Möglichkeiten. Er hatte ihn unter seine Fittiche genommen und ihm, wie bereits zuvor, viel Nützliches beigebracht. Wie ein Schwamm hatte er gierig jedes Wort seines Bruders aufgesogen und alles getan um ihm zu imponieren und stolz zu machen.
Mickey hatte ihm unbedingt zeigen wollen, dass er trotz seines jungen Alters vor nichts zurückschreckte und Angst verspürte. Sein Ziel war es gewesen genauso zäh, unberechenbar und gnadenlos zu sein wie Sean. Und dies hatte er in den vergangenen Jahren mehr als einmal unter Beweis gestellt. Mittlerweile wagte der Rothaarige sogar zu behaupten, dass er seinen älteren Bruder in Punkto Gewaltbereitschaft, Kalkül und Brutalität weit hinter sich gelassen hatte. Die kriminellen und düsteren Kreise, in denen er sich bewegte, und die grausamen Taten, die er beging, hatten die Verrohung seiner Seele zur Folge, die rasch von Statten gegangen war. Mickey war soetwas wie Mitleid, Gnade oder Einfühlungsvermögen völlig fremd und konnte deshalb mit solchen Emotionen absolut nichts anfangen.
Für ihn waren sie ein Zeichen von Schwäche, die er weder ertrug noch duldete. Bei niemandem. Denn Schwäche ekelte ihn an, weshalb er sie akribisch und konsequent von sich fernhielt.
Er wollte niemanden in seiner Nähe haben, der instabil war oder sich von seinen Gefühlen leiten ließ. Das konnte er in seinem Metier nicht gebrauchen, weder bei seinen Kunden noch bei seinen Geschäftspartnern. Daher entfernte er solche Menschen rigoros aus seinem Umfeld, indem er ihnen mit Drohungen und Schlägen begegnete. Somit verschaffte sich Mickey Suffert Respekt und machte den anderen gegenüber deutlich klar, mit wem sie es zu tun hatten und was passierte, wenn sie gegen seine Regeln verstießen oder ihn nicht ernst nahmen.
Der Rothaarige sinnierte weiter über den Verlauf der letzten Jahre und die enorme Entwicklung die er vollzogen hatte, als es plötzlich an der Tür klingelte. Sein Gedankengang war zu einem abrupten Stopp gezwungen, was ihn unwirsch mit den Zähnen knirschen ließ. Mühsam quälte er sich von der Couch und schlurfte Richtung Wohnungstür. Dabei fuhr er sich durch sein dichtes Haar, das er an den Seiten abrasiert trug.
Erneut erklang die Klingel, deren hoher schriller Klang dem 17-Jährigen die Nerven raubte und Aggressionen in ihm aufflammen ließen. Er beeilte sich die Tür unten aufzudrücken um diesem unerträglichen Geräusch ein weiteres Mal zu entgehen.
Nachdem er seine Wohnungstür geöffnet hatte, konnte er laute und plumpe Schritte hören, die sich ihren Weg zu ihm nach oben bahnten. Während er darauf wartete, dass der Störenfried erschien, schaute er gewohnheitsgemäß in den Spiegel neben der Tür. Sein Augenmerk lag dabei auf der merkwürdigen Zusammensetzung seines Gesichtes, die ihn immer wieder aufs Neue verstörte und verärgerte, als sehe er sich zum allerersten Mal. Seine engstehenden grünen Augen waren im Vergleich zu seinen Ohren winzig, die demonstrativ von seinem Kopf abstanden als wollten sie partout nicht zu ihm gehören. Die dünne Nase und Lippen traten förmlich in den Hintergrund und verschufen seinen Segelohren nur noch mehr Aufmerksamkeit und Prominenz.
Dadurch fiel das einzig Gute an ihm nicht auf: eine markante Kinnpartie, die seine Männlichkeit und Stärke unterstrich. Jedes Mal, wenn er in einen Spiegel blickte, musste er verzweifelt nach diesem Pluspunkt suchen um etwas zu haben, das ihn davon abhielt sich mit einem Messer das Gesicht in Fetzen zu schneiden, damit er seine Hässlichkeit und Unsymmetrie nicht täglich ertragen musste.
Mickey Sufferts Meinung über sich selbst war geprägt von Unsicherheit, Hass und Ekel. Das mit Abstand Schlimmste war die Gewissheit, dass er nichts an seinem Äußeren ändern konn-te. Nicht so wie seinen Charakter, dessen Entwicklung ihn stärker und furchteinflößender hatte werden lassen. In diesem Augenblick dachte er darüber nach, dass er sich unter anderem vielleicht zu einem gewalttätigen und zornigen Menschen entwickelt hatte, weil er es genauso gewollt hatte, um seine Unsicherheit in Hinblick auf sich selbst und sein Aussehen zu kompensieren. Dadurch wollte er sich mächtig und überlegen fühlen und niemand sollte es wagen oder nur erwägen sich über ihn lustig zu machen.
Die Wut und Aggressionen waren eine Art Prävention vor beißenden Beleidigungen und hämischen Spott. Er wollte sich auf diese Weise vor seinen Mitmenschen und deren Meinungen schützen.
Er stand außer Frage, dass er dies jemals vor einem anderen zugeben würde. Eine solche Psychoscheiße gehörte nicht an die Öffentlichkeit. Sie gehörte nicht ausgesprochen. Damit muss-te er alleine klarkommen und umgehen. Er…
„Hey!“, wurde er plötzlich heiter von einer hageren Gestalt begrüßt, welche sich dreist und unaufgefordert durch den schmalen Türspalt in seine Wohnung geschlichen hatte. Im ersten Moment war der Rothaarige irritiert und perplex, da er sich gedanklich ganz woanders befunden hatte und nun gezwungen war in die aktuelle Situation zurückzukehren. Aber dann fixierte sein Blick den Eindringling, der inzwischen neben ihm stand und eine Hand auf seine linke Schulter legte.
„Wie geht´s?“ Diese simple Frage brachte ihn beinahe dazu seine Hände um den Hals seines Gegenüber zu legen und so lange zuzudrücken, bis er jämmerlich verreckte. Doch Mickey atmete tief durch und nahm sich zusammen, sodass er sich in der Lage sah eine Antwort zu geben.
„Mir ging es besser, als ich noch nicht gestört wurde“, machte er seinem Ärger deutlich Luft, bevor er die Hand von seiner Schulter abschüttelte.
„Sorry, Mann“, kam es direkt mit geheuchelter Reumütigkeit zurück. Es war der übliche Unterton, mit dem Charlie Jenkins mit seinem Umfeld sprach. Mickey kannte ihn durch Sean, der mit ihm bereits seit ein paar Jahren zusammenarbeitete. Er war ebenfalls ein Dealer und vertickte mittlerweile für beide Suffert-Brüder regelmäßig und sehr erfolgreich Drogen in Clubs und Bars. Vermutlich war er deswegen auch hier, denn alle zwei Tage kam er vorbei, um ihm die Einnahmen auszuhändigen und neuen Stoff zum Verkauf abzuholen.
Trotz dessen, dass sein Besuch höchstwahrscheinlich geschäftlicher Natur war, war Mickey alles andere als begeistert von seinem Erscheinen.
Ob es daran lag, dass er ihn in seinem Ablauf gestört hatte oder sein Selbsthass noch akut in seinem Herzen schwellte, konnte er nicht genau sondieren. Denn sein Kopf war unverändert mit Gedanken, Zweifeln und Wut angefüllt, sodass es keinen Platz für Anderes gab. Ver-dammt, bald würde sein Schädel platzen!
Charlie checkte natürlich nicht, dass er ungelegen kam auch wenn er dies überdeutlich geäußert hatte. Sorglos schlenderte jener ins Wohnzimmer, in dem er sich bewegte als sei er hier zuhause. Als der Rothaarige ihm beinahe lautlos folgte, registrierte er dessen gierigen Blick auf die vielen Geldbündel auf dem Tisch. Umgehend verengte er die Augen zu Schlitzen und behielt ihn akribisch im Blick. Sein Misstrauen war geweckt.
„Warum bist du hier?“, fragte er ihn feindselig, was ihn sichtlich vor den Kopf stieß.
„Ich komme wegen dem Geld und den Drogen, wie immer.“ Sein Gegenüber redete mit ihm, als sei er begriffsstutzig.
„Was ist los mit dir, Mickey?“, wollte er ausgerechnet das von ihm wissen was er selbst nicht beantworten konnte. Scheiße, er hatte keine verfickte Ahnung was mit ihm los war. Deswegen beschloss er nichts darauf zu erwidern und ließ sich stattdessen zurück auf die bequeme Couch fallen. Um den Wirrungen seines Verstandes zu entfliehen, nahm er seine unterbrochene Arbeit wieder aufnahm. Hoffentlich würde ihn dies tatsächlich ablenken.
„Wo sind die Einnahmen der letzten Tage?“, raunte Mickey in Charlies Richtung. Dieser zuckte beim plötzlichen Klang seiner Stimme zusammen. Es dauerte einen Moment, ehe er einen dicken Bündel Dollarscheine aus der Innentasche seiner abgewetzten schwarzen Jeansjacke zu Tage förderte und ihm kurzerhand zuwarf.
Mickey fing gekonnt das Bündel auf und befreite es sogleich von dem Gummiband, das die einzelnen Scheine fest zusammenhielt. In Windeseile begann er die Einnahmen zu zählen, die sein Herz zu freudigen Sprüngen anregte. Allerdings wurde er dabei erneut von Charlie Jenkins gestört, der einfach drauflos plapperte.
„Der Stoff verkauft sich wie von selbst, Mann. Die Leute reißen ihn mir förmlich aus den Händen“, freute er sich über seinen Erfolg, den er ganz alleine Mickeys exzellenten und exklusiven Drogen zu verdanken hatte. Es hatte nichts mit ihm oder seinem Verkaufstalent zu sein, oh nein. Ohne die Suffert-Brüder wäre er weiterhin der mittellose Versager, der er, nach den Erzählungen von Sean, vor deren damaliger Begegnung gewesen war. Man könnte sagen, dass sie ihn zu dem gemacht hatten, der er heute war. Dementsprechend dankbar sollte er ihnen sein, doch Charlie hatte die Angewohnheit sich aufzuspielen und große Reden zu schwingen als habe er sich alles selbst erarbeitet. Ihm mangelte es an Respekt und Zurückhaltung was dem Rothaarigen schon von Anfang an übel aufgestoßen war, aber er hatte sich bisher zusammengerissen, weil er ein guter Bekannter seines Bruders war.
In der letzten Zeit aber hatten sich die Fesseln, die bis dahin seinen Zorn darüber im Zaum gehalten hatten, gelockert und drohten bald völlig gesprengt zu werden. Und dies würde für Charlie äußerst gefährlich werden.
„Wir machen das große Geschäft, Mickey“, jubelte er enthusiastisch und rieb sich gierig die Hände. Seine dunkelbraunen Augen glühten dabei leidenschaftlich, während er über das gesamte Gesicht strahlte. Das war der Moment, der den Ausschlag gab und es zu einer dramatischen Wendung kam. In ihm explodierte etwas; es zersplitterte und zersprang in abertausende Stücke, die sein Inneres zerfetzten. Er wusste, dass er die Kontrolle über sich selbst verlieren und alles um sich herum vernichten würde. Dennoch konnte er- wenn er ehrlich war- wollte er sich eigentlich auch nicht stoppen, denn Charlie hatte selbst zu verantworten was gleich geschehen würde.
„Dann nimm dir doch was davon!“, brüllte Mickey Speichel spuckend und warf die Geld-scheine, die er immer noch nicht vollständig durchgezählt hatte, energisch in die Luft. Fasziniert beobachtete er zunächst die einzelnen Papierstreifen die, seiner Wahrnehmung nach, in Zeitlupe zu Boden segelten, bevor seine grünen Augen argwöhnisch sein Gegenüber fixierten. Charlie Jenkins konnte es trotz der offensichtlich grenzenlosen Wut, die ihm gewaltig entgegen schlug, nicht lassen das Geld ebenfalls mit seinem Blick zu verfolgen. Es schien als über-lege er für einen kurzen Augenblick was er tun sollte, doch recht schnell entschied er sich für das absolut Falsche: Er hob seine Arme und schnappte sich ein paar Hundertdollarscheine, die sich in seiner Reichweite befanden. Jeder einzelne Schein, der in seine Hände gelangte, versetzte dem Rothaarigen einen schmerzhaften Stich, der seinen Zorn nur noch weiter anheizte. Die Kohle gehörte ihm! Er hatte sich all das verdient und nicht dieser Schmarotzer!
Und dennoch stand er hinterhältig schmunzelnd vor ihm und stahl ihm vor seinen Augen allen Ernstes seinen Besitz.
Bei Michael „Mickey“ Suffert knallte eine Sicherung durch und er verlor von einer Sekunde auf die andere völlig die Kontrolle. Ein tierischer und bedrohlicher Laut kam aus seiner Kehle, der Charlies Aufmerksamkeit wieder auf ihn lenkte. Mit einer Mischung aus Verwunderung und Angst glotzte er ihn an und schien dabei nicht zu wissen, was er von seinem aggressiven Ausbruch halten sollte. Diesen Umstand der kurzweiligen Ahnungslosigkeit nutzte der Rothaarige aus. Leichtfüßig und blitzschnell kletterte er über den Wohnzimmertisch, der sich direkt vor ihm befand und das einzige Hindernis zwischen ihm und seinem Opfer darstellte. Noch ehe Charlie reagieren konnte, hatte er sich bereits zähnefletschend auf ihn gestürzt und zu Boden gerissen.
Als er hart mit dem Rücken aufkam, ertönten zeitgleich ein lautes Knacken und ein schmerz-haftes Stöhnen, das Mickeys Herz vor Freude und Erregung heftig gegen seinen Brustkorb schlagen ließ. Während sich in ihm eine Welle der Euphorie aufbäumte, wand sich Charlie Jenkins energisch unter ihm und brüllte ihm mit wutverzerrtem Gesicht etwas entgegen, was er allerdings nicht hören konnte.
Er befand sich in einem Tunnel, in dem er nichts anderes wahrnahm als die Panik in seinen Augen. Oh ja, ihm war bewusst, dass die Spielchen vorbei waren. Er war verloren, dennoch versuchte er mit peinlichen und verzweifelten Versuchen Mickey von sich herunterzuschieben. Belustigt beobachtete er ihn einen Augenblick dabei, ehe er sich mit seinem gesamten Gewicht auf Charlies Brustkorb niederließ und mit seinen angewinkelten Beinen dessen Arme einklemmte. Er war nun völlig hilf- und wehrlos. So verhinderte der 17-Jährige, dass er ihm bei seinem Vorhaben in die Quere kam.
Ein Vorhaben, das er bereits gefasst hatte als sein Gegenüber gierig nach seinen Dollarscheinen gegrabscht hatte. Und so umfasste er mit beiden Händen Charlies Hals und drückte gnadenlos und mit solch immenser Kraft zu, dass seine Fingerknöchel deutlich hervortraten. Mickeys Atemzüge wurden stetig schneller und hektischer, während Charlies durch den Druck auf seine Luftröhre beinahe nicht mehr existent waren.
Sein Gesicht war mittlerweile schockverzerrt und hatte eine blau-violette Färbung angenommen. Die Augen waren dazu so weit aufgerissen, dass es schien als würden sie bald herausfallen. Ihm beim Sterben zuzusehen, befriedigte ihn und machte ihn süchtig.
Mickey fühlte sich übermächtig und wie der Herr über Leben und Tod, denn heute erfüllte er sein Schicksal, das ihm schon seit seiner Kindheit vorgezeichnet war. Nachdem er den Hund seines damaligen Nachbarn erschossen hatte, war ihm das Töten vorbestimmt. Es hatte sein Herz infiziert, von wo aus es sich über seine Adern und Venen auf seinen gesamten Körper ausgebreitet hatte, wie ein hartnäckiges Virus. Dennoch hatte es gute fünf Jahre gedauert, bis er dem verborgenen Verlangen in seinem Unterbewusstsein endlich ein weiteres Mal nachgab und er seiner Natur folgte.
Nun wurde er überwältigt von der Wirkung, die die erste Ermordung eines Menschen auf ihn hatte und wusste nicht wohin mit all den neuen Eindrücken, die auf ihn einprasselten wie ein heftiger Regenschauer. Doch er schüttelte diese Verunsicherung einfach ab und widmete sich lieber mit voller Hingabe seiner Aufgabe: Charlie Jenkins minderwertiges Leben auszulöschen. Dabei prägte er sich jedes noch so kleine Detail ein, um sich für den Rest seines Lebens daran zu erinnern. Er wünschte sich inständig, dass dieser Moment ewig anhielt, doch der Überlebenskampf seines Opfers dauerte leider nicht so lange wie erhofft.
Nach wenigen Minuten erschlafften bereits Charlies Muskeln und der Ausdruck seines Gesichtes verharrte in einer eigenartigen und bizarren Starre. Mickey zog bloß verächtlich den linken Mundwinkeln nach oben, ehe er sich von dem leblosen Körper löste und zu seinem Ausgangspunkt, der Couch, zurückkehrte. Dort fuhr er seelenruhig und vor sich hin pfeifend mit seiner Arbeit fort und nahm keinerlei Notiz von der Leiche, die unweit von ihm auf dem Boden lag, umgeben von Geldscheinen.
 
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