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15 Seiten

littlebastard (Teil 4)

Romane/Serien · Nachdenkliches
Etwa eine Stunde später kam ich unter der Dusche hervor und fühlte mich halbwegs wieder wie ein Mensch. Als ich in Christophers Zimmer kam,ein kleines Dachzimmer mit Schräge, das aber sehr individuell eingerichtet war und sehr gemütlich wirkte, hatte er Kaffee gemacht und saß am Computer.
?Ich bin gleich fertig?, entschuldigte er sich, ?nimm dir doch schon mal ne Tasse Kaffe und setz dich...?
Ich tat wie geheißen und fragte dann: ?Was machstn da eigentlich??
?Ach, nur n kleines Programm schreiben.?
?Aha?, sagte ich, hatte aber eigentlich keine Ahnung, denn ich wusste zwar, dass irgendjemand wohl programmieren können musste, aber hatte mich noch nie mit sowas beschäftigt. Dafür schien Christopher um so mehr Ahnung zu haben, denn er zeigte auf den Monitor, warf mit Fachbegriffen um sich, die ich noch nie im Leben gehört hatte, und meinte wohl, er erkläre mir gerade, was er da eigentlich machte. Für mich sahen die wilden Zeichen auf dem Bildschirm allerdings aus wie eine Geheimschrift, und wie daraus ein Programm werden sollte, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
Ich musste wohl auch einen ziemlich blöden Gesichtsausdruck gemachthaben, denn nach einer Weile fragte Christopher mich: ?Du kannst wohlkein Java oder??
Daraufhin wurde mein Gesichtsausdruck noch blöder, denn die Frage hatte ich auch nicht kapiert.
?Was kann ich??
Er sah mich an und grinste.
?Sorry, ich dachte du hättest vielleicht Ahnung, aber du kannst gar keine Programmiersprache oder??
?Ich bin ja froh, wenn ich mit Englisch über die Runden komme? gab ich zurück, ?und das ist oft schon nicht einfach.?
Christopher nickte und erklärte dann: ?Na gut, aber der Vergleich ist gar nicht mal so schlecht. Ne Programmiersprache lernst du eigentlich genauso wie jede andere Sprache auch. Das hier zum Beispiel ist Java, und wenn du da etwas schreibst und es dann kompilierst wird daraus ein Programm...?
?Kompiwas??, unterbrach ich ihn, denn ich verstand immer noch nicht viel mehr. Scheinbar machte Christopher das aber nichts aus, im Gegenteil, er schien jetzt ganz in seinem Element zu sein, wollte mir scheinbar unbedingt erklären was er da tat, warf weiterhin mit Fachwörtern um sich, zeigte mir ein Programm, das er geschrieben hatte und wie man es ausführte, und auch wenn ich es nicht gedacht hätte, nach der Überwindungeiner gewissen Hemmschwelle interessierte mich das ganze sogar. Irgendwiewar es schon faszinierend, wie aus ein paar Kommandos, Befehlen oder wieauch immer man das nannte, plötzlich ein Programm wurde, mit dem mansogar wirklich etwas anfangen konnte. Christopher zeigte mir auch einigekleine Spielchen, die er programmiert hatte, er war offensichtlich ein echterCrack, und steckte mich mit seiner Begeisterung wirklich an. Ich bewunderteihn, fand das wirklich interessant und eine innere Stimme fragte hinten inmeinem Kopf ganz leise aber doch hörbar warum ich meine Zeit denn eigentlichimmer nur mit nutzlosem Zeug verbrachte.
Als ich dann irgendwann doch wieder nach meinem Kaffee griff war der längst kalt geworden und ich fragte mich, wo die Zeit geblieben war. Nach einemBlick auf die Uhr meinte auch mein Gastgeber, dass wir uns, wenn wir nochweg wollten, nun aber beeilen mussten, telefonierte dann mit seiner Freundinund ein paar Kumpels und machte mit denen ab, dass wir uns in einer halbenStunde irgendwo treffen wollten. Ich wurde gar nicht mehr nach meiner Meinunggefragt, er setzte wohl einfach voraus, dass ich mitkommen wollte, aber wennich mich schon hier einnistete, musste ich mich auch fügen, sagte ichmir, und so machte ich mich dann auch fertig.

Es wurde dann auch wirklich ein gelungener Abend, Christopher war längst nicht so langweilig wie ich anfangs gedacht hatte, seine Freunde, offensichtlich auch alles Informatikstudenten, waren, wenn auch alle ein wenig trocken,wirklich nett, auch wenn ich ihren Gesprächen über top-level-Klassen,RuntimeExceptions, Hashtabels und anderem exotischem Zeug nicht so ganz folgenkonnte. Also Hashtable klang ja eigentlich nicht schlecht, war aber wohlleider doch nicht das, was ich gerne darunter verstanden hätte, unddarum war ich froh als sie das Thema wechselten und über normale Sachenredeten. Irgendwann kam das Gespräch natürlich auch auf mich undden Grund, warum ich denn hier war, da musste ich mir dann etwas aus denFingern saugen, denn die wahre Geschichte wollte ich nicht unbedingt jedemauf die Nase binden, und auch als sie mich fragten, was ich denn in Bremenso machte, ließ ich einige Details lieber aus und füllte die leerenStellen mit besserklingenden Lügen aus. Je später es wurde, destomehr musste ich auch mein Vorurteil begraben, Studenten würden keinenAlkohol vertragen, und da die mir auch alle das Gefühl gaben, ich seiwillkommen, fühlte ich mich bald so richtig wohl.
Der Höhepunkt des Abends wurde dann allerdings erst erreicht als Christophers Freundin Caroline auftauchte, sie war das einzige Mädchen in der Runde, studierte zwar auch Informatik, sah aber ganz bestimmt nicht so aus wie ich mit Informatikstudentinnen immer vorgestellt hatte, sondern war, anders kann man das nicht sagen, verdammt scharf.
?Hey Jungs?, begrüßte sie uns als sie hereinkam und Christopher einen Kuss auf die Wange drückte, ?ihr seht so aus als hättet ihr mich vermisst!?
?Dich vermisst? Wir waren froh, endlich mal unter uns zu sein...?, gab einer der Jungs grinsend zurück und erntete dafür eine Kopfnuss.
?Na, dann bin ich eben nur hier, um den Durchschnitts-IQ etwas zu erhöhen.?
?Und du glaubst, dafür bist du als Frau wirklich geeignet??
?Hey, Vorsicht, Karsten, du kennst doch den Unterschied zwischen einem intelligenten Mann und dem Yeti oder??
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und fragte, ob es etwas mit der Behaarung zu tun habe, doch Caroline schüttlete den Kopf und erklärte lächelnd: ?Nee, aber den Yeti soll schon mal jemand gesehen haben!?
So ähnlich ging das Gespräch dann auch weiter, Caroline war den Jungs an Schlagfertigkeit weit überlegen, aber ich hielt mich ziemlich zurück, denn ich wusste nicht, wie sie es aufnehmen würde, wenn ich als Neuling gleich derbe konterte, obwohl mir manchmal ziemlich guteSprüche auf der Zunge lagen.
?Ist sie immer so drauf?, flüsterte ich Christopher irgendwann zu, und als er nickte, war der Stolz in seinem Blick kaum zu übersehen. Kein Wunder, bei solch einer Freundin, denn sie war ja nicht nur schlagfertig, sondern dabei auch verdammt liebenswürdig, und sie sah auch noch echt klasse aus. Ich dachte an die billig geschminkten Tusen, mit denen ich zuhause meist abschob, Caroline war denen echt um Klassen überlegen, aber an solche Frauen würde ich wohl niemals herankommen.
Nach einer Weile fragte sie, wer denn Lust hatte, mit ihr eine Partie Billard zu spielen, und als niemand wollte, stand ich schließlich auf und forderte sie zum Kampf.
?Um was spielen wir??
?Wie wärs erstmal mit nem Bier, danach können wir uns jasteigern.?
Ich war einverstanden, auch wenn Christopher mir zuraunte, ich wisse nicht, worauf ich mich da einließ.
Eigentlich war ich im Billard immer schon nicht schlecht gewesen, gegen eine Frau hatte ich noch nie verloren, nur einmal gegen Manu, aber da war ichauch nicht mehr nüchtern gewesen. Im Grunde war ich ja nie nüchtern, wenn ich spielte, aber mit einer Studentin, die wahrscheinlich den ganzen Tag vor dem PC hockte und wildeste Sachen programmierte würde ich schon fertig werden.
Mein Übermut verging mir dann aber doch recht schnell, ich hatte Mühe, überhaupt mal ein Spiel zu gewinnen, und dass ihre Freunde uns gespannt zuguckten machte es nicht gerade leichter. In Bremen hätte ich michjetzt wahrscheinlich bis auf die Knochen blamiert und nur noch blödeSprüche geerntet, aber irgendwann rief ich mir ins Bewusstsein, dassich diese Leute vermutlich niemals wiedersehen würde, und von da abmachte es sogar richtig Spaß. Außerdem kam so nach und nach meineEhrgeiz durch, oder es lag nur daran, dass ich nicht verlieren konnte, jedenfallswurde ich mit der Zeit besser und besserte meine Urlaubskasse wieder etwasauf.
?Endlich mal einer, der wirklich spielen kann?, lobte Caroline irgendwann mit Blick auf die anderen und zwinkerte mir dabei verschwörerisch zu.
?Ich bin ja auch kein Student?, rutschte es mir raus, aber offensichtlich nahm das niemand krumm. Meine Gegnerin lächelte sogar, und wenn Christopher nicht dagewesen wäre und ich nicht auf seine Gnade für meine Übernachtung angewiesen wäre, weiß ich nicht, was dann noch passiert wäre. Auf jeden Fall verstanden wir uns echt prima, und als wir später wieder bei den anderen saßen, vergaß ich sogar für einen Moment, dass ich eigentlich nicht dazugehörte. Die Themen drehten sich jetzt zum Glück auch nicht mehr um dinge, die ich nicht verstand, und ichmusste mir eingestehen, dass ich mich hier sogar wohler fühlte als beimeinen eigenen Freunden in Bremen.
Christopher waren wie ich zugeben musste ein wirklich süßes Paar, dauernd am knuddeln und knutschen, und das, obwohl sie ihm dauernd Sprüche um die Ohren warf, auf die er nicht kontern konnte.
?Männer sind wie Autos...?, setzte sie einmal an, eine neue Spitze vorzubringen, doch ich fiel ihr ins Wort: ?... passt man nicht auf, liegt man drunter. Weißt du eigentlich wie alt der ist? Und außerdem sind Frauen wie Senfgläser...?
?... jeder steckt sein Würstchen rein, ich weiß, Lucas,aber ich glaube der Spruch ist sogar älter als du Würstchen.!?
?Besser jung und verpickelt als alt und unterentwickelt?, zitierte ich einen Liedtext, etwas besseres fiel mir darauf auch nicht ein, aber das Eis zwischen uns war jetzt vollkommen gebrochen und wir machten die ganze Zeit so weiter.
Um es nochmal zu betonen, ich fühlte mich wirklich pudelwohl, vergaß sogar für eine Weile, warum ich eigentlich unterwegs war, doch auchder schönste Abend geht einmal zuende, und irgendwann brachen die ersten auf, und auch Christopher sagte, er sei müde und wolle nach Hause. Wehmütig verabschiedete ich mich, Christopher holte sich noch einen Gute-Nacht-Kuss von seiner Freundin, und sogar mir hauchte sie einen Kuss zu und fragte,ob wir denn nicht morgen, bevor ich aufbrach noch zu dritt frühstücken wollten, was ich natürlich sofort dankbar annahm.

?Wie lange bist du eigentlich schon mit Caroline zusammen??,fragte ich Christopher als ich es mir wenig später auf seinem Sofa bequemmachte.
?Seit sieben Monaten. Wie findest du sie denn??
?Einfach hammergeil! Also ich meine, sie ist echt nett.?
Christopher nickte und grinste zustimmend.
?Ja, was besseres hätte mir echt nicht passieren können.?
?Sie ist auch bestimmt echt gut im Bett?, rutschte es mir heraus, aber ich erhielt keine Antwort. Erst nach einer Weile, ich hatte mich schon zum Schlafen umgedreht, erklärte er: ?Ich hab keine Ahnung wie sie im Bett ist.?
Ich drehte mich um und sah ihn mit großen Augen an. Was sollte dasdenn heißen? Die beiden waren seit über einem halben Jahr zusammenund er hatte sie noch nicht, also noch nicht mit ihr geschlafen? Sowas konnte ich mir einfach nicht vorstellen, denn Sex hatte für mich immer zu einer gelungenen Verabredung dazugehört, selbst wenn ich die Tuse, mit der ich unterwegs war, vielleicht gar nicht leiden konnte. Genaugenommen wares oft der einzige Grund, warum ich mich mit Mädchen einließ,denn die meisten, die ich abbekam, waren so langweilig, dass ich mich mitihnen bestimmt nicht nur unterhalten wollte, und die, mit denen man etwasanfangen konnte, waren zu klug, um sich mit mir einzulassen. Ich wusste jaselbst, dass mein Frauenbild nicht gerade das beste war und ich viel zu oftnur an das eine dachte, aber sieben Monate so ganz ohne Sex kam mir auchunnormal vor.
?Aber ihr habt euch doch den ganzen Abend geküsst, du hast dauernd deinen Arm um sie gelegt, und sie konnte ihre Finger auch nicht stillhalten...?
?Ja?, erklärte Christopher, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet, ?sie möchte sich erst ganz sicher sein. Und da ich sie auf keinen Fall verlieren will, lasse ich ihr eben die Zeit, die sich braucht.?
?Und das hälst du aus??
Jetzt sah er mich an und verzog den Mund zu einem spöttischen Grinsen: ?Na das du sowas nicht lange mitmachen würdest ist mir klar, Bastardo.?
Wieder sagte keiner von uns etwas, ich versuchte mir vorzustellen, wie verliebt man sein musste, um so eine Situation so lange durchzuhalten, und woran Christopher dachte wollte ich gar nicht wissen.
?Wie hälst du das... also ich meine, willst du denn gar nichtmit ihr...??
Er wich meinem Blick aus, überlegte offenbar, ob er mir darauf eineAntwort geben sollte, meinte aber schließlich: ?Na klar willich. Leicht ist das bestimmt nicht. Manchmal platze ich fast, aber sie istmeine erste Freundin und die beste, die ich je haben will, und das will ichmir nicht versauen.?
?Deine erste... du meinst du hattest noch nie... ne Freundin??
Keine Antwort war auch eine, dachte ich mir und wusste nicht, ob ich ihnnun dafür bewundern oder bedauern sollte. Auf alle Fälle war mirsowas noch nicht untergekommen, und ich begriff langsam, dass ich doch ineiner völlig anderen Welt lebte, auch wenn Christopher und seine Freundemich heute sehr freundlich in ihre aufgenommen hatten. Es war ja nicht nurdie Sache mit der Freundin, auch die Gespräche, das Programmieren undeinfach alles war völlig anders als das, was ich sonst kannte, und ichfragte mich, welche Welt mir eigentlich besser gefiel. Sicher konnte ichtun und lassen, was ich wollte, hatte keinerlei Verpflichtungen und hörteauf nichts und niemanden, aber wie lange konnte sowas gutgehen und wie langewürde es dauern, bis ich wirklich in der Gosse oder im Knast landete?
?Nein, sie ist meine erste?, beantwortete Christopher mir meine Frage, ?und genaugenommen sind die Leute, die du heute kennengelernt hast auch mein erster wirklicher Freundeskreis.?
Da ich nicht verstand, sah ich ihn nur fragend an und wartete darauf, dass er weitererzählte.
?Weißt du, früher in der Schule war ich immer ziemlich klein, noch dazu schüchtern und irgendwie immer ein Außenseiter...?
?Also der, der von solchen Typen wie mir dauernd fertiggemacht wurde.?
?Ja genau. Ich hätte es nie zugegeben, aber diese supercoolenLeute, die immer gut drauf waren und nie Probleme zu haben schienen, habeich insgeheim immer beneidet. Und als ich dann hierherkam, gab es diese Leuteplötzlich nicht mehr, dafür aber welche, die sich für diegleichen Sachen interessierten wie ich, und ich fand zum ersten Mal wirklicheFreunde. Und als ich dann auch noch Caroline traf und wir uns mehr als nurgut verstanden, über alles reden konnten und uns so richtig verliebten,fühlte ich mich echt so ähnlich wie Hans im Glück. Und glaubstdu, das setze ich aufs Spiel, nur weil mein Schwanz noch mehr von ihr kennenlernenmöchte??
Wir sahen uns jetzt wieder in die Augen, und ich verstand ziemlich gut, was er meinte.
?Und, was ist aus den supercoolen Typen geworden??
?Hä??
?Na aus den Leuten, die du beneidet hast, was ist aus denen geworden??
?Also die meisten leben immer noch in dem Ort, in dem wir zur Schule gegangen sind... na ja, wenn ichs mir recht überlege, sind die meisten von ihnen arbeitslos, wissen nicht, wie sie die nächsten sechzig Jahre rumkriegen sollen und wenn ich sie mal sehe wirken sie lange nicht mehr so sorglos wie damals in der Schule...?
?Hast du mal daran gedacht, dass die dich jetzt vielleicht beneiden??
Er sah mir noch immer in die Augen, und ich glaube er verstand auch ziemlich gut, was ich meinte.

Am nächsten Morgen, packte ich nach einem ausgiebigen Frühstück mit Christopher und Caroline, denen ich versprechen musste, mich zu melden, sobald ich in Rostock angekommen war, meine Sachen und brach dann auf. Da auf der Autobahn noch nicht viel los war, trat ich so richtig aufs Gas und befand mich bald in einem Geschwindigkeitsrausch, auch wenn ich mit dem alten Civic längst nicht so schnell fahren konnte, wie ich eigentlich wollte. Die Landschaft rauschte an mir vorbei, ich drehte die Musik auf, ließ mich von Limp Bizkit berieseln und war richtig guter Laune. Bisher war ja auch alles optimal gelaufen, und der Zwischenstop in Osnabrück hatte sich wirklich gelohnt. Irgendwie riss mich das alles aus dem Alltagstrott, wahrscheinlich hatte ich genau das mal gebraucht. Nur fragte ich mich immer mehr, ob ich, wenn ich wieder in Bremen war, noch genauso weitermachen wollte wie bisher. Kiffen, saufen, Spielplätze zestören, mit geklauten Autos Rennen fahren, bei Einbrüchen Schmiere stehen, Gesprächeohne Inhalt mit Leuten ohne Gehirn führen, das konnte doch nicht meinganzer Lebensinhalt sein. Christopher, seine offene Art, sein Exkurs am Computer, das alles hatte mich mehr beeindruckt als ich zugeben wollte und mir zugleich auch die Unsinnigkeit meines eigenen Lebens vor Augen geführt. Immer wieder musste ich an den Abend in der Kneipe und an Caroline mit ihren Sprüchen, ihrem bezaubernden Lächeln, dem Blitzen in ihren tiefblauen Augen, ihrer umwerfenden Figur und den schulterlangen Haaren, die sie sich immer wieder verführerisch aus dem Gesicht gestrichen hatte, denken, und auch das Gespräch mit Christopher schwirrte mir immer noch im Kopf herum. Ich war inzwischen der Meinung, er hatte mich auch bei sich pennen lassen, weil er einmal sehen wollte, ob diese Typen, die oberflächlich waren undangeblich nichts an sich heran ließen, wirklich so wenig Probleme hatten,wie er glaubte, und ich hatte noch deutlicher als er gespürt, dass dasabsolut nicht der Fall war.
Ein Audi, der mit Lichthupe hinter mir herfuhr und drängelte, riss mich aus meinen Gedanken und in die Realität zurück. Auch wenn ich es eigentlich nicht einsah, wechselte ich die Spur und ließ ihn vorbei, dann hing ich wieder meinen Gedanken nach.
Schon früher, so mit elf Jahren oder so, hatte ich mir oft gewünscht, anders zu sein. Ich hatte andere beneidet, wenn sie mir in der Schule erzählten, was sie an den Wochenenden für tolle Sachen mit ihren Vätern machten, einige fuhren dauernd in irgendwelche Freizeitparks und mit ihren Papas dort dann stundenlang Achterbahn, andere erzählten vom Fußballspielen mit ihren alten Herren, aber für mich gab es immer nur meine Mutter, die nie mit mir in einen Freizeitpark gefahren war und auch nicht Fußball spielte. Für sie war das alles vergeudete Zeit, nutzlose Verschwendung, sie schleifte mich stattdessen mit in die Kirche oder textete mich mit ihren Weisheiten zu. Auf dem Schulhof hatte es oft Prügeleien gegeben, ich hatte sie angezettelt, weil ich im Grunde eifersüchtig auf die anderen war und voller Wut auf mein eigenes Leben. Später fand ich dann heraus, dass ich mich, wenn schon meine Mutter mir nicht das gab, was ich wollte, an andere Leute wenden konnte, hing meist mit älteren herum, für die ich der kleine Trottel war, der immer die Drecksarbeit machte, aber ich fand Gefallen an angeblichen Mutproben wie im Kaufhaus CDs klauen, Messerkämpfen, U-bahnsurfen oder sonstigem Scheiß, denn das machten meine Mitschüler mit ihren Vätern nicht, und meine Mutter hatte mich windelweich geschlagen, wenn sie es je erfahren hätte. Ich lernte dazu, war irgendwann nicht mehr der kleine Trottel, lernte Leute kennen, die ganz anders und deshalb interessant waren und erreichte in meinem neuen Freundeskreis bald einiges Ansehen, denn genau das, was meine Mutter und meine Lehrer mir immer ausreden wollten und ich deshalb so gerne tat, kam hier richtig gut an. Mit Ladendiebstahl gab ich mich nicht mehr zufrieden, dafür riss ich härtere Zoten und vertrug mehr Alkohol als viele von denen, und mit dem Messer war ichfast unschlagbar. Ich wurde egoistisch, skrupellos, rücksichtslos, gerissen, ließ mir von niemandem etwas sagen und glaubte lange Zeit wirklich, ich wäre zufrieden. Auf meine Mutter hörte ich nur noch insofern, dass ich noch weiter zur Schule ging, aber das auch nur, weil sie mich sonst rausgeworfen und ich mich selbst um mein Mittagessen hätte kümmern müssen. In der Schule bekam ich natürlich nicht viel auf die Reihe, denn abends saufen und morgens pauken passte nicht gut zusammen, aber ich schaffte es trotzdem immer irgendwie, und selbst bei meinen Mitschülern war ich einigermaßen angesehen, denn erstens war es mit mir bestimmt nie langweilig und zweitens wäre es ihnen auch nicht gut bekommen, wenn sie mich anders behandelt hätten. Ich lebte sozusagen in zwei Welten, hatte einen Weg gefunden, um durchs Leben zu kommen, aber zufrieden war ich damit auch nicht. Insgeheim wollte ich immer noch so sein wie andere, beneidete zum Beispiel Marc, der einen reichen Vater hatte, deshalb auch seit einigen Monaten jeden Morgen mit nem dicken BMW zur Schule fuhr, in der Villa seiner Eltern oder am Swimmingpool im dazugehörigen Garten mindestens einmal im Monat eine tolle Party gab, jeden Sommer ins Ferienhaus in Südfrankreich fuhr und auch noch der Schwarm aller Mädchen war, weil er zu allem Überfluss auch noch gut aussah, witzig, intelligent und sehr nett war. Wenigstens wurde ich auch ab und zu zu den Poolparties eingeladen, doch dann durfte ich nur auch noch feststellen, dass Marcs Vater sich oft zu uns setzte und entgegen aller Erwartungen richtig gut drauf war und die Stimmung mit einigen verdammt guten trockenen Witzen oder Anekdoten noch verbesserte, und wenn ich malwieder an nem Freitagabend besoffen über einer großen Keramikschüssel hockte und philosophisch oder zumindest nachdenklich war, fragte ich mich oft, warum ich nicht toll aussah, nicht intelligent war, keine Villa mitSwimmingpool und keinen Vater mit trockenem Humor hatte. Es kommt nicht aufdie weltlichen Dinge an, hörte ich dann immer die Stimme meiner Mutter,und dann wusste ich wieder warum. Nur zu gern hätte ich mal füreinen Tag mit Marc die Rollen getauscht, in seinem Leben war wahrscheinlichauch nicht alles so rosig wie es aussah, aber ich war mir sicher, am Abendwürde er derjenige sein, der so schnell wie möglich zurücktauschenwollen würde.
Ein Blick auf meine Tankanzeige erinnerte mich daran, dass ich eigentlich noch hatte tanken wollen, bevor ich von Christopher aufbrach, aber das hatte ich genauso vergessen, wie noch einmal nachzusehen, ob ich schon eine Antwort auf meine Mail an Black_Rose bekommen hatte. Nun war es zu spät. Amnächsten Rasthof fuhr ich raus, tankte den Wagen voll, zählte meinGeld, das aber noch bis Rostock und zurück ausreichen würde, undich nutzte die Gelegenheit, um mir auch noch Zigaretten zu kaufen.
Dann gings weiter, ich hatte den Civic bald wieder auf hundertsechzig und genoss die Geschwindigkeit, die vorbeirauschende Landschaft und den Fahrtwind, der mir durch das geöffnete Fenster durchs Gesicht pustete. Es war beinahe ein Gefühl der Freiheit, nichts und niemand konnte mich bremsen, ich war nur auf mich allein gestellt, weit weg von allem, was sonst mein Leben bestimmte. Mit dem Motorrad hatte ich auch manchmal dieses Gefühl, aber da war ich ja meist nur für wenige Stunden unterwegs, jetzt wusste ich nicht mal wie lange meine Reise noch dauern würde, wusste nicht, obich meinen Erzeuger in Rostock überhaupt antreffen würde und wiees laufen würde, wenn ich ihn traf. Ich schwankte immer noch zwischenNeugierde und Wut, einerseits war ich gespannt, ob er so war, wie ich ihnmir jetzt, nach allem, was ich über ihn gehört hatte, vorstellte,andererseits konnte er sein wie er wollte, ein Feigling und Heuchler würdeer in meinen Augen immer bleiben. Aber selbst wenn ich vielleicht niemalsein väterliches Verhältnis zu diesem Mann bekommen würde,so war ich doch gespannt, was er für ein Mensch war, inwiefern er mirvielleicht ähnlich war und was er dazu sagte, wenn ich plötzlichvor ihm stand und ihn zur Rede stellte.
In Gedanken raste ich weiter die jetzt langsam voller werdende Autobahn entlang, zündete mir eine Zigarette an und drehte die Musik auf volle Lautstärke.



Crawling in my skin
These wounds they will not heal
Fear is how I fall
Confusing what is real

There?s something inside me that pulls beneath the surface
Consuming confusing
This lack of self control I fear is never ending
Controlling I can?t seem
To find myself again
My walls are closing in
Without a sence of confidence
I?m convinced there?s just too much pressure to take
I?ve felt this way before
So insecure

Crawling in my skin
These wounds they will not heal
Fear is how I fall
Confusing what is real

Discomfort, endlessly has pulled itself upon me
Distracting reacting
Against my will I stand beside my own reflection
It?s haunting how I can?t seem
To find myself again
My walls are closing in
Without a sence of confidence
I?m convinced there?s just too much pressure to take
I?ve felt this way before
So insecure

Crawling in my skin
These wounds they will not heal
Fear is how I fall
Confusing, confusing what is real



(Linkin Park , Crawling)




Kurz bevor ich auf die A2 in Richtung Hannover-Berlin wechseln konnte, nahm der Verkehr plötzlich zu, wurde dichter, und es ging nur noch stockend voran. Die Verbindung zwischen den beiden Autobahnen gab es nicht, man musste durch den Ort Bad Oeynhausen fahren, der mir erstmal dadurch auffiel, dass es hier erstaunlich viele Ampeln gab, die natürlich alle auf Rot umsprangen, sobald sie meinen Civic erblickten. Nach einigen Minuten stand ich richtig im Stau und fluchte leise vor mich hin. Für einen Moment überlegte ich, ob ich eine Pause einlegen sollte, aber fürs Mittagessen war es noch zu früh, und ich hatte auch noch keinen Hunger. Also kämpfte ich mich weiter durch die plötzlichen Automassen und hoffte, der Ort würde sich nicht mehr so lang hinziehen. Ich trommelte den Takt derMusik auf dem Lenkrad mit, zündete mir eine neue Zigarette an, gucktemir die anderen Autofahrer an, die alle genauso gelangweilt aussahen wieich. Im Schrittempo ging es von Ampel zu Ampel, und ich verfluchte mich fürmeine Ungeduld. Diese Stadt wollte und wollte kein Ende nehmen, und ich überlegte,wie grausam die Fahrt nach Rostock noch werden konnte, wenn mir jetzt, nachnicht einmal einem Zehntel der Strecke, schon langweilig wurde.
Und dann zog plötzlich eine Gestalt meine Aufmerksamkeit auf sich. Ein Junge, vielleicht vierzehn oder fünfzehn, stand da mit einem schweren Rucksack auf den Schultern am Straßenrand, hielt den Daumen hoch und suchte offenbar eine Mitfahrgelegenheit. Eigentlich achtete ich nie auf Anhalter, aber aus einer Laune heraus brachte ich den Wagen zum Stehen und öffnete die Beifahrertür. Dankbar lächelnd sprang der Junge ins Auto, warf seinen Rucksack auf die Rückbank und schnallte sich an.
?Wo willste denn hin??, fragte ich ihn und nahm ihn aus den Augenwinkeln unter die Lupe. Blond, schmächtig, nicht mehr ganz saubere Klamotten, den Blick starr zum Boden gerichtet, und er sah aus als wäre er schon eine ganze Weile unterwegs.
?Äh... nach Berlin?, antwortete er einsilbig, und es klang so als wäre ihm das Ziel gerade erst eingefallen.
Ich sagte ihm nicht, dass ich auch über Berlin fahren würde, denn ich wollte mir die Möglichkeit offenhalten, ihn vorher rauszuschmeißen, schließlich wusste ich ja nichts über ihn. Er sah zwar auch nicht gerade aus als wäre er darauf aus, mich zu überfallen und auszurauben, und ich bezweifelte auch, dass er dabei eine Chance gehabt hätte, aber ich war halt misstrauisch.
?Und was willste in Berlin??
?Will wen besuchen.?
Also wenn ich mir versprochen hatte, dass die Fahrt jetzt interessanter werden würde, hatte ich mich wohl geschnitten, denn wenn er die ganze Zeitso mitteilsam sein würde, schafften wir es bis Berlin vielleicht gerade mal, drei vollständige Sätze miteinander zu wechseln.
?Aha?, murmelte ich, guckte wieder auf die Straße und drehte die Musik wieder etwas lauter.
Wenig später ging es dann wieder schneller, die nächste Autobahn war erreicht, ich konnte wenigstens wieder aufs Gas treten, aber mein Begleiter sagte immer noch kein Wort. Vielleicht war er ja wirklich schon lange unterwegs und einfach nur müde, dachte ich mir und ließ ihn die nächste halbe Stunde in Ruhe. Er schwieg, ich schwieg, und die Musik würde auch bald schweigen, denn die Cassetten, die ich mitgenommen hatte, hatte ichnun fast alle durch. War das jetzt die Rache dafür, dass der gestrigeTag so gut gelaufen war?
Erst als ich mir später eine Zigarette anzündete, erwachte derKleine auf dem Nachbarsitz wieder zum Leben und fragte, ob er auch eine habenkönnte. Nein zu sagen wäre echt blöd gewesen, also hielt ichihm die Schachtel rüber.
?Wo kommste denn eigentlich her??
?Bochum.?
?Oh... dann biste aber schon ne ganze Weile unterwegs oder??
?Ja, vier Tage.?
Ich war zwar noch nie von Bochum nach Bad Oeynhausen getrampt, aber dassdas vier Tage dauern sollte, konnte ich mir wirklich kaum vorstellen. Außerdem fragte ich mich, warum ein Vierzehnjähriger, der aus Bochum kam undnach Berlin wollte ausgerechnet mit dem Daumenexpress unterwegs war. Alsowenn ich in seinem Alter jemanden hätte besuchen wollen... na ja, zumindest dachte ich, dass andere Eltern in so einem Fall ihren Sohn in den Zug gesetzt und die Fahrkarte bezahlt hätten. Für mich klang das alles eher nach jemandem, der von zuhause ausgerissen war und einfach nur weit genug weg wollte. Er merkte wohl, dass ich ihn mit skeptischem Blick betrachtete und legte sich in Gedanken offensichtlich eine Geschichte zurecht, die er mir auftischen konnte. Bevor er allerdings dazu kam, nahm ich ihm die Arbeit ab und vermutete: ?Lass mich raten: Deine Eltern haben nicht die nötige Kohle, aber da du unbedingt deine kranke Oma in Berlin besuchen willst, bist du halt per Anhalter losgezogen und bisher noch nicht sehr weit gekommen...?
Statt einer Antwort, von der er wusste, dass ich sie ihm sowieso nicht abgekauft hätte, richtete er seinen Blick nun aus dem Fenster und verfiel wieder in Schweigen. Um nicht wieder stundenlang nur auf die Straße sehenzu müssen, wechselte ich das Thema und fragte ihn stattdessen, was erdenn so für Musik hörte, und ich glaube, er war froh, dass ichnicht weiter nachbohrte.
Die nächste halbe Stunde verging wesentlich schneller, wir redeten über dies und das, ich hatte Mühe, mich daran zu erinnern, für was man sich als Vierzehnjähriger interessierte, denn meine eigenen Interessen von damals waren wahrscheinlich nicht repräsentativ. Über meinen Mitfahrer, erfuhr ich nicht viel, fragte aber auch nicht nach, das einzige, was er mir sagte war, dass er Simon heißen würde, aber der Name konnte genausogut auch nur erfunden sein. Ich musste an meine Chats mit Black_Rose denken, offenbar zog ich Menschen an, die nur ungern etwas über sich preisgaben. Aber immerhin sprach er mit mir und vertrieb so die Langeweile.

Kurz bevor wir Hannover erreichten, standen wir wieder im Stau, eigentlich kein Wunder, denn es waren ja Ferien, nur hatte ich diesmal keinen Bock auf Stop-and-Go und fragte Simon, ob er auch Hunger habe. Er nickte, und so fuhr an der nächsten Abfahrt runter, denn auf nen Rasthof hatte ich keinen Bock.
Wir fanden einen McDonalds, ich bestellte mir mehr als ich eigentlich wollte, aber immerhin musste das ja bis heute Abend reichen, und Simon gab sich mit einer Portion Pommes zufrieden.
?Hast du keinen Hunger oder schmeckts dir hier nicht??, fragte ich ungläubig, denn dass man davon satt wurde, konnte ich mir nichtvorstellen.
Simon druckste ein wenig herum, murmelte etwas, was sich anhörte wie keine Kohle, und sah mich ganz groß an als ich ihm einen Zehner über den Tisch zuschob. Ich wusste auch nicht, wo meine soziale Ader plötzlich herkam, aber ich bildete mir immer noch ein, er war von zuhause ausgerissen, seit Tagen unterwegs und hatte schon seit gestern nichts mehr gegessen. Keine Ahnung, wieso ich plötzlich so uneigennützig sein konnte, vielleicht lag es daran, dass ich selbst gestern bei Christopher so königlich empfangen wurde, aber auf jeden Fall griff Simon nach kurzem Zögern dann dochnach dem Geldschein und kam mit einem vollen Tablett zurück.
?Danke?, murmelte er kauend und etwas betreten.
Mit großzügiger Geste winkte ich ab und fühlte mich erstaunlicherweise auch noch gut dabei. Geben ist seliger denn nehmen, erklang die Stimme meiner Mutter in meinem Kopf, und schon war das gute Gefühl auch wieder weg.
?Warum bist du eigentlich unterwegs??, wollte Simon wissen, und ich war fast versucht, einen Spruch über meine Verwunderung, dass er ja auch Fragen stellen konnte, zu bringen, besann mich dann aber eines besseren und antwortete wahrheitsgemäß und mit vollem Mund: ?Will auch wen besuchen. In Rostock.?
?Und wo kommste her??
?Aus Bremen.?
Simon überlegte einen Moment, dann meinte er: ?Dann fährste aber irgendwie nen kleinen Umweg oder??
Eigentlich war es mehr eine Feststellung als eine Frage, und darum bekamer auch keine Antwort darauf. Wenn er es nicht mal für nötig hielt, mir zu sagen, warum er unterwegs war, würde ich ihm bestimmt nicht einfach so meine Lebensgeschichte erzählen, auch wenn ich die inzwischen fast auswendig herunterleiern konnte, so oft wie ich sie in den letzten Tagenmal näher, mal ferner der Realität erzählt hatte.
?Ich fahre halt gerne Umwege, während andere lieber vier Tagebrauchen, um von Bochum nach Bad Oeynhausen oder wie das Kaff hießzu kommen.?
Simon hatte verstanden, konzentrierte sich wieder auf sein Tablett und aß schweigend weiter.
Es schmeckte nicht wirklich gut, würde auch nicht lange sättigen, aber mein Magen hatte sich nun mal an den Fraß gewöhnt, und wer wusste schon, was wir in der Raststätte vorgesetzt bekommen hätten.
Als wir wieder im Auto saßen, taute Simon dann weiter auf, inspizierte zunächst die Musik, die ich dabei hatte, wollte dann wissen, ob dasmein Wagen wäre und löcherte mich mit Fragen, womit ich denn sonstmeine Zeit verbrachte, womit ich mein Geld verdiente, ob ich ne Freundinhätte und andere Dinge, die ich ihm mehr oder weniger wahrheitsgemäß beantwortete. Schließlich wurde es mir zu eintönig, immer nurausgefragt zu werden und ich erwähnte beiläufig: ?Du hastmir immer noch nicht erzählt, woran deine kranke Oma eigentlich leidet.?
?Hä, was??
?Also einfach so, nur um jemanden zu besuchen bist du jedenfalls nicht unterwegs, oder??
Seine Blick wanderte wieder aus dem Fenster und ich stellte mich schon auf eine weitere Stunde des Schweigens ein, doch dann flüsterte mein Mitfahrer kaum hörbar: ?Ach, du willst es gar nicht wissen.?
?Doch, will ich, sonst hätte ich nicht gefragt. Biste von zuhause weggelaufen??
Wieder dauerte es eine Ewigkeit, bis er mit der Antwort herausrückte, er wollte einen Kumpel in Braunschweig besuchen, aber seine Eltern wollten ihn nicht fahren lassen, und da hatte er sich schließlich selbst auf den Weg gemacht.
?Braunschweig? Vorhin war es noch Berlin.?
?Hab ich das gesagt? Sorry ich meinte Braunschweig.?
Ich glaubte ihm kein Wort, fragte aber auch nicht weiter nach, denn sonst landete der Kumpel bestimmt gleich in Hannover und ich hätte Simon aussteigen lassen sollen. Also schwiegen wir uns wieder an, ich steckte mir eine Zigarette an, drehte die Musik auf und achtete nicht weiter auf den Jungen. Der Verkehr floss jetzt auch wieder zügiger, und vielleicht würde ich Rostock ja doch noch vorm Dunkelwerden erreichen.
 
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Sooo.... Pünktchen habe ich fleißig verteilt - mit dem Kommentar wollte ich warten, bis ich alle Teile von "littlebastard" gelesen habe.

Die Geschichte ist sehr komplex aufgebaut, Lucas ein interessanter Protagonist. Trotzdem drängt sich mir zeitweise der Eindruck auf, dass er lediglich als "Carrier" für eine moralische Botschaft dient. Vielleicht: Die Dinge sind nicht immer das, was sie zu sein scheinen? Studenten und Intellektuelle und andere "Spießer" können durchaus auch Menschen sein? Auch Mutti - religiös verblendet und nörgelig, wie sie ist - hat eine Geschichte und verdient Verständnis?

Die Geschichte um Lucas ist ja noch lange nicht zu Ende - deshalb warte ich schon gespannt auf die anderen Teile. Und hoffe nur, dass dies keine Geschichte mir moralisch erhobenem Zeigefinger am Ende wird. Und klar bin ich neugierig, wie die Konfrontation mit Lucas' Vater verläuft und was dieser - wenn überhaupt - zu seiner "Verteidigung" zu sagen hat.

Ein weiterer interessanter Charakter ist die geheimnisvolle Dame Black_Rose. Sehe ich das richtig, dass hinter dieser Person mehr steckt als nur eine flüchtige Chatroombekanntschaft? Dass aus dieser Ecke noch ein großer Knall zu erwarten ist? Black_Rose ist im übrigen diejenige in der Geschichte, in deren Rolle ich mich selber am ehesten wiederfinde. Denn sie nimmt intensiv Anteil an Lucas' Leben (und leitet es sogar streckenweise in ganz neue Bahnen), bleibt aber selber im Schatten, geschützt durch die Anonymität des Internet. Habe sogar schon spekuliert, ob "Black_Rose" nicht eventuell sogar Daddy selbst sein könnte....

Auf jeden Fall ist dir mit deinem Protagonisten ein lebendiger Charakter gelungen, der auch Sympathien erweckt. Selbst wenn man sich am Anfang nicht zutraut, durch die schützende Verhaltensdornenhecke zu dringen, die er um sich selbst, sein Leben und seine Kindheit gelegt hat.

In Hoffnung auf baldige Fortsetzung Autorenabo gebucht!


Gwenhwyfar (10.06.2002)

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