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Die Geistwerdung Li Shuangs

Schauriges · Kurzgeschichten
Es war eine laue Julinacht. Der Vollmond stand am Himmel und ergoss sein weißes Licht über den Garten. Leicht rauschten die Blätter im Wind und das Bächlein ließ sein leises Plätschern verlauten. Hin und wieder hörte man einen Nachtvogel rufen.

Der ganze Platz war mit roten, orangen und gelben Papierlaternen geschmückt. Einige waren kreisrund, andere zylindrisch wieder andere sechseckig. Davon hingen einige an dicken, querausladenden Ästen der Bäume, andere hingen an eigens dafür in die Erde gesteckte Stangen, wieder andere an Seilen, die von Baum zu Baum gespannt waren. Und alle waren sie breit genug, dass durch ein leichtes Schwanken im Wind die Flamme nicht das Pergament erreichen konnte.
Auf dem mit bunten, runden Steinen gepflasterten Vorplatz des Haupthauses machte eine kleine Gruppe Musik.
Davor saßen noch viele Festteilnehmer an der langen Tafel und ließen sich die herrlichsten Speisen auf der Zunge zergehen Einige tranken Jasmintee, andere Wasser. Manche ließen sich den frischen Reiswein munden.
Ein paar andere Mönche, Schüler und Schülerinnen hatten sich von der Tafel erhoben und flanierten durch den Garten. Umgeben mit einem Stern aus schwachen Schatten am Boden, hervorgerufen durch die mannigfaltige Beleuchtung. Es wurde gescherzt, gelacht und hin und wieder hinter vorgehaltener Hand getuschelt.

In einem mit einer roten Laterne beleuchteten Pavillon am Teich saßen die drei Freundinnen Lian, Xue und Li. Mittlerweile waren sie zu sehr hübschen jungen Frauen herangereift. In ihrem Gespräch drehte sich alles um die erste große Liebe zum anderen Geschlecht. Neugierig und anteilnehmend lauschten dabei Lian und Li den Erzählungen Xues. War Xue doch von den Dreien in Sachen Liebe das Nestküken gewesen, obwohl sie die Älteste von ihnen war. Und wenn sie ehrlich waren, hatten sie die Hoffnung schon aufgegeben, dass Xue sich überhaupt für Männer interessieren könnte. Sie meinten damit natürlich für Männer in Sachen Zärtlichkeit und Liebe. Dass Xue reges Interesse an Männer als Trainings- und Kampfpartner hatte, davon konnten sie sich tagtäglich mit eigenen Augen überzeugen. Das hatte konsequenter Weise dazu geführt, dass Xue von den Frauen im Kloster mit Abstand die Stärkste geworden war und es nur wenige männliche Mitschüler gab, die ihr das Wasser reichen konnten. Lian und Li hingegen zeichneten sich weniger durch einen kraftvollen Kampfstil aus. Ihre Bewegungen wirkten eher wie eine leichte Brise, die durch die Baumwipfel strich. Dabei erreichten sie eine Eleganz, dass es den Meistern ein Genuss war, ihnen zuzusehen.
Vielleicht war das auch der Grund, dass sie schon mehr Erfahrung in der Liebe hatten als Xue. Sie waren viel mehr den harmonischen, schöpferischen Seiten des Lebens zugetan und mieden sehr gerne die destruktiven Gedanken und Gefühle. Und je länger Xue mit glühenden Augen von ihrem neuen Geliebten sprach, desto stärker drückte Li Lians Hand. Beide fühlten sich zurückversetzt in die Zeit, wo sie im großen Schlafsaal heimlich unter einer Decke engumschlungen eingeschlafen waren.

Auf einmal stoben wie aus dem Nichts aus allen Gebüschen rings umher schwerbewaffnete Soldaten auf die Gruppe ein. Die Mönche und älteren Schüler griffen sofort zu den Waffen, um sich der Gefahr zu erwehren. Ein entsetzliches Klirren begleitet von vielen Kampf- und Todesschreien zerriss die Idylle.
Lian, Xue und Li flohen vor Schreck sofort in Richtung des nahen Waldes. Nur Xue war noch so geistesgegenwärtig gewesen, vor der Flucht ihr Schwert zu ergreifen. Sogleich sprangen einige der Soldaten den in ihren weißen Kleidern fliehenden Frauen hinterher und trieben diese freudig und rau johlend vor sich her.

Immer wenn Li sich nach den Verfolgern umdrehte, sah sie in der Ferne einen Mitschüler oder Mönch nach dem anderen niedergestochen werden. Und in der Nähe holten ihre Verfolger immer mehr auf.
„Lauft weiter zu unserem Versteck, ich halte sie auf“, schrie die Älteste und schon stürmte sie ihren vier männlichen Gegnern entgegen. In ihrem weißen Kleid sah Xue aus wie ein Engel, der sich einer Schar an Teufeln entgegen stellte. Einige Minuten hörten sie Xues Kampfschreie gekoppelt mit wildem Waffengeklirr. Dann waren die metallischen Geräusche verschwunden und Xues Schreien ging über in ein lautes Weinen und um Gnade flehen. Viele Minuten mussten sich alle vier Männer nacheinander an sie vergangen haben während Lian und Li immer weiter den Berg hinab gelaufen waren. Hin zu dem Tal, wo die vielen moosbewachsenen Felsen zwischen dichtem Buschwerk und vielen umgestürzten und halb vermoderten Bäumen eine bizarre Landschaft gezaubert hatten. In dem Moment, wo sie die Zweige eines dichten Busches knapp über dem Boden auseinander drückten und rückwärts in die dahinter liegende kleine Höhle krochen, zerriss Xues Todesschrei den nächtlichen Wald. Augenblicklich vergrub Li ihren Kopf zwischen Lians Schulterblatt und Oberarm, um lautlos allen Schmerz hinaus zu weinen.

Viele Minuten hörten sie nichts und schöpften schon Hoffnung, da nahmen sie leichte Lichtbewegungen an den Baumstämmen und Blättern vor ihrem Versteck wahr. Es war gewiss, die Männer kamen näher. Und die Männer hatten Fackeln. Wie gut mochten sie im Spurenlesen sein?
„Wenn ich es euch doch sage, Hauptmann. Ich habe von da oben ihre weißen Kleider gesehen. Die leuchteten so schön im Mondlicht. Ich kann mich nicht irren. Wir sind auf dem richtigen Weg.“
„Männer, haltet die Augen und die Ohren offen, mein Durst ist noch lange nicht gestillt und verlangt nach einem weiteren schönen weißen jungfräulichen Leib.“
Ein kurzes Gelächter folgte. In einer Gehässigkeit, dass den beiden Versteckten fast das Herz stehen blieb und sie noch weniger zu atmen wagten. Dann sahen sie die Beine des ersten Soldaten etwa zehn Meter an der Höhle vorbei gehen. Weiter unten kamen nach und nach die drei anderen. Alle zogen sie langsam von links nach rechts an ihrem Versteck vorbei. Sollten die Götter es wirklich gut mit den beiden jungen Frauen gemeint haben?

Schon hörten die beiden Frauen keine Schritte mehr im Laub und auf den jungen, abgefallenen Ästen. Schon war der Schein der Fackeln verflogen. Schon drückte Lian Lis Hand als Zeichen, dass die Gefahr vorüber sei und die beiden sich wieder dem Leben zuwenden könnten, da wurde Lian mit einem kräftigen Ruck an den Haaren aus der Höhle und aus Lis Händen gerissen. Lis Schreckensschrei kam im selben Moment wie das angsterfüllte Aufbrüllen Lians.

Dann musste Li mit ansehen, wie kaum zehn Meter vor ihr die Männer Lian das Kleid vom Leibe rissen und einer nach dem anderen sie schändete, während die anderen sie am Boden festhielten. Nie würde Li diesen Blick vergessen: Lians auf die Seite gelegter Kopf. Sie schaute direkt zum Versteck. Diese Augen, so ratlos, so hilflos, so verständnislos, was mit ihr passierte und warum. Dieser Blick voller Traurigkeit und schlimmer noch, voller Wissen des nahenden Todes. Dieser Blick des Abschiednehmens von ihrer Freundin Li. Der Anführer war als Letzter über sie gestiegen. Es war sein Privileg, ihr die Kehle durchzuschneiden, nachdem er gekommen war.

Li drehte sich der Magen um, ihr Herz verkrampfte. Und im Stillen hörte sie sich flehen, dass diese Mörder sie nicht fänden. Ihre Hoffnung wuchs, als sich das mörderische Quartett nach getaner Arbeit talwärts wandte. Langsam wurde das Licht der Fackeln immer schwächer. Dann war nur noch mondhelle Nacht. Trotzdem konnte Li nicht einen Fuß breit aus ihrem Versteck kommen. Der Schock saß zu tief. Gerne hätte sie sich an den Hals ihrer Freundin geworfen, um schmerzend Abschied zu nehmen. Doch ihr Körper gehorchte nicht ihrem Geist. So blieb ihr nichts Anderes übrig, als fassungslos auf den im fahlen Mondlicht liegenden Leichnam zu schauen. Etwas in ihr wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihre Freundin nie mehr aufstehen würde. Dass sie ihr frohes Lachen nie wieder hören, dass sie ihre warme Hand nie wieder an ihrer Wange spüren sollte. Immer wieder und wieder liefen vor ihrem inneren Auge die letzten zehn Minuten ab. Und langsam füllte sich Li mit unbändigem Hass.

In diesem Moment wurden die Zweige vor ihrem Versteck weit auseinandergerissen. Sodann griffen zwei große, raue Hände in ihr Haar und zogen sie mit Leichtigkeit heraus, als sei sie nicht schwerer als eine Gänsefeder: „Na mein Täubchen, da haben wir dich schön hinters Licht geführt, nicht wahr. Hattest wohl schon gedacht, du wärst uns entkommen, Na na na, so schnell geht das nicht. War doch ein schöner Einfall, nach und nach die Fackeln zu löschen, um dir zu suggerieren, dass wir weggegangen seien, nicht wahr? Ach, ich kann mir schon richtig vorstellen, wie dein kleines, zartes Herz in neuer Hoffnung aufgekeimt war. Aber vergeblich, Kleine.“
Sekunden später war sie am Stamm einer mittelalten Kiefer gebunden.
Dann stürmte das Quartett zurück zum Kloster, wo noch immer Kampfgetümmel herrschte. Ihr Frischfleisch hatten sie für später in der Speisekammer zurück gelassen.

Verzweifelt versuchte sich Li von den Stricken zu befreien. Aber so sehr sie ihre Finger zusammendrückte und ihren ganzen Handteller verbog, sie konnte nicht aus den Bändern heraus kommen. Lediglich die Haut von ihren Handgelenken löste sich. Dieser brennende Schmerz trieb ihr erneut die Tränen in die Augen.
Warum gab es denn keine Hilfe? Ach, könnte jetzt nur ihr alter Meister vorbeikommen, sie losbinden und ihr sagen, dass alles nur ein böser Traum gewesen sei. „Wach auf, Li! Wach auf!“, hörte sie sich rufen, aber vergeblich. Ihre letzte Hoffnung war, die vier Männer mögen fallen. Dann wüsste keiner mehr von ihr. Und nach einem heftigen Regen könnte sie die Stricke vielleicht so weit bewegen, hinaus zu schlüpfen. Sich in diesem Wunsch festbeißend vernahm sie, wie es im Kloster still wurde. Der Kampf war beendet. Wer mochte gewonnen haben?

Als sie weit oben am Hang vier Fackeln auf sich zukommen sah, wusste sie Bescheid. „Wach auf, Li! Schnell, wach auf! Sonst ist es zu spät“, rief sie weiter in ihrer schieren Verzweiflung.
„Na, mein Täubchen, hast du schon auf uns gewartet?“, sprach sie der Hauptmann mit einem gemeinen Lächeln an, während er ihr das Kleid zerriss. „Jetzt haben wir wieder Lust und können uns dir widmen.“
Am Baum stehend wurde sie von einem nach dem anderen vergewaltigt. Der Hauptmann kam zum Schluss. Als er fertig war, stieß er ihr sein Schwert in den Bauch. Schnell sollte sie nicht sterben. Sie wollten auch bei ihrem Ableben noch ihren Spaß haben. Das letzte, was sie sah, waren die schrecklichen Grimassen ihre Mörder.
Geschändet und ermordet zerbrach in dieser Nacht ihr Traum von einer heilen Welt.

Schweißgebadet erwachte Li auf ihrer ungemütlichen und harten Bettstatt im Pavillon auf dem Lindener Bergfriedhof.
Marc wühlte die Hände aus seinem Schlafsack und umarmte seine vor ihm zitternde Freundin. „Du hast nur geträumt, Li“, flüsterte er der hübschen Frau tröstende Worte zu und legte seine Lippen leicht an ihrem Nacken an. Dabei erfreute er sich ein weiteres Mal an ihrer Wärme, ihrer Weichheit. In diesen Momenten wollte er nicht wirklich glauben, dass Li schon über fünfhundert Jahre alt war. Und seit dieser Zeit den Nachkommen ihrer Mörder hinterher jagte. Weltweit.

Die Geschichte ist Bestandteil meines Romans:
Li Shuang – Jagdfieber
von Rosario Chriss.
Als eBook und Taschenbuch erhältlich.
 
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