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4 Seiten

Als Hermann Hesse vom Thron stieg ...

Kurzgeschichten · Erinnerungen
„Siddharta“ war das erste Buch das ich von Hesse las. Ein Freund lieh es mir aus.
Nach einer halben Seite wusste ich: dies war eine Fügung. Jedes Wort, jeder Satz faszinierten und zogen mich tiefer in die Welt von Siddharta und dessen Freund und Begleiter Govinda. Traurig war ich, als sich ihr Weg trennte und Siddharta allein weiter zog. Am Ende der Geschichte angelangt, verstand ich worauf Hesse hinaus wollte, warum die Gefährten verschiedene Wege einschlugen. Während Govindas Weg in eine Gruppe buddhistischer Gläubiger führte und er dort aus freier Entscheidung gemeinsam mit anderen der Lehre eines anderen folgten, führte Siddhartas Weg den Brahmanensohn letztendlich zu sich selbst.

So erging es auch Peter Camenzind, dem Protagonisten des gleichnamigen Romans , den ich danach las. Auch dieser zog aus, machte Erfahrungen in der Fremde entwickelte sich, ging seinen Weg (interessanterweise führte ihn dieser zurück in das Dorf aus dem er als junger Mensch wegzog) und fand letztlich sein Ziel in sich.

Auch Emil Sinclair im Roman „Demian“ ist auf der Suche, „wählt“ sich einen Führer, Pistorius, von dem er sich schließlich trennt und erkennt, dass er seinen eigenen Weg gehen muss, diesen dann auch verfolgt und, schließlich wie all die anderen Alter Egos des Hermann Hesse, zu sich selbst findet.

Dieses Suchen, dieses Beschreiben des Weges, was ja einen Roman, eine Geschichte an sich ausmacht, zieht sich wie ein roter Faden durch das Schaffen dieses Ausnahmeschriftstellers, mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar.

Nach der letzten Zeile des „Peter Camenzind“ erkor ich Hermann Hesse zum „Messias“. Was immer ich von diesem literarischen Giganten in die Hände bekam, war Offenbarung, galt als Lehre und als „der Weisheit unanfechtbar letzter Schluss!“ Mochten die Katholiken dem Papst Unfehlbarkeit zuerkennen, ich erkannte sie Hermann Hesse zu. Meine heilige Schrift waren nicht das Alte und Neue Testament nicht der Koran, sondern, „Lektüre für Minuten“, ein kleiner Band mit Gedanken und Aussprüchen aus den verschiedenen Schriften Hesses und noch heute erfreue ich mich an diesem Büchlein und jawohl, noch heute bin ich der Meinung, es gibt keinen zweiten Schriftsteller, der so den Nerv einer Seele trifft und widerspiegelt, die auf der Suche nach ihrem Weg durch´s (irdische) Dasein ist.

Einem „Messias“ widerspricht man nicht; vor allem, man zweifelt seine „Aussagen in der heiligen Schrift“ nicht an und obgleich mein Bewusstsein bei verschiedenen Äußerungen „Achtung“ rief und sich leiser Widerspruch regte, wiegelte ich ab und überlas gewisse Texte mit der „Begründung“,dass ich den tieferen Sinn (noch) nicht begriffen hätte. Heute weiß ich, dass man sich bei der Ergründung des tieferen Sinnes schon mal den Fußknöchel verstauchen kann ...

Die erste tiefe Krise zwischen Hermann und mir folgte nach der Hälfte der „Aufzeichnungen einer Badener Kur – Der Kurgast.“ Ich schmiss das Buch damals in die Ecke und war stinksauer. „Was bist du nur für ein arrogantes Arschloch“, dachte ich. Seine leicht herablassende Art andere Kurgäste zu beschreiben, machten mich damals rasend. Die nächsten zehn Jahre rührte ich kein Buch mehr von Hesse an.
In dieser Zeit wandte ich mich Kafka, Robert Schneider, Thomas Mann und vor allem den Bronte Schwestern zu. Deren Werke und Schreibstil waren durchaus interessant und vor allem Schneiders„Schlafes Bruder“ hatte es mir angetan – selten so spontan gelacht bei einigen Stellen - obwohl es eigentlich ja ein sehr dramatischer Roman ist. Dennoch, keiner dieser Meister konnte mir eine literarische Heimat vermitteln wie Hermann Hesse. Seine Stellung als Messias blieb unangefochten. Das erste Buch, das ich von ihm wieder in die Hand nahm, wie gesagt, zehn Jahre später, war das „Glasperlenspiel.“ Ich war literarisch „in die Heimat zurück gekehrt.“

Im Spätsommer 2014 las ich die „Nürnberger Reise.“. Auf Seite 37 beschreibt Hermann Hesse das Zusammentreffen mit einem Menschen der ihn offensichtlich vor allem mit dem „Peter Camenzind“ meinem Lieblingsbuch, in Verbindung brachte.

Zur Erinnerung; dieses Buch, sein erster Roman, erschienen 1904 brachte Hermann Hesse den Durchbruch. Es ermöglichte ihm sein Leben fortan als freier Schriftsteller zu leben. In zwei der zahlreichen Biografien las ich von seinem bereits in der Jugend eindeutig formulierten Wunsch ein Dichter/Schriftsteller zu werden() und er hat diesen Weg auch frühzeitig, ( sein erstes Märchen -Zwei Brüder- wurden nach meinen Recherchen mit acht Jahren verfasst), bewusst und konsequent beschritten, gegen alle Widerstände.

Zurück zur „Nürnberger Reise.“ Der Abschnitt liest sich wie folgt:
„Ich wurde von einem Bücherleser, dessen Bekanntschaft ich machte, mit Begeisterung als der Verfasser des „Peter Camenzind“ begrüßt. Da stand ich nun und wurde rot. Was sollte ich dem Mann sagen? Sollte ich ihm sagen, dass ich mich jenes Buches nicht mehr erinnern könnte, es seit fünfzehn Jahren nicht mehr gelesen habe, es in meinen Erinnerungen häufig mit dem Trompeter von Säckingen verwechsle? Dass übrigens nicht das Buch selbst es sei, das ich verabscheue, sondern bloß die Wirkung, die es in meinem Leben gehabt, dass es mich nämlich durch seinen ganz und gar unerwarteten Erfolg für immer in die Literatur hineingetrieben hatte, aus der wieder herauszukommen mir trotz verzweifelten Bemühens nicht mehr gelang? Er hätte nichts von all dem verstanden, er hätte (ich kannte das aus übler Erfahrung) meine Aversion gegen meinen eigenen Literatennamen als Tuerei und als Kokettieren mit Bescheidenheit aufgefasst.. Missverstanden hätte er mich unter allen Umständen. Ich sagte also nichts, wurde ein wenig rot und drückte mich, sobald ich konnte.“

Dieser kurze Abschnitt war für mich eine Ungeheuerlichkeit. Da war er also, Hesse, mein „Messias“, am Ziel seiner Träume, ein anerkannter Schriftsteller, der Rückmeldung erhielt durch zahllose Briefe und dem sich wildfremde Menschen anvertrauten. Dieser „Messias“ verflucht nun also mehr oder weniger „die Wirkung des Buches, welches ihm die Tür öffnete und ihn in den Raum des (literarischen) Universums einließ, den er seit seiner frühesten Jugend betreten und in dem er sich einrichten und leben wollte.

„...aus der wieder herauszukommen mir trotz verzweifelten Bemühens nicht mehr gelang?“ Wie jetzt???
Beim Lesen 2014 fiel mir dazu spontan ein: „Hättest den Stift doch einfach zur Seite legen können und nie wieder schreiben müssen. 0815 Jobs hat´s doch damals auch gegeben.“

„Missverstanden hätte er mich unter allen Umständen“
Klassisches Totschlagargument!
Selbst wenn der „Bücherleser“ den Nagel auf den Kopf getroffen hätte, wäre der Schlag daneben gegangen ...


Auf Seite 72 ging die „Ungeheuerlichkeit“ weiter:
„Also, es steht ein Dichter, der im Tiefsten an sich und dem Wert seiner dichterischen Bemühungen zweifelt vor einem Saal voll von Zuhörern ...“

Das sind nicht die Worte und Gedanken eines „Messias,“fuhr es durch mich.
Das sind die Worte eines Menschen der an sich selbst zweifelt und mit widersprüchlichen Gefühlen kämpft, kurz, ein Mensch wie du, er, sie, ich, wir alle. Ich war wirklich erschrocken, schockiert und ratlos. Gleichzeitig dämmerte es mir, das ich mit Hesse in jenem Augenblick an den Punkt kam, an dem einst sein Emil Sinclair mit Pistorius und sein Siddharta mit Govinda standen. Kein „Führer“ mehr, kein irdischer „Lehrer/Messias mehr. Kann es sein, dass Hermann Hesse vielleicht von der anderen Seite „wirkte“ und mir seine „Nürnberger Reise“ absichtlich zukommen ließ? Im Buddhismus gibt es den etwas provokanten Ausspruch: Triffst du Buddha unterwegs, dann töte Buddha!“ Ein Hinweis aus diesem Kulturkreis, 500 Jahre vor der Menschwerdung Jesus Christus, den Weg und die Wahrheit in sich selbst zu suchen. Jesus Christus wies im Thomas Evangelium darauf hin: Wenn sie euch sagen, Gottes Reich ist im Himmel, so fliegen euch die Vögel des Himmels voraus. Sagen sie euch, Gottes Reich ist im Meer, so schwimmen euch die Fische des Meeres voraus.
Aber das Reich Gottes ist IN und UM euch.

Noch immer liebe und schätze ich Hermann Hesse. Noch immer genieße ich seine „Lektüren für Minuten“ und seine zahllosen Werke. Doch an diesem Tag im Spätsommer 2014 stieg er vom Thron herab. Seitdem betrachte ich ihn während des Lesens als geistiges Gegenüber, als Bekannten, ja sogar als Familienangehörigen … und pflege dabei meine eigenen Gedanken und Meinungen ...
 
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