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5 Seiten

DIE RENTENLÜGE

Amüsantes/Satirisches · Kurzgeschichten
Vorwort:

Liebe Leser*innen,
Liebe WebStories Community,
Liebe Ranger, Cowboys, Desperados, Ski- und Surflehrer,
Liebe Sozialversicherungsfachangestellte*innen,

ich komme, als Euer Seelsorger Pater Pauli nicht umhin Euch nachstehend einen Leserbrief vorzustellen, der mir vor einiger Zeit über mein Verlagspostfach postalisch, anlässlich der dort von mir publizierten Kleinlektüre (siehe/folge dem QR-Code oben, oder las es sein) von einem verzweifelten Leser meines dortigen Buches zugegangen ist. Der Brief bezog sich wohl auf die Kurzgeschichte "DER KÄMMERER", aber das sei nur nebenbei angemerkt.

Dessen „Aufschrei der Verzweiflung“ ist meiner Meinung nach hochaktuell, den einige weltliche Ampeln stehen schon im Verlauf der sogenannten Vorgespräche auf halb gelb, da sich die anderen Farben grün und rot nicht richtig durchzusetzen scheinen.

Noch sieht es so aus, als würde das Renteneintrittsalter nicht noch einmal erhöht werden, aber der Verhandlungssack wurde noch nicht zugenäht. Überraschende Wendungen sind jederzeit noch zu erwarten, vor allem dann, wenn Leute miteinander Vorgespräche führen, deren Gesprächsergebnisse im Endeffekt von deren Parteien noch nicht endgültig abgesegnet wurden und zu deren Vorvereinbarungen zurzeit noch eine gesunde Gegenfinanzierung fehlt.
Vor kurzem hatten wir so eine „schwebend unwirksame“ Situation schon einmal, was in Teilen der BRD zur high noon Zeit dazu führte, dass die eigene Partei-Bagage ihren eigenen einsamen, gottesfürchtigen und durchaus tollkühnen Kandidaten für ein politisches Spitzenamt dazu aufforderte „seine Plakate mit seinem Gesicht vor Ort doch selbst aufzuhängen“, wenn er dies unbedingt wünsche.

Aus dem folgenden Brief wird, was die Rentenfrage betrifft, die tiefe Verbitterung, Angst und Frustration in unserer Bevölkerung exemplarisch im Jahr 2021 selten deutlich.

gez. Pater Pauli


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Doch nun zum Brief:
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Sehr geehrter Herr Pauli,

es wurde ja mal höchste Zeit, dass jemand dieses heiße Eisen aufgreift. Endlich wird mal geschildert wie die Milliarden der Steuerzahler von unseren Würdenträgern verbraten werden. Als kleiner Mann und Steuerknecht kann man nur zahlen zahlen zahlen. Man bekommt immer mehr Steuern und Sozialversicherungsbeiträge vom Gehalt abgezogen und erhält als Gegenleistung immer geringere Leistungen der öffentlichen Hand bzw. der Träger der Sozialversicherung. Ach was rede ich? Man bekommt manchmal fast gar nichts mehr.

Ich habe über vierzig Jahre lang gearbeitet!

Verdammt hart gearbeitet!

Das muss mir erst mal einer nachmachen!

Zunächst habe ich mit 16 Jahren die Schulausbildung geschmissen, weil ich keinen Bock mehr auf diesen ganzen Konsumterror hier hatte und habe mich damals anlässlich eines TAGES DER OFFENEN TÜR bei einer Schaustellertruppe als JUNGER MANN ZUM MITFAHREN beworben. Die haben mich sofort genommen und haben noch nicht einmal nach einem Nachnamen gefragt. Mein Vorname reichte diesen beim Aufbau des Kettenkarussells völlig aus. Als ich nach einem Arbeitsvertrag fragte, haben die damals schallend gelacht.

Ich bin in meiner Jugend mit denen weit herumgekommen und habe teilweise 16 Stunden am Tag das Kettenkarussell gegen Handgeld zusammengeschraubt, gewartet, Eintrittsgelder kassiert und betrunkene Raufbolde abgewiesen. Und das bei jedem Wetter und ohne mich auch nur einmal krankzumelden!
Dort habe ich auch Gabelstapler fahren gelernt. Leider habe ich dies nie durch einen Staplerführerschein bestätigt bekommen.
Wenn beim Karussell nichts los war, habe ich den Wohnwagen vom Chef gesäubert, aufgeräumt und gewartet.

Mein Chef hat mich dann irgendwann nach Jahren mal fristlos rausgeschmissen, weil ich einen Fahrgastsitz aus Versehen nicht richtig festgeschraubt hatte und ein Fahrgast.....äh...tja, ….Sie können es sich schon denken.....die Zentrifugalkraft ist auf so einem Gerät nicht von Pappe und um das Karussell herum ist der Erdboden nicht gerade mit Watte gepolstert … .
Eins möchte ich zu diesem Lebensabschnitt noch anmerken: Ich habe dort geschuftet wie ein Pferd und bin wie ein Pony bezahlt worden!

Ich habe dann irgendwo beim nächsten Hauptbahnhof in der Bahnhofsmission so einen halb schrägen Typen kennengelernt, mit lauter auf den Armen tätowierten Anker-Symbolen und so, der mich einlud mit Ihm nach Hamburg zu fahren und dort auf einem Fischkutter bei der Hochseefischerei anzuheuern. Tja, ich bin dann nach Hamburg und wusste damals gar nicht, was ein Seelenverkäufer ist. Und als ich es endlich wusste, war es zu spät.
Auf dem Kutter musste ich u.a. nächtelang Maschinenpflege im Motorraum betreiben, also ständig mit dem Putzlappen gegen das Salzwasser bzw. den Blanken Hans dort ankämpfen. Und bei Windstärke 12, wenn die 10-Meter-Brecher-Wellen über den verrosteten Bug kamen, dann konnte ich nur hoffen, dass in diesem Monsterwellenmoment nicht gerade die Tür zum Motorraum offen war, da andernfalls Hektoliter weise die See in den Maschinenraum geschossen kam und alle Arbeit des Tages umsonst war. Wenn der Kapitän, welcher damals so eine Art Schmalspur Seewolf war (Anmerkung: der konnte zwar keine rohe Kartoffel, dafür aber eine gepulte Garnele mit der Hand zerdrücken), mit meinen Säuberungsarbeiten unzufrieden war, gab es regelmäßig Landgangs Sperre. Wenn die anderen dann im Hafen den Kutter verlassen durften, um im Kiez um die Häuser zu ziehen, musste ich in der Kombüse „klar Schiff“ machen, d.h. den Dreck wegwischen, den die anderen Crewmitglieder liegen gelassen hatten. ….Ich erinnere mich noch an einen solchen Tag, da kam einer der Crew, welcher immer den meisten Dreck verursachte, am geöffneten Kombüsen-Bullauge vorbei, steckte seinen Kopf zu mir von außen nach innen tief in den Kombüsen Raum hinein und fragte spöttisch: “Na Kleiner? Keinen Landgang heute, was? Hast Du Dir was zu Schulden kommen lassen? Hahahahaha!“
Da hat es gereicht. Mit der Faust habe ich kurz ausgeholt und dann bei dem voll auf die Zwölf. …..Das Ergebnis war einerseits, dass der mir nie wieder blöd gekommen ist, andererseits aber auch, dass der Kapitän mich die nächsten drei Wochen lang als Strafe das Deck schrubben ließ.

Dort bin ich 5 Jahre lang gewesen, bis ich eine günstige Gelegenheit gefunden hatte, mich von dort aus dem Staub zu machen, wobei ich gerechterweise darauf hinweisen muss, dass ich dort brutto für netto nicht schlecht verdient habe.

Irgendwie bin ich dann in einem Ski-Gebiet gelandet und habe dort 10 Jahre in der Saison als Freelancer-Skitrainer, untergebracht in einem 6-Bett-Gemeinschaftszimmer, gearbeitet bzw. gewedelt und wenn der Schnee weggetaut war bin ich von dem dort sauer angesparten Geld in die Dom.Rep. zu einem Kumpel geflogen und habe dort solange als Freelancer-Surflehrer, untergebracht in einer Blechhütte mit undichtem Strohdach, jedes Jahr gearbeitet bzw. neureiche verwöhnte Schnösel, welche oft schon am frühen Morgen vom Cuba Libre hacke dicht waren, aufs Brett gehievt, bis es im Ski-Gebiet wieder ausreichend Schnee gab. 10 Jahre ging es also immer hin und her zwischen Europa und der Karibik.

Irgendwann lernte ich in einer Seemanns-Spelunke einen bärtigen Gesellen kennen, der mich dazu überredete mit ihm nach Alaska zu kommen, um dort selbstständiger Goldschürfer zu werden.

Also ging es irgendwann nach Alaska.

10 Jahre lang habe ich in Alaska als Goldgräber geschuftet, danach war ich noch 20 Jahre lang Opal-Sucher in Australien (Queensland). Obwohl ich mir dort also 30 Jahre lang „den Buckel krumm geschuftet habe“ war ich eigentlich nie krank.
War eine verdammt harte Zeit damals vor allem in Alaska. Der Schnee türmte sich monatelang oft über einen Meter hoch auf. Da hat es auch irgendwann meinen damaligen Kumpel Ted Grizzly erwischt. Der war damals 81 Jahre alt und konnte schon nicht mehr richtig laufen. Ich hatte den noch gewarnt, aber der musste unbedingt, nur mit einem Pittermesser bewaffnet, mit einem hungrigen 3 Meter großen Kodiakbären in den Clinch gehen. Nur noch seine Bisamfellmütze haben wir später von ihm im Unterholz gefunden und den Lachs. ….War schon seltsam damals. Der Fisch war noch da, aber der Ted war weg. Und das alles wegen eines Streites zwischen Mensch und Tier um einen blöden Flusslachs, den Ted Grizzly meinte zuerst gesehen zu haben. .....Der hat auch nie eine Rente bekommen. Sein Leben lang hat der malocht wie ein Tier... Echt ungerecht, so was! Ein Leben lang gebuckelt und nur noch eine Mütze blieb übrig.

Irgendwann bin ich dann doch krank geworden und bin deswegen nach Deutschland wieder zurückgekehrt. Und das praktisch ohne einen Cent in der Tasche, da die Arbeit der letzten Jahrzehnte nicht gerade vom Erfolg gekrönt waren.

Zu Hause wieder angekommen haben die mich alle gleich zum Sozialamt geschickt.
Das muss man sich mal vorstellen!
Obwohl ich ein Leben lang hart gearbeitet habe.

Irgendwann kam dann der Rentenbescheid.
Da waren kaum Entgeltpunkte drauf gutgeschrieben, was ich bis heute nicht verstehe, bei der vielen Arbeit, die ich so geleistet hatte. Da ging doch was nicht mit rechten Dingen zu, oder?

Meine Rente ist ein Witz!
Wer soll davon leben?

Um irgendwie im Alter über die Runden zu kommen werde ich in Kürze nach Louisiana (USA) abreisen. Habe dort einen Job angeboten bekommen als Skunk-Jäger.

Kurzum: Das stinkt doch zum Himmel diese Ungerechtigkeit!

gez. Ihr Ringo Digger,
(noch kurzfristig in Pforzheim "auf Platte" erreichbar)
 
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Kommentare  

Köstlich!Ich habe mich sehr amüsiert. Wieder eine gelungene satire von dir!

axel (15.11.2021)

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